17. März 2007

Unsere Wiege in Europa: Siebenbürgen - Bukowina - Banat

Thomas Şindilariu, Archivar der evangelischen Honterus-Gemeinde in Kronstadt, war mehr als tausend Kilometern angereist, um seinen Vortrag zu halten. Er sprach über die Entwicklung der „Stadt unter der Zinne“ nach dem Zweiten Weltkrieg, was etliche Seminarteilnehmer unmittelbar berührte. Andere Referenten griffen bis weit ins Mittelalter zurück. Im Laufe von vier Tagen war die Rede von Hermannstadt, Kronstadt, Schäßburg, Czernowitz, Temeswar, und, in einem vom Historiker Josef Wolf gehaltenen Vortrag, über die Entwicklung der Banater Städte und deren Bevölkerung auch von Arad, Orschowa, Karansebesch und Lippa. Die meisten Ausführungen wurden durch Aufnahmen, Karten und statistische Übersichten illustriert.
Die Anregung zum Seminar „Mitteleuropäische Städteporträts“, welches Anfang März in Bad Kissingen stattfand, hat die Funktion Hermannstadts als europäische Kulturhauptstadt im Jahre 2007 gegeben. Von den vielen Menschen, die Hermannstadt aus diesem Anlass heuer besuchen möchten, saßen einige im Publikum. Sie werden die Gebäude und die Bürger mit völlig anderen Augen betrachten. Was die Stadt interessant macht, ist weniger die Tatsache, dass sie weder durch Kriege noch große Brände gelitten hat, als ihr jahrhundertelange Kulturaustausch mit vielen Teilen Europas. Eine kleine, relativ geschlossene Gruppe von Geschäftsleuten, die über Generationen regierte, „Patriziat“ genannt, stützte sich auf europaweite Beziehungen. Das Seminar begann mit einem Blick auf das Gebaren des Patriziats. Die nüchternen Mitteilungen der Historiker Dr. Konrad Gündisch und Dr. Harald Roth zum sozialen Leben in Hermannstadt und in Kronstadt untergruben die Legende von einer Gesellschaft, in der „keiner Herr und keiner Knecht“. Und eben deshalb waren die Ausführungen von Dr. August Schuller, vormals Stadtpfarrer von Schäßburg, zur Kirche als Mitte des gesellschaftlichen Lebens eine willkommene Ergänzung, denn die durch ihre Statuten einzigartige Kirche der Siebenbürger Sachsen hat einen Ausgleich geschaffen, indem sie sich beispielsweise, zusammen mit dem Stadtrat, konsequent um die Armen und Kranken kümmerte.

Beim Bummel im berühmten Kurbad. Am Seminar in Bad Kissingen nahmen rund 70 Personen teil. Foto: der Verfasser
Beim Bummel im berühmten Kurbad. Am Seminar in Bad Kissingen nahmen rund 70 Personen teil. Foto: der Verfasser

Wenn man das Programm des Seminars mit einem Vogel vergleicht, bildete Siebenbürgen den Rumpf – mit der Bukowina als dem einen und mit dem Banat als dem anderen Flügel.
Luzian Geier vom Bukowina-Institut rückte das falsche und abgegriffene Bild von der Stadt Czernowitz zurecht. Als Hauptstadt des österreichischen Kronlandes Bukowina entwickelte sich diese Stadt, in der Deutsche, deutsche Juden, Rumänen, Ruthenen, Polen und andere lebten, mit der 1875 gegründeten deutschen Universität zu einem Kulturzentrum von Rang. Übrigens feiert Czernowitz im nächsten Jahr 600 Jahre seit der ersten urkundlichen Erwähnung.

Dr. Walther Konschitzky faszinierte die Seminarteilnehmer mit seinem Diavortrag über die Temeswarer Tore – mit Ansichten von Toren, Portalen, Hauseingängen und Türen, die Zeugnisse handwerklicher Kunst sind, die das Können von (gewöhnlich anonymen) Schmieden, Kunsttischlern, Steinmetzen und Maurern belegen. Im Alltag kaum beachtet, kommen sie in der jetzt schon berühmten Foto-Sammlung eindrucksvoll zur Geltung. Ein zweiter Diavortrag, den Dr. Konschitzky zusammen mit dem jungen Kunsthistoriker Timo Hagen aus Mannheim hielt, war den Baustilen in Siebenbürgen und im Banat gewidmet.

Der kunstvoll geformte Türgriff, dem man nicht die gebührende Bewunderung zollt, weil man ihn tausendmal in die Hand genommen hat, kann symbolisch für viele beim Seminar mitgeteilte Fakten stehen: Sie wurden bewusst gemacht und in einen aufschlussreichen Zusammenhang gestellt.

Hans Fink


Schlagwörter: Tagungen, Geschichte, Hermannstadt, Banat, Bukowina

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