12. Juni 2008

Günter Klein: Wer sind die Verantwortlichen des Brandes?

Der Historiker Günter Klein hat heute in einem Leserbrief an die rumänische Zeitung Mesagerul de Bistriţa geschichtliche Hintergrundinformationen zum Kirchturm geliefert, der am Abend des 11. Juni 2008 einem Brand zum Opfer gefallen ist. Der Siebenbürger Sachse fordert Aufklärung über die Urache und Verantwortlichen der Katastrophe, sichert aber auch die Hilfe seiner im Ausland lebenden Landsleute zu. Der Leserbrief wird in deutscher Übersetzung wiedergegeben.
Sehr geehrter Herr Direktor,

ich heiße Günter Klein und wurde 1961 in Bistritz geboren, wo ich die ersten 15 Jahre meines Lebens verbracht habe. Obwohl ich mittlerweile seit 32 Jahren in Deutschland lebe, interessiert mich alles, was in meiner Heimatstadt passiert und dank Ihrer Zeitung, die ich im Internet lese, bin ich immer auf dem Laufenden. Obwohl ich in Deutschland mein Abitur abgelegt, Wehrdienst geleistet und studiert habe, fühle ich mich meiner Heimatstadt Bistritz und dem Gebiet um Bistritz (Nösnerland, wie wir Siebenbürger Sachsen es nennen) weiterhin sehr verbunden. Ich erinnere mich gerne an die in Bistritz verbrachte Kindheit und betrachte mich voller Stolz nach wie vor als Bistritzer.

Zufällig bin ich Historiker von Beruf und Mitglied im Vorstand der HOG Bistritz-Nösen. Diesen Brief schreibe ich Ihnen jedoch als Privatperson und übernehme die volle Verantwortung für dessen Inhalt!

Ich hatte gestern Abend die Gelegenheit, mit Ihnen zu sprechen, und als Sie mir am Telefon das Ausmaß der Brandschäden schilderten, hatte ich Tränen in den Augen.

Danksagung an die Feuerwehr

Gott sei Dank ist es der Bistritzer Feuerwehr gelungen – und wie ich aus Ihrer Zeitung erfuhr, unter Mithilfe der herbeigeeilten Feuerwehren aus Nassod, Bethlen, Borgo Prund, - den Brand zu löschen, bevor die gesamte Kirche ein Opfer der Flammen wurde. Diese Solidarität unter den Feuerwehrleuten hat Tradition in der Bistritzer Gegend. Als die Siebenbürger Sachsen noch zahlreicher im Nösnerland verteten waren, besaß fast jede sächsische Gemeine eine freiwillige Feuerwehr. Im Brandfall sind diese Feuerwehren stets auch den rumänischen Nachbargemeinden zu Hilfe geeilt. Die älteren Bistritzer werden vermutlich noch von Blitz, dem legendären Kommandanten der Bistritzer Freiwilligen Feuerwehr vor 1944, gehört haben.

Ich möchte mich auf diesem Wege bei den Feuerwehrleuten für den beim Brandlöschen bewiesenen Mut bedanken. Wie ich aus Ihrem Blatt erfahren habe, hat die Feuerwehr Brandwachen aufgestellt, die die ganze Nacht lang in der Kirche bleiben, um ein Wiederaufflackern der Brandherde zu verhindern.

Kirchturm ist schon mal 1857 abgebrannt

Wie aus Ihrer Zeitung zu entnehmen war, sind die Glocken sowie die Turmuhr den Flammen zum Opfer gefallen. Der Kirchturm ist schon einmal abgebrannt und zwar am 18. April 1857. Auch damals wurden die Glocken und die Kirchturmuhr vernichtet. Die große Glocke wurde neu gegossen und 1857 in den Glockenstuhl gebracht. Am 4. Juni 1916 wurde sie auf Befehl der österreichisch-ungarischen Behörden eingeschmolzen. Die neue große Glocke wurde am 16. Juli 1932 montiert.

Die Turmuhr wurde von der Firma Franz Summerecker in Prag hergestellt und am 26. Mai 1861 angebracht.

Das Kirchturmdach war bis zum großen Brand von 1857 mit glasierten Dachpfannen gedeckt, nach dem Brand bekam der Turm ein Blechdach, das rot gestrichen wurde. 1909 wurde es durch ein Kupferschuppendach ersetzt, welches 1916 demontiert und eingeschmolzen wurde (das Kupferdach wog 3.634 kg und kostete 6.000 Kronen). Nach der Demontage erhielt der Turm das hässliche Zinkblechdach, das wir alle kannten. Ersetzt wurde es durch das Kupferdach, das jetzt beim Brand zerstört wurde. Die Freude darüber war leider nur von kurzer Dauer.

Wer sind die Verantwortlichen des Brandes?

Es stellt sich nun die Frage, wer sind die Verantwortlichen des Brandes? Wer sind jene, die nicht in der Lage waren, einen Bauzaun zu errichten, um Unbefugten den Zutritt zur Kirche zu verwehren? Wer waren jene, die nicht zu verhindern wussten, dass die Evangelische Kirche wiederholt geschändet wurde? Ich darf Sie daran erinnern, dass allein in den letzten Monaten dreimal in die Kirche eingebrochen wurde. Die kleine sächsische Gemeinde ist nicht in der Lage, für den Schutz der Kirche zu sorgen, und die verantwortlichen Behörden haben viel zu wenig für den Stolz der Stadt Bistritz getan. Im Gegenteil, die Kirche wurde dem Verfall preisgegeben und zum Schandfleck der Stadt!

Ein Symbol aller Bistritzer

Die Evangelische Kirche gehört nicht nur den Siebenbürger Sachsen, sie ist das Symbol aller Bistritzer unabhängig von Nationalität und Religion, ein Baudenkmal von unschätzbarem Wert. Gestern wurden 600 Jahre Geschichte und Kultur in Asche verwandelt!

Ich gebe zu, kein Fachmann in Brandschutzfragen zu sein, frage mich aber, ob ein Baugerüst aus Massivholz den geltenden Brandschutzbestimmungen entspricht? Das Holz war in diesem Fall eine Art Brandbeschleuniger. Ich weiß, dass bei der Restaurierung der Schwarzen Kirche in Kronstadt und der Restaurierung der Bergkirche in Schäßburg (beide wurden von deutschen Stiftungen durchgeführt), die Baugerüste aus Metall waren. In Freiburg, wo ich wohne, wird zurzeit der Kirchturm des Münsters restauriert und das Gerüst ist selbstverständlich aus Metall! Wer trägt die Verantwortung für das Holzgerüst? Wieso ist der Brand blitzartig ausgebrochen? Ich glaube nicht an Zufälle! Die Täter müssen identifiziert und dingfest gemacht werden!

Die Kirche gemeinsam wieder aufbauen

Was bleibt nun zu tun, da die Katastrophe eingetreten ist? Wir müssen alle Hand anlegen (die Bistritzer vor Ort, jene aus der Diaspora, die Stadtverwaltung und die rumänische Regierung) um die Evangelische Kirche zu rekonstruieren, damit sie in kürzester Zeit wieder zu jenem wird, was sie einst war: die Kirche mit dem höchsten Kirchturm Rumäniens, der Stolz der Stadt Bistritz!

Wir Siebenbürger Sachsen aus der Diaspora werden dazu mit allen Kräften beitragen, die uns zur Verfügung stehen!

Mit besonderer Hochachtung

Günter Klein

Schlagwörter: Stadtpfarrkirche Bistritz, Nordsiebenbürgen

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