5. April 2016

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Wichtige Erkenntnisse über das siebenbürgisch-sächsische Kulturgut gewonnen

Der Vorstand des Verbandes der Siebenbürgisch-Sächsischen Heimatortsgemeinschaft (kurz: HOG-Verband) hat es sich seit seinem Amtsantritt im Oktober 2013 auf die Fahne geschrieben, parallel zur Beratung und Unterstützung der einzelnen HOGs bei ihren Veranstaltungen in Deutschland auch verstärkt in Siebenbürgen zu wirken. Eine erste Fachtagung im Februar 2014 in Gunzenhausen zum Thema „Erhaltungs-, Nutzungs- und Verwaltungskonzepte leerstehender Kirchenburgen Siebenbürgens“ war ein voller Erfolg. Die Serie wurde mit finanzieller Unterstützung des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Soziales, Familie und Integration über das Haus des Deutschen Ostens (HDO) in München mit einer zweiten Tagung fortgesetzt, die am 16. und 17. September 2015 in Schäßburg stattfand. Der folgende Bericht, der die Redaktion bedauerlicherweise spät erreicht, liefert wichtige Erkenntnisse über den Einsatz der Multiplikatoren für den Erhalt des siebenbürgisch-sächsischen Kulturgutes.
Fast zeitgleich, vom 13. bis 20. September 2015, wurde mit finanzieller Unterstützung durch die Kulturreferentin für Südosteuropa am Donauschwäbischen Zentralmuseum in Ulm eine Studienreise nach Siebenbürgen organisiert, um zusammen mit den Entscheidungsträgern vor Ort die bisherigen Initiativen zur Pflege und Nutzung des Kulturguts sowie weitere Potentiale zu ergründen. Die beiden Ereignisse ergänzten sich, da die Zielgruppen identisch sind: HOG-Mitglieder – als moralische Erben des Kulturgutes –, interessierte Fachleute, Sponsoren, Entscheidungsträger der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien.

Unter der fachkundigen Begleitung von Martin Rill und Heinz-W. Hermann wurde eine breit gefächerte Tour zusammengestellt. Dabei wurde festgestellt, dass nicht bei allen Restaurierungsmaßnahmen nach den geltenden Denkmalschutzvorschriften gehandelt wurde. Das war auch eines der Ziele der Reise um Erfahrungswerte zu sammeln: so ja und so nicht! Die besichtigten Orte waren Hermannstadt, Michelsberg (Burg), Heltau, Kerz, Kleinschenk, Zeiden, Brenndorf, Petersberg (Friedhof), Honigberg, Kronstadt, Hamruden, Deutsch-Weißkirch, Deutsch-Kreuz, Radeln, Groß-Alisch, Waldhütten, Schäßburg, Hetzeldorf, Eibesdorf, Mediasch, Wurmloch. Teilnehmer der Studienreise vor der Kirche in ...Teilnehmer der Studienreise vor der Kirche in Radeln, deren Kirchturm zu jenem Zeitpunkt noch stand. Fotos: Inge Hermann Kulturreferentin Dr. Swantje Volkmann gab uns fachkundige und ausführliche Erläuterungen zu den vorreformatorischen Fresken. Es wurden nicht nur Kirchenburgen, sondern auch Pfarrhäuser und ehemalige Schulen besichtigt, welche allesamt zum Kulturerbe der Siebenbürger Sachsen gehören. Eines der viel besprochenen Konzepte war die Gestaltung von leerstehenden Pfarrhäusern und Schulen zu Begegnungsstätten in den einzelnen Gemeinden. Die Heimatortsgemeinschaften weisen dabei ein großes Potential auf, sich sowohl beim Erhalt als auch der Nutzung der Gemeinschaftsbauten einzubringen. So konnte der HOG-Verband bei der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien erwirken, dass im Falle von Veräußerungen von Kulturgütern in den einzelnen Gemeinden die jeweiligen HOGs vorab informiert werden sollen und diese dadurch eine Kaufoption zu marktüblichen Preisen haben.

Eröffnet und moderiert wurde die Fachtagung von Hans Gärtner, Vorsitzender des HOG-Verbandes, und Reinhart Guib, Bischof der Heimatkirche. Judith Urban, Konsulin der Bundesrepublik Deutschland in Hermannstadt, begrüßte die konstruktive Zusammenarbeit der HOGs mit der Heimatkirche und das Engagement der in Deutschland lebenden Siebenbürger Sachsen beim Erhalt des siebenbürgisch-sächsischen Kulturguts.

Zu der Fachtagung in Schäßburg wurden namhafte Referenten eingeladen wie Dr. Paul Niedermaier mit einem Impulsreferat und der Bistritzer Bürgermeister Ovidiu Teodor Creţu, die Möglichkeiten aufzeigten, den rumänischen Staat in die Renovierungsarbeiten einzubinden. Philipp Harfmann, Projektleiter der Leitstelle Kirchenburgen in Hermannstadt, referierte über die neu gegründete Stiftung Kirchenburgen. Caroline Fernolend berichtete über die Initiativen des Mihai Eminescu Trusts. Über Holzrestaurierungen referierte Livia Bucşa. Das gleiche Thema, aus Sicht des Praktikers, behandelte Sebastian Bethge, der mit seinem Gesellen – in traditioneller Zimmermannskluft – über seine Projekte berichtete. Bethge wurde in Berlin geboren, wirkt seit 1997 als Zimmermann und Baudenkmalpfleger in Rumänien und ist zurzeit Projektleiter für die Restaurierung und Belebung der Kirchenburgen.

Direktor Răzvan Pop von der Hermannstädter Denkmalbehörde beleuchtete sowohl positive Initiativen als auch negative Beispiele aus seiner Arbeit. Seiner Behörde ist unter anderem die Restaurierung von 18 Bürgerhäusern und Denkmälern in Hermannstadt zu verdanken. Architekt Liviu Gligor berichtete über die Aktivitäten und Notwendigkeit der Erstellung von Dokumentationen bei EU-Projekten. Teilnehmer der Fachtagung vor dem Hotel Binder ...Teilnehmer der Fachtagung vor dem Hotel Binder Bubi in Schäßburg. Prof. Dr. Marius Porumb gab Einblick in ein erfolgreiches Einzelprojekt, das Restaurierung und Nutzung einschließt. 1994 übernahm er die Pflege und den Erhalt der Gräfenburg Kelling im Unterwald, die seit 1999 zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört.

Architekt Eugen Vaida vertrat die Auffassung, dass Restaurierungen ausschließlich mit gut erhaltenem altem Baumaterial erfolgen sollten und nicht mit neuem Material, auch wenn es nach altem Muster und Verfahren hergestellt wurde. Im Anschluss an sein Referat wurde eine lebhafte Diskussion hierzu geführt. Gleichfalls wurde das Thema der vorreformatorischen Fresken auf die Tagesordnung gesetzt. Im 16. Jahrhundert wurden die Kirchen der Siebenbürger Sachsen allesamt in evangelische Kirchen umgewandelt, wobei die Fresken übertüncht bzw. mit einem Oberputz versehen wurden. Die vorreformatorischen Fresken sind aus kunsthistorischer Sicht sehr wertvoll. Eine lebhafte Diskussion entspann sich zur Frage, ob alle Fresken in den Kirchen freigelegt werden sollen oder nicht. Wenn Geld dafür vorhanden sein sollte, könnte das zumindest in jenen Gemeinden geschehen, in denen keine evangelischen Sachsen mehr leben.

Über die Möglichkeiten, unsere Kulturgüter touristisch zu nutzen, sprach Ruth Istvan, geboren in Broos, die Tourismus in Heidelberg studiert hat. Das Tourismusprojekt „Colinele, izvor de echilibru“ stellte Oana Mondoc vor. Sie schlug einen Entschleunigung-Tourismus im Harbachtal vor. Jürg Leutert, Musikwart der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien, referierte über den aktuellen Zustand der siebenbürgischen Orgellandschaft. Zur guten Letzt sprach Emil Crișan, der als Hauptamtsleiter der Bauabteilung des Landeskonsistoriums wichtige Aufgaben bei der Projekterstellung für die Sanierung der Kirchenburgen und bei der Kontrolle der durchgeführten Maßnahmen wahrnimmt.

Die gewonnenen Erkenntnisse wurden in Arbeitsgruppen besprochen und bewertet.

Zum Abschluss der Studienreise besuchten die Teilnehmer das Sachsentreffen in Mediasch und einen Gottesdienst in Wurmloch (UNESCO-Weltkulturerbe). Alles in allem war die Symbiose zwischen Studienreise und Fachtagung ein voller Erfolg.

Heinz-Walter Hermann, stellvertretender Vorsitzender des HOG-Verbandes

Schlagwörter: HOG-Verband, Kirchenburgen, Studienreise, Tagung

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