24. Oktober 2009

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Forscher und Pädagoge: Zum Tod von Gustav Servatius

Am 1. Oktober ist Gustav Servatius, ehemals Geographielehrer in Mediasch, in Freiburg im Alter von 87 Jahren verstorben. Geboren wurde Gustav Servatius 1922 in Temeswar, seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Mediasch, wo er in der gutbürgerlichen Familie und am Ste­phan-Ludwig-Roth-Gymnasium humanistisch geprägt und gebildet wurde. Nach dem Zweiten Welt­krieg, dessen Ende er als rumänischer Gebirgsjäger erlebte, studierte er Geographie an der Universität Bukarest, als junger Gymnasiallehrer kehrte er nach Mediasch zurück, wo er 35 Jahre wirkte, Generationen von Schülern, Exkursionsteilnehmern und Zuhörern seiner Vorträ­ge das Wissen um ihre einzigartige Heimat der Kirchenburgen und landschaftlichen Vielfalt mitgab, gleichermaßen ihren Blick öffnete für die weite Welt hinter dem Eisernen Vorhang.
Gustav Servatius heiratete in Mediasch Grete, geborene Schmidt, die gemeinsamen Kinder Karin und Klaus wuchsen ebenda auf. Auch nach der Ausreise 1985 nach Freiburg im Breisgau blieb sein Wirken für die sächsische Ge­mein­schaft unermüdlich, ebenso sein Wissens- und For­schungsdrang, sein Bestreben, nun in deutscher Öffentlichkeit Wissen weiterzugeben. Bis in die letzten Wochen seines reichen Lebens hat er gelesen, geforscht, geschrieben, hat sich an den drei Urenkeln erfreut und jeden Tag als Geschenk der Schöpfung betrachtet. Dr. Hans­eorg von Killyen und Dr. Hansotto Drotloff ge­dachten anlässlich der Trauerfeier des verdienten Lehrers und Wissenschaftlers. Die Reden werden im Folgenden in gekürzter Form wiedergegeben.

Es ist ein Abschiednehmen von einer herausragenden Persönlichkeit der siebenbürgisch-säch­sischen Intellektuellenwelt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Werke, die Gus­tav Servatius für die geistige Gemeinschaft nicht nur der Siebenbürger Sachsen geschaffen hat, können hier nicht aufgezählt werden, zu groß ist deren Zahl. Nahezu 100 Publikationen belegen den Fleiß und die fachliche Gründlichkeit, mit der Servatius die Geographie als Wissen­schaft und als Schulfach betrieb. Schon in frühen Jahren seiner beruflichen Laufbahn in Mediasch – oft mit Schülern – hat er geographische Gelän­dearbeit geleistet, diese ausgewertet und zum Teil veröffentlicht, z. B. in den Buka­rester wissenschaftlichen Periodika Natura, Terra und Studii şi cercetări de geografie. Oft standen im Vordergrund die didaktischen Aspekte des Erd­kundeunterrichts, z. B. die Gestaltung von Ar­beitsmitteln für den Unterricht, wie Karten und anschauliche dreidimensionale Modellreliefs von Regionen, Ländern und Kontinenten sowie die zahlreichen Beiträge in Wort und Schrift zur Geographie anderer Länder und Regionen. Blei­bend sind seine Erforschungen von geographischen Parametern der engeren Heimat: Als Bei­spiel hierzu seien seine Arbeiten über die Hö­henwinde und Höhenluftströ­mungen, über die Hochwasserkatastrophen im Kokelland und über die Brunnen der Stadt Me­diasch genannt.

Bereits 1976, also im tiefsten Kommunismus, recherchierte und veröffentlichte er Fakten zur Umweltverschmutzung vor Ort, eine Sachlage, die für die Region um Kleinkopisch und Me­diasch typisch, katastrophal und europaweit bekannt war und zum Teil auch noch ist. Auch soll an die­ser Stelle die sehr große Zahl der lehrreichen Exkursionen – einige davon auch ins sogenannte sozialistische Ausland – mit Schülern, mit in- und ausländischen Studenten und mit Erwach­senengruppen genannt sein.

Servatius hat sein Wissen und seine Kompe­tenz erfolgreich in vielen Gremien seiner alten Heimat vertreten: in der rumänischen „Societa­tea de geografie“, in lokalen sozialen Institu­tio­nen oder bei seinen Vorträgen – nahezu dreißig pro Jahr –, die er vor zahlreichem Publikum hielt. Auch auf Tagungen und Kongressen, z. B. auf einer Geographentagung in Weimar, wurde er geschätzt und geachtet. Er war ein wahrer Emeritus. 1972 erhielt er die für Rumänien höchste Auszeichnung eines Lehrers, den Titel „profesor emerit“.

1985, nach der Ausreise nach Deutschland, setzte Servatius sein Wirken von Freiburg aus fort, zunächst in Form von Vorträgen und bei zahlreichen Exkursionen, dann im Rahmen des Deutschen Alpenvereins, Sektion Karpaten, des­sen Ehrenmitglied er wurde. Rastlos und mit viel Energie arbeitete Servatius für das Sie­ben­bürgen-Institut in Gundelsheim und für die Sek­tion Naturwissenschaften des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde (AKSL). Gezielt konnte er nun einen Teil seiner in Me­diasch ge­sammelten Daten in Beiträgen z. B. in der Zeit­schrift für Siebenbürgische Landeskunde pub­lizieren. Sein wohl gelungenstes Werk ist der „Reiseführer Siebenbürgen“, den er in Zusam­menarbeit mit Kollegen 1992 im Wort-und-Welt-Verlag Innsbruck veröffentlicht hat. Es war der erste in deutscher Sprache geschriebene Reise­führer Siebenbürgens nach 1990. Das Buch ist bis auf den heutigen Tag unerreicht und konkurrenzlos geblieben und das, weil es eigentlich mehr als ein Reiseführer ist. Es ist ein Nach­schlagewerk, in dem alle Landschaften und sämtliche Dörfer und Städte, auch die kleinsten Weiler Siebenbürgens, beschrieben sind. Eine Neuauflage dieser Publikation ist eine dringende Notwendigkeit.

Gustav Servatius (1922-2009). Foto: privat ...Gustav Servatius (1922-2009). Foto: privat Wir jüngeren Kollegen haben von ihm viel ge­lernt, auch wenn wir nicht seine Schüler waren. Seine wissenschaftliche Akribie, seine Freude am Forschen, die Art des Verarbeitens und des multiplikatorischen Darstellens und Weiterge­bens seines enormen Wissens, die Weitsicht, seine fachliche Genauigkeit waren für uns mo­dellhaft. Gustav Servatius war ein Mensch mit großer Ausstrahlung, mit hohem pädagogischen Talent, mit einer Herzlichkeit, die beispielhaft ansteckend wirkte und auch heute noch weiter wirkt.

Hansgeorg von Killyen

Liebe zum Lebens- und Kulturraum Siebenbürgen eingepflanzt

Ganz plötzlich sind wir nun aufgerufen, Ab­schied von Gustav Servatius zu nehmen. Ich ste­he hier als sein Schüler, als langjähriger Freund der Familie – und auch als Vertreter der Heimat­gemeinschaft Mediasch, deren Ehrenvorsitzen­der er war. Jenseits der großen Trauer gedenken wir mit tiefem Respekt und Dank­barkeit seines unermüdlichen Wirkens für alle Mediascher. Im Zentrum seines Wirkens standen immer die Menschen. Ihnen galt seine ganze Hingabe als Lehrer, den Schülern wie den Erwachsenen. Lehrer war er von ganzem Her­zen und mit seiner ganzen Persönlichkeit, ein Lehrer im humanistischen Wortsinn. Generationen von Schülern folgten seinem plastischen Vortrag, lernten Kar­ten zeichnen und zogen mit ihm auf ungezählte Wanderungen und Schiausflüge, in Zeltlager und zu Orientierungsläufen. Seine ausgedehnten Schulreisen waren unvergessene Urlaubsfahrten in einer Zeit, in der die meisten Eltern ihren Kindern ein solches Erlebnis nicht ermöglichen konnten. Wie könnte ich jene wunderbare zehntägige Reise im Sommer 1970 vergessen, auf der er uns über Budapest und Brünn bis nach Krakau führte? Es waren große, wertvolle Ge­schenke, Geschen­ke, die wir seinem unermüdlichen Einsatz verdanken.

So wie Gustav Servatius sich als Pädagoge ver­stand, hat er uns – scheinbar wie selbstverständ­lich – ein tiefes Gefühl von Liebe und Respekt zu unserem Lebens- und Kulturraum Siebenbürgen eingepflanzt, in einer Zeit, als die Obrigkeit alles tat, um die sächsische Ver­gangenheit totzuschweigen. Diese Heimatver­bundenheit und das Wissen darum wirken auch nach vielen Jahrzehnten weiter.

Nur noch eines der vielen Mittel sei gedacht, mit dem er seinen Bildungsauftrag erfüllte: die Lichtbildervorträge „im Rahmen der deutschsprachigen Reihe der Volkshochschule“. Eine treue Gemeinde jüngerer und älterer Zuhörer folgte ihm zu den stets wechselnden Vortrags­orten, ins Auditorium, in den Festsaal der ehemaligen Ackerbauschule oder den Traubesaal und ließ sich in die nähere oder weitere Heimat und in die entfernte Welt entführen, deren Farbe und Licht er mit seinen Dias und seinen begeisternden Ausführungen in den Raum zu zaubern verstand. Mit diesen Vorträgen, die er auch in vielen Dörfern und Städten des Sachsenlandes hielt, wurde er weit über die Grenzen unserer Heimatstadt bekannt und beliebt.

Auch seinen dritten Lebensabschnitt hat er, nach Pensionierung und Ausreise, als einen Un­ruhestand gelebt. Besonders dankbar möchte ich hier seine Mitarbeit an den Publikationen der Heimatgemeinschaft Mediasch erwähnen – das „erste“ Mediasch-Buch, 1992, dessen Text in weiten Teilen auf ihn zurückgeht, das wunderschöne Landschaftskapitel im zweiten Me­diasch-Buch, 2009, sowie seine bleibenden Beiträge in der Mediascher Zeitung. Ein reiches Leben ist vollendet. Und wir danken für das Geschenk einer Saat, die noch lange ihre Früchte trägt.

Hansotto Drotloff

Schlagwörter: Nachruf, Geographie, Publizist, Mediasch

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