25. November 2010

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Wir Siebenbürger Sachsen sind in Hessen angekommen

„Der Mensch lebt aus seinen Wurzeln, aus seinen Hoffnungen und Visionen. Und daraus entsteht reales Handeln. Dies ist mein Wunsch auch für die hessische Landesgruppe der Siebenbürger Sachsen für ihre Zukunft“. Persönlich und sehr herzlich gratulierte der Präsident des Hessischen Landtags, Norbert Kartmann, dem „Jubilar“ zum Geburtstag. Mit einer stilvollen Festveranstaltung feierte die Landesgruppe Hessen des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland am 12. November im Hessischen Landtag in Wiesbaden ihr 60-jähriges Bestehen. Den Festvortrag „Rückblick auf 60 Jahre Verbandsarbeit der Siebenbürger Sachsen in Hessen“ hielt der Historiker Gerald Volkmer.
Der Musiksaal des Wiesbadener Stadtschlosses war bis auf den letzten Platz gefüllt. Nicht wenige Landsleute waren in Tracht erschienen. Unter den Anwesenden konnte die Vorsitzende der Landesgruppe Hessen, Ingwelde Juchum-Klamer, allen voran den Landtagspräsidenten Norbert Kartmann begrüßen, ferner stellvertretend für alle Abgeordneten des Hessischen Landtags den Minister für Bundesangelegenheiten, Michael Boddenberg, Stadtrat Manfred Laubmeyer als Vertreter des Wiesbadener Oberbürgermeisters Dr. Helmut Müller, den Bundesvorsitzenden des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, Dr. Bernd Fabritius, sowie Vertreter der Vertriebenenverbände. Ebenfalls zugegen war der Ehrenvorsitzende Dr. Wolfgang Bonfert mit Gattin. Gruppenbild mit Trachtenträgern aus Rüsselsheim ...Gruppenbild mit Trachtenträgern aus Rüsselsheim und Pfungstadt: Landtagspräsident Norbert Kartmann (hintere Reihe, Mitte), Ehrenvorsitzender Dr. Wolfgang Bonfert (4. v. links), Bundesvorsitzender Dr. Bernd Fabritius (3. v. links), Landesvorsitzende Ingwelde Juchum-Klamer (5. v. links) mit ihren Stellvertretern Reinhold-Johann Sauer (1. v. links) und Helmut Schaaser (2. v. links). Foto: Hans-Werner Schuster Juchum-Klamer dankte dem Landtagspräsidenten Kartmann, „unserem Gastgeber“, dafür, die Festveranstaltung in diesem „ganz besonderen Rahmen feiern zu dürfen“. Ihre Anerkennung für die musikalische Umrahmung der Feier sprach die Landesvorsitzende dem von Hans-Dieter Wagner geleiteten Quartett aus Pfungstadt aus, das sich auch aus Mitgliedern der Siebenbürger Musikanten Pfungstadt rekrutierte. Ingwelde Juchum-Klamer machte auf die zum Jubiläum erstellte Festschrift aufmerksam, die, als Ergänzung zur Festschrift anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Landesgruppe Hessen, sich auf das vergangene Jahrzehnt fokussiert. Die Landesvorsitzende Ingwelde Juchum-Klamer bei ...Die Landesvorsitzende Ingwelde Juchum-Klamer bei der Begrüßung der Festgäste. Foto: Christian Schoger Die Vorsitzende erinnerte an die Gründung der Landesgruppe am 25. November 1950 in Frankfurt-Bockenheim. Man blicke „mit Freude und ein wenig Stolz“ auf die vergangenen 60 Jahre zurück. Dank sehr engagierter Mitglieder gebe es heute in Hessen viele aktive Kreis- und Kulturgruppen, die alle noch lange bestehen bleiben sollten, verlieh die 37 Jahre junge Vorsitzende ihrer Hoffnung Ausdruck.

Starke und aktive Gliederungen

Minister Michael Boddenberg lobte in seinem Grußwort die Integrationsleistung der Siebenbürger Sachsen und unterstrich: „Sie leisten durch die Pflege Ihrer Wurzeln einen wertvollen Beitrag zur kulturellen Vielfalt unter dem Dach der Bundesrepublik Deutschland und des vereinten friedlichen Europa“.

Zum 60-jährigen Jubiläum der Landesgruppe Hessen überbrachte Dr. Bernd Fabritius die Glückwünsche des Bundesvorstandes, der zu diesem besonderen Anlass nahezu vollständig angereist sei. Als „Anerkennung für das Wirken“ der Landesgruppe bewertete der Bundesvorsitzende den Umstand, dass die Feier im Landtag stattfinde, „sozusagen im Allerheiligsten des Landes Hessen“. Dies sei „ein Beleg dafür, dass wir Siebenbürger Sachsen in Hessen angekommen sind“. Der Verband der Siebenbürger Sachsen sei auf starke und aktive Gliederungen angewiesen, „und eine solche haben Sie in Hessen zweifelsfrei geschaffen“, bekräftigte Dr. Fabritius. Der Bundesvorsitzende beglückwünschte Norbert Kartmann zur kürzlich in Hermannstadt verliehenen Honterus-Medaille.

Schicksalsgemeinschaft in Deutschland – Brücken bauen nach Siebenbürgen

Zum 60. Geburtstag der Landesgruppe Hessen gratulierte Norbert Kartmann in seiner Festansprache „Ihnen – nein uns - persönlich und als Präsident des Hessischen Landtages“. Bekanntlich hat unser Verbandsmitglied Norbert Kartmann siebenbürgische Wurzeln. Im Geburtshaus seines Vaters in Hetzeldorf (Kreis Hermannstadt) hat er ein Altenheim eingerichtet, das seit 1991 vom Mediascher Diakonieverein betrieben wird. Bewegende Festansprache: Landtagspräsident ...Bewegende Festansprache: Landtagspräsident Norbert Kartmann gratulierte der Landesgruppe Hessen zu ihrem 60-jährigem Bestehen. Foto: Christian Schoger Kartmann erinnerte an ein dramatisches Kapitel aus seiner Familiengeschichte, als kurz nach Kriegsende die Rückkehr in die siebenbürgische Heimat misslang. Er selbst kam 1949, ein Jahr vor Gründung der Landesgruppe Hessen, in Nieder-Weisel zur Welt, einem Stadtteil von Butzbach (Wetteraukreis). Seine Familiengeschichte sei exemplarisch „für den Beginn der Existenz der Siebenbürger Sachsen in vielen Teilen unseres Landes“. Kartmann betonte, er könne sich „an keine Phase seines Lebens bis heute erinnern, in der Siebenbürgen keine Rolle in unserem Haus gespielt“ hätte. Es sei „das große und bedeutende Verdienst“ der landsmannschaftlichen, in der Bundesrepublik etablierten Organisationen, dass sie den Zusammenhalt zwischen den Landsleuten in einer sichtbaren Form organisiert und ein gemeinschaftliches Fundament gegeben hätten. Gerade für die Schicksalsgemeinschaft der unmittelbar von den Kriegsfolgen Betroffenen galt es damals, nach schmerzvollen Erfahrungen neue Kraft zu schöpfen, die Familien zusammen zu führen, neue Wurzeln zu schlagen. Als „beschämend“ beklagte Kartmann die „Gedankenlosigkeit“, mit der immer wieder, selbst „in Teilen der politischen Klasse“, mit den Heimatvertriebenen umgegangen werde. Nach der Wende hätten sich neue Aufgaben der Landsmannschaft ergeben (Fremdrentengesetz, Eigentumsrückgabe). Die Pflege des gemeinsamen Kulturgutes bleibe eine tragende Säule. Darüber hinaus hätten die Siebenbürger Sachsen auch vermöge ihrer speziellen Kenntnis Rumäniens die Aufgabe, „diese Brücke zu bauen zwischen uns und unseren Landsleuten, zwischen Deutschland und Rumänien“, wo, wie sich bei seinem jüngsten Rumänienbesuch bestätigt habe, die politische Lage weiterhin labil sei. Mit besonderem Nachdruck betonte der Landtagspräsident: „Die deutsche Minderheit in Rumänien ist zahlenmäßig nicht sehr groß, aber sie lebt und übt Einfluss aus, und wir sind deren engste Freunde und Partner, Brüder und Schwestern. Das verbindet die Siebenbürger Sachsen mit ihrer Heimat bzw. mit der Heimat ihrer Vorfahren.“ Gleichsam symbolhaft beschloss Kartmann seine Ansprache mit dem Wortlaut der letzten Strophe des Siebenbürgenliedes: „Siebenbürgen, süße Heimat ...“. Lebhafter Beifall der Festgemeinde. Ingwelde Juchum-Klamer verlas das Grußwort der Landesbeauftragten der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf, ehe der Festvortrag folgte.

Bemerkenswerte Aufbauleistung

Eingangs seines faktenreichen wie kurzweiligen Vortrags veranschaulichte der am Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteutropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München tätige Historiker Dr. Gerald Volkmer die weit in die Vorkriegszeit zurückreichenden hessisch-siebenbürgischen Beziehungen. Exemplarisch ging Volkmer auf seine eigene Familiengeschichte ein (nordhessischer Vorfahre), um überzuleiten zur Geschichte der Heimatvertriebenen und mithin auch der Siebenbürger Sachsen in Hessen nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Zahl der aus dem Osten nach Hessen geströmten deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen erreichte 1952 die Dreiviertelmillionengrenze. Eine systematische Eingliederung erfolgte vor allem durch den von Ministerpräsident Georg August Zinn 1951 verkündeten sogenannten „Hessenplan“. Danach sollten die Arbeitslosen in die Industriezentren des Landes umgelenkt und mit Wohnungen versorgt werden. Anhand ausgewählter Beispiele aus siebenbürgischen Biografien verdeutlichte der Referent zeittypische Probleme und Konflikte. Hielt den Festvortrag: Dr. Gerald Volkmer. Foto: ...Hielt den Festvortrag: Dr. Gerald Volkmer. Foto: Christian Schoger Ein aus heutiger landsmannschaftlicher Sicht historisches Datum ist der 25. August 1950, das Datum der Gründung der Landesgruppe Hessen, deren Gründungsvorsitzender Gerhard Groß wurde. Wie Dr. Volkmer erläuterte, suchten die Landsleute durch diesen Zusammenschluss „an ihrem in Siebenbürgen gelebten Zusammenhalt anzuknüpfen“ und „ihre Interessen nach außen zu vertreten, als Deutsche unter Deutschen“. Hessens Siebenbürger Sachsen hätten sich „mit ihren Fachkenntnissen, ihrer Tatkraft und Einsatzbereitschaft in den Dienst des Aufbaus Deutschlands gestellt“. Die hessische Landesgruppe habe zur erfolgreichen Entwicklung maßgeblich beigetragen „durch Kontakte zur hessischen Landespolitik und zu den Kommunen, durch Pressearbeit, auch durch das Engagement des Bundes der Vertriebenen in Hessen“. Zwischen den 1970er und den 1990er Jahren verdoppelte sich die Mitgliederzahl von 650 auf ca. 1 300 Personen (im Zusammenhang mit der zunehmenden Aussiedlung der Rumäniendeutschen). Volkmer sprach die vielfältigen Formen des reichen Kulturlebens, der Brauchtumspflege und der Jugendarbeit in Hessen an. Die vergangenen sechzig Jahre hätten deutlich gemacht, wie stark die Tätigkeit der Landesgruppe geprägt wurde durch den Landesvorstand und dessen jeweiligen Vorsitzenden, in chronologischer Reihenfolge: Gerhard Groß, Dr. Georg Gunesch, Johann Riemer, Dipl.-Ing. Wilhelm Beer, Pfarrer Imre István, Wilhelm Folberth und seit 2009 Ingwelde Juchum-Klamer. Ihr wünschte Dr. Gerald Volkmer viel Erfolg bei dem Bemühen, durch die Förderung der Jugendarbeit, die Stärkung der Kulturgruppen sowie eine verbesserte Mitgliederwerbung „dem siebenbürgischen Kulturerbe einen zukünftigen Platz im hessischen Alltag zu sichern“.

Zum Ausklang der knapp zweistündigen Veranstaltung sangen die Festgäste gemeinsam das Siebenbürgenlied und die Nationalhymne. Anschließend wurde zu einem Umtrunk mit Hanklich und Striezel ins Foyer geladen.

Christian Schoger

Schlagwörter: Hessen, Kartmann, Landtag, Jubiläum

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