28. Juni 2011

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Wilhelm Meitert: "Die sächsische Welt ist im Verschwinden"

Sprachwitz, Geist und Gegenwartsbezug – der Mundartautor ­Wilhelm Meitert legt gern den Finger auf die sächsische Wunde. Ausgerechnet den zweifelsohne originellsten Mundartautor der jüngeren Generation sucht man vergeblich in jenem 2010 vom Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland herausgegebenen Mundart-Sammelband „Sachsesch Wält“. Der Grund: das fragwürdige Auswahlkriterium. Meitert hatte das Pech, nicht zu jenen Autoren zu gehören, die im Zeitraum 2005-2010 in der gleichnamigen Rubrik der Siebenbürgischen Zeitung vorgestellt worden sind.
Keine Frage, an der Qualität seiner erfrischend lebendigen, in freien Versen geschriebenen Mund­artgedichte kann es nicht gelegen haben. Es sind nicht viel mehr als etwa 30, doch brachte er damit frischen Wind in ein fast schon totgedichtetes Genre. Sie erinnern mutatis mutandis an das schmale Werk von Anemone Latzina, die ebenfalls als bedeutende Erneuererin der modernen rumäniendeutschen Poesie gilt. Und wie bei Latzina sind auch bei Meitert die Gedichte betont nüchtern, knapp und gern auch mal provokativ, mit offenkundiger Vorliebe für Wortspiel und Sprachwitz. Bekanntestes Beispiel sein ‚Zweizeiler‘ zur Lage der Sachsen heute: „Wo äs det Bå­flisch?/Wo sen de Sachsen?“ (De Båflischsachsen). Meiterts Texte erschienen in einschlägigen Anthologien, Zeitungen und gelegentlich auch in der Bukarester Literaturzeitschrift Neue Literatur. Und immer setzt er sich dort mit der Befindlichkeit seiner Landsleute auseinander und greift Fragen auf, wie sie so noch nicht thematisiert wurden – etwa im nebenstehenden Gedicht Entwäcklung. „Nem der wenichstens en Blechan“ (Nimm dir ...„Nem der wenichstens en Blechan“ (Nimm dir wenigstens eine Walachin): Wilhelm Meitert im Hof des Friedrich-Teutsch-Hauses in Hermannstadt. Foto: der Verfasser Mit dem Schreiben begonnen hatte Meitert noch während seiner Zeit als Schlosserlehrling. Geboren 1956 in Abtsdorf bei Agnetheln, besuchte er die Achtklassenschule in seinem Heimatdorf und in Agnetheln. 1970-73 ließ er sich an der Berufsschule der Hermannstädter Firma für Autobestandteile IPAS zum Schlosser ausbilden („weil ich immer ein mittelmäßiger Schüler war“) und blieb dort Fabrikarbeiter bis 1983. Nebenher besuchte er die Abendkurse des deutschen Lyzeums, schrieb Theatertexte und bereitete sich auf die Aufnahmeprüfung vor. 1983-88 studierte er Theologie in Hermannstadt. In diese Zeit fällt auch die Heirat mit der Textilarbeiterin und späteren Kindergärtnerin Helga geb. Krech (1987). Nach seinem Vikariat in Kronstadt wirkte er von 1989 bis 2000 als Pfarrer in Leblang. Anfang 2000 übernahm er die Pfarrstelle in Großpold, wo er auch heute noch lebt.

Noch als Schüler spielte er in den Mundartstücken von Otto Reich (Der Härr Lihrer kit) und Walther Seidner (Sherlock Honnes) mit. Besonders anregend wirkte sich Christian Maurers Volksstück Ein spätes La Paloma oder Die Katz hat ihn gefressen (1973) auf den Heranwachsenden aus. Er begann erste Stücke zu schreiben (De Bräffrängdännen, 1974, Uraufführung 1975 in Abtsdorf) und besuchte nach Feierabend die Schauspielklasse der Volkskunstschule in Hermannstadt, wo er sich unter der Anleitung von Arne Konnerth und Wolfgang Ernst weiteres Theater-Know-how aneignete (1976 abgeschlossen). Es folgten weitere Mundartstücke mit ­Gegenwartsbezug, durchgehend Lustspiele übrigens: Hochzedden (geschrieben 1978, veröffentlicht 1983, Uraufführung in Schellenberg unter der Regie von Wolfgang Ernst), Ät uch arer zwin (Sie und ihre beiden, ein Stück zum Thema des „Herausheiratens“ in der Ceauşescu-Zeit, Uraufführung 1989 in Petersberg b. Kronstadt) und last not least die gern gespielte Komödie Af Amwiejen (Auf Umwegen, geschrieben 1983, Uraufführung 1994 in Deutsch-Weißkirch), sein persönlicher Favorit. Mit den Bräffrängdännen (Brieffreundinnen) ist Meitert sogar das meistgespielte siebenbürgisch-sächsische Mundartstück der Nachkriegszeit gelungen – es wurde in mehr als 60 Dörfern aufgeführt. Eine Sonderstellung nimmt Teufel Tillix ein, eine leichtfüßige Posse voller Situationskomik, die zusammen mit einem arg linientreuen Stück aus dem Umfeld des VKJ – einer „Jugendsünde“ von 1974, wie der Autor freimütig einräumt –, seinen einzigen Theatertext in deutscher Sprache darstellt (Uraufführung 1978 in Hammersdorf). Nicht zu vergessen Der Gohrmert (Der Jahrmarkt), die sächsische Bearbeitung eines Bauernschwankes von Jupp Jasper (= Kurt Riemann), der längst auch an Laienbühnen in Deutschland für Heiterkeit und volle Häuser sorgt.

Bis vor wenigen Jahren noch schrieb Wilhelm Meitert seine Theater-, Gedicht- und Prosatexte fast ausschließlich in Mundart. Der Journalist Fritz Schuster, selbst einer der Großen der siebenbürgisch-sächsischen Mundartdichtung, sagt über Meiterts Sprache, sie sei ein „kräftiges Sächsisch in der Lautung des Altländer Dialektes mit Abtsdorfer Färbung“ (Gedanken zum Mundarttheater, in: Volk und Kultur 6/1977). „Es dürfte dies“, orakelte Schuster ebenda, „die geeignetste Formel auch für die zukünftigen in Druck erscheinenden Mundarttexte sein.“

In letzter Zeit freilich ist Wilhelm Meitert fast verstummt. Er habe nur noch wenig geschrieben („es drängt mich nicht dazu“) und auch dann meist in deutscher Sprache. „Die sächsische Welt ist im Verschwinden“, seufzt der stämmige, leicht angegraute Mittfünfziger und schenkt uns von seinem Selbstgekelterten ein: „Gut, dass wenigstens der Wein geworden ist. Früher hatte hier jeder seinen eigenen Wein. Heute kauft man alles im Supermarkt. Helf Gott!“

Wenn er von sich selber erzählen soll, wird Meitert noch einsilbiger. Von Projekten mag er erst gar nicht reden, das könnten andere besser. Politiker zum Beispiel. Mit einem bissigen Gedicht, das aus gerade mal fünf Wörtern besteht, brachte er seine Meinung über die inflationäre Projektmacherei der postkommunistischen Aufbruchjahre auf den Punkt: „Wie heißt das Kind?/Projekt.“ (Siebenbürgische Taufe um 2000). Am 28. Juni wird Wilhelm „Will“ Meitert, ein echt sächsisches Urgestein, 55 Jahre alt. Wir gratulieren.

Konrad Klein

Nachbemerkung - Dieses Meitert-Porträt erscheint als Gastbeitrag der Rubrik „Sachsesch Wält“ in Absprache mit deren Betreuer, Herrn Bernddieter Schobel. Dafür, dass er mir freie Hand bei Auswahl und Gestaltung ließ, bedanke ich mich herzlich, ebenso für das mitgelieferte Glossar. Das Gedicht „Spoannung“ wird hier zum ersten Mal abgedruckt, die ­anderen entstammen der Anthologie „Mundarten im Blickpunkt. Deutsche Mundarten in Rumänien“ (Cosmopolitan Art Verlag Temeswar 2005). Weitere 13, teils richtig "böse" Gedichte und drei Prosatexte sind in Michael Konnerths verdienstvoller Ortsmonographie „Abstdorf. Ein ehemals deutsches Dorf in Siebenbürgen“ (1997) enthalten.


Wilhelm Meitert

Entwäcklung

Der Vouter siut äm Johr …
… 1700:
Ta froinderst
des rechen Hans seng Diuchter!

… 1800:
Ta froinderst
e Medschen
ais åser Gemuin!

… 1900:
Nem der uin
ais åsem Vëulk!

… 2000:
Nem der wenichstens
en Blechan!

… 2020:
Froinder dich
wenichstens mät er Fra!

Spoannung

uijentlich
wäll em sich
net zarren

åwer

iwer wåt
seol
em driu
nouch riëden

Der Ainderschuid

Wunn
der kommunistesch
Fåhrer këum
driu broucht' em
ëunder
Kåh
än de Stoul

Wunn
ås saksesch Griußen
ke Birthalm
zåhn
driu stohn
åndern
än der Trocht
Spalier

Glossar
Uijentlich = eigentlich; Ainderschuid = Unterschied; Fåhrer = Führer; Broucht’ = brachte; Ëunder = andere; Stoul = Stall; Griußen = „Große“, Großkopferte (hochgestellte Persönlichkeiten)

Schlagwörter: Mundart, Literatur, Pfarrer, Großpold, Abtsdorf

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