10. September 2008

Kulturtage 2008: Chance und Bereicherung für Europa

Die Siebenbürger Sachsen in Deutschland greifen immer öfter kulturpolitische Themen auf, um Verständnis für ihre Kultur und Geschichte zu wecken. Der Landesverband Bayern des Verbands der Siebenbürger Sachsen veranstaltete in Zusammenarbeit mit der Union der Vertriebenen und Aussiedler (UdV) der CSU, Bezirksverband Oberbayern und München, die Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturtage in Bayern 2008. Unter dem Motto „Siebenbürgen – ein Thema in bayerischen Schulen“ wurden vom 6. bis 13. September attraktive Veranstaltungen geboten, die unter der Schirmherrschaft des Kultusministers Siegfried Schneider standen.
Bei der Eröffnungsveranstaltung am 6. September im Sudetendeutschen Haus in München boten die Redner tiefsinnige Einblicke in die siebenbürgisch-bayerischen Beziehungen, das Schulwesen der Siebenbürger Sachsen und ihre Verortung im heutigen Europa. Die Festansprache hielt die bayerische Sozialministerin Christa Stewens.

Herta Daniel, Vorsitzende des Landesverbands Bayern, und Andreas Orendi, Bezirksvorsitzender der UdV in Oberbayern, konnten im Adalbert-Stifter-Saal zahlreiche Ehrengäste begrüßen, darunter Staatsministerin Christa Stewens, Bernd Posselt, MdEP, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe; Johannes Singhammer, MdB; Brânduşa Predescu, Generalkonsulin von Rumänien in München; Wolfgang Freytag, Regierungsdirektor in der Bayerischen Staatskanzlei; Andreas Schmalcz, UdV-Vorsitzender in München; die Banater Schwäbin Manuela Ohlhauser, Münchner Stadträtin; Andreas Lorenz, Landtagskandidat im Münchner Süden; Vertreter der befreundeten Verbände: Ute Frank von den Buchenlanddeutschen, Rudolf Maywald von den Schlesiern und Franz Alscher von den Sudetendeutschen sowie Vertreter des siebenbürgischen Verbands.
Ehrengäste bei der Eröffnung der Siebenbürgisch ...
Ehrengäste bei der Eröffnung der Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturtage in München, von links: Andreas Orendi, Andreas Schmalcz, Johannes Singhammer, MdB, Bernd Posselt, MdEP, Sozialministerin Christa Stewens, Bundesvorsitzender Dr. Bernd Fabritius und Landesvorsitzende Herta Daniel. Foto: Petra Reiner
Dr. Bernd Fabritius, Bundesvorsitzender des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und Vorsitzender der Föderation der Siebenbürger Sachsen, überbrachte Grüße des Bundesvorstandes und der befreundeten Verbände in der weltweiten Föderation der Siebenbürger Sachsen. Beim diesjährigen Heimattag in Dinkelsbühl hatte er gefragt: „Wällen mer bleiwen, wat mer sen?“. Diese Frage beantworte jeder täglich aufs Neue, wobei „unsere Kultur nichts mit Nostalgie oder Folklore zu tun“ habe, entkräftete Fabritius zuweilen geäußerte Vorurteile. „Es ist ein Leben in der eigenen Identität, nach eigenen Bräuchen und Traditionen, mit alledem, was wir in unseren Herkunftsländern erlebt und gelernt, und was wir als den wahren Schatz unserer Gemeinschaft mitgebracht haben.“

Informieren und sensibilieren

Als Elemente der siebenbürgisch-sächsischen Identität nannte der Bundesvorsitzende die Sprache und Mundart, die geschichtliche Entwicklung, das Wertegefüge, in dem man aufgewachsen ist, die Traditionen und Bräuche, die einen geprägt haben, und vor allem die Religion. Die Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben seien stark in ihre Heimatkirche eingebunden gewesen, die im Kommunismus auch Ersatz für die weltliche Heimat gewesen sei. Zur Identität gehöre auch die Wahrnehmung durch andere. Unsere Kulturtage seien deshalb unter das Motto „Siebenbürgen, ein Thema in bayerischen Schulen“ gestellt, um zu informieren und sensibilisieren. „Damit spannen wir einen Bogen aus der Vergangenheit in die Zukunft, eine Brücke des Verständnisses und der Gemeinsamkeiten“, betonte Dr. Fabritius.

Danksagung für die Aufnahme in Bayern

„Wir fühlen uns in Bayern wohl, wir fühlen uns hier integriert und nicht nur akzeptiert, sondern willkommen.“ Dafür sprach er der bayerischen Staatsregierung ein herzliches Dankeschön aus. Den Organisatoren, dem Landesverband Bayern, den Kreisgruppen München, Ingolstadt und Traunreut, sowie allen Mitwirkenden und Helfern dankte Fabritius, denn „ohne Sie wären solche Kulturtage nicht möglich“.

Der Union der Vertriebenen und Aussiedler dankte Fabritius für die erstmalige Chance, „dass wir als Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben“ einen eigenen Vertreter im bayerischen Landtag bekommen können. Dr. Bernd Fabritius, der am 28. September für den Landtag auf der Liste 1, Platz 22, in Oberbayern kandidiert, zeigte sich zuversichtlich, „dass wir diese Chance durch die Beteiligung aller Landsleute auch zu nutzen wissen“.

Der Geist der Selbstverwaltung lebt fort

Bernd Posselt, MdEP, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Vorsitzender des UdV-Landesverbands Bayern, ein Kenner der europäischen Geschichte, wies in seinem Grußwort auf eine Vielzahl von Parallelen zwischen den Sudetendeutschen und Siebenbürgern hin. Beide Volksgruppen erhielten schon im 12. Jahrhundert „Privilegien“, Schutzrechte, die ihnen das Überleben über Jahrhunderte und eine befruchtende Wirkung auf ihr Umfeld ermöglichten. Sie hätten keinen eigenen Staat gehabt, sich aber selbst verwaltet und das Schicksal selbst in die Hände genommen. Der Geist der Selbstverwaltung äußere sich heute in einem lebendigen Kultur- und Vereinsleben, sagte Posselt. Beide Volksgruppen seien von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft instrumentalisiert und dann zum Opfer einer kollektiven Abrechnung geworden. Im Unterschied zu den Sudetendeutschen konnte die Mehrzahl der Siebenbürger Sachsen in ihrer Heimat bleiben, auch wenn sie im Kommunismus drangsaliert wurden. Dennoch hätten sie ihre Sprache in der Schule lernen und in der Öffentlichkeit sprechen können.

"Bindeglied der europäischen Einigung"

Der Europaparlamentarier wies auf eine einzigartige Chance hin, die es zu nutzen gelte: „Es gibt Länder in Europa, die geprägt sind von deutscher Kultur, und es gibt hier Menschen, die ihre Heimat noch im Herzen tragen, und Menschen dort in der Heimat, die ihre deutsche Identität im Herzen tragen“. Dieses Potential sollte man in einem vernünftigen Sinne, europäisch nutzen und zu einem entschiedenen Bindeglied der europäischen Einigung werden lassen. Posselt entwarf die Vision einer europäischen Einigung auf der Basis des Volksgruppen- und Minderheitenrechts, der Menschenrechte, des Selbstbestimmungsrechts, der Versöhnung und Völkerverständigung. Da seien Sudetendeutsche, Siebenbürger Sachsen und andere Volksgruppen aufgrund ihrer spezifischen Geschichte „in besonderer Weise berufen, aus unserem Schicksal die richtige Konsequenz zu ziehen, dass es nie wieder Nationalismus, Totalitarismus, Vertreibungen, Grenzverschiebungen, blutige Kriege in Europa geben darf.“ Es sei wichtig, eine Rechtsordnung der Völker, Volksgruppen, Staaten und Regionen aufzubauen, in der die Kultur des anderen nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung erkannt werde.

Von diesem Geiste sei die Arbeit des siebenbürgischen Verbands in besonderer Weise geprägt, lobte Posselt. Der CSU-Politiker begrüßte es, dass auch jüngere Generationen Verantwortung in der Vertriebenenarbeit und in der Politik übernehmen. Er wünschte Dr. Fabritius Erfolg bei der anstehenden Landtagswahl.

Johannes Singhammer, MdB, Familienpolitischer Sprecher der CDU-/CSU-Bundestagfraktion, dankte der bayerischen Regierung für die Offenheit, die sie den Vertriebenen und Aussiedlern entgegenbringt, und sprach sich dafür aus, das geplante Dokumentationszentrum der Vertreibung in Berlin bald zu realisieren.

"Bereicherung für Rumänien"

Brânduşa Predescu, Generalkonsulin von Rumänien in Berlin, zeigte sich dankbar für die Bereicherung, die Rumänien durch die deutsche Kultur erfahren habe. Sie selbst sei das „Produkt“ einer deutschen Schule und rief den Siebenbürger Sachsen in einwandfreiem Deutsch zu: „Gemeinsam und partnerschaftlich können wir ein zukunftsfähiges Europa schaffen!“

Siebenbürgen in bayerischen Schulen

In ihrer Festrede ging Christa Stewens, Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen und Stellvertreterin des Ministerpräsidenten, der Frage nach, welchen Stellenwert der Heimat der deutschen Vertriebenen und Aussiedler im bayerischen Unterricht zukommt und wie der Kulturraum Siebenbürgen dabei vermittelt wird. „Hier geht es nicht nur um Zeitgeschichte, sondern auch um europäische und Jahrhunderte überspannende Geschichte schlechthin“, betonte Stewens und erwähnte die jahrhundertealten Verbindungen Bayerns und Siebenbürgens, etwa jene zwischen den Reformatoren Philipp Melanchthon und Johannes Honterus, die Mitte des 16. Jahrhunderts zukunftsweisende Schulmodelle in Nürnberg bzw. Kronstadt eingeführt haben.

Schülerwettbewerb „Europa im Karpatenbogen“

Siebenbürgen lässt sich aufgrund der Bestimmungen für bayerische Lehrer zu einem Thema in Schulen machen, sagte die Ministerin. So fördert die Bekanntmachung des Bayerischen Kultusministeriums vom 6. Mai 1997 die Kenntnisse über Mittel- und Osteuropa und weist auf die besondere Brückenfunktion hin, die sowohl die dort lebenden Deutschen als auch die hiesigen Vertriebenen und Aussiedler wahrnehmen. Eine andere Möglichkeit, Siebenbürgen zu thematisieren, ergebe sich über den bayernweiten Schülerwettbewerb „Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn“, der im Schuljahr 2008/2009 unter dem Generalthema „Europa im Karpatenbogen“ steht. Die meisten Fragen beziehen sich auf Siebenbürgen und die Siebenbürger Sachsen, aber auch auf die übrigen Deutschen in Rumänien. Ministerin Stewens forderte die Siebenbürger Sachsen auf, sowohl an den hiesigen Schulen als auch in Rumänien für eine breite Teilnahme zu werben. An dem Wettbewerb können sich nämlich neuerdings auch Schüler in den neuen EU-Mitgliedsstaaten beteiligen.

Die Siebenbürger Sachsen seien zu Recht seit jeher stolz auf ihr Schulsystem, „denn seit dem Mittelalter hatte jedes Dorf nicht nur seine Kirchenburg, sondern auch eine Schule, die von der Gemeinde unterhalten wurde. Gymnasien standen unter Führung der Städte.“ Über dem Eingang des im 19. Jahrhundert in der Stadt Mühlbach errichteten Schulgebäudes steht der Leitspruch „Bildung ist Freiheit“. Dies sei eine zutreffende Aussage, „denn durch Bildung kann der Mensch sich frei entfalten“. Bildung sei auch in den Zeiten des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbruchs des 19. Jahrhunderts der Quell gewesen, „aus dem die Siebenbürger Sachsen stets neu geschöpft haben“.

Die Bedeutung der Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturtage

Christa Stewens erklärte: „Die Siebenbürgisch-sächsischen Kulturtage in Bayern sind nicht nur eine Veranstaltung für die eigenen Reihen. Sie bieten der Bevölkerung insgesamt Gelegenheit, diesen Zweig deutscher Kultur näher kennenzulernen. Das ist wichtig, weil dadurch das Bewusstsein für die Leistungen in Siebenbürgen geschärft wird. Die eigene Kultur zu pflegen, sie weiter zu geben, ist eine Voraussetzung für die eigene Identität. Wer nicht weiß, woher er kommt, weiß auch nicht, wohin er geht.“

Bayerische Ministerin ermuntert zur Mundartpflege

Die Ministerin ermunterte die Siebenbürger Sachsen, „untereinander und auch mit ihren bereits hier geborenen Kindern in Mundart zu sprechen und Lieder mit Mundarttexten zu singen“. Die Beherrschung eines Idioms neben der Hochsprache fördere die geistige Flexibilität. „Keine der Generationen, die noch in Siebenbürgen die deutschen Schulen besucht haben und erst dort mit der Hochsprache konfrontiert wurden, hat dadurch einen Nachteil gehabt.“ Im Zeitalter der Globalisierung sei „Heimattreue ein wichtiges Fundament der Selbstvergewisserung und der inneren Bindung. Die Welt würde ärmer, wenn es nicht kulturelle Vielfalt gäbe. Sie ist Bereicherung des Ganzen und Chance für die Völker, einander näher zu kommen.“ Für ihr bereicherndes Wirken in München und ganz Bayern dankte die Ministerin allen Siebenbürger Sachsen.

Beachtliches Schulwesen

Anschließend wurde die Ausstellung „Die Schulen der Siebenbürger Sachsen“ eröffnet, die anhand zahlreicher Dokumente, Fotos und Exponate die wichtigsten Stationen der siebenbürgisch-sächsischen Schulgeschichte von der Reformation bis heute aufzeigt. Eine Blütezeit verzeichnete dieses in jeder Hinsicht beachtliche Schulwesen in der zweiten Hälfte des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Vor allem die an deutschen Universitäten immatrikulierten siebenbürgischen Studenten brachten die neuesten pädagogischen Ideen und Methoden nach Siebenbürgen und pflegten somit den ständigen Kontakt zum „Mutterland“. Die Ausstellung des Schulmuseums Nürnberg der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg wurde durch ein Referat von Michael Schneider vorgestellt, vorgetragen von Doris Hutter, Stellvertretende Bundesvorsitzende.

Das Konzert der „Lidertrun“ (Michael Gewölb, Hans Seiwerth, Karl Heinz Piringer, Angela Seiwerth) führte abschließend „in das Reich der alten siebenbürgisch-sächsischen Balladen, die einen weiten Zeitraum umspannen und in ihrer herben Schönheit faszinieren“ (Herta Daniel). Durch das Programm führten gekonnt die jungen Moderatoren Astrid Weber und Andreas Roth.

Siegbert Bruss

Fotostrecke: Eröffnung der Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturtage 2008 in Bayern

Das Programm der Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturtage 2008

Schlagwörter: Kulturtage, Bayern

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