18. Juni 2006

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Dieter Schlesak: "Im Herzen ein Siebenbürger Sachse geblieben"

Der Ostwesteuropäer Dieter Schlesak habe seine siebenbürgischen Wurzeln nicht verloren, sie blieben Inspirations- und Kraftquelle für sein Leben und sein Werk. So steht es nachzulesen in dem Faltblatt, das am Pfingstsonntag zur Lesung des 1934 in Schäßburg geborenen Dichter und Essayist Dieter Schlesak im Evangelischen Gemeindehaus Sankt Paul in Dinkelsbühl auslag. Verhält es sich so?, mag sich der eine oder andere Saalgast gefragt haben, zumal dem Faltblatt weiter unten zu entnehmen ist, dass Schlesak selbst bekannt habe, er sei "eingesperrt in der eigenen Haut und nirgends zu Hause, außer im Wort". Hier äußert sich doch ein scheinbarer Widerspruch.
Dann beginnt die Veranstaltung mit einer Einführung der Stellvertretenden Bundesvorsitzenden Karin Servatius-Speck. Indes sitzt der Protagonist gesammelt vor seinen Werken, bereit, aus diesen einige ausgewählte Passagen zu lesen: Dieter Schlesak trägt eine siebenbürgische Trachtenkrawatte. In den vergangenen Monaten hat der 72-jährige Schriftsteller gleich vier neue Bücher veröffentlicht, insbesondere Lyrik und Essays, und auf einer Lesetournee, u. a. auf der Leipziger Buchmesse präsentiert (siehe Siebenbürgischen Zeitung Online). Beim Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl öffnete Schlesak für das zahlreich erschienene Publikum eine nahe liegende Pforte: unsere, seine siebenbürgische Heimat. Über ausgewählte Heimat- und Mundartgedichte führte der unsichtbare Pfad mitten in den Ende 2005 (im Verlag des Institutes für deutsche Kultur und Geschichte in Südosteuropa) erschienenen Band „Zeugen an der Grenze unserer Vorstellung. Studien, Essays, Portraits.“

Lesung beim Heimattag in Dinkelsbühl: Dieter Schlesak verstand es, seine Zuhörer zu fesseln. Foto: Josef Balazs
Lesung beim Heimattag in Dinkelsbühl: Dieter Schlesak verstand es, seine Zuhörer zu fesseln. Foto: Josef Balazs

Einen Vorschuss auf den zu erwartenden literarischen Gehalt des Nachmittags gab Karin Servatius-Specks bemerkenswert einfühlsame, assoziative Einführung in den Sprach- und Gedankenkosmos des Dichters, Essayisten, „Zwischenschaftlers“. Kenntnisreich bündelte die Referentin Informationen zu Biografie und Werk des „lebenslang rastlos Suchenden“, suchte freilich selbst, in literarischem Duktus, vermittels unentwegtem Nach-Fragen das sprachschöpferische Phänomen dechiffrierend zu beschreiben - in der Tat eine äußerst hilfreiche Annäherung an den Autor, der dem Einführungstext spontane Anerkennung zollte.

Unstet. Reist viel. Hält sich mal in Italien, mal in Deutschland, dann wieder in Rumänien auf. In Schäßburg, seiner Heimatstadt, hat er eine Literaturstiftung ins Leben gerufen. Schlesak beschäftigt die Grenze in ihrer sprachlichen, in ihrer metaphysischen Dimension. Sein erster Gedichtband erscheint 1968 und trägt den Titel „Grenzstreifen“. „Im Jahr darauf“, so Servatius-Speck in ihrer Einführung, „überschreitet Dieter Schlesak die Grenze vom totalitären Rumänien in das offene System des Westens. Er zieht nicht jubelnd ein in Westdeutschland ...“

Im Saal herrscht eine Atmosphäre gespannter Aufmerksamkeit. Schlesak liest nicht, er trägt vor, deklamiert seine Gedichte, erst in Hochdeutsch, dann in sächsischer Mundart, mitunter in silbenweisem Sprechgesang. Aussagen klingen nach, verhallen gehört: „Viele Gedichte geschrieben, alle sind ein Traum von der Rückkehr.“ – Oder: „Woher wir kamen/ Vor fast tausend Jahren/ Dort kommen wir wieder an./ Mit Grabsteinen im Gepäck.“ – „Das Weggegangensein ist mit Schuld verbunden.“ - Wehmut und Abschied waren unverkennbare Leitmotive der Lesung. Schlesak integrierte in seinen Vortrag ein Lieblingslied seiner Mutter, das vom Tonband erklang: „Iwer de Stappeln blest der Wängd“ von Grete Lienert-Zultner. Keinesfalls aus einem Anflug von Heimattümelei. Denn „schon sehr früh, als Student der Germanistik in Bukarest, dann als Lehrer in Denndorf, ab 1960 als Redakteur der Zeitschrift ‚Neue Literatur’ in Bukarest, siedelte sich Schlesak politisch links an“, so die Einführende. Immer wieder setzte sich der Schriftsteller mit Schuld und Verstrickung Deutscher in Siebenbürgen kritisch auseinander, auch an Orten wie Auschwitz, an der „Endstation der Zivilisation“. In „Zeugen an der Grenze unserer Vorstellung“ finden wir „Ein Gespräch mit dem siebenbürgischen Auschwitzapotheker Dr. Victor Capesius“ (S. 167-182). Dem Schriftsteller ist es aber nicht nur um eine, sondern um beide Diktaturen zu tun, die braune und die rote. Aus Kapitel IV dieses Bandes las Schlesak dann längere Textpassagen über den rumänischen Denker Constantin Noica, dessen von Diktatur und Verfolgung geprägte Lebensgeschichte nacherzählend.

Wollte Schlesak mit seiner kleidsamen Trachtenkrawatte ein Zeichen der Verbundenheit mit den Landsleuten im Saal setzen, so wirkte dieses Zeichen keineswegs aufgesetzt. „Ich bin im Herzen ein Siebenbürger Sachse geblieben“, sagt der Schäßburger, und: „Es freut mich Zuhörer zu finden, die mir folgen können.“ - Ihrer Einführung hat Karin Servatius-Speck die Bemerkung nachgestellt: „Er sucht den Weg zu Antworten im Geist östlichen Denkens, (...) in Bereichen, wo sich sein analytischer Geist mit umfassendem Denken in großen Dimensionen verbinden kann. Dieter Schlesak bleibt ein Befrager, ein Hinterfragender, der Suche nach immer neuen Orten der Antwort wird er sich nie entziehen, wobei sein Ziel eigentlich zu Saiis liegt: bei sich, verborgen unter dem Tuch mit den Mustern der Vergangenheit und Gegenwart, seiner Sprache.“

Christian Schoger

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 10 vom 20. Juni 2006, Seite 11)

Schlagwörter: Heimattag, Dinkelsbühl, Lesungen

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