15. August 1999

Widerstand gegen deutschen Investor

Ein roter Direktor in Reschitza versucht, ein deutsch-rumänisches Gemeinschaftsunternehmen zu verhindern, das Tausende Arbeitsplätze sichern könnte. Die Privatisierung maroder Staatsbetriebe, die in Rumänien wie schwarze Löcher öffentliche Gelder verschlingen, ist oft ein schmerzhafter Prozess, und es bedarf kreativer Manager-Ideen, um verfahrene Situationen einer Lösung zuführen.
Drei Jahre lang befand sich das Stahlwerk Reschitza (Combinatul Siderurgic Reşiţa - CSR) in einer schier aussichtslosen Lage: Der rumänische Staat hatte von 1995 bis 1997 mehr als 100 Milliarden Lei für einen neuen elektrischen Schmelzofen zur Herstellung von Stahl investiert, die Anlage konnte jedoch mangels entsprechender Sauerstoffzufuhr nicht in Betrieb genommen werden. Dem Banater Werk fehlten etwa 20 Millionen DM, die für die Anschaffung einer Luftzerlegungsanlage nötig gewesen wären.

Unverhoffte Hilfe kam schließlich aus Deutschland: Im September 1997 wurde der in Rosenheim ansässige Wirtschaftsberater Dipl.-Ing. Stefan Dobrescu von Projektmanagement & Consulting auf das Problem aufmerksam gemacht und konnte in nur fünf Wochen einen bekannten deutschen Investor gewinnen. Das Unternehmen gehört zum Hoechst Konzern, ist als Spezialist in der Herstellung und Vermarktung technischer Gase weltweit in 60 Ländern tätig und erzielt einen Jahresumsatz von ca. 3 Milliarden Mark. Die deutsche Firmengruppe erklärte sich bereit, eine ultramoderne Luftzerlegungsanlage im Wert von 20 Millionen Mark als Kapitalbeteiligung in ein Joint-venture mit dem Stahlwerk Reschitza einzubringen. In der Übergangsphase - bis zur Inbetriebnahme der neuen Luftzerlegungsanlage - wollte der deutsche Investor das Stahlwerk in Reschitza mit technischen Gasen beliefern.
Rumänische Experten bei einem Arbeitsbesuch im ...
Rumänische Experten bei einem Arbeitsbesuch im Ruhrgebiet, von links nach rechts: zwei technische Vertreter des Stahlwerks Reschitza CSR, Stefan Dobrescu (Projetmanagement & Consulting), Teodor Gavris (CSR-Entwicklungsmanager), Eugen Zvirjinschi (zuständiger Direktor des Staatseigentumfonds FPS für die Metallurgische Industrie) und Pompiliu Stănescu (Abteilungsleiter des Rumänischen Staatseigentumfonds FPS).
Eine formelle Absichtserklärung (Letter of Intent) wurde diesbezüglich von beiden Seiten unterzeichnet und am 3. April 1998 durch den rumänischen Staatseigentumsfonds FPS, der die staatlichen Betriebe verwaltet und privatisiert, genehmigt. Zwei FPS- und drei CSR-Mitarbeiter konnten sich auf einem mehrtägigen Besuch in Deutschland von der technischen Ausstattung und der Seriösität des Investors überzeugen.

Die Hauptversammlung der Aktionäre in Reschitza stimmte dem Vorhaben eines Joint-ventures zu, und beide Seiten unterzeichneten im Juni 1998 einen Ablaufplan, der vom FPS und Projektbüro BCP in Bukarest ebenfalls gutgeheißen wurde. Der deutsche Investor beliefert CSR mittlerweile mit flüssigen Gasen, darüber hinaus aber wurde die Durchführung des Vertrags inzwischen praktisch lahmgelegt. Alle im Ablaufplan festgehaltenen Termine werden rumänischerseits bewußt nicht eingehalten, weder Gebäude noch Unterlagen werden für das Joint-venture vorbereitet. Drahtzieher der skandalösen Blockade ist Recherchen der Siebenbürgischen Zeitung zufolge der Generaldirektor von CSR, Ioan-Victor Manolescu, der sich einer Privatisierung widersetzt, Tausende Arbeitsplätze aufs Spiel setzt, um den Betrieb in den Konkurs zu treiben und ihn dann möglicherweise selbst zu einem Spottpreis aufzukaufen. Die Seilschaften des roten Direktors reichen offenbar bis weit hinauf nach Bukarest, denn selbst die Privatisierungsbehörde sieht stillschweigend zu, wie ein deutsches Investment, das zu den zehn größten in Rumänien gehört, boykottiert wird. Dabei wäre es dringend notwendig gewesen, dem stagnierenden Stahlwerk in Reschitza, das Tausende Arbeiter beschäftigt, durch eine massive Kapitalbeteiligung aus Deutschland wieder auf die Sprünge zu helfen.

Es ist dies nicht der einzige Fall, in dem die „Direktokratie“, wie bekannte Politologen die mafiotischen Verbindungen früherer kommunistischer Direktoren nennen, auch heute noch ihre Muskeln spielen läßt. Schaden wird dabei nicht nur den Menschen in Rumänien zugefügt, sondern auch der Glaubwürdigkeit Rumäniens im Ausland, dessen derzeitige politische Führung nach Kräften die Integration in die euroatlantischen Strukturen anstrebt.

S. B.

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 13 vom 15. August 1999, Seite 3)

Schlagwörter: Investionen, Wirtschaft, Politik, Banat, Dobrescu

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