21. April 2026

Tobias Pagel erhält Rolf-Bossert-Gedächtnispreis 2026

Der mit 2.000 Euro dotierte Rolf-Bossert-Gedächtnispreis 2026 wurde Ende März innerhalb der 36. Auflage der „Deutschen Literaturtage in Reschitza“ an Tobias Pagel überreicht. Die Siebenbürgische Zeitung dokumentiert im Folgenden die Wortbeiträge der drei Protagonisten der Preisverleihung: das Geleitwort von Hellmut Seiler, der die Stiftung des Preises anregte und dem „Rolf-Bossert-Freundeskreis“ vorsteht, die Laudatio, die Dietrich Machmer, der Preisträger 2024, hielt, und die Dankesrede von Tobias Pagel, der u.a. den ersten Teil seines preisgekrönten Gedichtes "surroundings" vorlas.
Preisverleihung des Rolf-Bossert ...
Preisverleihung des Rolf-Bossert-Gedächtnispreises in Reschitza an Tobias Pagel (Mitte). Hellmut Seiler (rechts) führt ein und Dietrich Machmer hält die Laudatio. Foto: Éva Seiler-Iszlai

Die Federleichtigkeit der Gedanken
Hellmut Seilers Geleitwort zum siebenten Rolf-Bossert-Gedächtnispreis

In den frühen Morgenstunden des 17. Februar 1986 stand das letzte Fenster in einem langen Flur des Hochhauses, das in Frankfurt a.M. als Übergangswohnheim diente, offen; weit darunter lag der zerschmetterte Körper von Rolf Günter Bossert: „Hart wie ein Pflasterstein//Ist der Tod“. Ein Zeitbogen von knapp 175 Jahren tut sich förmlich auf, und ohne ihn überspannen zu wollen: Heinrich von Kleist lag im November 1811 neben der erschossenen unheilbar erkrankten Henriette Vogel, seiner Geliebten, unter dem gedeckten Tisch nach der aufwendig inszenierten Selbsterschießung am Kleinen Wannsee; „Weil mit auf Erden nicht zu helfen war.“

Zwei bedeutende Dichter, beide 34-jährig unter Zwängen aus dem Leben geschieden, „Freitod“ lautet der gängige Euphemismus. Damit aber endet auch die Gemeinsamkeit schon, wie es doch keine geben kann bei dieser einsamsten aller menschlichen Entscheidungen überhaupt. Typisch für Rolf Bossert ist die tänzelnde Verzweiflung, seine Heiterkeit am Abgrund; das Aufbegehren gegen das Empörende, das mit uns geschieht, weil wir es mit uns geschehen lassen. Die Wut glimmt, bevor sie aber spät heruntergebrannt und der Zorn verraucht ist, triumphiert auf dem leichten Weg der Ironie, dieser klügsten Form von Distanznahme, die Gedanken- oder Verstandesheiterkeit; und diese ist für Rolf definitorisch, und sie bleibt, sei sie noch so bitter. Rolfs Heiterkeit war und ist bitterböse, aber nie boshaft, bissig, aber nie bärbeißig. Sei der Aufenthalt noch so jammervoll, gejammert hat er mit keiner Zeile. Überleben wird seine spezifische „Ästhetik des Widerstands“, eingebettet in eine „Ästhetik des Grauens“, der grauen Wohnwabenblocks und der Stunden des Morgengrauens. Wir gedenken diesmal besonders seiner „siebensachen“, wie sein Debütband hieß; und seines 40. Todestages. Und würdigen die über tausend Einsendungen, die bei uns zu seinen Ehren für den Gedächtnispreis eingegangen sind.

Den diesjährigen Preisträger Tobias Pagel würdigt nun Dietrich Machmer, der Träger des Rolf-Bossert-Gedächtnispreises von 2024.

Hellmut Seiler

Laudatio für Tobias Pagel zum Rolf-Bossert-Gedächtnispreis 2026

Alle,
die, wie Rolf Bossert,
unbegrenztes Vertrauen in die Macht der Poesie haben,
können sich heute uneingeschränkt
mit unserem diesjährigen Preisträger Tobias Pagel
über den Rolf-Bossert-Gedächtnispreis freuen.
Freuen, dass es diesen Preis gibt,
dass wir an einen virtuosen, für immer jungen Dichter erinnern,
und heute einen ebenso virtuosen, immer noch jungen Dichter
mit diesem Preis ehren.

Tobias Pagel
wurde 1981 in Sigmaringen geboren,
hat in Tübingen studiert,
und lebt und arbeitet heute als Autor und Lehrer in Konstanz.
2017 war er Finalist beim Open Mike in Berlin
und beim Leonce und Lena-Preis in Darmstadt,
und Stipendiat des Förderkreises deutscher Schriftsteller:innen
in Baden-Württemberg.
Seither hat er zahlreiche Gedichte veröffentlicht
in Anthologien und Zeitschriften,
u.a. in die horen, metamorphosen und konzepte,
sowie in seinem 2022 erschienenen Gedichtband flüchtiges licht,
und im 2025 erschienenen zweiten Gedichtband hellfelder.
Außerdem erschien 2020 im Westermann-Verlag sein Sachbuch
Gedichte schreiben – 50 kreative Impulse.
2020 erhielt er außerdem den Feldkircher Lyrikpreis,
und jetzt, 2026, ist Tobias Pagel der siebte Preisträger des
Rolf-Bossert-Gedächtnispreises.

surroundings,
so der Titel seiner sieben eingesandten Gedichte,

darin Zeilen wie:
die langsam verlöschende grammatik der stadt ...
die innenstadt, ein archipel verlassen ...
thousand places to see before you die ...
störsprech im cafè …, oder:
gewitter
sind möglich aber unwahrscheinlich wie orte,
wo man sich begegnet ...

the place to be,
so der Titel einer weiteren Gedichtsammlung von Tobias Pagel,
die 2023 in der heftreihe phase02 vom Förderkreis der
Schriftsteller:innen in Baden-Württemberg erschienen ist, darin:
du siehst den ort …
die partitionen, planquadrate, parallelen …
du siehst: im niemandsland: flurbereinigte landschaftsreserven …
vor-orte … dislozierte heimatsplitter ...
Ich sehe die Orte,
die Tobias Pagel in seinen Gedichten beschreibt,
als Lagebeschreibungen seiner real existierenden Heimat-,
wie auch seiner Sehnsuchtsorte,
als Zustandsbeschreibungen äußerer, wie innerer Räume,
als Orientierungsmöglichkeiten auf unbekanntem Terrain,
als Umgebungen seines lyrischen Ich.

surroundings:
Umgebungen, Umland, Gegend,
oder auch Umwelt, Milieu, Umfeld,
im geographischen, natürlichen oder sozialen Sinne also
der Bereich, die Bedingungen, die Atmosphäre
um einen Ort oder eine Person.
Eine Umgebung ist das Formular für Inhalt.
Eine Umgebung ist eine Besonderheit des Unentschlüsselbaren.
Eine Umgebung ist eine Gegenwortanlage.
So schreibt der von mir sehr geschätzte Dichter Ron Winkler,

in seinem neuesten Gedichtband Unterwegs in der Verformung,
so schön treffend:

Gegenwortanlagen,
sind die poetische Möglichkeit der Kommunikation
des lyrischen Ich mit der Welt
in einem schwer auflösbaren Spannungsfeld
zwischen Innen und Außen,
zwischen Phantasie und Realität,
zwischen Möglichkeit und Einschränkung.
Durch die Gegenwortanlage
hören wir in Tobias Pagels Gedichten Sätze wie:
… vom hörensagen
verschoben sich dann die laute im schlaf
unter meiner zunge tektonische platten
während ich langsam aus der haut fuhr.
Wir hören:
… man sucht und sucht
und findet unterm gedankenstrich nur leere
leere in einem endlos großen rahmen.
Wir hören die Konfrontation, den Konflikt,
den der Autor, der einzelne Mensch,
mit der Umwelt, der Gesellschaft, in diesen Worten austrägt.
Man könnte sagen, sie stehen sich Auge in Auge gegenüber,
und vielleicht sind sie gerade nicht besonders glücklich miteinander,
vielleicht tragen sie gerade einen Kampf aus,
vielleicht sind sie in ihrem Spannungsfeld gefangen.
Alle kennen dieses Dilemma:
Wie tritt die einzelne Person.
den großen gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart,
den planetarischen Problemen gegenüber?

Zum Glück gibt es
die befreiende Kraft der Sprache, der Poesie, der Debatte.
Ich möchte in diesem Zusammenhang erinnern

an den kürzlich verstorbenen Soziologen Jürgen Habermas,
der mit seinem berühmten Satz
Mein letztes Motiv ist die befreiende Kraft des Wortes,
zwar eher auf die politische Debatte,
als auf die Poesie abzielt,
im Grunde aber eine Variante des eingangs erwähnten Satzes
von Rolf Bossert formuliert.
Ich habe unbegrenztes Vertrauen in die Macht der Poesie.
Dieses Vertrauen und die Phantasie,
hier und da Spannungsfelder aufzulösen,
Grenzen zu überwinden,
Neuland zu betreten,
haben wir, eine Mehrheit der Jury,
in Tobias Pagels Gedichten gefunden, und entschieden,
aus der Vielzahl der Einsendungen, ihn und seine Gedichte
mit dem Rolf-Bossert-Gedächtnispreis 2026 zu ehren.
Im Namen der Jury:
Herzlichen Glückwunsch, Tobias Pagel!

Dietrich Machmer

Dankesrede von Tobias Pagel, Träger des Rolf-Bossert-Gedächtnispreises 2026

Sehr geehrte Damen und Herren,

dass ich hier stehen darf – „auf den Treppen des Winds“? „Im Auge des Sturms“? – in jedem Fall hier und heute als diesjähriger Preisträger des siebten Rolf-Bossert-Gedächtnispreises, erfordert zunächst vor allem zahlreichen Menschen und Institutionen zu danken:

Hellmut Seiler, dem Initiator des Rolf-Bossert-Gedächtnispreis, bester Freund von Rolf Bossert und Überbringer der guten Nachricht per Telefon.

Erwin Țigla für die umsichtige Organisation des ganzen Preises, für seine unermüdliche, leidenschaftliche Arbeit in und um die Deutschen Literaturtage in Reschitza, für Unterbringung, Transport, Lesungen, Essen, Ausflug, Zeitungsartikel und vieles mehr.

Dietrich Machmer, dem Rolf-Bossert-Gedächtnispreisträger 2024 und diesjährigem Juryvorsitzenden, für die kurzweiligen, erhellenden Telefonate im Vorfeld und seine so wertschätzende Laudatio.

Den weiteren Mitgliedern der Jury in alphabetischer Reihenfolge: Dr. Waldemar Fromm, Katharina Kilzer, Hellmut Seiler, Dr. Olivia Spiridon und Barbara Zeizinger, denen ich den Preis zu verdanken habe, da sie meinen Zyklus „surroundings“, also „Umgebung“, aus insgesamt 160 anonymisierten Einsendungen ausgewählt haben.

Dem Institut für Donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen; dem Kulturwerk Banater Schwaben e.V. Bayern; der Landsmannschaft der Banater Schwaben e.V. München; dem Demokratische Forum der Banater Berglanddeutschen; dem Kultur- und Erwachsenenbildungsverein „Deutsche Vortragsreihe Reschitza“ und nicht zuletzt den Mitgliedern des Förder- und Freundeskreises von Rolf Bossert, die alle den Lyrikwettbewerb und die Preisvergabe fördern.

Weiterhin allen Menschen hinter den Kulissen, die mit ihrer kleinen und großen Hilfe Preise, Literatur und Kultur umsetzen, manchmal auch gegen Widerstände durchsetzen helfen und damit Menschen Nahrung für die Seele geben. Auch meiner mitgereisten Partnerin danke ich – für ihre Unterstützung bin ich sehr dankbar.

Nur durch einen Vokal unterscheiden sich danken und denken.

Ich denke in diesem Moment auch an meine Familie zuhause, vor allem meine Mutter, meine verstorbenen Großeltern, Förderer und Wegbegleiter*innen, wie Dr. Ulrich Vormbaum, meinen letztes Jahr völlig überraschend verstorbenen Freundes Daniel und viele andere liebe Menschen, die sich jetzt mit mir über den Rolf Bossert-Gedächtnispreis 2026 freuen.

Ich bin also zunächst denkbar dankbar, während Gedichte dankbar denkbar sind.

Ein Gedicht impliziert immer auch ein Nachdenken über die Welt, unsere merkwürdige Umgebung, die manchmal nicht nur nicht dankbar, sondern bisweilen auch undenkbar erscheint.

Was also sollen Verse in Zeiten, in denen sich Kriege und Katastrophen abzuwechseln scheinen, einem gefühlten Zeitalter der konstanten Krisen? Wie geht man um mit den „rohdaten“ einer solchen Welt, die nun mal auch die unsere ist, wie vollbringt man „die abstrahierung des objekts“?

Man sucht im lyrischen Versuch zu verstehen, den Kern im Konkreten zu finden, in dem, was einen umgibt. Und im besten Fall rendert man ihn, also ändert ihn ab, versieht ihn mit einem neuen Quellcode, der aus dem Gedicht heraus in die Welt wächst, die dann nicht mehr dieselbe ist.

In einer Zeit der andauernden Selbstbespiegelung, einer konstanten medialen Selbstvergewisserung durch posts und pictures, droht man sich zu verlieren, man vergisst scheinbar mehr denn je, wer man eigentlich ist, was die eigene Menschlichkeit und Individualität ausmachen. In Gedichten kann eine mögliche Lösung wieder darin liegen, die Umgebung, also die „surroundings“, genau unter die lyrische Lupe zu nehmen.

Indem man alles andere über die bloße Abbildung hinaus möglichst in seiner Tiefenstruktur sichtbar macht, kommt man zu einem Ergebnis, das dieses „Ich“ vielleicht umreißt und damit ein besseres Verständnis ermöglicht.

Man versucht also am eigentlichen Objekt vorbeizusehen, ähnlich wie bei den Sternen, die sich im direkten Hineinblicken beständig entziehen und sich der Wahrnehmung erst offenbaren, wenn man gezielt auf die nächste Umgebung blickt, die die Kontur und damit auch den eigentlichen content enthüllt.

So kann das Objekt dann auch wieder handelndes Subjekt werden – oder etwa nicht ... ?

Geht es denn zwangsläufig immer nur um das Trennende, um Hell und Dunkel, hier und dort, Ich und Welt? Liegt eine mögliche Erkenntnis lediglich in der Differenzerfahrung?

Die Frage scheint hier falsch gestellt – entscheidend ist der Umgang mit dieser Erkenntnis. Denn Selbsterkenntnis oder Welterkenntnis ermöglicht immer auch einen bewussten Austausch, eine Verbindung. Ein Gedicht kann einer dieser unwahrscheinlichen Orte der Erkenntnis sein, wo man sich wahrhaft begegnet, dem anderen, der Welt.

Gedichte können also Menschen verbindende Elemente sein, in denen man sich wiederfinden, austauschen, voneinander lernen, verstehen kann.

Und sehen Sie sich um, meine sehr geehrten Damen und Herren, Sie alle, die Sie hier heute sitzen, sind der lebendige Beweis dafür.

Das lyrische Ich steht bei Rolf Bossert „auf den Treppen des Winds“. In den „surroundings“ schießen Drohnen in den Wind, während das lyrische Ich hier wie dort „wohl als Messgerät“ fungiert, als Antenne für die kaum merkbaren Verschiebungen in der Welt, eine Ahnung, woher der Wind weht.

Und jetzt?

Ist und bleibt ein Sprechakt nicht weniger und nicht mehr als lediglich ein Sprechakt? Oder verschieben sich durch die Grenzen meiner Sprache nicht auch die Grenzen meiner Welt – und diese sich gleich mit? Ob die Aneignung der Welt eine lediglich betrachtende, affirmative ist, oder eine aktive, gestaltende, die durch eine veränderte Wahrnehmung den Kern rendert, das entscheiden nicht zuletzt Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren.

Doch ich höre mir selbst nur noch „mit einem ohr zu, mit einem anderen kehr(t)e ich den schub um“ – sehen Sie selbst:

surroundings
I

ich schiebe mir sonnenblumen zwischen die kiemen
auf spotify seit stunden der gleiche refrain
überall frisch rekrutierte tauben. soweit die rohdaten
man gab mir kürzlich die mittel in die hand
ich sollte die abstrahierung des objekts vollbringen
ließ ausrichten: man gehe die dinge mit optimismus an
nach einigen wochen holten mich zu meiner überraschung
meine fehlübersetzungen ein. man widersprach
ließ mich zurück, den sogenannten fehler
finden, ich nahm an, ich renderte den kern

II
exoskelette tragen sich spazieren, wandern
thousand places to see before you die
ein selbstbild löst ein selbstbild ab
als würde man erst sichtbar durch
die sichtbarmachung alles andern, von allem
außerhalb von sich, der eigenen ränder
so viele namenlose arme kamen
von hier bis in den letzten winkel jedes spots
lächelfragmente hängen wie gewichte
schwer in allen bildern, unschärferelation
beständiges verlaufen einer mitte sieht man
sieht sich einfach nicht. man sucht und sucht
und findet unterm gedankenstrich nur leere
leere in einem endlos großen rahmen

III störsprech im café. die inneren stimmen
es ist zum verhaspeln. ein besseres ergebnis
für weniger suchbegriffe: gewitter
sind möglich aber unwahrscheinlich wie orte
wo man sich begegnet, während der sommer
ins land zieht, passiert. jemand nennt
das kind beim namen, ich warte teilweise
fungiere wohl als messgerät, ich lese wellen
von den langen lippen. warum
so dysphemistisch, baby? ich scrolle
durch den letzten tag, die langsam
verlöschende grammatik der stadt

Tobias Pagel

Schlagwörter: Literaturtage, Reschitza, Rolf Bossert, Preisverleihung

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