10. Juni 2007

"Luzidität und Leidenschaft" - Pianistin Lotte Jekéli

Da noch nicht „verbindlich“ geklärt ist, wen wir als Siebenbürger oder Siebenbürger Sachsen ansprechen dürfen und wen nicht, wird vielleicht von einigen Lesern die Legitimation einer Würdigung von Lotte Jekéli zu ihrem Achtzigsten als Siebenbürgerin in der Siebenbürgischen Zeitung mit dem Argument in Frage gestellt, sie sei ja eigentlich nicht Siebenbürgerin. Es bleibe dahingestellt, ob sich die Geschichte der siebenbürgischen Musikinterpretation mit dem Namen Lotte Jekeli (Künstlername Jekéli) schmücken darf oder nicht, auch schon nur deshalb, weil es ja eigentlich belanglos ist, ob die im thüringischen Eisenach geborene Künstlerin nun im „strengen Sinn“ Siebenbürgerin ist oder nicht: Ihre Mutter Gertrud, geborene Kühn, war eine nach Siebenbürgen eingewanderte „reichsdeutsche“ Lehrerin aus Wiesbaden, der Vater Julius Jekeli, in jungen Jahren Lehrer in Mediasch und Klausenburg, stammte aus Bogeschdorf in Siebenbürgen.
Dass sich Lotte Jekeli selbst zu ihren siebenbürgischen Wurzeln bekennt, ist nun aber doch erwähnenswert: Sie vergisst in keiner autobiographischen Äußerung anzumerken, dass sie väterlicherseits aus einer siebenbürgischen Familie kommt, gelegentlich spricht sie von ihrem „siebenbürgischen Ursprung“. Bezeichnend auch, dass in Ankündigungen und biographischen Angaben etwa für ihre Londoner Konzerte (beispielsweise 1981, 1983, 1986 oder 2001) zu lesen ist: „Lotte Jekéli, born in Eisenach, came from a Transilvanian family“. Familiäre Beziehungen zu Mediasch, wo heute noch eine Kusine lebt, hat Jekeli schon immer aufrecht erhalten. Die Besuche in der Kindheit bei der Großmutter in Mediasch gehören zu ihren schönsten Erinnerungen.

Lotte Jekéli im Jahr 1976.
Lotte Jekéli im Jahr 1976.
Die Eltern hatten sich nach dem Ersten Weltkrieg, um 1920, in Mediasch kennen gelernt, wohin Getrud Kühn mit einer Wiesbadener Schulklasse eine Besuchsfahrt unternommen hatte. Die Lehrerin kam nach Mediasch zurück, blieb und heiratete. 1923 wanderte das Ehepaar nach Thüringen aus. Julius Jekeli studierte in Marbach Theologie, seine Frau brachte es bis zur Studienrätin. Sie ließen sich in der Gemeinde Mosbach bei Eisenach nieder, wo der Vater das Amt des evangelischen Pfarrers antrat.

Tochter Lotte kam durch die im Elternhaus regelmäßig betriebene Hausmusik früh mit klassischer Musik in Berührung. Die Vierjährige schon war „vom Klavier fasziniert“, aber erst mit sieben erhielt sie Klavierunterricht in der Stadt. Ihre Lehrerin Annemarie Keibel unterrichtete mehrere Instrumente. So versuchte sich auch Lotte zusätzlich auf der Flöte, dem Cello und der Orgel: Sie wollte möglichst vielseitig musizieren. Bald besuchte sie Konzerte in Eisenach, wo besonders oft Bach geboten wurde. Die Bachstadt und die Musik Bachs, mit der sie sich auseinanderzusetzen begann, haben sie denn auch geprägt. Als Schülerin von Erhard Mauersberger, Kantor in Eisenach, Musikhochschullehrer in Weimar, später Thomaskantor in Leipzig, durfte sie am Cembalo in oratorischen Aufführungen mitwirken. Beeindruckt war sie auch von der großen Pianistin und Beethoven-Interpretin Elly Ney, die in Eisenach konzertierte. Erste Auftritte Lottes in der Öffentlichkeit folgten.

Inzwischen hatte sie sich auf das Klavier festgelegt: Nach dem Abitur begann sie 1945 ein Studium an der Musikhochschule Weimar bei Karl Weiß, folgte diesem 1948 in den Westen nach Trossingen, ging dann aber an die Stuttgarter Musikhochschule zu Wladimir von Horbowski-Zaranek. Mit Staatsprüfung schloss sie 1952 in Trossingen ab. Meisterkurse besuchte sie bei Alfred Cortot in Paris und Rudolf Serkin in Bern. Erste bemerkenswerte öffentliche Auftritte waren ein Liederabend in Weimar (1948), in dem sie den am Beginn seiner fulminanten Karriere stehenden Sänger Dietrich Fischer-Dieskau „in nahezu vollkommener Einheit des künstlerischen Erlebens und der Gestaltung“ (Thüringische Landeszeitung) begleitete, und ein eigener Klavierabend (1950) in Wiesbaden, dem eine mit „Außergewöhnliches Klaviertalent“ betitelte Rezension folgte: Sie wurde in die „Spitzenreihe eines hoffnungsvollen Pianistennachwuchses“ eingeordnet. Eine entscheidende Auszeichnung bedeutete 1957 die Aufnahme in die Bundesauswahl junger Künstler des Deutschen Musikrats, dessen Preisträgerin sie auch war. Wiederum als Anerkennung besonderer Art ist die Tatsache zu werten, dass sie 1969 aus rund 300 Bewerbern – 40 in der engeren Wahl, darunter schon arrivierte Pianisten – von Arturo Benedetti Michelangeli für die zwölf Teilnehmer seiner Meisterschule in Castagnola (bei Lugano) ausgewählt wurde.

Die Pianistin Lotte Jekéli heute.
Die Pianistin Lotte Jekéli heute.
Nach zehn Jahren der Lehrtätigkeit am Musikseminar Güntzel in Wiesbaden wechselte Lotte Jekéli 1962 mit einem Lehrauftrag an das Staatliche Hochschulinstitut für Musik Mainz. An dieser Anstalt, die 1970 als Fachbereich der Mainzer Johann-Gutenberg-Universität eingegliedert wurde, erhielt sie im selben Jahr die Stelle einer Dozentin. Der Titel einer „Professorin für künstlerisches Klavierspiel“ wurde ihr 1976 zuerkannt. Ihren Wohnsitz behielt sie in Wiesbaden. Dem jüngeren Nachwuchs und besonders begabten Kindern erteilte sie Privatunterricht; sie war seit jeher pädagogisch auch privat tätig.

Lotte Jekéli war mit zahllosen Klavierrecitals in Metropolen – aber auch in kleineren Städten – des In- und Auslands unterwegs. Als Gastsolistin spielte sie unter Begleitung führender Orchester in Großbritannien, Irland, Frankreich, der Schweiz, Italien, Tschechien, Russland, den USA und Südafrika. Besonders erfolgreich trat sie im Auftrag der „Beethoven Piano Society of Europe“ in England auf, wo sie auch Jurymitglied eines internationalen Wettbewerbs war. Zu erwähnen wäre ein Benefizkonzert für den Zonta-Club 1989, bei dem man einen Erlös von 15 000 DM verzeichnete. Langjähriges Mitglied der „European Piano Teachers Association“ (EPTA), als dessen deutsche Vertreterin sie mit Vorträgen und eigenen Konzerten in Manchester, Zagreb, Budapest, Rom, New York, Madeira, Zypern und London mitgewirkt hatte, gab sie 1999 in Wiesbaden ein Festkonzert zum 20-jährigen Jubiläum dieser Organisation. Kontakte zur Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und derem kulturellen Leben hat sie gepflegt. So gab sie 1982 im Rahmen der Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturtage in Wiesbaden einen Schubert-Chopin-Bartók-Abend und unter der Ägide des landsmannschaftlichen Landesverbands Nordrhein-Westfalen aus Anlass des Beethoven-Jahres 1970 einen Beethoven-Abend im Haus des Deutschen Ostens in Düsseldorf.

Seit der politischen Wende in Rumänien konzertierte Jekéli auch in diesem Land, zum Teil im Rahmen des Goethe-Instituts. Anzumerken sind Konzerte u. a. in Bukarest, Ploie?ti, Ia?i (wo im Zusammenwirken mit dem dortigen Philharmonischen Orchester auch eine CD mit Klavierkonzerten von Mozart entstand), Satu Mare, Sinaia und in den siebenbürgischen Städten Klausenburg, Hermannstadt, Kronstadt, Bistritz und Mediasch. Damit wollte sie ihre Verbundenheit mit Siebenbürgen und Rumänien zum Ausdruck bringen. Von einem Konzert im Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland in Bukarest, einem Beethoven-Abend, war schon 1984 zu hören.

Im künstlerischen Leben und pianistischen Repertoire Lotte Jekélis hat neben dem Werk Bachs („Bach ist die Grundlage für alles, was Musik heißt“) immer die Musik Beethovens eine große Rolle gespielt. Mit Beethovens späten Sonaten hat sie beispielsweise in London ihre ersten großen Erfolge gehabt. Interesse zeigt sie aber auch für die Moderne, so für Ravel, Janácek, Schönberg, Berg, Strawinsky oder Messiaen, allen voran für Bela Bartók. Natürlich fehlen in ihrem Repertoire nicht Mozart, Schubert, Schumann, Brahms und Chopin.

Sonaten von Beethoven nahm Jekéli in drei Folgen im Schallplatten-Verlag Motette-Ursina auf („Lotte Jekéli spielt Beethoven“, 1976, 1980, 1983). Es folgte eine Schallplatte „Lotte Jekéli spielt Beethoven und Chopin“, erschienen 1986 bei RBM Mannheim. Ebenfalls bei RBM kamen 1999 und 2000 zwei CDs „Lotte Jékeli spielt Mozart“ (konzertante Werke) heraus. Für RBM zeichnete sie noch Solowerke von Beethoven, Mozart, Schumann, Chopin, Liszt und Janácek auf, dazu ein Konzert von J. F. X. Sterkel. Eine CD-Aufnahme mit Konzerten von Mozart und Beethoven entstand 2000 in Prag (RBM). Sonaten und andere Solostücke von Mozart sind auf einer CD der Edition Zeitpunkt Musik (2006) vereint. Hervorzuheben ist noch die Übertragung auf CD einer älteren LP mit drei großen Beethovensonaten, darunter Beethovens letzter Sonate op. 111, der Jekélis ausdrückliche Hinwendung gilt, und die sie immer wieder in Konzerten gespielt hat und spielt. Rundfunkaufnahmen mit Werken von Haydn, Mozart, Beethoven, Chopin, Schumann, Reger u. a. liegen u. a. vor beim Südwestrundfunk in Baden-Baden, Mainz und Stuttgart, beim Bayerischen Rundfunk München, dem Deutschlandfunk, bei RIAS Berlin, Radio Bern, Radio della Svizzera Italiana, Radio Eireann, beim Südwest- und Südafrikanischen Rundfunk.

In den unzähligen Konzertrezensionen treffen wir auf Charakterisierungen wie: „Luzidität und Leidenschaft … Inspiriertes Spiel einer tiefernsten, klugen, konzessionslosen Pianistin“ (Volk und Kultur); „Ernst, objektivierend, klar und sparsam“ (Siebenbürgische Zeitung); „Treue gegenüber dem Werk … Klarheit der Formgebung“ (Zürcher Tagesanzeiger); „Streng-prägnant, kraftvoll und sorgsam diszipliniert“ (The Daily Telegraph); „Bewundernswerte Präzision und musikalische Intelligenz“ (Times); „Sie ist eine Poetin, deren Zartgefühl, Charme und Musikalität das Ohr unmittelbar fesseln und erfreuen“ (Music and Musicians); „Wache Distanz zum eigenen Spiel, intelligent gezügelte technische Brisanz … differenzierter Klangsinn … vorzügliche, konzentrierte und überlegene Leistung“ (FAZ); „Charaktervolle Reife im Ausdruck und künstlerisches Verantwortungsbewusstsein“ (Rheinische Post); „Erstaunliche Spielfertigkeit … geistvolle Ausdeutung“ (Stuttgarter Zeitung), „Herz und Verstand, um auf dem Klavier Außergewöhnliches zu leisten“ (Münchner Abendzeitung). - Michelangeli bezeichnete Jekéli als „Pianistin von seltener, auserlesener musikalischer Sensibilität“. Wolf-Eberhard von Lewinski schreibt: „Stets vereint sich elementares Temperament in geprägter Intensität mit zuverlässig durchdachter und souverän proportionierter Gestaltung […] Man hört Sinn und Geist einer Komposition aus den Wiedergaben, keine betonten Subjektivismen, freilich auch keine unpersönliche Reserve. (…) Lotte Jekéli verlangt in ihrer Arbeit jene Strenge, die in einer Zeit der Oberflächlichkeiten und der Scharlatanerie besonders aktuell ist.“

Nach ihrer Emeritierung gab Lotte Jekéli saisonweise Meisterkurse an der Universität Mainz hauptsächlich zum Thema „Wege für die Interpretation von Beethovens Klavierwerken“. Sowohl diese Kurse als auch den Privatunterricht hat sie nach und nach eingestellt. Ein Anliegen aber ist ihr auch gegenwärtig noch das Konzertieren. Auf dem Programm eines „Beethovenabends“ in Mainz am 10. Mai diesen Jahres standen die drei letzten Werke aus dem Sonatenuniversum des Meisters. Wir beglückwünschen Lotte Jekéli zu ihrem reichen, verdienstvollen Lebenswerk und wünschen ihr Schaffenskraft und Energie für weiteres künstlerisches Wirken.

Karl Teutsch

(gedruckte Ausgabe: Folge 8 vom 25. Mai, Seite 8)

Schlagwörter: Musiker, Musikgeschichte, Porträt

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