30. Juli 2007

Wachrütteln vor dem Verfall siebenbürgischer Kirchenburgen

Peter Jacobi gehört zu jenen Künstlern, denen es ein Bedürfnis war, nach langer Abwesenheit die Verbindung mit Rumänien wieder aufzunehmen. Er hatte 1970, als er an der Biennale in Venedig teilnahm, den Entschluss gefasst zu emigrieren. In der Reihe der Kontakte, die Jacobi mit seinem Herkunftsland hatte, seit dort die kommunistische Diktatur zusammengebrochen ist, gab es bisher mindestens zwei Höhepunkte: die Ausstellung, die er 1993 in Bukarest, bei Artexpo zeigen konnte (sie wurde im darauf folgenden Jahr in den Museen von Hermannstadt, Craiova, Kronstadt, Bistritz und Klausenburg gezeigt) und die umfassende Schau seiner Werke, die 2002 im Nationalen Kunstmuseum in Bukarest stattfand.
Natürlich haben die jeweils veranstaltenden Häuser ihre Verdienste im Zusammenhang mit dem Zustandekommen dieser Veranstaltungen, aber in nicht geringerem Maße stimmt es, dass dem Künstler selbst das rumänische Publikum durchaus nicht gleichgültig war und es ihm sehr daran lag, die Verbindungen mit dem gesellschaftlichen Medium seiner Herkunft und seiner künstlerischen Ausbildung wieder aufzunehmen. Diese Verbindung war seinerzeit brutal unterbrochen worden und musste unterbrochen bleiben, solange der Eiserne Vorhang Ost und West trennte.

Möglicherweise fand die wahre Heimkehr des Peter Jacobi erst mit der Fotoreise statt, die er 2004 begann und 2005 fortsetzte: Monatelang ist er in diesen Jahren durch die Dörfer Siebenbürgens gezogen, auch die weit abgelegenen hat er aufgesucht und über zweihundert Ortschaften „inventarisiert”; er tat das mit der Leidenschaft und der Genauigkeit eines von seinem Thema gebannten Forschers, aber auch mit dem Gefühl des heimkehrenden Sohnes. Peter Jacobis Vater und seine Großeltern stammen aus Streitfort, er selbst ist in der rumänischen Erdölstadt Ploieşti geboren. Die Peripetien, die die Familie in den Kriegs- und Nachkriegsjahren durchzumachen hatte, brachten den wiederholten Ortswechsel mit sich.
Felmern – ruinöses Ensemble. Foto: Peter ...
Felmern – ruinöses Ensemble. Foto: Peter Jacobi
Die Kirchenburgen der Siebenbürger Sachsen, von denen einige bereits im 12. Jahrhundert erbaut wurden, stellen ein historisches und kulturelles Erbe von unschätzbarem Wert dar, das gerade jetzt, nach dem Massenexodus der deutschen Bevölkerung Rumäniens, in höchstem Grade vom Verfall bedroht ist. Die Auswanderung, die nach dem Zweiten Weltkrieg begann, hat sich nach dem Ende der kommunistischen Diktatur dramatisch fortgesetzt und heute sind manche Gemeinden weitgehend entvölkert. So können die Kirchen ihre Bestimmung nicht mehr erfüllen, die Gläubigen, für die und von denen sie errichtet worden sind, können sie nicht mehr instand halten. Die örtlichen Behörden und die Institutionen, die eigens ins Leben gerufen wurden, um den Schutz und die Restaurierung des nationalen Erbes zu betreiben, sind kaum imstande, dem Verfall entgegenzuwirken, so dass vielleicht die einzige Chance, die wertvollen Denkmäler doch noch zu retten, im Engagement von Enthusiasten besteht, die sich, wie Peter Jacobi, dieser vornehmen und vielleicht unerfüllbaren Aufgabe widmen.

Die Leistung, die Peter Jacobi hier erbracht hat, erfüllt Anforderungen, wie man sie an historische und anthropologische Forschungsberichte stellt, und trägt zugleich die Züge einer guten Reportage. Zunächst wurde eine Auswahl der eindrucksvollsten Fotografien zusammen mit einem Aufruf zur Rettung der abgebildeten Denkmäler im Internet veröffentlicht. Das dringendste Anliegen des Künstlers war es, alle Kräfte zu mobilisieren, die dazu beitragen könnten, den in manchen Fällen schon weit fortgeschrittenen Verfall aufzuhalten. Die dem Abbild jedes einzelnen Gebäudes beigefügten Daten beziehen sich auf den allgemeinen Zustand der Bausubstanz und auf die Dringlichkeit der Maßnahmen, die zu ergreifen wären. Es handelt sich in erster Linie um Angaben, die sich auf den Zustand des Daches beziehen, auf das Mauerwerk, den Verputz, auf die eventuell noch vorhandenen Altäre und Orgeln. So gibt es neben sehr alten Altarbildern auch neuere, die jede Aufmerksamkeit verdienen, wie zum Beispiel das von Arthur Coulin im Jahr 1911 für die Kirche in Henndorf gemalte. Es gibt auch Angaben über gestohlene Altarbilder und wertvolles Kirchengerät, das verschwunden ist, sowie über jene Werke, die gesammelt und an sichere Orte verbracht worden sind. Auch Restaurierungsarbeiten, die viel früher, und solche, die in neuerer Zeit unternommen worden sind, wurden verzeichnet. Die genaue Bestandsaufnahme bezieht auch die Pfarrhäuser und andere dazugehörende Gebäude ein. Es ergibt sich somit eine klinische Zustandsbeschreibung und sehr oft wird uns auch mitgeteilt, wie viele sächsische Dorfbewohner es zur Zeit der Bestandsaufnahme noch gab. Von besonderem Interesse sind jene – allerdings seltenen – Fälle, in denen die alten evangelischen Kirchen von den orthodoxen Gemeinden übernommen wurden. Die Kirchen von Kleinbistritz und Waltersdorf können als Beispiele angeführt werden. Schon durch ihren Eklektizismus bieten solche Erscheinungen der kulturellen Überschneidung ein höchst wirksames visuelles Schauspiel: orthodoxe Kultgegenstände und dekorative Elemente der rumänischen Folklore überlagern protestantisch geprägte Grundformen und Raumstrukturen. So ersetzt die Ikonosthase den Altar, die bunte, fröhliche Wandmalerei und die mit roten Blumen bestickten Tücher fügen sich der vorhandenen Architektur, deren beeindruckende Strenge sie gleichzeitig unterlaufen.

Ein Hauch von Untergang

Jenseits ihres dokumentarischen und unmittelbar praktischen Charakters zeichnet sich Peter Jacobis Arbeit auch dadurch aus, dass sie Ausdruck des Bedürfnisses ist, zur eigenen Vergangenheit in Beziehung zu treten, dass sie eine Art Wallfahrt zu den Ursprüngen der siebenbürgischen Zivilisation darstellt. Jacobi hat die Spur seines Erlebens verfolgt, hat das kollektive Gedächtnis und die eigene Biographie erforscht und dabei eine neuartige, ergreifende künstlerische Erfahrung gemacht. All diese Blickrichtungen finden sich, übereinander gelagert oder einander durchdringend, in den Tausenden von Fotografien der siebenbürgisch-sächsischen Denkmäler wieder, von denen der vorliegende Band natürlich nur eine begrenzte Auswahl vorstellen kann.
Peter Jacobi: „Aufgabe“ – Ev. ...
Peter Jacobi: „Aufgabe“ – Ev. Kirche in Felldorf
Ergreifend sind die Bildnisse der Männer und Frauen, die sich – da, wo es so etwas noch gibt – um die Kirchen kümmern. Sie haben meist die 70 überschritten. Martin Werner in Meschendorf ist 95 Jahre alt. Im Dorf leben noch fünf vom Alter gezeichnete Siebenbürger Sachsen. „Es gibt keinen Nachfolger für Martin Werner“, notiert Jacobi lakonisch. Diese letzten Überlebenden scheinen aus Dino Buzattis exemplarischem Buch über die Einsamkeit, „Die Tatarenwüste“, zu stammen, aus jenem Werk, in dem geschildert wird, wie die Wächter einer lange schon aufgegebenen Vorpostenstellung vom Rande eines Reiches ihre Pflicht weiter erfüllen, nach strengen militärischen Regeln leben und in eine Ferne starren, aus der nichts mehr zu erwarten ist.

An vielen Orten tragen die Wände im Inneren der Kirchen Aufschriften, die, wie jenes strenge „Bete und arbeite“, heute ins Leere zu gehen scheinen. Manchmal allerdings haben wir den Eindruck, dass die Mahnung sich direkt an uns richtet, dass sie uns, die wir eilig weiterziehen, unsere Oberflächlichkeit vorhalten, so wie jenes pathetische „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden“, das wir in Bodendorf zu lesen bekommen. Ein Hauch von Verlassenheit, von Untergang umspielt diese Bilder.

Kein resignierender Nostalgiker

Für Peter Jacobi sind die Kirchen, die er fotografiert, vertraute architektonische Strukturen: durch seine Herkunft und seinen Werdegang ist er ihnen verbunden; trotzdem öffnet sich aber auch hier ein Raum für das künstlerische Abenteuer. So sehen wir auch Fotografien, die scheinbar gar nichts mit dem dargestellten Monument zu tun haben, die, ohne die nötigen Angaben, schwer lokalisierbar wären. Das Unerwartete bricht aus dem Vertrautesten hervor. Hier kommt eine zeitgenössische künstlerische Kultur in vollem Umfang zum Ausdruck, wir werden mit einer visuellen Ästhetik konfrontiert, in der die Fotografie als originelles Medium der Bildproduktion eingesetzt wird.

In den versteckten Winkeln der Kirchen und ihrer Türme, in jenen Bereichen der Baudenkmäler, die nicht allgemein zugänglich sind, entdeckt Peter Jacobis Blick reiches Material für seine Bilder. Die undichten Dächer vieler Kirchen auf Jacobis Bildern lassen Lichtschimmer in die dunklen Speicherräume fallen und erinnern so an bestirnte Himmelsgewölbe. Der Dachboden ist ein Ort zum Träumen, er wird zum Ort der unerwarteten Öffnung zur Welt. Wenn er seine eigenen Arbeiten ablichtete und dem Betrachter eine gewisse Sicht und Interpretationsweise seines Werkes nahe legen wollte, stattete seinerzeit auch Brâncuşi die Fotografie mit einer entwerfenden, vorausgreifenden, betont poetischen Funktion aus. Auf manchen dieser Dachböden gibt es auch noch die alten Truhen, in denen Lebensmittel aufbewahrt wurden; sie sehen wie antike Sarkophage aus und suggerieren Räume, die den Toten geweiht sind. Als ich die Bilder aus Henndorf betrachtete, hatte ich für einen Augenblick den Eindruck, im British Museum, im Saal der ägyptischen Sarkophage zu sein.

Von einem gewissen Zeitpunkt an ist übrigens der Todesgedanke in Jacobis künstlerischem Werk in beharrlicher Weise präsent. Die alten Bunker, die Trümmerberge, diese fremdartig wirkenden Bodenformen aus dem Schutt des Krieges, die sich paradoxerweise friedlich in die Landschaft fügen und ironische Namen wie Monte Scherbellino tragen, die Grabstätten berühmter Landsleute, von Emil Cioran, Mircea Eliade, Eugen Ionesco und Tristan Tzara bis zu Paul Celan, Carl Filtsch oder Henri Nouveau, die unbeweglichen Gesichter der Damen vergangener Zeiten, die, in festliche Volkstracht gekleidet, im Flüchtigen die Dauer zu suggerieren scheinen: All diesen Themen hat der Künstler seit den achtziger Jahren Fotoreihen gewidmet, die er digital verfremdete.

Neue Themenkreise erschließen sich jetzt aufgrund der visuellen Erfahrungen, die sich im Umgang mit den siebenbürgischen Baudenkmälern ergeben haben. Peter Jacobi stattet die abgelebte Vergangenheit in seiner Vorstellungswelt symbolisch neu aus, er rehabilitiert das Gewesene kraft der eigenen Subjektivität. Das Innere der Kirchtürme mit den schlichten, aber perfekt funktionierenden Mechanismen ihrer Uhren, die schweren, unbehauenen oder eiförmig geschliffenen, an Brâncuşi erinnernden Steine, die an kräftig-suggestiv wirkenden Seilen hängen – all diese Bildmotive bezeugen nachdrücklich, dass hier, um mit Levi Strauss zu sprechen - der Eifer eines Bricoleur am Werk war. Peter Jacobis geschulter Blick entdeckt unerprobte plastische Effekte, sieht gleichsam „vorgefundene“ Installationen, die er von der Warte des zeitgenössischen künstlerischen Denkens aus einholt. In der geometrischen Konstruktion der Dachstühle mit ihren jahrhundertealten Balken entdeckt er konzeptuelle Bildwerke reinster Essenz. Und der bis zur Renovierung mit Filz umhüllte Altar suggeriert bildnerische Entwürfe von Joseph Beuys.

Die Gegenüberstellung von Ordnung und Zerstörung, von Konstruktion und Entropie scheint überhaupt der Gedanke zu sein, der diesem ganzen Abschnitt von Jacobis Schaffen zu Grunde liegt. Und paradoxerweise tritt die Idee des Niedergangs, der Verlassenheit dort am eindringlichsten ans Licht, wo die Auflösung noch nicht begonnen hat, wo aber das Leben museal erstarrt ist.

Die Serie dieser dokumentarisch wie künstlerisch höchst wertvollen Fotografien schöpft jedoch die Handlungsbereitschaft des Künstlers nicht aus. Diesem ganzen Wandern von Dorf zu Dorf, von Kirche zu Kirche, wächst symbolische Bedeutung zu. Peter Jacobi ist seinerseits ein siebenbürgischer Wanderer, er kommt in einer anderen historischen Zeit, von durchaus anderen Beweggründen und Obsessionen getrieben, um den sieben Jahrhunderte alten transsilvanischen Bauten ein heutiges, ephemeres Denkmal zu setzen. Hier spricht nicht ein resignierender Nostalgiker, das Kontemplative stellt sich hier nicht der Absicht zu handeln in den Weg, dem Willen zu retten, was noch gerettet werden kann.

Ioana Vlasiu

„Siebenbürgen – Bilder einer Reise. Wehr- und Kirchenburgen. Ein Bericht von Peter Jacobi. Pelegrin prin Transilvania“, Ulm 2007, 175 Sei­ten, Preis: 20 Euro, zuzüglich Versand, ISBN 978-3-9810825-4-8, zu beziehen beim Buchversand Südost, Tele­fon: (0 71 32) 95 11 612, (werktags 18-21 Uhr), Fax: (0 71 32) 9 51 16 13, E-Mail: info [ät] siebenbuergen-buch.de.

Schlagwörter: Kirchenburgen, Kulturhauptstadt, Fotografie

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