16. Januar 2011

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Kulturhaus Hermann Oberth in Drabenderhöhe wird umbenannt

Im Dezember 2010 hat der Stadtrat Wiehl mehrheitlich beschlossen, das Kulturhaus Hermann Oberth in „Kulturhaus Drabenderhöhe –Siebenbürgen“ umzubenennen. Dagegen waren die Abgeordneten der Grünen, die den Bezug zu „Siebenbürgen“ ebenfalls aus dem Namen gestrichen wissen wollten, die meisten Ratsmitglieder der SPD enthielten sich. Bei einer Abstimmung in der Kulturausschusssitzung des Stadtrates am 24. November 2010 hatten die drei Ratsmitglieder der CDU aus Drabenderhöhe gegen die Umbenennung des Kulturhauses gestimmt, alle anderen dafür. Die „Oberbergische Volkszeitung" titelte am nächsten Tag: „Hermann Oberth ist Geschichte.“
Im April 2010 hatte ein Stadtrat der Partei DIE LINKE im Rat der Stadt Wiehl beantragt, das Hermann Oberth – Kulturhaus in Drabenderhöhe in „Käthe Kollwitz-Haus“ umzubenennen. Begründet wurde dieser Antrag hauptsächlich mit einigen Aussagen Oberths, die er 1983 in seinem Buch „Wählerfibel für ein Weltparlament“ gemacht hatte. Der 89-jährige Raumfahrtpionier hatte sich in dem Buch u.a. Gedanken über die „Fortpflanzungspolitik“ gemacht und geschrieben: „Die Ärzte (sind) zu verpflichten, bei der Geburt eines behinderten Kindes den Vater und die Großeltern über das Unglück zu informieren und sie zu ermächtigen, aufgrund der Entscheidung der Familie dieses lebensunfähige Geschöpf sterben zu lassen.“

Örtliche Behinderteneinrichtungen zeigten sich empört in einer Stellungnahme an den Bürgermeister: Die Stadt Wiehl sei zu Recht stolz auf ihre „Behindertenfreundlichkeit“ und beherberge sehr viele Einrichtungen, in denen Menschen mit Behinderungen jeden Alters leben, arbeiten und gefördert werden. Kritisiert wurde, dass Oberth „noch 1983 derartiges Gedankengut veröffentlicht habe“, und daher sollte das Kulturhaus nicht dessen Namen tragen.

Der Bürgermeister der Stadt Wiehl beauftragte Dr. Alexander Geppert von der Freien Universität Berlin, sich in einem unabhängigen Gutachten mit Oberths Werdegang, Werk und Wirkung und dessen Aussagen in der „Wählerfibel für ein Weltparlament“ zu befassen. Geppert stellte in dem im September 2010 fertig gestellten Gutachten fest, dass dieses Buch die letzte monographische Arbeit des bisherigen Namensgebers des Kulturhauses gewesen sei. „Oberth war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits fast neunzig Jahre alt. Als eine Art Alterswerk und Privat-Philosophie angelegt, mit der er die gesamte Menschheit dazu anregen wollte, endlich ihre eigene ‚Weltregierung’ zu wählen, erklärte Oberth gleich im Vorwort, zu diesem Buch durch spiritistische Seancen mit dem telepathisch begabten Medium ‚Schea Tal Wir’ alias Frau Barbara Troll angeregt worden zu sein und durch sie die dort wiedergegebene Botschaft einer extraterrestrischen Zivilisation, der so genannten Uraniden, empfangen zu haben. (…) Wann Oberth seine eigene Meinung vertritt und an welchen Stellen er lediglich die Ansichten der Außerirdischen referiert, ist indes oft schwierig zu entscheiden. Nachhaltige Wirkung hat die „Wählerfibel für ein Weltparlament“ nicht gehabt.“

Fazit und Empfehlung des unabhängigen Gutachtens Gepperts: „Eine Umbenennung des Kulturhauses in Wiehl ist meines Erachtens und allen wünschenswerten Bemühungen um Political Correctness zum Trotz nach gegenwärtigem Forschungs- und Kenntnisstand daher nicht erforderlich.“

Dennoch entschied sich die Mehrheit des Stadtrates, den Bedenken der Behindertenverbände Rechnung zu tragen. Das siebenbürgische Kulturhaus (vorne) und ...Das siebenbürgische Kulturhaus (vorne) und Altenheim. Luftbildaufnahme: Christian Melzer In der Vorlage des Bürgermeisters Werner Becker-Blonigen zur Kulturausschusssitzung des Stadtrates Wiehl im November 2010 heißt es: „Aus heutiger Sicht bleibt festzuhalten: Der Umgang von nicht behinderten und behinderten Menschen bedarf des Respekts, der tiefen humanitären Grundeinstellung der Solidarität und Nächstenliebe.“ Der respektvolle Umgang mit gehandicapten Menschen mache es nötig, „besondere Sensibilität für Aussagen und Wertungen durch Namensgeber öffentlicher Einrichtungen zu entwickeln“. „Es muss daher im Interesse aller sein, die unbestrittenen Verdienste Hermann Oberths um Wissenschaft und Technik nicht im ständigen Kontext zu Äußerungen gesetzt zu bekommen, die aufgrund der konkreten Situation der Behinderteneinrichtungen in der Stadt Wiehl kaum zu vermitteln und schwierig zu ertragen sind. Daher sollte dem Kulturhaus Drabenderhöhe der Namenszusatz Hermann Oberth in Zukunft nicht mehr hinzugefügt werden.“ Zudem empfahl der Bürgermeister, das Kulturhaus Drabenderhöhe mit dem Zusatz „Siebenbürgen“ zu versehen.

Becker-Blonigen begründete seinen Vorschlag wie folgt: „Um zugleich aber dem fünf Jahrzehnte andauernden Prozess der Umsiedlung der Siebenbürger Sachsen aus ihrer seit 800 Jahren angestammten Heimat in die neue Heimat in Drabenderhöhe und den damit einhergehenden großen Integrationserfolg zu betonen, ist eine Würdigung des siebenbürgischen Beitrages in Drabenderhöhe angebracht. Dies gilt umso mehr, als viele der heute hier lebenden Siebenbürgerinnen und Siebenbürger den real existierenden Sozialismus stalinistisch-nationalistischer Ausprägung in Rumänien erlebt, erfahren und erlitten haben und hieraus resultierend am Aufbau einer demokratischen Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland aktiv teilgenommen haben und teilnehmen. Auch haben die Siebenbürger Sachsen nach der Wiederherstellung eines europäischen Kultur-, Wirtschafts- und Politikraumes aktiv an der Gestaltung von Völkerfreundschaft in ihre alte Heimat, aber auch nach Ungarn und einige benachbarte Länder mitgewirkt.“

Der Vorstand der Kreisgruppe Drabenderhöhe hatte sich nach reiflichen Überlegungen entschlossen, einen Mehrheitsbeschluss des Stadtrates mitzutragen, um weitere kontroverse Diskussionen und Schaden im Andenken an Hermann Oberth abzuwenden. Auch wollte der Kreisgruppenvorstand nicht durch eine Verweigerungshaltung der gelungenen Integration der Siebenbürger Sachsen in Wiehl entgegenwirken. Diese Entscheidung des Kreisvorstandes wurde in der Bundesvorstandsitzung im November 2010 in Wiesbaden erörtert und für richtig befunden.

Schlagwörter: Drabenderhöhe, Politik, Oberth

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