29. Februar 2008

Siebenbürgische Malerei im Brukenthalpalais

Am 20. Januar ging mit der Ausstellung zu „Siebenbürgischen Künstlern in europäischen Kulturzentren” am restituierten Brukenthalmuseum auf leisen Sohlen eine kleine Sensation zu Ende. Die beinahe 200 gezeigten Werke waren zu einem Großteil Leihgaben aus anderen Museen und Privatsammlungen. Damit beendete das Museum einerseits das eigene Ausstellungsfeuerwerk des Kulturhaupstadtjahres und betrat andererseits erstmals in seiner Geschichte die Welt der großen Ausstellungsmacher als vielfacher Leihnehmer – Grund genug, um Rückschau zu halten.
Zweifellos stellte das Jahr 2007 für das Brukenthalmuseum einen Markstein dar. Es war das erste Geschäftsjahr nach der Restitution und somit auch das erste, in dem man sich aus der Zuordnung von zwei Beiräten – beide mit kirchlicher Beteiligung – zu der neuen Museumsleitung einen positiven Einfluss versprechen durfte. Gleichzeitig sah sich das Museum mit dem Kulturhauptstadtjahr sowohl der Chance gegenüber, zusätzliche finanzielle Mittel beantragen zu dürfen als auch der Herausforderung, sie in großen Ausstellungsprojekten umsetzen zu müssen.

Die Größe von Ausstellungen liegt aber nicht in der Masse der ausgestellten Kunstwerke; sie liegt in der Art, wie sie präsentiert werden. Wodurch wird eine simple Bilderhängung zu einer Ausstellung? Es gibt eine einzige richtige Antwort: Durch das Zugrundelegen eines Anliegens bzw. eines Themas. Während des Kulturhauptstadtjahres zeigte sich das Brukenthalmuseum innovativ und richtete drei große Ausstellungen aus, die ihre kontroversen Themen kluger Weise nicht in feste Aussagen, sondern in Fragen kleideten. Die Eröffnungsausstellung, „Samuel von Brukenthal - Modell Aufklärung”, zirkelte die Frage nach dem Wert von Brukenthals Erbe für die Hermannstädter Geschichte und Gegenwart ein.
Die Speerspitze der siebenbürgischen Avantgarde: ...
Die Speerspitze der siebenbürgischen Avantgarde: Von Hans Mattis-Teutsch waren Bilder aus allen Schaffensphasen zu sehen. Foto: Frank-Thomas Ziegler
Die beiden folgenden widmeten sich dem „Kunstraum Siebenbürgen” - und damit letztlich der Frage einer gesamtsiebenbürgischen Identitätsstiftung durch Kunst: Gab es – und gibt es - einen eigenen „Kulturraum Siebenbürgen”? Inwiefern lassen sich dafür Belege in der Kunst finden? Inwiefern gehört dieses Kulturraum zum Kulturkosmos Mitteleuropas? Während des Sommers 2007 lief die Ausstellung „Confluenţe. Repere europene în arta transilvăneană” („Konfluenzen. Europäische Bezüge in der siebenbürgischen Kunst”), und erst am 20. Januar schloss die dritte ihre Pforten: „Pictori din Transilvania în centre artistice europene” (Maler aus Siebenbürgen in europäischen Kunstzentren).

Mit allen drei Ausstellungen knüpfte das Brukenthalmuseum an solche Ausstellungen „osteuropäischer” Museen – z. B. des Budapester Museums der Schönen Künste – an, die nach der Wende die Spur künstlerischer Ost-West-Verbindungen der Vorkriegszeit verfolgten, um den zukünftigen Platz der eigenen Kultur innerhalb des neuen Europa aufzuspüren. Am Brukenthalmuseum hat die innovative Kunsthistorikerin Iulia Mesea an den beiden ersten Ausstellungen intensiv mitgearbeitet und zeichnet für Letztere selbst verantwortlich – eine treibende und inzwischen unverzichtbare Kraft des Museums.

Während die ersten beiden Ausstellungen ausschließlich eigene Bestände des Brukenthalmuseums zeigten, stützte sich die dritte auf einen hohen Anteil an Leihgaben. Die Liste der ausgestellten Künstler las sich wie ein Who-is-who der siebenbürgischen Kunstgeschichte und legte den Ausstellungsschwerpunkt auf die Zeit zwischen 1880 und 1950 offen: J. M. Stock, Miklós Barabás, Friedrich Miess, Arthur Coulin, Sándor Ziffer, Ernő Tibor, Simon Hollósy, Hans Mattis-Teutsch, Henri Nouveau, Hans Eder, Hermann Konnerth, Grete Csáki-Copony und viele andere mehr. Die Ausstellung versammelte ein für die Kunst dieser Zeit repräsentatives Werkspektrum.

Nie zuvor hat das Brukenthalmuseum eine Ausstellung ausgerichtet, die mit einem so hohen Anteil an Leihgaben aus Museen und Privatsammlungen – etwa 80% – bestückt war. Das Leihen von Kunstwerken ist zunächst eine Vertrauens- und dann eine finanzielle Frage und deswegen eben nur den entsprechend ausgestatteten Museen möglich. Ein aufgestocktes Museumsbudget und der alle Bildbesitzer milde stimmende Anlass des Hermannstädter Festjahres schufen eine günstige Ausgangslage für Leihwünsche. Die Leihbereitschaft und finanzielle Unterstützung des Siebenbürgischen Museums Gundelsheim und der Kunstmuseen in Kornwestheim (Stuttgart), Frauenbach (Baia Mare) und Kronstadt ermöglichten das außergewöhnliche Format der Ausstellung. Das Szeklerische Nationalmuseum in St. Georgen (Sfântu Gheorghe) stellte nicht weniger als neun bedeutende Gemälde von Hans Mattis-Teutsch zur Verfügung. Werke aus Privatsammlungen konnten durch Vermittlung von Dr. Irmgard Sedler, Leiterin der Städtischen Museen in Kornwestheim und Vorsitzende des Siebenbürgischen Museums e.V., ebenfalls ausgestellt werden.

Eine so große Ausstellung ist meistens mit Zugeständnissen an die Qualität mancher Ausstellungsstücke verbunden. Der Grund dafür lag auch hier offenbar in dem Ziel größtmöglicher Repräsentativität der getroffenen Auswahl für das individuelle Lebenswerk, sowohl der bescheidenen Anfänge als auch der Reife – was tatsächlich neue Einsichten ermöglichte. Dennoch: Wenn sich auch von der siebenbürgischen Klassischen Moderne zu Recht behaupten lässt, dass sie eine gemeinhin „gemäßigte” gewesen ist, so bedeutet das nicht, dass sie nicht genügend hervorragende Kunstwerke gezeitigt hätte, um eine Ausstellung erschöpfend zu füllen. Gleichzeitig führte die durch die Bildermenge entstandene Raumnot dazu, dass wirklich herausragende Arbeiten nicht immer den Platz erhielten, der ihrem Rang entspricht. Henri Nouvaus kleinformatige Werke wirkten an der engen Fensterwand des übervollen Teutsch-Raums etwas abgedrängt.

Das formale Konzept der Schau blieb dennoch wohltuend übersichtlich: Es bestand aus einer grundsätzlich chronologischen Aneinanderreihung der individuellen Werkensembles. Wie aber wurde das inhaltliche Ausstellungsthema anhand der Werke umgesetzt? Dass die Ausbildung der Künstler an den Akademien von Budapest, Wien, München etc. stattgefunden hatte, gaben höchstens die Werke selbst preis. Nichts fand sich über Lebensstationen, Leitgedanken, Lernen und Lehren der Künstler. Das „Who-is-who” der Künstlernamen gelang auf diese Weise leicht zu einem „Who-is-who?”. Wenngleich alle drei Brukenthal’schen Ausstellungskonzepte mit beinahe schlafwandlerischer Sicherheit wiederholt brennende Fragestellungen punktgenau trafen, blieben die in den Ausstellungstiteln vorgegebenen Themen: „Modell” – „Confluenţe” – „Centre artistice” im Rahmen der eigentlichen Schau verborgen. Die kanonischen Mittel der textgestützten Kunstvermittlung: Ausstellungstext – Raumtext – Objekttext beschränkten sich fast immer auf Objekttexte mit reinen Grunddaten und umgingen das eigentliche Thema mit überraschender Stringenz. Die verbliebene Objektbeschilderung war auf verständlichen Wunsch der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien mehrsprachig, aber der Ehrgeiz zur Vermeidung von Fehlern in Orthographie und Terminologie blieb steigerungsfähig. Da der erste Raum zur Schau der „Kunstzentren” im Ausstellungsrundgang des Palais nicht durch Banner, Wandtexte etc. als solcher identifizierbar war, verschmolz die Ausstellung nahtlos mit dem Ende der räumlich vorgelagerten Ausstellung „Modell Aufklärung” – entweder eine geniale Idee oder ein Zufall, der die Schwächen beider Umsetzungen offen legte. Es gilt weiterhin der Grundsatz: Je anspruchsvoller eine Ausstellung ist, desto strukturierter muss ihre Vermittlung sein.

Die Ausbaufähigkeit der Ausstellungsdidaktik ist ein gemeinsamer Grundzug der drei großen Ausstellungen im Brukenthalmuseum und hängt vielleicht auch damit zusammen, dass die bewährte Schlüsselstelle des Kunstvermittlers (Scharnierfunktion zwischen Wissenschaftler und Besucher) am Museum noch nicht eingerichtet ist. Nach den kommunistischen Jahrzehnten der ideologischen Vereinnahmung ist es allerdings umso wesentlicher, in Nationalmuseen behutsame und sachliche Aufklärungsarbeit zu leisten. Anfänge sind dafür auch am Brukenthalmuseum gemacht. Wer etwas über die Ausstellungsstücke des Brukenthalmuseums erfahren wollte, sah sich in allen drei Fällen auf den Ausstellungskatalog verwiesen, ein sehr attraktives und informatives, wenn auch unhandliches und kostspieliges Vergnügen. Dass es solche Begleitkataloge im Brukenthalmuseum inzwischen gibt, verdient eindeutige Anerkennung, auch wenn Lektorat und Endredaktion fürderhin einem bewährten Verlag überlassen werden möchten. Zu der jüngsten Ausstellung ist ein sicherlich lesenswerter Katalog in rumänischer Sprache erschienen, der Beiträge von anerkannten Spezialisten wie Gudrun-Liane Ittu und Marius Tataru vereint. Er enthält überdies kurze Künstlerbiographien und ist reich mit Abbildungen – etwa 180 an der Zahl – ausgestattet.

Was ist nun nach dem Kulturhauptstadtjahr von dem Brukenthalmuseum zu erwarten? Zwar ist das Flaggschiff der siebenbürgischen Kunstmuseen in kirchlichem Besitz gewissermaßen noch ein Sorgenkind mit künstlerischer Sonderbegabung. Ausstellungen wie diese schenken – neben der heimlichen Furcht vor dem schleichenden Weiterleben ungnädigen Bilderhängens – jedoch zunehmend die Hoffnung, es hier doch vielleicht mit dem Keim eines Wunderkindes der Ausstellungskunst zu tun haben zu dürfen.

Frank-Thomas Ziegler

Schlagwörter: Brukenthal, Museum, Gundelsheim, Kulturhauptstadt

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