20. Januar 2006

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Gert Sturm: Zem noië Gohr

Gert Sturm wurde am 6. Dezember 1941 in Heltau geboren. Er hat als Maschinenbauingenieur gearbeitet, hauptsächlich in Mârşa. 1974 ausgesiedelt, arbeitet er in Düsseldorf und lebt in Hückelhoven in der Nähe von Mönchengladbach. Er schreibt erst seit kurzem in sächsischer Mundart.
Et äs esi åf deser Iërd,
datt allent, wåt håi krecht uch fiëhrt,
mät Froiden, Måihen uch Gefohren
den Puckel sich belidt mät Gohren.
Zenierscht äs et nemmol ’si licht,
doch mät der Zekt dräckt det Gewicht
mät angderschiedlichem Effekt:
Den enen stächt et än de Sekt,
vim Zwiëten sekt em nor noch Foolden,
der Drätt kå sich nemmi enthoolden,
bekitt womöglich noch det Reßen,
der oonder kån nät richtich beßen;
alt ener huet en kråmme Räcken,
en oondrer kå sich kom noch bäcken;
wid muncher e vernåftich Kärl,
flecht oånderen en Storch äm Schärrl ...
Geneåch, det ien, dot äs neå klor,
et blëiwt näst, wåi et iemol wor.
De Hiht äs in dem gånze Krämpel:
Zeliëzt äs allent nor – Gerämpel!

End wåt sich doch der Mängsch zepläckt,
äs grantich, wonn em äst nät gläckt,
äs gläcklich, wonn e’n Kretzer fängt,
end lett de Nues hehn, wonn äst stänkt;
hie årbet, schuft, wä et nor giht,
domät äos allem noch mih wid.
Zem Gläck märkt hie båi dem Gefrett
nät ängde, wåi e Fäddern lett.
Kitt awer dro de Noigohrsnuecht,
wid dennich iemol nogeduecht,
end ient erschengt beseångders wichtich:
Äm nächste Gohr wid allent richtich!
Ow dot gelängt – na ja, wie wieß?
Det Frochziechen äs zämlich grieß.

Aldiester hälft et ze probieren,
de Sach dirch en „risa Brill“ ze studieren,
sich sälwst en Trätt vin hängden ze giën
end sich nät allze wichtich ze niëhn.
Merkt em en Stall, dåi nät wihdit,
brällt froidig em: „Et giht, et giht!“
Wonn sich de Spes allmählich läddicht,
genesst zefridden em de – froi Sicht.
End wonn de Knoochen komesch knacken,
såi donkber, kåst te geaut noch – Keåche backen!
Breåchst tau dro dennich Liëwenshälf,
Triest dich, båi allen äs’t det sälw.
Än desem Sänn, moch et geschekter
äm noië Gohr! – Dro såih mer wekter ...

Echte Mundart

Selbst jene, die noch nie Heltauer Mundart gehört haben, werden spätestens bei dirch oder vim die Entsprechung –i- : -u- entschlüsseln und den richtigem Wort- und Sinnzusammenhang zu durch, vum (vom) herstellen sowie schließlich auch in für un (an) erkennen. Der Aufbruch aus einer geschlossenen Gemeinschaft hat bei Mundartsprechern seit jeher die Fertigkeit gefördert, auch dialektale Lautentsprechungen nahezu automatisch ins System einzuordnen, wie sie ohnehin ständig gewissermaßen Hebel umlegen, um aus einer in die andere Sprache oder in andere Sprachebenen zu wechseln. Von daher erscheint es uns angebracht, den Lesern ruhig auch weniger geläufige Lautungen zuzumuten. Es fehlt zwar das Gegenüber und der in einem Gespräch gegebene Zusammenhang, aber der gedruckte Text liegt eben vor und kann bei Bedarf wiederholt gelesen werden; dabei ist es natürlich nützlich, das Gelesene zu sprechen.

Wie ich in den geführten Gesprächen erfahren konnte, scheint es jedoch für einige Autoren tatsächlich schwierig zu sein, zu ihrer Mundart zu stehen. Abgesehen von möglicherweise kompliziert zu schreibenden Lautungen, mag dabei auch eine Rolle spielen, dass Eigenheiten der Mundarten häufig zu Vorlagen für Orts- oder Personenspott umgemünzt werden, zumal wenn es um solch sozusagen einmalige Lautung geht wie im Falle Heltaus. Sonderwörter werden daher im überlokalen Verkehr lieber gemieden, Sonderlautungen eventuell an die gebietsmäßige Umgangsmundart angeglichen. Laut Thomas Buortmes aus Urwegen war dies auch im Arbeitslager während der Deportation der Fall. Für unsere Rubrik musste wiederholt im Gespräch erst die eigentliche Lautung eines bestimmten Textes gezielt ans Licht geholt werden. Es ist zudem nicht zu übersehen, dass einige Mundartautoren unter den heutigen Verhältnissen an Sicherheit im Umgang mit der Dorfmundart einbüßen. Denn die Gelegenheiten, in einer einzigen Mundart zu sprechen, sind sogar in den Familien selten geworden, während die Öffnung für andere Herkunftsmundarten, für die einheimische Regional- und die deutsche Schriftsprache an der Tagesordnung ist. Es sollte aber trotz allem versucht werden, zunächst den angestammten Sprachschatz auszuschöpfen und die mündlich selbstverständlichen Regeln schriftlich ebenfalls zu beachten, ehe – vielleicht allzu leicht – eindeutig schriftsprachliche Wörter und Fügungen (z. B. Wesfall) sächsisch eingesetzt werden. Die Probe wäre: Lässt sich der Text nahezu direkt in die Schriftsprache übertragen, sollte die Mundartfassung überprüft werden.

Freilich ist auch unser Dialekt ein lebendiges Gefüge, und manches Hochsprachliche ist schon längst in dessen Mundarten heimisch geworden. Aber vielleicht sollten wir z. B. die Negation noch eine Weile am Anfang des Befehlssatzes belassen, also besser Net så en Nästnätz! schreiben als: Så nichen Nästnätz (beides: Sei kein Nichtsnutz)! und weiterhin mehr wat sagen, nicht „wat emmer“ (beides: was immer); man sollte nicht ausgerechnet all die triftige Lehren, das Vermeiden sächsischer Ausdrucksweise im Deutschen betreffend, jetzt mit umgekehrtem Vorzeichen anwenden... Eine Form scheint besondere Anziehungskraft auf die Dichter auszuüben: glitzernd, dunkend (dankend) aus Orten, wo es mündlich gewiss nicht so gebraucht wird. Die Form wird sächsisch in der Regel ohne -d benützt: hochä Fussoiën (Buschbohnen), kochä (kochendes) Wasser; auch im schönen Lied von den Astern gehen de Medcher sängän verbä!

Noch ein Wort an unsere nordsiebenbürgischen Landsleute. Zwar stammen die Betreuer der Rubrik aus Südsiebenbürgen, dem „Nidderlånd“, und kennen die Probleme des betreffenden Teildialekts besser. Ohne Beiträge aus allen Landschaften bliebe das Bild des Dialekt aber zu lückenhaft. Wir möchten Sie deshalb auffordern, ebenfalls mitzumachen. Sowieso wird jeder Text vorab (telefonisch) mit dem Autor/der Autorin abgesprochen, und wenn ich mit Einzelheiten nicht zurechtkomme, kann ich bei fachkundigen Nösnern Rat einholen.

Hanni Markel

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 1 vom 20. Januar 2006, Seite 6)

Schlagwörter: Mundart

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