10. Juli 2015

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Heimatlose – Herausforderung und Chance

Lesen Sie im Folgenden Auszüge aus der Rede von Bundespräsident Joachim Gauck am 20. Juni in Berlin zum Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung (siehe dazu auch "Gedenkstunde in Berlin für die Opfer von Flucht und Vertreibung").
Über Entwurzelte wollen wir heute sprechen. Über Flüchtlinge und Vertriebene, zwangsweise Emigrierte. Über Heimatlose einst und Heimatlose heute und morgen. (...) Über Menschen – gleichgültig ob schwarz oder weiß, jung oder alt, Mann oder Frau, Christ, Jude oder Muslim – über Menschen, die alle tief in der Seele dieselbe schmerzliche Erfahrung machten (…).

Zum ersten Mal gedenkt nun Deutschland an einem offiziellen bundesweiten Gedenktag jener Millionen von Deutschen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges zwangsweise ihre Heimat verloren. Zum ersten Mal begeht Deutschland damit auch regierungsamtlich den internationalen Weltflüchtlingstag, wie er vor fünfzehn Jahren von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen wurde. Auf eine ganz existenzielle Weise gehören sie nämlich zusammen – die Schicksale von damals und die Schicksale von heute, die Trauer und die Erwartungen von damals und die Ängste und die Zukunftshoffnungen von heute. Ich wünschte, die Erinnerung an die geflüchteten und vertriebenen Menschen von damals könnte unser Verständnis für geflüchtete und vertriebene Menschen von heute vertiefen. (…)

Der sogenannte „Bevölkerungstransfer“ von Millionen Deutschen aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien, Böhmen, Mähren, aus der Batschka und vielen anderen Gegenden in Mittel- und Südosteuropa erschien auch den alliierten Regierungschefs Churchill, Truman und Stalin als adäquate Antwort auf den Tod und Terror, mit dem Nazi-Deutschland den Kontinent überzogen hatte. (…) Erst flohen sie vor dem Krieg. Bei eisiger Kälte quälten sich Trecks mit Frauen und Kindern und Alten über verstopfte Landstraßen und brüchiges Eis, beschossen von Tieffliegern und überrannt von der Front. Völlig überladene Flüchtlingsschiffe versanken nach Torpedo- und Bombentreffern in der Ostsee. Ungezählte Frauen wurden vergewaltigt. Dann wurden viele von denen, die zurückblieben in der alten Heimat, Opfer von Hass und Vergeltung: entrechtet, enteignet, verhaftet, misshandelt, auf Todesmärsche geschickt, ermordet, interniert, herangezogen zur Zwangsarbeit, erst scheinbar „wild“, dann vermeintlich „geordnet“ vertrieben, als „lebende Reparation“ verschleppt in die Arbeitslager in der Sowjetunion. Die letzten kehrten erst 1955 zurück.

(…) Insgesamt verloren 12 bis 14 Millionen Deutsche am Ende des Zweiten Weltkrieges durch Flucht und Vertreibung ihre Heimat. (…) Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung der Deutschen war in unserer Gesellschaft fast immer schwierig und fast immer emotional. Denn unsere Haltung zum Leid der Deutschen war und blieb verknüpft mit unserer Haltung gegenüber der Schuld der Deutschen. (...)

In der sowjetischen Besatzungszone und in der DDR wurde die Gründung von eigenständigen Flüchtlingsorganisationen von Anfang an untersagt. Erinnerungen der sogenannten Umsiedler an die alte Heimat waren lange Zeit unerwünscht. Vertreibung galt als legitime Reaktion auf nationalsozialistische Besatzungs- und Vernichtungspolitik. Kritik an den Vergewaltigungen der Roten Armee und den Vertreibungen durch Tschechen und Polen wurde unterdrückt.(…)

Im Westen Deutschlands wurden die Vertreibungen zunächst politisch benutzt, um das Vordringen der Sowjetunion, die Untaten der Roten Armee und das Unrecht der sogenannten „Vertreiberstaaten“ anzuklagen. (...) Deutsche – und beileibe nicht nur die Vertriebenen – verstanden sich damals vor allem als Opfer. (…) Mit dem Warschauer Vertrag von 1970 wurde die neue polnische Westgrenze de facto von der Bundesregierung und – mit knapper Mehrheit – auch vom Parlament anerkannt. (…) Die Vertriebenenverbände, die auf Konfrontationskurs zur neuen Ostpolitik der Regierung Brandt gingen, erschienen vielen fortan als Störenfriede einer außenpolitischen Neuorientierung (...). Seit den 1970er Jahren lernten die Deutschen zunehmend, ihr Leid einzuordnen in den historischen Kontext. (...) Es war doch das nationalsozialistische Deutschland, das Tod und Verderben über Europa gebracht hat, das Vertreibung, Gewalt, Besatzungsterror und Vernichtung zur Alltagserfahrung für viele Völker Europas werden ließ. (…) So wie in den Jahren zuvor die Betonung des Leids der Deutschen dazu gedient hatte, Deutsche zu entschulden, so verdrängte nun allerdings das Bewusstsein von der Schuld der Deutschen jede Empathie für die Deutschen. (…) Glücklicherweise hat unsere Gesellschaft ihre zeitweilige Abwehrhaltung seit Anfang der 1990er Jahre Schritt für Schritt aufgegeben. (...)

Zudem ist Europa wieder zusammengewachsen. (...) Hunderttausende Vertriebene und ihre Kinder haben seit den 1990er Jahren vor Nicht-mehr-Elternhäusern gestanden, vor Nicht-mehr-protestantischen-Kirchen, vor Nicht-mehr-deutschen-Schulgebäuden und auf parkähnlichem oder verwildertem Gelände, wo sie oft vergeblich nach den Gräbern der Verwandten suchten. Und als Deutschland in eben jenen Jahren auch noch mehrere Hunderttausend Bürgerkriegsflüchtlinge aus Jugoslawien aufnahm, fragten sich viele beschämt: Mit welcher Begründung können wir den eigenen Müttern und Großmüttern die Empathie verweigern, die wir den vergewaltigten Frauen in Bosnien zu Recht entgegenbringen? (…)

Die Gründung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung im Jahre 2008, wesentlich zustande gekommen auf Initiative des Bundes der Vertriebenen, Frau Steinbach, ist für mich ein wichtiges Zeichen dieser Entwicklung: Flucht und Vertreibung der Deutschen gehen ein in das Geschichtsbewusstsein der ganzen Nation, eingeordnet in einen Kontext, der uns eben nicht mehr von unseren Nachbarn trennt, von den Kriegsgegnern von einst, sondern eine neue Verständigung ermöglicht.

(...) Sogenannte ethnische „Säuberungen“ sind heute überall – zumindest in Europa – als Mittel der Politik diskreditiert, Vertreibungen in der Vergangenheit werden zunehmend als Unrecht anerkannt. (…) Das rumänische Parlament verurteilte die Deportation von arbeitsfähigen Rumäniendeutschen in die Sowjetunion als politische Verfolgung und stimmte jüngst Entschädigungszahlungen auch an Deutsche zu, die nicht mehr im Land leben. (…) Ich möchte diesen Tag nutzen, um unseren Nachbarn für ihre souveränen Gesten und für ihr neues Vertrauen meinen tief empfundenen Dank auszusprechen.

(…) Noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren so viele Menschen entwurzelt wie augenblicklich: Gerade jetzt haben die Vereinten Nationen neue, erschreckende Flüchtlingszahlen herausgegeben. Ende 2014 waren es weltweit 59,5 Millionen Menschen, 8 Millionen Menschen mehr als nur ein Jahr zuvor. (...) Die allermeisten sind Vertriebene im eigenen Land: rund 40 Prozent der Bevölkerung in Syrien, Hunderttausende im Irak, im Südsudan, im Kongo und in Nigeria. Die Hälfte aller Flüchtlinge sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre – besonders bedrückend! (…) Es ist meines Erachtens eine moralische Pflicht aller Staaten Europas, Flüchtlinge vor dem Tod im Mittelmeer zu retten. (...) Es sollte meines Erachtens auch eine selbstverständliche moralische Pflicht aller Staaten Europas bleiben, Menschen eine sichere Zuflucht zu gewähren, die (...) aus politischen, ethnischen, religiösen und rassischen Gründen verfolgt werden. (…)

Deutschland hat im Umgang mit Asylbewerbern gelernt: (...) Es freut mich, wie viel Anteilnahme zahlreiche Bürger unseres Landes für Bürgerkriegsflüchtlinge und politisch Verfolgte aufbringen, wie viele Patenschaften übernehmen, Sprachkenntnisse vermitteln, Asylbewerber bei Behördengängen begleiten, ein Zimmer zur Verfügung stellen. (…) Fast die Hälfte der Asylbewerber kommt zurzeit noch aus dem Westbalkan, dessen Länder zum Teil vom Gesetzgeber trotz mancher Bedenken als sichere Herkunftsstaaten eingestuft wurden. Die Anerkennungsquote von Flüchtlingen aus diesem Raum liegt bei 0,1 bis 0,2 Prozent. Die andere Hälfte der Asylbewerber in Deutschland aber stammt aus Ländern, in denen Krieg, Terror oder eine Diktatur herrschen – augenblicklich vor allem Syrien, Eritrea und dem Irak. Die Anerkennungsquoten liegen für die Länder zwischen 70 und mehr als 90 Prozent. (…) Wir wissen, dass weder Deutschland noch Europa insgesamt allen, die dies wünschen, eine Zuflucht und eine Zukunft bieten können. Flüchtlingspolitik muss daher über die Europäische Union weit hinausreichen. Wir haben stärker als bisher unmittelbare Nachbarstaaten von Krisengebieten zu unterstützen. Wir haben uns stärker als bisher um eine Stabilisierung der Länder Nordafrikas und besonders des Westbalkans zu kümmern. (…) Flüchtlinge und Zuwanderer erhöhen einerseits die soziale und kulturelle Vielfalt und vergrößern die Innovationskraft der Gesellschaft. (...) Andererseits wissen wir aus jüngsten wissenschaftlichen Untersuchungen, dass gegenseitige Rücksichtnahme und die Bereitschaft zur Solidarität innerhalb einer Gesellschaft auch zurückgehen können, wenn etwa die Zahl der Flüchtlinge und Zuwanderer in Ballungsräumen zu schnell und zu stark steigt oder die kulturelle Distanz zu groß erscheint. (…) Wir müssen uns immer wieder daran erinnern, welch großen Anteil Flüchtlinge und Vertriebene am erfolgreichen Aufbau Deutschlands hatten. (...) Vor 70 Jahren hat ein armes und zerstörtes Deutschland Millionen von Flüchtlingen zu integrieren vermocht. (...) Warum sollte ein wirtschaftlich erfolgreiches und politisch stabiles Deutschland nicht fähig sein, in gegenwärtigen Herausforderungen die Chancen von morgen zu erkennen?

Schlagwörter: Gedenktag, Flucht und Vertreibung, Bundespräsident, Gauck, Berlin

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