4. August 2009

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Kunstgeschichtlicher Rundgang durch Kronstadt

Mit dem von Arne Franke verfassten Kunstführer „Kronstadt/Braşov. Ein kunstgeschichtlicher Rundgang durch die Stadt unter der Zinne“ findet eine Buchreihe zu Kulturstätten im östlichen Europa ihre Fortsetzung, die mit dem ebenfalls vom freischaffenden Kunsthistoriker, Baufor­scher und Denkmalpfleger Franke stammenden Band zu Hermannstadt (Besprechung in der Siebenbürgischen Zeitung Online vom 27. Januar 2009) ihren Auftakt nahm.
Dass der zweite Band der vom Regensburger Schnell & Steiner-Verlag in Zusammenarbeit mit dem Deut­schen Kulturforum östliches Europa in Potsdam herausgegebenen Reihe nun Kronstadt gewidmet ist, erscheint nur folgerichtig: zum einen wegen des traditionellen Antagonismus der beiden Zentren des sächsischen Siedlungsgebiets in Siebenbürgen; zum anderen wegen des ähnlich beeindruckenden kulturhistorischen Potentials, mit dem die Stadt unter der Zinne aufwartet. Das Erscheinen des Kunstführers wurde durch die evangelische Honterusgemeinde in Kronstadt unterstützt. Hermannstadt und Kronstadt sowie acht weitere Städte im südlichen Siebenbürgen sind auch Gegenstand eines in Vorbereitung befindlichen, ca. 300 Seiten starken Buches, mit dem die Kooperation zwischen Franke und dem Kulturforum fortgesetzt wird.

Der hier zu besprechende Kunstführer Kron­stadt gleicht, dem Reihenprofil entsprechend in Konzept, Layout und Gliederung, dem Hermann­stadt-Band: Als eine Mischung aus klassischem Kunstführer und informativem Bildband eignet er sich sowohl als Leitfaden und Informations­quelle zur Stadtbesichtigung und deren Vor- und Nachbereitung als auch für die von einem Besuch unabhängige Lektüre. Aufgeteilt in räumlich bzw. thematisch gegliederte Stadtspaziergänge wird eine große Auswahl an kunsthistorisch in­teressanten Bau­ten aller Gattungen und Epochen von der Gotik bis zur Architektur der 1930er Jahre vorgestellt. Diesen vorangestellt sind eine kurze historische Einführung von Harald Roth sowie ein eigenes, ausführliches Kapitel zur Schwarzen Kirche als dem bedeutendsten Sakralbau der Stadt. Den meisten Raum nimmt der Rund­gang durch die In­nere Stadt ein, der auch eine Passage über den Rudolfsring einschließt. Es folgen ein Spaziergang durch die Obere Vorstadt und eine Tour entlang der ehemaligen Stadtmauer, der sich schwerpunktmäßig mit dem historischen Verteidigungsgürtel der Stadt beschäftigt. Ab­schließend geht es über den Schlossberg und Martinsberg durch die Altstadt bis zur Kirche St. Bartholomä. z ... Es fällt auf, dass somit alle historischen Stadt­teile mit Ausnahme der Blumenau berücksichtigt werden. Deren Fehlen mag in dem Umstand begründet sein, dass dort keine Bauten von kunsthistorischer Bedeutung, wie sie St. Bar­tho­lomä oder der St. Nikolaus-Kirche in der Oberen Vorstadt zukommt, zu finden sind. Da jedoch die Blumenauer sächsisch-evangelische Kirche A. B. knapp erwähnt wird, hätte dies zumindest auch der ebenfalls im 18. Jahr­hun­dert entstandenen Blumenauer ungarisch-evangelischen Kirche widerfahren müssen.

Bei den meisten Bauten konzentrieren sich die Angaben auf die Charakterisierung des äußeren Erscheinungsbildes und die Nennung der Funktion, teils des Architekten. Ausführli­chere Informationen werden zu den Sakral­bau­ten präsentiert, wobei hier auch auf die Gestal­tung der Innenräume zur Sprache kommt. Franke geht auf Ausstattungsgegenstände wie Altäre und Orgeln oder im Fall der Schwarzen Kirche auch in knapper Form auf die herausragende Sammlung anatolischer Teppiche ein und erweitert damit den sonst rein auf der Ar­chi­tektur liegenden Fokus des Kunstführers. Ver­dienstvoll ist es, dass auch die ehemalige orthodoxe Synagoge in der Burggasse Erwähnung findet. Dieser interessante, 1925-29 er­richtete Bau ist aufgrund seiner Lage in einem privaten Hinterhof nur von der Seilerbastei aus einsehbar und würde von Besuchern der Stadt sonst wohl kaum registriert werden.

Ein deutlicher Pluspunkt im Vergleich zum Hermannstadt-Band ist die verstärkte Aufmerk­samkeit, die der kunsthistorischen Ein­ordnung der Objekte gewidmet wird und die letztendlich den inhaltlichen Unterschied zu einem gängigen Stadtführer ausmacht. Dies kommt vor allem bei der lange umstrittenen Einordnung der so genannten nachgotischen – d.h. während der Barockzeit in Anlehnung an gotische Formen geschaffenen – Bauglieder der Schwarzen Kirche und der aufgezeigten Verbindung von Baufor­men an St. Bartholomä mit zisterziensischer Architektur zum Tragen. Mit dem Blick des Bauforschers weist Franke auf die zahlreichen Löcher der Steinzange in den Sandsteinquadern der Schwarzen Kirche hin und thematisiert die Stärke der Strebepfeiler des nördlichen Turm­stumpfs, die auf eine ursprüngliche Planung als Doppelturmfassade hindeuten.

In sinnvoller Weise bindet Franke stadt(bau)­geschichtliche Informationen in die Bespre­chung einzelner Objekte mit ein, so beim Rathaus oder beim Spaziergang entlang der Stadt­mauer.

Beim Lesen fallen einige kleinere Unge­reimtheiten ins Auge: So merkt Franke auf S. 15 an, das Mittelschiff des Chores der Schwarzen Kirche sei ungewöhnlicherweise breiter als das des Langhauses – das Umgekehrte ist jedoch der Fall. Auf S. 23 heißt es, der Magistrat sei 1876 vom Rathaus am Marktplatz in einen Neu­bau in der Purzengasse umgezogen; dieser wur­de jedoch, wie auf S. 18 richtig vermerkt, erst 1877/78 errichtet. Die auf S. 32 zu lesende Aussage, dass die katholische Pfarrkirche 1776-1782 mit Unterstützung „der ungarischen Herr­scherin Maria Theresia“ erbaut wurde, erweckt den Eindruck, Siebenbürgen sei zu dieser Zeit Teil Ungarns und nicht ein Wien direkt unterstelltes Großfürstentum gewesen. Franke charakterisiert die Schlossbergzeile als „von Villen der Zwischenkriegszeit gesäumt“ (S. 41); Bauten dieser Zeitstellung finden sich hier zwar ebenfalls, doch sind es die um 1900 errichteten Häu­ser, darunter die Villa Beer oder die heutige Neu­ropsychiatrische Klinik, die mit hohen Turm- und Giebelaufbauten das Straßenbild prä­gen.

Die Auswahl des reichen Abbildungsma­te­rials, das aktuelle und historische Aufnahmen sowie Stiche umfasst, ist in Informationsgehalt, Quali­tät und Abstimmung mit dem Text insgesamt überzeugend. Bei der Abbildung des einstigen Finanzpalais (heute Bürgermeisteramt) am Ru­dolfsring fällt in der Benennung die Verwechs­lung mit dem benachbarten Postgebäude auf.

Hilfreich bei der Benutzung des Führers ist der Plan der Inneren Stadt, der die wichtigsten Bauten und Plätze verzeichnet. Einen Grund­riss, wie er dem Kapitel über die Schwarze Kir­che beigegeben ist, würde man sich auch von der ebenfalls ausführlich behandelten Kir­che St. Bartholomä wünschen, zumal die Ostteile hier einen recht komplizierten Aufbau besitzen.

Zur besseren Orientierung sind die im Text behandelten Objekte fett hervorgehoben. Leider wurde dies jedoch nicht ganz konsequent durch­gehalten; hinzu kommt, dass einige Passagen ohne erkennbaren Grund markiert sind.

Der Band schließt mit einer Auswahl an weiterführender deutschsprachiger Literatur, die neben Monografien auch Aufsätze berücksichtigt. Hier wird deutlich, dass sich Franke gerade im Fall der Schwarzen Kirche auf eine ganze Reihe von Publikationen stützt, die sich noch um einige nicht genannte Titel ergänzen lässt: Neben zwei neuen Werken von Gernot Nussbä­cher: „Führer durch die Schwarze Kirche in Kronstadt“ sowie – gemeinsam mit Peter Simon – „Plastiken an der Schwarzen Kirche in Kron­stadt“ (beide Kronstadt 2007) zählen hierzu Her­mann Fabini: „Die Schwarze Kirche in Kron­stadt“ (Baudenkmäler in Siebenbürgen, Heft 20), 2. Auflage, Hermannstadt 1997 und Stefa­no Iones­cu: „Die ev. Kirchengemeinden A.B. in Siebenbürgen und ihre Teppiche. Die Schwarze Kirche und die Umgebung von Kronstadt“, Lon­don 2005.

Die vorhandene Literatur konzentriert sich je­doch zumeist auf Einzelbauten, weshalb der vorliegende Kunstführer den ersten epochenübergreifenden Überblick zu Kronstadts Bauten seit den von Gustav Treiber verfassten Kapiteln zur Baugeschichte der Stadt in der Monogra­phie Kronstadt („Das Burzenland“, Bd. 3.1., hg. von Erich Jekelius. Kronstadt 1928, S. 49-211), die mit dem Anfang des 19. Jahrhunderts abschließen, bietet (abgesehen von dem knappen Beitrag von Günter Volkmer: Bedeutende Gebäude der Stadt. In: „Kronstadt. Eine siebenbürgische Stadtgeschichte“, hg. von Harald Roth, München 1999, S. 161-168).

Dass hierbei der Schwerpunkt nicht auf der Darstellung entwicklungsgeschichtlicher Zu­sammenhänge liegt, ist durch die Gliederung in Stadtspaziergänge, die die Anwendbarkeit als Führer vor Ort gewährleistet, ein Stück weit vorgegeben.

Der vorgelegte Band ist somit nicht nur den Besuchern Kronstadts und den am Kulturerbe der Stadt Interessierten zu empfehlen; auch dem Fachpublikum bietet er erstmals einen kompakten, insgesamt fundierten Überblick über die historischen Bauten der Stadt. Es ist das Verdienst des Autors und der beteiligten Institutionen, nach dem Hermannstädter nun auch das Kronstädter Kulturerbe einem breiten Publikum auch in Deutschland bekannt zu machen.

Timo Hagen



Franke, Arne: Kronstadt/Braşov. Ein kunstgeschichtlicher Rundgang durch die Stadt unter der Zinne. Mit einer historischen Einführung von Harald Roth (Bd. 236 der Reihe „Große Kunstführer“ des Schnell & Steiner Verlags / Bd. 2 der Reihe „Große Kunstführer in der Potsdamer Bibliothek östliches Europa“. Her­ausgegeben in Zusammenarbeit mit dem Deut­schen Kulturforum östliches Europa). 48 Sei­ten, 57 Farb- und 2 S/W-Abbildungen, 1 Plan, 1 Grundriss, fadengehefteter Pappband, For­mat: 17 x 24 cm, Preis: 9,90 Euro, ISBN 978-3-7954-2058-1.

Schlagwörter: Rezension, Kronstadt, Kunstgeschichte

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