10. Juli 2009

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Dem Schauspieler Christian Maurer zum 70. Geburtstag

Der am 24. Mai 1939 in Hermannstadt geborene Autor und Schauspieler Christian Maurer kann auf „34 erfolgreiche Jahre auf der und für die Bühne, für Leser und Zuschauer“ zurückblicken. 1990 in die Bundesrepublik ausgesiedelt, lebt Maurer heute in der Gemeinde Thyrnau im niederbayerischen Landkreis Passau. Das anlässlich seines 70. Geburtstags entstandene Porträt von Dr. Horst Fassel verortet den langjährigen Leiter der Deutschen Abteilung des Hermannstädter Staatstheaters (1962 bis 1989) in die ehemals prägenden kulturpolitischen und gesellschaftlichen Zeitströmungen.
Die Bukarester Tageszeitung Neuer Weg rief 1956 zu einem Preisausschreiben auf, bei dem es in der Sparte Lyrik eine Überraschung gab. Keiner der damals renommierten Schriftsteller erhielt den ersten Preis, sondern ein Hermannstädter Abiturient, dessen Gedicht „Die Doina“ die Juroren beeindruckt hatte. Er hieß Christian Maurer und war mit einem Schlag eine große Hoffnung der rumäniendeutschen Literatur. Diese versuchte gerade, das wiedererwachte Selbstbewusstsein der Siebenbürger und Banater unter anderen Vorzeichen als vor 1945 zu definieren und wollte nach den vielfachen Diskriminierungen der Deutschen in Rumänien Hoffnung vermitteln. Dass 1956 auch Adolf Meschendörfer in der „Neuen Literatur“ mit einem Sonderheft geehrt wurde, passt zu dieser Aufbruchsstimmung und zur Besinnung auf das Eigene. Auch der Hermannstädter Bachchor durfte im gleichen Jahr sein 25. Jubiläum feiern, und am 12. August konnte mit Brechts „Mutter Courage“ wieder deutsches Theater in Hermannstadt einziehen. Allerdings wurde die kulturelle Selbständigkeit der Siebenbürger Sachsen und der Banater Schwaben bald wieder in vorgegebene Schranken verwiesen, als 1959 in Kronstadt der berüchtigte politische Prozess gegen fünf siebenbürgisch-sächsische Autoren stattfand und 1960 im Banat zehn Intellektuelle abgeurteilt wurden.

Die deutsche Literatur und Kultur war dazu angehalten, sich mit dem Regime zu arrangieren, und Institutionen wie das Theater taten dies mit Erfolg und ohne einen Totalverzicht auf eigene Bildungsfreiräume. Zu den vielfältig engagierten Autoren und Künstlern gehörte Christian Maurer. Bis 1990 ließ er sich durch nichts abschrecken und trug erheblich dazu bei, dass sich ein deutschsprachiges Kulturleben in Siebenbürgen entfalten konnte. Daran ist zu erinnern, denn nach der Umsiedlung 1990 war Maurer „Übergangslos“, wie Teil zwei seines letzten Gedichtbandes heißt („Schöpf Sieb um Sieb vom Regen. Gedichte eines Siebenbürgers“, 2002), zu unfreiwilligen Tätigkeiten und zur Abstinenz verurteilt, weil es in der neuen Heimat zwar Siebenbürger Sachsen, aber keine Bleibe in einer im Laufe der Jahrhunderte selbst gestalteten Umgebung und Kultur gab. Das ist heute für Maurer selbst ein triftiger Grund, die „gesunkene Arche“ (im gleichen Gedichtband) und die „verschüttete heimat“ in Erinnerung zu rufen, aber nach den 34 erfolgreichen Jahren auf der und für die Bühne, für Leser und Zuschauer, kann man von einem erfüllten Leben sprechen, auf das man zurückblickt und das seinen Sinn in einer Gemeinschaft entfaltet hat, die sich heute rückbesinnen und dafür sorgen kann, dass Historisches in seiner tatsächlichen Bedeutung weiterhin wahrgenommen wird.

Christian Maurer lebt in und mit der Sprache, „dem selbst-/verständlichen miß-/verständnis“. Als Autor hat er in der Lyrik die Spannbreite zwischen Tradition und Modernität zu ermessen versucht. Seine Gedichte, in drei Bänden zusammengefasst („Die Hände“, 1964, „Bussardland und nebenher“, 1975; „Schöpf Sieb um Sieb vom Regen“, 2002), sind Ausdruck der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaftsbildung, in der von Goethe bis Rilke, von Morgenstern und Ringelnatz bis Benn viele Hinterlassenschaften übernommen und neu definiert werden. Naturverbundenheit mit dem Karpatenland, Dinggedichte, in denen Bewegung und Verwandlung Unaufhörlichkeit suggerieren: damit begann es bei Maurer schon 1956. Schon „Die Doina“ ist die eigenwillige Neuauslegung des Dinggedichts: „Es steigen Töne/ Wallen,/ Fallen/ und steigen wieder und verwehn…/ So braust der Wildbach,/ Murmeln Quellen,/ So taucht die Sehnsucht aus den Wellen,/ Du hörst es kommen, hörst es gehen…/ Dazwischen weint die Hirtenflöte.“ Dass C. F. Meyer und Rilke zum literarischen Rüstzeug des Autors gehörten, bestätigt er im Sammelband „Bussardland und nebenher“ (1975) durch „Fontäne Herbst“ und „Römischer Brunnen“. Als politisch Denkender und Handelnder tritt uns Maurer in seinem ersten Gedichtband „Die Hände“ entgegen. Da darf ein Gedicht über den progressiven Kongolesen Patrice Lumumba nicht fehlen, da gibt es nicht nur Kinder-, Frauen-, Mutterhände, sondern auch die von Arbeitern: „damit Millionen/ Milchstraßen blühen/ aus runden, weißen Schalen“ (es war die Zeit der Weltraumflüge!), schließlich die von Kollektivbauern. Ein 1959 Geborener steht dem Kommunismus „Aug in Auge gegenüber“ usw. Das war jeweils ein Beitrag Maurers zur zeitpolitischen Kultur des damaligen Rumäniens. Dazu gehörte ebenso, dass der Jubilar den Wahlkreis 87 von Hermannstadt im rumänischen Parlament vertrat, ein langjähriges Mitglied des Hermannstädter Stadtrates war, Mitglied der Kommunistischen Partei Rumäniens (KPR). 2002 gab es eine neue Facette des Engagements: im Gedichtband „Schöpf Sieb um Sieb vom Regen“ wird die Erinnerungslandschaft Siebenbürgen ermessen: der Türkenhügel, der städtische Friedhof, die Kälbergasse, der Schewis-Bach, Großscheuern und vieles mehr. Auch die Mythen spielen eine Rolle, und wie immer bei Maurer: die Entmythisierungen. In den sieben „Lügenmären“ wird festgehalten, dass in dem Augenblick, „da war die Welt vollbracht“, nachdem Gott Siebenbürgen geformt hatte. Die Richtung seit 1964 und 1970 hat sich geändert: zunächst Zukunftsvisionen, zuletzt Rückblicke und – trotz der Verfremdungen – dominieren Endzeitaspekte.

Zur schriftstellerischen Tätigkeit gehören die Beiträge zur Tätigkeit des eigenen Ensembles. Für das erste Unterhaltungsprogramm 1957 hatte Maurer die Szenette „Blick zurück“ verfasst, außerdem steuerte er zum späteren Spielplan Übersetzungen und Adaptionen bei. Das Stück „Sosesc deseara“ von Tudor Muşatescu wurde z. B. ins siebenbürgische Milieu verlegt und hieß „Der Student aus Wien“ (1969).

Dreh- und Angelpunkt des Ensembles

1958 hatte Maurer das Lustspiel „Die Heiligen von Belleschdorf“ verfasst, es aber erst 1970 mit dem Volkstheater Mediasch einstudiert. In den siebziger Jahren war er mit „Ein spätes La Paloma“ und „Ausflug auf den Perser“ Hausautor des Hermannstädter Theaters. Wolf von Aichelburg schrieb über „Ein spätes La Paloma“: „Hier ist in volkstümlicher Art Laune, Sinn und Theatergeschick vereint und tut seine Wirkung. Man findet alles wieder, Orte und Typen, jeden Ulk, jede Querköpfigkeit, jede Anekdote und Liebenswürdigkeit, die zwischen Stadt und Dorf gedeiht (…) ganz wie von selbst an seinem Platz, als wär es mit dem Stück zur Welt gekommen.“ Mehr Kritik erntete Maurer mit „Ausflug auf den Perser“, doch beide Stücke waren Kassenschlager, weil – wie es Horst Weber festhielt – Maurer als Theatermann genau wusste, wie man mit Pointen und Ironie den Zuschauer gewinnen kann. Das zweiterfolgreichste Stücke des Hermannstädter Theaters überhaupt war – nach Schillers „Kabale und Liebe“ - das Märchenstück „Das kalte Herz“, eine Gemeinschaftsarbeit von Maurer und Kurt Conradt; bei den Inszenierungen von 1972 und 1979 erlebte es 135 Aufführungen und wurde von 37 296 Zuschauern gesehen. Mit Hanns Schuschnig verfasste Maurer ein Stefan-Ludwig-Roth-Stück, dessen erster Teil es auf 17 Aufführungen brachte (1976). Ein Prosit auf Christian Maurer
 – im Bild mit ...Ein Prosit auf Christian Maurer – im Bild mit Rose­marie Müller bei einer Vor­stellung der deutschen Ab­teilung des Hermannstädter Theaters im Jahre 1967 – zum 70. Geburtstag und für 34 erfolgreiche Jahre auf der Bühne und für die Bühne. Natürlich waren diese Werke Teil der vielfältigen Tätigkeit am deutschen Theater. Dieses Theater, das von Beginn an die Unterstützung der deutschen Bevölkerung genoss, war in erster Linie ein Bindeglied zwischen den Siebenbürger Sachsen. Mehr als 1,5 Millionen Zuschauer sahen die Aufführungen, und es genügt festzuhalten, dass man bis 1989 203 Mal in Mediasch, 180 Mal in Kronstadt, 147 Mal in Schäßburg, 133 Mal in Agnetheln, 130 Mal in Heltau, 127 Mal in Temeswar, 90 Mal in Zeiden war. Über 70 Prozent der Tätigkeit der deutschen Bühne fand außerhalb Hermanstadts statt.

Seit 1961 war Christian Maurer nicht nur, wie dies Frieder Schuller 1971 formulierte, die „eiserne Reserve“ des Ensembles, sondern, neben Margot Göttlinger, auch der am häufigsten eingesetzte Regisseur. 1958 hatte er bei Karlfritz Eitel mit Regieassistenz begonnen, danach je ein Regiepraktikum bei den bekannten rumänischen Spielleitern Ion Olteanu, Radu Stanca und Ion Deloreanu absolviert. Die Zahl der Inszenierungen bis 1987 ist groß, allerdings war Hanns Schuschnig, der Maurer 1956 in drei kleineren Rollen in Brechts „Mutter Courage“ besetzt hatte, der Motor der deutschen Abteilung, deren Leiter Maurer von 1962 bis 1989 blieb. Als Regisseur war Christian Maurer in den Jahren 1962 bis 1969 und 1979 bis 1986 Dreh- und Angelpunkt des Ensembles. Da zu Beginn von Begrenzungen die Rede war: das Hermannstädter Staatstheater bestand aus einer rumänischen und einer deutschen Abteilung. Die Deutsche Abteilung (DASS) ist bis heute kein gleichberechtigter Partner und muss oft zurückstecken, wenn der rumänische Direktor seine Ansprüche geltend macht. Das hat sich nie geändert, und die Abteilungsleiter (vor 1989 Schuschnig und Maurer) waren durch ihre Kompetenz die Führungspersönlichkeiten. Eine hauptamtliche Abteilungsleiterstelle aber gab es nicht. Die dadurch bedingten Schwierigkeiten haben es den Verantwortlichen nie leicht gemacht. Dass Maurer dennoch durchhielt, ist schon an sich ein Verdienst. Dass er außerdem über hundert Rollen gestaltete, mehrere Dutzend Stücke einstudierte, als Chronist der deutschen Abteilung in Erscheinung trat („Chronik hinter Kulissen“, 1970), auch in rumänischen Filmen und Fernsehrserien mitwirkte (1969 im „Schloss der Verdammten“, 1971 im ersten rumänischen TV-Serienfilm, „Die Verfolgung“, 1974 in „August in Flammen“) lässt das Ausmaß eines intensiven Arbeitlebens erkennen. Zweifelsohne war für den Theatermann die Präsenz auf der Bühne ein existentieller Mittelpunkt.

"Ein Ästhet durch und durch"

Wie im Falle der anderen Tätigkeiten Maurers können nur einzelne herausragende Einzelbeispiele erwähnt werden. In Erinnerung blieben vor allem seine Mephisto-Inkarnationen 1962 und 1981. Rudolf Herbert schrieb 1981: „Schwarzer unbesoldeter Vertreter einer höheren Instanz, omnipräsent mit seiner stilvoll genüsslichen Bösartigkeit, manchmal auch etwas gestelzt und rhetorisch, ist er der souveräne Gastgeber des Abends.“ Da Maurer auch eine große Zahl von unterschiedlichen Typen und in unterschiedlichen Rollenfächern ausgezeichnet gestaltete, erwähnen wir auch, dass im Zeitraum 1956 bis 1971 Licht in Kleists „Zerbrochenem Krug“, Mephisto im „Faust“, George in Wilders „Unsere kleine Stadt“ seine Lieblingsrollen waren, dass er in Oscar Wildes „Bunbury“ (1971) „seinem Algernon Moncrieff mit preziöser Mimik, eine sich selbst nicht ernstnehmende Person präsentiert, verspielt bis in die Fingerspitzen, ein Ästhet durch und durch“ darstellte. In Dürrenmatts „Physikern“ (1971), die Hanns Schuschnig einstudierte, war Maurer als Newton vorzüglich und Walter Engel resümierte: „Er zeigt ein selten ausgefeiltes, äußerst aufmerksames Spiel, jede Geste, jedes verschmitzt-naive Lächeln fügt sich selbstverständlich ein. So sehr er sich anscheinend selbst über seine Rolle lustig macht, so ernst nimmt er sie.“

So sehr Christian Maurer Spiel und Verfremdung einsetzte, sprachliche Pointen bevorzugte, so ernst nahm er die Verpflichtung, etwas für seine Landsleute zu tun, ihre Kreativität anzuregen, für den Erhalt und für die permanente Neugestaltung einer Gesellschaft in dem historischen Raum Siebenbürgen zu sorgen. Die Vitalität des Darstellers, sein Leben mitten in der Gemeinschaft hat die Glaubwürdigkeit des Künstlers immer aufs Neue bestätigt. Der Verlust der eigenen Zielgruppe – ein tragisches Kapitel auch für die beiden deutschen Theater im heutigen Rumänien – hat ihn sehr schwer getroffen. Dass er trotzdem weitermacht und auch daran denkt, seine Erinnerungen über das deutsche Theater zu Papier zu bringen, ist umso anerkennenswerter. Zu seinem Geburtstag ist ihm die Gewissheit zu vermitteln, dass seine Tätigkeiten und die seiner Kollegen für eine Gemeinschaft wichtig waren, die an sich glaubte, auch wenn sie dies unter schwierigen Bedingungen zu tun hatte. Die Schwierigkeiten sind heute nicht geringer geworden, aber die Hoffnung bleibt, dass Erinnerung auch zu Neuansätzen verhelfen kann. Zur kollektiven Erinnerung gehören Christian Maurers Leistungen schon lange.

Horst Fassel

Schlagwörter: Hermannstadt, Theater, Lyrik

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