3. März 2008

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Siebenbürgisches Bauernmuseum in Augsburg

„Ein ausgebauter Dachboden in der Hammerschmiede birgt ein ganzes Museum: Stück um Stück trug dort ein in Augsburg lebender Siebenbürger Erinnerungen aus seiner Heimat zusammen. Um Platz für das bäuerliche Kulturgut zu schaffen, baute er in eigener Arbeit ein verfallenes Bauernhaus an der Neuburger Straße so aus, dass es heute wieder zu den historischen Kostbarkeiten des Siedlungsgebietes gehört.“ (Augsburger Allgemeine/ 27. Mai 1978). Dieser in Augsburg lebende Siebenbürger ist Gerhard Rill.
Gerhard Rill wurde 1933 in Bistritz geboren und musste die angestammte Heimat 1944 mit dem Treck in Richtung Oberösterreich verlassen. Schon 1945 ging die unfreiwillige Reise weiter, um im schwäbischen Augsburg zu enden. 1969 zog es den jungen Mann in die Heimat Siebenbürgen zurück. Es folgten über dreißig Heimaturlaubsreisen, von denen er mit den „gesammelten Wertsachen“ unter schwierigsten Bedingungen Richtung Augsburg zurückkam. Vor vierzig Jahren erwarb der rührige Rentner ein denkmalgeschütztes Bauernhaus in der Hammerschmiede, einem Stadtteil von Augsburg. Im Alleingang sanierte er dieses Anwesen. Seine seit 1967 gesammelten Gegenstände fanden hier einen adäquaten Platz. Gerhard Rill zeigt in seinem Museum in Augsburg ...Gerhard Rill zeigt in seinem Museum in Augsburg einen reichen Fundus an bäuerlichem Kulturgut. Foto: Privat Ein Gästebuch dokumentiert die Eindrücke vieler Besucher. Elvine Rill aus Hermannstadt schreibt am 22. Dezember 1978 ins Gästebuch: „Um die Sammlung des Bauernmuseums von Gerhard Rill aus Augsburg zu würdigen, gehört wohl viel Heimatliebe und auch ein wenig Kunstbegeisterung dazu. Die hier mühselig zusammengetragenen Gegenstände sind so zahlreich und vielfältig, dass ein einziger Besuch kaum genügen kann, um all die schönen sächsischen Volksgutsammlungen aus Siebenbürgen zu betrachten und zu würdigen.“ Dies war auch mein Eindruck nach unserem Besuch im trauten Heim der Familie Gerhard und Erika Rill im Mai 2007. Gute Kontakte zur Kreisgruppe Augsburg ermöglichten es, dass dieses Haus in der Neuburger Straße bald zum Treffpunkt von Landsleuten wurde. Hier wurde in heimischer Atmosphäre beraten, gesungen, musiziert und gehandarbeitet.

Gerhard Rill war sehr bemüht, seine gesammelten musealen Wertstücke der Öffentlichkeit zu zeigen. Beim Aussiedlerbeirat Augsburg/Schwaben wurde man auf das siebenbürgische Bauernmuseum Rill aufmerksam. Vertreter der Regierung von Schwaben, der Stadt Augsburg, der karitativen Verbände und Landsmannschaften, die im BdV vereint sind, besuchten im Rahmen der Veranstaltung „Vertriebene stellen ihre Heimat vor“ 1991 das Anwesen in Augsburg/Lechhausen. Anlässlich einer Ausstellung in Aichach stellte er diesem Gremium auch sein erstes, sehr wertvolles Exponat zur Verfügung: sein erstes Sammlerstück, eine Almerei, die herrlich bemalte Tür eines Wandschrankes mit der Jahreszahl 1830 aus Deutsch-Weißkirch, die er für 20 Lei einer Zigeunerin abgekauft hat (sie wollte damit gerade den Backofen anheizen). Damit hatte seine Leidenschaft, Kulturgüter zu suchen, finden und sie der Öffentlichkeit zu zeigen, angefangen.

Während unseres Besuches präsentierte uns Rill das symbolisch wertvollste Stück, einen Treckwagen von 1944 aus Deutsch-Zepling. Hinzu kamen eine Nachbarschaftstruhe aus Draas aus dem Jahre 1788, die größte Truhe aus Nordsiebenbürgen aus dem Jahre 1682, Bauernmöbel und ein Kachelofen, Stickereien aus dem 17./18. Jahrhundert, Hand- und Bauernwerkzeug für Viehzucht/Ochsenjoch und Feldarbeit, wie Flachs und Hanfbresche, für den Weinbau die Weinpresse sowie Hausgeräte, Geschirr, Hanklichbrett, Wäscheschlegel, Bügeleisen, eine Geldkassette aus dem Jahr 1771, Musikinstrumente und Vereinsfahnen wie die des Musikvereins aus Petersdorf 1883 und über zwanzig Trachtenpuppen aller siebenbürgischen Trachtenlandschaften mit Arbeits- und Festtrachten sowie unzählige andere Gegenstände des täglichen Gebrauchs des siebenbürgischen Alltags.

Gefunden hat er vieles bei seiner Suche auf Speichern und in Scheunen. Wer erwischt wurde, wenn er Erinnerungen aus der Heimat der Siebenbürger nach Deutschland mitnahm, der musste mit zwei bis sieben Jahren Gefängnis rechnen, erinnert er sich. Diese Leidenschaft hat seine Ehefrau Lieselotte, eine gebürtige Schäßburgerin, über die Jahre mitgetragen und ihn dabei tatkräftig unterstützt. Am Tag unseres Besuches empfing Herr Rill in seinem Bauernmuseum wichtige Gäste: Dr. Irmgard Sedler besuchte mit fachkundigen Begleitern des siebenbürgischen Museums in Gundelsheim sicher nicht zum letzten Mal dieses siebenbürgische Kleinod in Augsburg. Wir wünschen dem rüstigen Rentner noch viel Schaffenskraft, Gesundheit und Gottes Segen. Interessierte können Gerhard Rill kontaktieren unter Telefon: (08 21) 70 78 78.

Hannelore Scheiber

Schlagwörter: Museum, Augsburg

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