29. März 2010

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18315 Seiten Geschichte: Das Archiv der Siebenbürgischen Zeitung ist online

Riesige Räume, verschachtelte Gänge, meterhohe Regale, staubige Folianten, der Geruch nach altem Papier und über allem dämmriges Licht – so stellt man sich gemeinhin wohl ein Archiv vor. Nimmt man die alten, gebundenen Jahrgänge der Siebenbürgischen Zeitung zur Hand, beschleicht einen die Ahnung eines solchen Archivs. Ein seltsamer Geruch steigt auf, das vergilbte Papier fühlt sich rauh, irgendwie brüchig an, und wenn man nicht aufpasst, reißt einem beim Umblättern schon mal die Seite. Das alles ist jetzt ... Geschichte.
Geschichte, die man auf der Verbandshomepage www.siebenbuerger.de im Online-Archiv der Zeitung ganz anders erleben kann. Zu ihrem 60. Geburtstag in diesem Jahr hat die Siebenbürgische Zeitung sich selbst, aber vor allem ihren Lesern ein Geschenk gemacht: Alle Zeitungsausgaben seit 1950 wurden digitalisiert und können als pdf-Dateien aufgerufen und „durchgeblättert“ werden – die Gefahr, dass eine Seite reißt, hat sich erledigt, und auch den Geruch beim Blättern kann man nun selbst bestim­men, sei es durch eine Duftkerze oder ein Fettbrot mit grünen Zwiebeln, das man während des Stöberns im Archiv verspeist. Die Fettfinger hinterlassen nur noch Spuren auf der Tastatur, nicht mehr auf dem brüchigen Papier. z ... Was für Schätze sich im Online-Archiv finden lassen, glaubt man erst, wenn man sie mit eigenen Augen gesehen hat. Beim Blättern in einer Ausgabe von 1960 fand ich zum Beispiel folgende Kontaktanzeige: „Welcher Junggeselle möch­te ein gemütliches und gepflegtes Heim ,ca la mama acasă‘. Ich bringe alle Voraussetzungen dazu mit. Nur Akademiker bis 43 kommen in Frage. Ernstgemeinte Zuschrift direkt an ...“

Ist denn das zu fassen? Zugegeben, wir befinden uns im Jahr 1960, da musste man sich als Frau auf dem Heiratsmarkt wohl damit anpreisen, alle Voraussetzungen dafür mitzubringen, dem Mann ein „gemütliches und gepflegtes Heim“ bieten zu können. Kochen, putzen, waschen, bügeln – ein ausgefülltes Leben, ein Vollzeitjob! Die ersten zwei Sätze der Anzeige: pure Selbstaufgabe. Aber dann regt sich doch ein bisschen Widerspruch, einen Anspruch darf man doch auch als Frau haben: Nur Akademiker bis 43 können in den Genuss eines Zuhauses „ca la mama acasă“ kommen. Ha, zurückgeschlagen! Alle könnt ihr mich nicht haben, oh nein, studiert müsst ihr haben, und zu alt dürft ihr auch nicht sein, ich werde meine Talente doch nicht an den erstbesten Dahergelaufenen verschwenden! Recht so, Schwester, dachte ich – und fragte mich dann unwillkürlich: Ob sie mit der Haltung jemanden gefunden hat, den sie bekochen, verwöhnen, gar bemuttern konnte?

Nicht nur außergewöhnliche Anzeigen wurden geschaltet, auch Geschichte wurde geschrieben. Wer erinnert sich noch daran, dass beim Heimattag 1970 der Bundeskanzler Willy Brandt zu Besuch war – zum ersten und einzigen Mal in der Geschichte des Heimattages konnte der Verband der Siebenbürger Sachsen einen bundesdeutschen Regierungschef in Dinkelsbühl begrü­ßen. Ebenfalls zum ersten Mal war der Botschaf­ter eines sozialistischen Staates, Constantin Oancea aus Rumänien, unter den Ehrengästen, und der Siebenbürgisch-Sächsische Kulturpreis wurde anlässlich des Heimattages 1970 an Hermann Oberth verliehen, den „Vater der Weltraumfahrt“ und „großen Sohn des siebenbürgisch-sächsischen Volksstammes“, wie es damals in der Berichterstattung hieß.

Über diesen „Heimattag der Superlative“ berichtete die Siebenbürgische Zeitung ausführlich. Im Online-Archiv kann man alles nachlesen, neben einem Glückwunschschreiben von Wernher von Braun an Hermann Oberth findet man auch eine ganze Seite mit Fotos vom Heimattag – ganz besondere und sicher einzigartige Dokumente.

Viele kleine Geschichten ranken sich um die „großen Geschichten“ in der Siebenbürgischen Zeitung, und das Online-Archiv bietet eine komfortable Möglichkeit, sie zu entdecken. Auf sage und schreibe 18315 Seiten, insgesamt 14 Gigabyte, findet man alles, was die Siebenbürger Sachsen seit 1950 bewegt, erheitert, aufgeregt, angestachelt hat. Neben vielen Bildern, Grafiken und Anzeigen stehen ca. 700 Megabyte Text für die Volltextsuche zur Verfügung. Suchen kann man jeweils im kompletten Archiv, in einem Jahrgang oder in einer Folge der Siebenbürgischen Zeitung. Die Suchfunktion können alle Besucher der Homepage nutzen, das Lesen der kompletten Seite allerdings ist nur für Mitglieder des Verbandes (Premium-Benutzer) möglich. Wenn das kein guter Grund ist dem Verband der Siebenbürger Sachsen beizutreten ...

Das Projekt Online-Archiv geht auf eine Initiative des Bundeskulturreferenten Hans-Werner Schuster zurück, der es 2006 in der Herbstsitzung des Bundesvorstands vorstellte. 2007 wurde zur Probe ein Jahrgang der Siebenbürgischen Zeitung (1967) von der Firma pps digitalisiert. Der Testlauf war positiv – dennoch lag das Projekt lange auf Eis. Dass die vollständige Digitalisierung erst in diesem Jahr abgeschlossen werden konnte, liegt daran, dass zwischen 2007 und 2009 die Anträge an mögliche Zuwendungsgeber immer negativ beschieden wurden. Im vergangenen Jahr konnte dann eine Projektförderung durch das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen über das Haus des Deutschen Ostens (HDO) in München gewonnen werden, die es ermöglichte, sämtliche Jahrgänge von 1950 bis 2003 von der Firma pps digitalisieren zu lassen. Die Jahrgänge von 2004 bis heute wurden schon elektronisch erstellt und konnten daher bereits früher ins Internet gestellt werden. Für die technische Umsetzung auf der verbandseigenen Webseite ist Gunther Krauss, einer der vier Webmaster von www.siebenbuerger.de, verantwortlich. Er hat in weit über 100 Arbeitsstunden Einstellungen vorgenommen, Suchfunktionen und viele andere „Kleinigkeiten“ eingerichtet, damit das Online-Archiv leicht und schnell zu benutzen ist.

Noch ist nicht alles fertig, noch gibt es kleinere und größere „Baustellen“. Gemeinsam mit der Redaktion der Siebenbürgischen Zeitung und dem Bundeskulturreferenten arbeitet Gunther Krauss daher weiter an der Vervollständigung und Optimierung des Archivs.

Schmieren Sie sich ein Fettbrot, machen Sie es sich vor dem Computer gemütlich und packen Sie das Geschenk zum 60. Geburtstag der Siebenbürgischen Zeitung langsam und genüsslich aus. Finden Sie heraus, warum die SbZ ihre Artikel mit „Nicht so kleinlich, meine Herren Abgeordneten!“, „Tischdecken – eine Kunst“ oder „Was tut unser Bundesvorstand?“ überschrieb. Das Online-Archiv wartet auf Sie – mit erheiternden Anzeigen, Geschichten über „blaurote Mustergatten“ und vielem mehr.

Doris Roth

Stimmen zum Online-Archiv

„Die Bereitstellung des Archivs der Siebenbürgischen Zeitung für eine Online-Recherche, gerade im 60. Jahr ihres Bestehens, ist ein wichtiger Schritt und ermöglicht es jedem Verbandsmitglied, sich umfassend nicht nur zu unserer Zeitung, sondern dem darin gespiegelten Wirken des Verbandes zu informieren. Ich freue mich, dass diese Informationsquelle nun so jedem Mitglied und auf Anfrage jedem an unserer Gemeinschaft Interessierten zur Verfügung steht.“

Dr. Bernd Fabritius, Bundesvorsitzender des Verbandes

„Das digitale Archiv der Siebenbürgischen Zeitung spiegelt nicht nur die Entwicklung unseres Verbandes wider. In ihm findet auch die Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland, insbesondere soweit sie die Belange der Vertriebenen und Aussiedler betrifft, ihren Niederschlag, ebenso die Entwicklung Rumäniens und Siebenbürgens. Nicht zuletzt zeigt es die Siebenbürger Sachsen und die von ihnen gelebte Kultur über alle Grenzen und über die Zeiten hinweg in Beiträgen, die über den Tag hinaus Bestand haben.“

Hans-Werner Schuster, Bundeskulturreferent des Verbandes

Schlagwörter: Siebenbürgische Zeitung, Siebenbuerger.de

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