25. Mai 2016

Gut vernetzt für die Zukunft gewappnet - Podiumsdiskussion in Dinkelsbühl

Dinkelsbühl – Am Pfingstmontagvormittag fand als traditioneller Abschluss des Heimattagprogrammes die Podiumsdiskussion zum Thema „Siebenbürgische Einrichtungen in Deutschland – gestern, heute, morgen“ statt. In diesem Jahr wurde der Veranstaltungsort vom Kleinen Schrannensaal in den Schrannen-Festsaal verlagert eingedenk der angekündigten Teilnahme von Peter Maffay. Doch der aus Kronstadt gebürtige Rockmusiker und Gründer der Peter Maffay Stiftung hat mit Bedauern kurzfristig abgesagt. Der veranstaltende Verband reagierte sogleich. Verbandspräsident Dr. Bernd Fabritius, MdB, bat ersatzweise den spontan einwilligenden Vorsitzenden der Carl Wolff Gesellschaft, Reinhold Sauer, auf das Podium.
Bernd Fabritius begrüßte in seiner Funktion als Moderator das erfreulich zahlreiche Saalpublikum und stellte das namhaft besetzte Podium vor: Edwin-Andreas Drotleff, Bundesjugendleiter der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend in Deutschland (SJD), Hon.-Prof. Dr. Konrad Gündisch, Vorsitzender des Trägervereins Siebenbürgisches Kulturzentrum „Schloss Horneck“, Rainer Lehni, Stellvertretender Bundesvorsitzender, Werner Philippi, Vorstandsmitglied des Hilfsvereins der Siebenbürger Sachsen „Stephan Ludwig Roth“, Dr. Harald Roth, Direktor des Deutschen Kulturforums östliches Europa, und eben Reinhold Sauer. Sodann gaben die Diskussionsteilnehmer reihum ihre Impulsstatements zum Thema ab.

(Dienst)leistungen in Kultur und Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft

Zunächst erhielt Konrad Gündisch das Wort. Der Historiker erläuterte einleitend den Zweck und Aufbau des auf Schloss Horneck in Gundelsheim ansässigen Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrates, der das Siebenbürgen-Institut mit Siebenbürgischer Bibliothek und Archiv unterhält, und führte die ihm angehörenden Organisationen und Vereine, darunter der Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, an. Der Vorsitzende des im vergangenen Sommer gegründeten Trägervereins Siebenbürgisches Kulturzentrum „Schloss Horneck“ beklagte, dass die Förderung durch die Öffentliche Hand, also Bund, Länder und Kommunen, schon länger nicht mehr ausreichend fließe. Andererseits bekundete Gündisch seine Begeisterung über die erfolgreiche Rettungsaktion, wodurch erst die Siebenbürger Sachsen im September 2015 das Schloss aus der Insolvenzmasse für eine Million Euro schuldenfrei erwerben konnten: „Die Spendenbereitschaft unserer Landsleute war gigantisch!“ Wie der Vorsitzende des Trägervereins ferner mitteilte, habe der Vorstand am Rande dieses Heimattages das Konzept abgesegnet. Künftig würden das Siebenbürgen-Institut und das Siebenbürgische Museum höhere Mieten als bisher bezahlen.

In seinem kurzen Situationsbericht zur Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend in Deutschland (SJD) monierte Bundesjugendleiter Edwin-Andreas Drotleff, zudem Stellvertretender Bundesvorsitzender, das Fehlen einer eigenen Geschäftsstelle. Perspektivisch könne „die SJD nur überleben durch Kooperieren mit anderen Verbänden“, zeigte sich Drotleff überzeugt. Dies gelte freilich auch grenzüberschreitend. Der SJD-Bundesjugendleiter, überdies auch Referent für die Zusammenarbeit mit dem Jugendverband djo (Deutsche Jugend in Europa) sowie Jugendvertreter bei den EU-Jugendkonferenzen 2016/2017, erwähnte die von Ministerpräsident Dacian Cioloș beim Heimattag ausgesprochene Einladung, mit Ideen nach Rumänien zu kommen hinsichtlich der Frage, wie deutsche Jugendverbände im Zusammenwirken mit rumänischen Jugendverbänden die Kirchenburgen in Siebenbürgen wiederbeleben könnten. Bezogen auf Schloss Horneck versprach Drotleff die Unterstützung der SJD, indem man Veranstaltungen vor Ort machen werde.
Die Podiumsteilnehmer in Dinkelsbühl, von links: ...
Die Podiumsteilnehmer in Dinkelsbühl, von links: Dr. Harald Roth, Werner Philippi, Rainer Lehni, Moderator Dr. Bernd Fabritius, Hon.-Prof. Dr. Konrad Gündisch, Edwin-Andreas Drotleff und Reinhold Sauer. Foto: Christian Schoger
Der Hilfsverein der Siebenbürger Sachsen „Stephan Ludwig Roth“ ist seit 63 Jahren Träger des Siebenbürgerheimes in Rimsting am Chiemsee. Vorstandsmitglied Werner Philippi erinnerte in seinem Podiumsbeitrag an die wichtigsten Entwicklungsprozesse des ersten von ursprünglich fünf siebenbürgischen Altenheimen in Deutschland. Nach dem Erwerb des Anwesens gelang der notwendige Umbau rasch, das Heim war bereits ab April 1953 bezugsfertig dank der „großartigen finanziellen Unterstützung von der bayerischen Staatsregierung und vom Diakonischen Werk der evangelischen Kirche Bayerns“, aber auch aufgrund der Hilfe von Landsleuten, die Geld spendeten, ihr handwerkliches Können bei Umbauarbeiten einbrachten oder die sich ehrenamtlich im Vorstand des Vereins engagierten und dies nach wie vor tun. Das Heim verfügt heute über insgesamt 110 Plätze, 60 Plätze für rüstige und 50 für pflegebedürftige Heimbewohner. Die Pflegeabteilung war 2003 dazugekommen. Seit dem Jahr 2004 ist das Heim auch für Nichtsiebenbürger offen. Der Altersdurchschnitt der Heimbewohner, 55 Rüstige und 49 mit Pflegestufe, liegt Philippi zufolge bei 90 Jahren. Der Verein mit seinen derzeit 565 zahlenden Mitgliedern und das Heim tragen sich selbst, ohne Zuschüsse von staatlicher Seite. Die Einrichtung ist ein wichtiger Bestandteil des Gemeinschafslebens in Rimsting. „Das äußere Erscheinungsbild“, meinte Philippi, „kann und wird siebenbürgisch sein“, freilich sei der Fortbestand des siebenbürgischen Trägervereins die Grundvoraussetzung.

Über die Entstehung und Fortentwicklung der siebenbürgisch-sächsischen Siedlungen in Deutschland, respektive in Nordrhein-Westfalen referierte Rainer Lehni, Stellvertretender Bundesvorsitzender und Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen, in Form einer Überblicksdarstellung. Der Umsiedlungsbeschluss für Tausende nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich gestrandete Nordsiebenbürger Sachsen fiel 1952, am 17. März 1953 traf der erste Transport in Nordrhein-Westfalen ein. Die Arbeit im Bergbau diente nicht nur der Existenzsicherung, in den zum Teil schon im Herbst 1953 bezugsfertigen Wohnsiedlungen in Herten-Langenbochum, Oberhausen-Osterfeld und Setterich bei Aachen, mit nach siebenbürgischen Dörfern oder Städten benannten Straßen, entwickelten sich auch günstige Bedingungen für die Pflege und Bewahrung der siebenbürgisch-sächsischen Kultur. Nach und nach folgten die Zuerkennung des Status als Vertriebener, 1954 die kirchliche Eingliederung, 1955 erhielten unsere Landsleute die deutsche Staatsangehörigkeit. 1957 übernahm das Land Nordrhein-Westfalen die Patenschaft über die damalige Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland. Anfang der 1960er Jahre entstand die größte Siebenbürger-Sachsen-Siedlung in Drabenderhöhe im Oberbergischen Land, deren festliche Einweihung am 18. Juni 1966 erfolgte. Das Altenheim und das Kulturhaus bezeichnete Lehni als „Dreh- und Angelpunkt dieser Siedlung“, die zusammen mit dem Altdorf Drabenderhöhe 1995 den ersten Preis und die Goldmedaille im Bundeswettbewerb „Vorbildliche Integration von Aussiedlern in der Bundesrepublik Deutschland“ erhielt. Im Ort leben heute rund 3500 Einwohner, davon rund 2800 Siebenbürger Sachsen. Der NRW-Landesvorsitzende lud das Saalpublikum zur Feier des 50-jährigen Bestehens der Siebenbürger Siedlung vom 17. bis 19. Juni in Drabenderhöhe ein. Optimistisch äußerte sich Lehni bezüglich der Zukunftsperspektiven in Herten, Drabenderhöhe und Setterich, jedoch „in Oberhausen und Overath kann ich keine Entwicklung feststellen, dass diese Siedlungen langfristig revitalisiert werden“.

Reinhold Sauer stellte die 2010 in München als „Siebenbürgischer Wirtschaftsclub in Deutschland“ gegründete Carl Wolff Gesellschaft (CWG) vor. Der Zusammenschluss von siebenbürgisch-sächsischen Unternehmern möchte im Geiste von Dr. Carl Wolff Geschäftsleute und Leistungsträger aus Siebenbürgen, darüber hinaus aus allen Ländern, in denen Siebenbürger Sachsen beheimatet sind, miteinander verbinden und gemeinsame Kultur pflegen und erhalten. Zudem sieht sich die CWG dem gelebten europäischen Gedanke verpflichtet. Beim Heimattag in Dinkelsbühl ist die CWG seit Jahren präsent und bietet eine eigene Veranstaltungsreihe an. Wie der Vorstandsvorsitzende feststellte, sei heuer der bislang größte Besucherandrang zu verzeichnen gewesen. Die CWG engagiert sich auch beim Aufbau des Siebenbürgischen Kulturzentrums „Schloss Horneck“. Sauer gab kund, dass Peter Maffay Mitglied des Trägervereins werden wolle. Um auch in Zukunft bestehen zu können, müsse die CWG danach trachten, weiterhin sinnvolle Partnerschaften zu gründen, wie man es bereits mit der SJD getan habe, „weil wir der Meinung sind, dass die Jugend eine wichtige Komponente unserer Gemeinschaft ist, die (…) man unterstützen muss“.

Dr. Harald Roth schickte voraus, er wolle bei seinem Diskussionsbeitrag gleichsam eine Außenperspektive einnehmen als Direktor des Deutschen Kulturforums östliches Europa mit Sitz in Potsdam, das sich mit der Geschichte jener Gebiete im östlichen Europa auseinandersetzt, in denen früher Deutsche gelebt haben bzw. heute noch leben. In diesem Kontext verortete der Historiker die Region Siebenbürgen „in der ersten Liga“: „Wir werden in einem Atemzug mit Ostpreußen oder Schlesien genannt“, trotz geringerer Größe und Bedeutung für die deutsche Geschichte. Dies sei ein gewichtiger Vorteil, ein zweiter sei das siebenbürgisch-sächsische Netzwerk in Deutschland, Personen in leitender Funktion an nicht-sächsischen Einrichtungen, das von München, Nürnberg über Bad Kissingen, Königswinter im Norden bis nach Oldenburg, Berlin und Potsdam reiche. Demgegenüber stehe ein „großer Nachteil“, nämlich „dass unsere sächsischen Einrichtungen relativ schwach ausgestattet sind, was die öffentliche Förderung betrifft“. Dies gelte insbesondere für die vergleichsweise geringe Förderung des Siebenbürgischen Museums und des ­Siebenbürgen-Instituts in Gundelsheim. Der Eigenanteil überwiege den Förderanteil deutlich. Zu den genannten beiden Einrichtungen komme, „wenn alles gut geht, ein vom Bund gefördertes Kulturreferat als dritte Säule“. Abschließend umriss Roth kurz die Arbeitsbereiche des von ihm geleiteten Kulturforums, das im kommenden Jahr einen Stadtschreiber nach Kronstadt schicken werde.

Vielfältige Beiträge aus dem Publikum

Nach den Ausführungen des Podiums eröffnete der Moderator die Diskussion für das Publikum. Anerkennende Worte fand die Bundesvorsitzende Herta Daniel für die von der SJD geleistete Jugendarbeit als auch für die effiziente Vereinsarbeit des Hilfsvereins der Siebenbürger Sachsen „Stephan Ludwig Roth“. Der Vorsitzende des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR), Dr. Paul Jürgen Porr, lobte die grenzüberschreitende „gute Zusammenarbeit zwischen siebenbürgischen Einrichtungen“. Als mit einer Siebenbürger Sächsin verheirateter Banater Schwabe regte der Schriftsteller und Journalist Horst Samson an, statt zeitgleich stets zu Pfingsten jeweils eigene Heimattage zu begehen, die man schließlich nicht gleichzeitig besuchen könne, zu überlegen, „alle zwei oder fünf Jahre einen großen rumäniendeutschen Kulturtag“ zu veranstalten, nicht nur für Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen, sondern auch für die Dobrudschadeutschen und überhaupt alle Rumäniendeutschen.

Die „lebendige Debatte“ (Dr. Bernd Fabritius) nährten weitere Wortmeldungen, die hier aus Platzgründen nicht mehr berücksichtigt werden können. Nach zweieinhalbstündiger Diskussion zog die Bundesvorsitzende Herta Daniel in ihrem Schlusswort ein persönliches, positives Fazit des nunmehr abgelaufenen Heimattages.

Christian Schoger

Schlagwörter: Heimattag 2016, Dinkelsbühl, Podiumsdiskussion, Maffay, Fabritius, Drotleff, Roth, Gündisch, Philippi, CWG, Lehni, Einrichtungen, Gundelsheim, Altenheim

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