4. Mai 2026
Ein „Offizier“ unter den „Wortlandstreichern“/Dem Verleger Traian Pop und Dichter Traian Pop Traian zum rumänischen Orden für kulturelle Verdienste
Traian Pop ist vom rumänischen Präsidenten zum Offizier ernannt worden. Ich kenne kaum einen Menschen, dem ein solcher Rang oder Titel so fremd wäre wie ihm, wenngleich er jederlei Erhöhung weidlich verdient. An dieser Stelle darf ruhig gelächelt werden, allerdings lediglich über die Titulatur, die er selbst wohl mit einem Lächeln honoriert. Dieser Traian Pop ist nämlich einer, der lächeln gelernt hat zu Zeiten und an Orten, zu denen und an denen dafür keinerlei Anlass bestand. In heutiger Zeit und an einem anderen Ort, in Ludwigsburg, praktiziert er es, das Lächeln, unbeirrt als Lyriker mit eigenen und als Verleger und Herausgeber eines halben Tausends (!) von Bänden mit den Texten anderer Autoren. Möglicherweise ist Traian Pop selbst überrascht, dass ich ihm das hier nachsage, dass ich den Ernst, mit dem er seine Arbeit tut, mit dem bunten Wimpel der Freundlichkeit versehe, aber einer, der so zu überraschen versteht, der darf auch selbst einmal überrascht werden.

Der „Rebell“ (ein Wort des damals schon zu milder Weisheit neigenden Georg Scherg) der Achtziger, der „Hasardeur“, wie ihn sein Autor Frieder Schuller heute nennt, dieser Traian Pop, der sich seinen Vornamen auch als künstlerischen „nom de guerre“ symmetriehalber zugelegt hat, ist auch heute ein Einzelgänger unter den Wortlandstreichern, wie der österreichische Schriftsteller Ludwig Hartinger sich und sie genannt hat und wie Traian Pop Traian sich selber nennt: „ewig unterwegs Landstreicher / mit den traurigen Augen des Abends / und wirrem Haar gleich einem Schimpfwort“ (JL). Die Übertragung zeigt die Grenzen aller Übersetzungskunst auf. Ich werfe hier deshalb, auch weil sich das bei einem rumänischen Dichter so gehört und ich zumindest eine Ahnung vermitteln will von der zwanglosen Präzision dieses Autors, die Originalverse ein: „veşnic hoinar / cu ochii trişti de seară / şi părul încîlcit într-o ocară“.
Er hat etwas, was den Dichter „an sich“ gerade nicht auszeichnet und was ich mit „Freundlichkeit“ notdürftig zu umschreiben versucht habe. Und was Dichtern gemeinhin nicht eigen ist: Bescheidenheit bis hin zur Selbstlosigkeit. Darin ist nicht nur der Verleger Traian Pop „eigen“, auch dem Dichter Traian Pop Traian ist es nicht darum zu tun, Einzigartigkeit zu „affichieren“. Dieser Mensch hat im rumänischen Sozialismus gelernt: Alles, was „affichiert“ wird, klingt und ist von vornherein falsch, führt in die Irre, überhaupt hängt Irre mit Selbstgewissheit und entsprechender Penetranz und Lautstärke zusammen. Darum ist es an der Zeit, leise zu werden und sich abzufinden, ja zufriedenzugeben mit den zahllosen Unzulänglichkeiten, aus denen sich das Leben zusammensetzt. Hat denn jemand, der Lyrik liest, schon jemals erlebt, dass ein Dichter einen anderen, einen wie auch immer anderen in sein Gedicht holt, ihn nicht zitiert, sondern einbezieht, ja eine Gemeinschaft andeutet? Just das macht Traian Pop Traian: „dieses Bild in allen Einzelheiten zu beschreiben / das dir so fremd erscheint / obwohl du es träumtest / Nacht für Nacht / in einem Gedicht / das ein anderer schrieb“ (EK). Er neidet dem anderen dessen Gedicht mitnichten, allerdings beharrt er auf dem seinen – wobei er sich in der dritten Person anspricht: „wenn / er statt seinen täglichen Pflichten nachzukommen / mit sich selber / spricht bedeutet es doch / dass er eines anständigen Gefühls nicht fähig ist – gerade er / der noch hofft / seine ganze Liebe in einen Vers zu fassen?“ (EK).
Hoffen, Hoffnung allerdings ist nun gerade etwas, was man in unserem Heimatland Rumänien aufs Heftigste und Verzweifeltste praktizierte, was allerdings nie richtig praktikabel, geschweige denn praktisch war, ging die Hoffnung doch stets und unweigerlich mit der Enttäuschung einher. Der Grundton von Traian Pop Traians Lyrik ist folgerichtig nicht jener der Resignation, auch nicht der Hoffnungslosigkeit, vielmehr ist sie geprägt vom Verzicht auf Hoffnung: „mein einstiges Haus / in dem ich meine Kindheit versteckte / bevor ich wegging / und in das ich nicht mehr hineinkam / nie wieder“ (JL).
Mit dem Bild des Hauses sind wir auch bei dem schönen, allerdings utopisch schönen Mythos von dem Schmelztiegel Siebenbürgen und Banat, dem dieser rumänische Poet und deutsche Verleger zahlreicher anderssprachiger Schriftsteller entstiegen ist. Weder beim Schreiben noch beim Büchermachen leugnet oder verleugnet er seine Position als „Zwischenschaftler“ – um einen weiteren seiner Autoren, den mittlerweile verstorbenen Dieter Schlesak, zu beschwören –: „Zwischenschaftler“ zwischen Literaturen, Welten, die sich naturgemäß allemal selbst genügen, das aus seiner Sicht aber nicht tun sollten. Er zitiert mit freundschaftlicher Bewunderung eine längst verstorbene Bukarester Kollegin, welche die nachgerade tragische Kehrseite der Utopie vom Schmelztiegel auf die nüchterne Formel gebracht hat: „was würden wir rumänischsprachigen Schriftsteller ohne die / deutschsprachigen anfangen / fragte sich Mariana Marin“ (HF).
Auch dieser offenen Frage geht Traian Pop in seinen Texten und in seinen Büchern mit Texten anderer geduldig nach bis hin zu dem Schluss, dass verständige und sensible Solidarität aller, die mit und von den Worten aller Sprachen leben, unabdingbar ist. Diesem Gedanken gibt er sich als Verleger, vulgo Unternehmer, hin und hat ihm, rastlos unterwegs für die Kollegen und ihre Bücher, ein gerüttelt Maß an eigenen lyrischen Energien geopfert – wie man sich denken kann und wie er selbst bedenkt: „ich wollte nie hoch hinaus / hin und wieder streiften die Blicke blühenden Flieder / aus dem ich Kränze flocht für die hoch über mir / und ich beneidete sie ob ihrer Schönheit“ (JL).
Die existenzielle Dimension fasst er mitleidlos, das bedeutet hier: ohne jede Spur von Selbstmitleid, in ein schier erschreckendes und doch mild ironisch getöntes Bild: „mit Gummihandschuhen die eine Erinnerung / von mehr als tausend Volt aushalten / zupft dich der Augenblick am Ärmel: ‚Sieh mich an ich bin / der Held . den du jeden Morgen / in dir erhängst“ (EK). In Großbuchstaben springt einen die Einsicht in die Beschränktheit, schließlich Vergeblichkeit poetischer Imagination an: „KÖNNTE DAS GURREN DER TAUBE NICHT / DAS WEHKLAGEN / EINER WEITAUS GEQUÄLTEREN SEELE SEIN?“ (JL).
In den Büchern des Dichters Traian Pop Traian und in den Büchern des Pop Verlags Ludwigsburg stehen viele Antworten.
Georg Aescht
Die Zitate stammen aus Traian Pop Traians zweisprachigem Sammelband „Absolute Macht“, Pop Verlag, Ludwigsburg 2018, die deutschen Übersetzungen von Horst Fassel (HF), Edith Konradt (EK) und Johann Lippet (JL).Schlagwörter: Ehrung, Verleger, Porträt
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