30. Dezember 2006

Heimatkunde als wunderschönes Abenteuer

„Für mich war und ist Heimatkunde über Jahrzehnte hinweg ein wunderschönes Abenteuer, für das ich meinem Schöpfer zutiefst dankbar bin.“ Das im Vorwort abgelegte Bekenntnis von Gernot Nussbächer spricht für sich, lädt aber auch ein, dieses Abenteuer durch Lektüre selbst mitzuerleben. Mit diesem sechsten Band seiner Reihe „Aus Urkunden und Chroniken“ – welche seine seit den 1960er Jahren in deutschsprachigen Periodika Rumäniens (Neuer Weg, Volkszeitung, Karpatenrundschau) erschienenen Beiträge zusammenfasst und um Anmerkungen und Quellen ergänzt – beschreitet der Kronstädter Archivar, Historiker und Heimatkundler insoweit Neuland, als er einen einzigen Ort heraushebt – Zeiden im Burzenland.
Das ist zum einen der stattlichen Zahl von zehn Aufsätzen zuzuschreiben, die Gernot Nussbächer dem Marktflecken unter dem „Schwarzen Hügel“ gewidmet hat, zum anderen den Zeidnern selbst, die den Autor seit 1967 immer wieder dazu angeregt haben, sich ihrem Ort zuzuwenden, sei es durch Anfragen des Lehrers und Ortsmonographen Gotthelf Zell, sei es durch die Zeidner Nachbarschaft, die die Veröffentlichung des vorliegenden Büchleins gefördert hat.

Auf einen chronologischen Überblick über die ersten 50 Jahre mittelalterlicher Geschichte in „der heutigen Blumenstadt“ – nach 1971 hat auch Nussbächer solch euphemistische Namen erfunden, um die staatliche Verordnung zu umgehen, sogar in deutschsprachigen Aufsätzen die rumänischen Ortsnamen zu verwenden –, folgt ein Beitrag über die „Sensation von Anno 1488“, den Einfall des blutrünstigen Vlad Ţepeş im Burzenland, der auch Zeiden zerstört hat. Gleich vier Beiträge befassen sich mit den blühenden Handwerken und Zünften von Zeiden, einer mit den „Zahlhäusern“ und der Ortsgeschichte im 16. Jahrhundert. Manch ehemaliger Bewohner wird stolz sein, seinen Namen schon in den uralten Steuerverzeichnissen von 1541 und 1550 zu finden, dann aber auch wieder traurig sein, dass der genaue Historiker die schöne Mär von der Zeidner Herkunft des großen Humanisten und Reformators Johannes Honterus ad acta legt: „Durch unsere Erklärungen dürften wohl nunmehr die Hypothesen betreffend die Abstammung Honterus aus Zeiden genügend widerlegt […] sein.“ Aufgebaut wird derselbe Leser aber durch die – trotz der grausamen Begleitumstände – lustige Geschichte über die Befreiung des Zeidner Schlosses aus den Händen Gabriel Báthoris durch Beimischung von Schlafmittel in den von seinen Söldnern beschlagnahmten Wein. Eine „Diplomatarium Czeyinense“ mit den Zusammenfassungen von 65 Urkunden zur Geschichte des Ortes schließt dieses sehr informative Bändchen ab.

Welches ist das Verdienst auch dieses sechsten Bandes der „Urkunden und Chroniken“? Zum einen die präzise Information über Ereignisse und Begebenheiten aus der Geschichte von Zeiden, über Namen, Gewerbe, Zünfte und Persönlichkeiten des Ortes. Zum anderen die vielen Details, die über die Lokalgeschichte hinaus führen und die Gesamtgeschichte Siebenbürgens facettenreicher erscheinen lassen. Und zum Dritten, weil Gernot Nussbächer immer wieder aufs Neue zeigt, dass Genauigkeit und Nüchternheit auch in der Heimatkunde unerlässlich sind.

Die zahlreichen Leser aber beweisen, dass eben diese Art der trockenen, aber zuverlässigen Berichterstattung Geschichte interessant machen kann, gerade für Menschen, die es satt sind, den Übertreibungen und Fälschungen der nationalsozialistischen und dann der nationalkommunistischen Geschichtsschreibung zu folgen. Heimatkunde kann also wunderschön sein – aber nur dann, wenn sie so ernst genommen wird, wie von Gernot Nussbächer.

Konrad Gündisch

Gernot Nussbächer: Aus Urkunden und Chroniken VI. Band: Beiträge zur Geschichte von Zeiden in Mittelalter und Früher Neuzeit (= Zeidner Denkwürdigkeiten. Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde von Zeiden, Heft 13). Heidelberg: Zeidner Nachbarschaft und Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde e. V. 2006, 71 Seiten, Abbildungen, ISBN 3-929848-59-7. Bestelladresse: Rüdiger Zell, Storchenweg 1, 89257 Illertissen, Telefon: (0 73 03) 90 06 47, E-Mail

Schlagwörter: Rezension, Burzenland

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