31. Juli 2009

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Ernüchternde Zwischenbilanz: Nokia seit eineinhalb Jahren in Jucu

Im Frühjahr 2008 machte der kleine Ort Jucu nahe Klausenburg Schlagzeilen: Der finnische Telekommunikationskonzern Nokia wollte hier Handys herstellen, ein ganzer Industriepark sollte folgen. Viele freuten sich auf den Aufschwung, manche sprachen gar vom Beginn des Wirtschaftswunders in Osteuropa. Doch jetzt, eineinhalb Jahre später, ist davon wenig zu sehen.
Das geplante „Nokia Village“ sollte sich über 90 Hektar erstrecken. Von der Handytastatur bis zur Gebrauchsanweisung wollte der finnische Mobiltelefonhersteller hier alles produzieren. 3500 Arbeiter sollten bis Ende des Jahres hier am Werk sein, doch bis jetzt sind es nur 1400, die laut Süddeutscher Zeitung mit umgerechnet etwa 250 Euro Lohn auch für rumänische Verhältnisse unterbezahlt sind und in einer einzigen Fertigungshalle arbeiten. Zum Teil müssen die Angestellten, je nach Arbeitsgang, stehen – und das bei einer Schichtlänge von 12 Stunden. Nokia-Sprecherin Anna Simai betont das „exzellente“ Arbeitsumfeld und weist auf die angebotenen Gymnastikprogramme hin.

Die Hoffnungen der Bewohner dieser Region waren hoch, die der rumänischen Regierung anscheinend noch größer: geschätzte 33 Millionen investierte sie in die Infrastruktur des Gewerbeparks. Auch eine Autobahnanbindung und eine Vergrößerung des Flughafens wurden versprochen, der Ausbau einer Landstraße zwischen Jucu und der Kreishauptstadt Cluj-Napoca wurde mit EU-Fördermitteln finanziert. Heute sind die Pläne für den Flughafen fertig, die EU steuert 15 Millionen Euro bei, doch noch sind nicht alle Grundstücke verfügbar. Die Autobahn? Der Bau wird von Bauern blockiert, die sich von Politikern und Immobilienhändlern, die durch den Handel mit dem Ackerland um Cluj/Klausenburg viel verdienten, hintergangen fühlen.

Doch auch Nokia hat seinen Teil der Abmachung nicht eingehalten: Nur ein paar Handymodelle für den asiatischen und afrikanischen Raum werden bis jetzt hier hergestellt, nur wenige Zulieferer sind dem finnischen Mobiltelefonhersteller gefolgt. Mercedes soll überlegt haben, ebenfalls im Industriepark „Tearom III“ zu produzieren – doch wie sollen die Wägen ohne Autobahn wieder nach Deutschland gelangen? Auch UPS und General Motors haben mit der Gegend geliebäugelt, doch dann kam die Wirtschaftskrise – „punktuelle Probleme“, so Mircea Corches, Geschäftsleiter von Tearom.

Selbstverständlich kann Nokia jedoch nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass auch sie von der Wirtschaftskrise betroffen sind und die Handypreise dramatisch fallen. Außerdem haben die Finnen zwar vielleicht die Hoffnungen der Anwohner nicht erfüllen können, doch sie haben der Gegend auch Gutes getan. Der Gemeinde Jucu schenkte der Handyhersteller einige Rutschen und Schaukeln und von den etwa 600 000 Euro Steuern, die letztes Jahr von Nokia in die Gemeindekasse flossen, will Bürgermeister Ioan Pojar ein neues Rathaus, eine neue Schule und eine Krankenstation errichten.

Allerdings sieht die Zukunft nicht gerade rosig aus: Die Region hat viel Geld in die Infrastruktur des Gewerbeparks investiert und ganz Rumänien ist so hoch verschuldet, dass es den Internationalen Währungsfonds um einen Milliardenkredit bitten musste. Wie die Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien meldete, werden rund siebzig Prozent der mittleren bis kleinen Gewerbeunternehmen das Jahr 2009 wohl nicht überstehen, da sie in den guten letzten Jahren Kredite in Euro aufnahmen und nun der Lei innerhalb weniger Monate stark an Wert verlor. Auch der Bukarester Rechtsanwalt Dr. Gisbert Stalfort prognostizierte im Mai bei einer Veranstaltung in Klausenburg, bei der er Krisenstrategien für Investoren in Rumänien vorstellte, dass der Kreis Cluj mit am meisten von der Wirtschaftskrise betroffen sein werde, da seine Industrie stark international ausgerichtet sei.

Trotz der schwierigen Situation wird Nokia die neue Fabrik jedoch wahrscheinlich nicht sofort wieder aufgeben und man darf auf bessere Zeiten nach der weltumspannenden Krise hoffen. Da allerdings auch die Löhne und Immobilienpreise in Rumänien stark steigen, bleibt fraglich, wie viele Jahre sich der Industriestandort für die Finnen noch lohnt.

Barbara Eggers

Schlagwörter: Wirtschaft

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