29. März 2007

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Palukes, Paradeis und deutsche Kirchen

Eine Reise in die Familiengeschichte: Ferien auf einem Bio-Bauernhof in Tartlau im Burzenland - Seit er Papa ist, denkt mein Mann Ralph über seine Wurzeln nach. „Ich wüsste gerne, wo meine Eltern und Großeltern herkommen“, erklärt er mir nach einer Familienfeier: „Ich möchte das mit eigenen Augen sehen.“ Ralphs Vorfahren sind Siebenbürger Sachsen, bekannt für ihre charmant-bedächtige Aussprache. Bald sind wir uns einig: Wir verbringen den nächsten Urlaub in der Heimat seiner Vorväter. Und fahren für eine Woche auf einen Bio-Bauernhof nach Siebenbürgen – mit Adressen der alten Wohnungen und guten Wünschen im Gepäck. Aber auch mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend: was wird übrig sein von den schönen Häusern auf den alten Familienfotos? Was haben 22 Jahre Ceauşescu-Diktatur dem Land angetan und der wilde Kapitalismus danach?
Wir wollen uns langsam vortasten in die Vergangenheit von Ralphs Familie. Drum nehmen wir den weißen Fiat-Bus und nicht das Flugzeug. Es ist ein milder Spätsommertag, als wir unseren Sohn Karl (3), Koffer und Kuschelfrosch einpacken und gen Osten fahren.
München, Wien, Budapest – dann über die Grenze nach Rumänien. „Puh, geschafft!“: Nach zwei Reisetagen halten wir an einem Morgen vor dem kleinen Ortschild von Tartlau (Prejmer). Ein Pferd grast neben der Dorfkirche. Vor mächtigen, farbigen Hoftoren schnattern Enten und Gänse. Mit erhobenem Stock treibt ein Hirtenjunge seine bunte Kuhherde in Richtung Berge. „Wo sind wir, Mama?“, fragt Karl (3), der wach geworden ist, „mit dem Auto im Zoo?“ Er drückt seine kleine Nase am Panorama-Fenster platt. „Nee Karlchen, antworte ich, und muss lächeln. „Hier ist Siebenbürgen. Hier sind Opa und Oma geboren. Hier leben die Bauern einfach noch wie früher“.

Karl fegt den Stall auf dem Bio-Bauernhof in Tartlau. Foto: Eva von Steinburg
Karl fegt den Stall auf dem Bio-Bauernhof in Tartlau. Foto: Eva von Steinburg

Auch die Rumänen Maria und Ioan, die uns wenig später gemeinsam ihr schweres Hoftor öffnen. Maria in Blümchen-Kittelschürze und mit goldenen Kreolen an den Ohren. Ioan mit Strohhut und einer filterlosen Zigarette im Mundwinkel. „Salut!“, sagt Ioan und sein runzliges Gesicht verzieht sich zu einem breiten Grinsen. Maria drückt uns fest und warm, als würden wir uns Jahre kennen.

Ralph steht da und staunt: Hinter dem schwungvoll gemauerten Torbogen des 200 Jahre alten Gehöfts ist Platz in Hülle und Fülle. Hier öffnet sich kein gewöhnlicher Bauern-Garten, sondern ein ganzes Feld: Erdbeerpflanzen, Rettich und Tomaten stehen in langen Reihen. Es gibt Kürbisranken und eine Maisplantage, wo wir von den unreifen und noch süßen Körnern naschen.

Da sitzen wir nun auf der mit Weinlaub berankten Terrasse, trinken Bier der Marke „Schlossgold“ und blinzeln in die Abendsonne. Das einstöckige rumänische Bauernhaus ist grau verputzt und hat schmucke weiße Fenster. Wir logieren dort luxuriös, weil es in unserem Bad ein Wasserklosett gibt. Der Schrank in unserem Ferien-Zimmer ist allerdings mit Decken voll belegt. Doch egal: Wir sind eh bloß draußen und sprinten unserem Sohn hinterher.
Am nächsten Morgen, nichts wie in die Gummistiefel! Karl darf sich auf dem Hof frei bewegen – und rennt zuerst in den Hühnerstall. Dort klatscht er in die Hände bis, der „Tuthahn“ blau anläuft. Dann entdeckt er „Gigi“, das Pferd, und stellt fest, die graue Stute habe ja „einen dicken Po“. Nebenan wohnt das Mama-Schwein. Das 270-Kilo-Tier wird Karls besonderer Schwarm. Immer wieder schnappt er sich Papas Hand und zerrt ihn zu dem engen Verschlag.

Palukes, Paradeis – das sind sie, die siebenbürgischen Namen für Polenta und Tomaten, die Bäuerin Maria uns mit einem Berg Knoblauchwürsten zum Mittagessen auftischt. „Wunderbar, das schmeckt genau wie bei meiner Omi!“ lobt Ralph. „Das gab’s immer sonntags, wenn wir um ihren Kirschholztisch saßen“, erinnert er sich. „Och, wie gut ist das! Noch eine Wurst?“ bietet ihm Maria im typisch Siebenbürger-Singsang einen Nachschlag an (deutsch kann sie aus dem Kindergarten) – und füllt gleichzeitig seinen Teller.
Im Gegensatz zu vielen kleinen Landwirten in Rumänien, die biologisch wirtschaften, weil ihnen schlicht das Geld für Kunstdünger und Pflanzenschutzmittel fehlt, ist Maria Ökobäuerin aus Überzeugung: Nie im Leben würde sie Obst und Gemüse spritzen. „Wenn der Wurm lebt, leben wir auch“ heißt ihre Devise. Ioan arbeitet als Agronom an einem Förderprogramm für Kleinbauern mit und wirbt dafür Insektengift wegzulassen.

Am nächsten Tag wollen wir alle zusammen ins Dorf. „Du sollst doch schön sein für unseren Ausflug…“ – mit den Fingern kämmt Ioan Stute Gigi die Kletten aus der Mähne. Kurz darauf sitzen alle in dem niedrigen Einspänner aus grobem Holz. Wir rumpeln über Asphalt- und Schotterpisten durch den 8000-Einwohner-Ort. Vorbei an Häusern, von denen der rosa und grüne Putz bröckelt, und an mageren Hunden, die im Straßengraben zu Hause sind.

Ausflug mit dem Pferdewagen in Tartlau. Foto: Eva von Steinburg
Ausflug mit dem Pferdewagen in Tartlau. Foto: Eva von Steinburg
Blickfang im Zentrum ist die weiße Festung der evangelischen Kirche: Die Kirchenburg von Tartlau hat 14 Meter hohe Mauern und ist UNESCO-Weltkulturerbe. Mit Spenden der Siebenbürgisch-Sächsischen Stiftung aus München wurde sie renoviert. Hier verschanzten sich die Siebenbürger Sachsen früherer Generationen beim Angriff plündernder Türken. Wir blicken in einige der 270 dunklen Kammern, in denen damals die Familien mit ihrer Habe unterkamen. Ralph liest jede Plakette. Es geht ihm nahe zu sehen, welche Gefahren seinen Vorfahren drohten.

Aber wir wollen weiter: Forellen angeln gehen. Auf Feldwegen, die Disteln und Sumpfgras säumen, rumpeln wir zum Teich. Zu unserer Überraschung haben wir Gegenverkehr: Ein Pferde-Fuhrwerk mit einem Riesenhaufen Heu und ein Ochsengespann, das eine Ladung Maiskolben zieht.

Am nächsten Tag machen wir einen Ausflug in das 18 Kilometer entfernte Kronstadt (Braşov) – da lebten Ralphs Großeltern. An Jugendstilhäusern und Denkmälern kleben Baugerüste, die Innenstadt wird aufpoliert. Wir kaufen Postkarten von der Schwarzen Kirche, in der meine Schwiegereltern in den 60er-Jahren heirateten. Und fragen uns durch zu den Häusern, in denen sie aufgewachsen sind und die im Kommunismus enteignet wurden.
Auf dem deutschen Friedhof hilft uns der Zufall: Ein alter Herr, den wir spontan fragen, zeigt, wo die Familien-Gräber sind. Er ist einer der wenigen, der nicht auswandern wollte, und pflegt sie immer mit. Wenigstens für ein paar Tage schmücken sie nun frische Blumen. Zurück am Hof sitzt Ioan beim Abendbrot und beißt herzhaft in eine rohe Zwiebel wie in einen Apfel. Ralph findet das sehr lustig: „Ioan wird noch 100 Jahre alt“.

Die Burg in Reps ist unser letztes Ziel. Von der haben wir unseren Nachnamen „von Steinburg“. Auf frisch geteerten Landstraßen brausen wir zur Ruine, erklimmen den Hügel, kraxeln auf die Reste der gewaltigen Mauern. Von dort oben genießen wir den 360-Grad-Blick über ein Straßendorf und die sattgrüne liebliche Landschaft. Da atmet Ralph tief durch und hebt Karlchen auf seine Schultern: „Vielleicht zieht es dich später auch mal hierher, wenn du Papa geworden bist…“

Eva von Steinburg

Schlagwörter: Reiseinfos, Tourismus, Reisebericht, Tartlau, Burzenland

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