14. Juli 2016

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60 Jahre seit dem Appell: „Die Heimat ruft euch!“

Zwei Jahre nach dem Tod des sowjetischen Diktators Josef Stalin im Jahr 1953 und zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges trat eine leichte Verbesserung im Verhältnis der sozialistischen Regierung Rumäniens zu der deutschen Minderheit ein. Im Zusammenhang der auch im übrigen Ausland getroffenen Maßnahmen entschied sich das Präsidium der Großen Nationalversammlung, Tausenden Flüchtlingen und entlassenen Kriegsgefangenen folgenfreie Heimkehr nach Rumänien zu gestatten. Selbstverständlich bewegte dieser Beschluss die Gemüter unserer Landsleute sowohl in der Heimat als auch im westlichen Ausland.
Der Zeidner Gruß Nr. 120 von Pfingsten 2016 (Seite 45ff), der über 1100 Haushalte in regelmäßigen Abständen erscheint, erinnert unter dem Titel „Repatriierung: Rückholung ins Vaterland“ an eine Veranstaltung im Februar 1956, die in den Räumlichkeiten des Arbeiter-Kulturclubs der Farbenfabrik „Colorom“ in Zeiden stattgefunden haben soll. Der im Zeidner Gruß veröffentlichte Beitrag erinnerte mich an mein persönliches Erleben, ausgerechnet in dieser Frage, die sicher eine größere Zahl meiner Landsleute betrifft.

Dass nach 60 Jahren an jenes Ereignis erinnert wird, ist richtig. Dass es für das Leben einer Familie, wie auch einer Gemeinde, eine wichtige Frage von existenzieller Bedeutung war, ist ebenso richtig. Es wird niemand ernsthaft bestreiten, dass die Heimkehr des Ernährers, des Sohnes oder des Gatten in den Schoß der Seinen mehr als Liebe zur Heimat war. Darum war der in Zeiden erlassene Aufruf des Flugblattes „Die HEIMAT ruft euch“ zu begrüßen. Denkt man heute an die zu jener Zeit nicht voraussehbaren Folgen für einzelne Heimkehrer, so ist man geneigt anzunehmen, dass die Rückrufaktion ehrlich und für die Stabilisierung der Lebensverhältnisse gedacht war. Leider war sie Irreführung und Propaganda eines korrupten Regimes. Heute denken wir mit gemischten Gefühlen an jene Zeit zurück. Man schwankt in der Annahme, ob die damals zu Wort Gekommenen einer unlauteren Aktion gedient haben oder ob sie aus menschlicher, seelsorgerlicher Sicht für die Betroffenen eingetreten waren. Obwohl auch meine, meiner Familie und meiner Landsleute Erwartungen nicht erfüllt wurden, trete ich meinem christlichen Ethos folgend für diejenigen ein, die in Verantwortung für ihre Familie, ihre Gemeindeglieder und unsere Gemeinschaft gehandelt haben.

Ich lebe mit meiner Familie seit annähernd 40 Jahren in Deutschland. Und: Ich lebe unter Menschen, die mir unter anderem ihre Gefühle, manchmal verschämt, anvertrauen. Nur wenige ältere Siebenbürger Sachsen, die heute in Deutschland oder sonst wo in der Welt leben, vermissen unsere Heimat nicht. Wir leben zwischen zwei Welten. Darum: Die in Deutschland erfahrene materielle Sicherheit weckt Dankbarkeit in uns, schließt aber die Trauer um etwas Unwiederbringliches nicht aus. Im Gegenteil. Viele über 60-Jährige sind oft traurig, dass sie, aus welchem Grund auch immer, die Heimat verlassen haben. Und doch würden sie nach Siebenbürgen nicht zurückkehren. Auch viele Jüngere unter uns fahren immer wieder gerne in ihre Heimatorte. Dort erfahren sie, wovon ihre Eltern und Großeltern erzählen: Gastfreundschaft, Gemeinschaft, den Gottesdienst in ihrer Heimatkirche und nicht zuletzt die Einmaligkeit der Natur. Es gibt reichlich Gründe, den Verlust einer wundervollen Heimat zu bedauern. Darum sollten wir in unserer Beurteilung vorsichtig sein, wenn es um existenzielle Fragen geht. So auch in meinem Fall. Aber sicher auch in dem mancher Mutter in vielen Städten und Dörfern, die in Abwesenheit des Ernährers nur mit großer Mühe ihre Familie versorgen konnten. Meine Mutter musste für vier Kinder, darunter einen Säugling, allein sorgen. Sie musste sich als Gattin eines ehemaligen Direktors an schwere Arbeit in einer Fabrik gewöhnen. Mein Vater befand sich nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft in Österreich, wo er unter damaligen Verhältnissen auch kein leichtes Los hatte.

Im Herbst 1955, nachdem die Rumänische Große Nationalversammlung eine großzügige Amnestie für die Kriegsteilnehmer erlassen hatte, betrieb eine Kommission den Rückruf der im Ausland lebenden Bürger. Niemand unter uns ahnte, dass, wie so viele abgegebene Versprechen auch die garantierte Rehabilitierung und Freiheit für Heimkehrer eine Lüge war, und für viele in einem Betrug des kommunistischen Regimes endete.

Ende Mai 1956 befand ich mich als Student im zweiten Semester auf dem Theologischen Institut in Hermannstadt. Meinen 21. Geburtstag hatte ich wenige Wochen vor dem Tag begangen, als ich verständigt wurde, mein Vater würde am selben Tag in Bistritz eintreffen. 12 Jahre waren wir, meine Mutter und vier Kinder, von ihm getrennt gewesen. Er war Offizier in der Ungarischen Armee (Teile Siebenbürgens gehörten von 1940 bis Anfang 1945 zu Ungarn) und am Ende des Krieges in amerikanische Gefangenschaft geraten. Nach Ablehnung aller Anträge meiner Mutter auf Ausreise nach Österreich und den Zusicherungen der besagten Amnestie baten wir Vater, nach Bistritz zurückzukehren. Nun war er gekommen. Presse, Fotografen, Schriftsteller, darunter Franz Johannes Bulhardt, fanden sich ein, und feierten den Heimkehrer. Übrigens war Vater einer der beiden Heimkehrer in Bistritz, die dem rumänischen Staat ihr Vertrauen geschenkt hatten. 1959 heiratete ich meine Frau Renate, Tochter des Zeidner Stadtpfarrers Richard Bell. Ich wurde in Wallendorf als Pfarrvikar eingesetzt und erlebte nach 16 Jahren erstmals den normalen Alltag meines nach Bistritz heimgekehrten Vaters. Bald fiel mir auf, dass er von Sorgen bedrückt war.

Seine Ehe konnte der Grund nicht sein, denn Mutter und Vater waren glücklich, wieder beisammen sein zu dürfen. Meine drei Geschwister im Alter von 17, 15 und 14 Jahren waren gesund und in ihren Schulklassen Vorzugsschüler. Nach anfänglich unangemessener Beschäftigung als Magazineur in einer Reparaturwerkstatt war er schließlich an einem Schreibtisch eines größeren Betriebes bis zur Verrentung tätig. Auch waren alle Familienmitglieder gesund. Das konnte zu seinem bedrückten Seelenzustand nicht geführt haben. Auffallend war, dass er an keinem größeren Freundestreffen teilnahm. Er war schweigsam geworden und sprach über seine Jahre in Österreich nur im Zusammenhang mit seiner Kirche, die er dort häufig besucht hatte. Es dauerte lange, sogar Jahre, bis ich verstand, was ihn so bedrückte, einsam und verschwiegen hatte werden lassen. Bald nach seiner Heimkehr im Frühjahr 1956 war der Begrüßungsrummel vorbei. In der Wirklichkeit angekommen sah er sich durch die Securitate der Verdächtigung ausgesetzt, ein Agent westlicher Geheimdienste zu sein. Einmal entschlüpfte ihm ein Satz, wie: Die quetschten meine Daumen und lachten, als ich sagte, dass ich allein um meiner Familie Willen heimgekehrt sei. Das würde ihm doch keiner glauben, Frauen gäbe es überall in der Welt, und Kinder – ? Im Februar 1972 starb sein Bruder unerwartet in Wien. Als Schriftsteller und Vizepräsident des Österreichischen PEN-Clubs war er Gast des Rumänischen Schriftstellerverbandes und hatte die Ehre, am 23. August auf der Haupttribüne zu den Ehrengästen zu gehören. Trotz des hohen Bekanntheitsgrades meines Onkels verwehrten die Behörden meinem Vater die Reise nach Wien, zur Teilnahme an den Trauerfeierlichkeiten. Nach seiner Rückkehr im Jahr 1956 durfte mein verbitterter Vater bis zu seinem allzu frühen Tod im Dezember 1972 Rumänien nicht mehr verlassen. War er Gefangener in der „Freiheit“?

Als ich den anfangs genannten Beitrag in dem Zeidner Gruß las, wurde mir wieder bewusst, dass mein Schwiegervater Bell, seine älteste Tochter, meine spätere Ehefrau, und viele Hundert Landsleute den Appell zur Heimkehr unterschrieben hatten. Zu seinen Lebzeiten hatten wir darüber gesprochen. Auch ich hatte meinen Vater zur Heimkehr gedrängt. Wir glaubten an gesetzlich verankerte Versprechungen und wurden bitter enttäuscht. Wir waren guten Glaubens, und wenn aus heutiger Sicht eine Rückschau negativ ausfällt, würde ich an die Erkenntnis erinnern, dass man immer klüger vom Rathaus kommt, als man dorthin geht. Meine Mutter brauchte die Hilfe des Ehemannes und meine jungen Geschwister den Vater. In der Situation hätte auch ich als Seelsorger an die vielen allein gelassenen Frauen und Familien gedacht, die ich zu betreuen gehabt hätte. Dass die Politik ihre Ziele hat und für uns Normalbürger oft anders als erwartet agiert, ist bekannt. Wenn alles, wie wir es noch 1955 erhofften, gekommen wäre, wären wir vermutlich zum großen Teil in Siebenbürgen verblieben. Aber es kam anders.

Kurt Franchy

Schlagwörter: Heimatkirche, Kirche, Zeitgeschichte, Zeitzeuge, Siebenbürgen

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