6. Februar 2011

Die Zukunft der außerordentlichen Sammlung in Augsburg ist ungewiss

„Mein Siebenbürger Museum“, in Kreuzstich gestickt, ist auf dem Leineneinband des Gästebuches von Gerhard Rill zu lesen, das in einem der Ausstellungsräume seines Anwesens in Augsburg ausliegt. Das Buch hält die persönlichen Widmungen vieler Besucher seit mehr als vier Jahrzehnten fest, ihre Eindrücke und Emotionen, ihre Begeisterung, Wertschätzung, Ermunterungen und guten Wünsche für den Erhalt dieses Kleinods für unsere Nachkommen.
Aufmerksam und neugierig geworden durch die in der Siebenbürgischen Zeitung erschienenen Artikel über Gerhard Rill, haben meine Eltern, mein Mann und ich, wohnhaft in Ober-Olm bei Mainz, ihn kürzlich in Augsburg besucht, um uns einen Eindruck von seinem siebenbürgisch-sächsischen Bauernmuseum zu verschaffen. Wir waren überwältigt und tief beeindruckt von der Fülle und der Vielfalt der ausgestellten Exponate.

Viele Besucher, unter ihnen auch namhafte Persönlichkeiten aus verschiedenen siebenbürgisch-sächsischen Organisationen in Deutschland und Österreich, sind hier im Laufe der Zeit ein- und ausgegangen. Sie alle haben im Gästebuch kundgetan, diese Sammlung wertvoller siebenbürgischer Kulturgüter sei nicht nur für die Zukunft erhaltenswert, sondern sollte auch öffentlich zugänglich gemacht werden. Gerhard Rill war immer stets bemüht, seine musealen Wertstücke der Öffentlichkeit zu zeigen. Daher sind auch Vertreter verschiedener Landsmannschaften, die unter dem Dach des Bundes der Vertriebenen (BdV) vereint sind, ebenfalls im Gästebuch zu finden. Unsere Landsleute haben im Laufe der Jahre viele gute Wünsche hineingeschrieben, doch hat sich bisher wenig bewegt, um den Fortbestand dieses Bauernmuseums für die Zukunft zu gewährleisten. Wie Gerhard Rill uns sagte, könne er die Sammlung für die Zukunft aus eigener Kraft nicht sichern. Enorm hoch und kaum zu beziffern sei sein bisheriger materieller und finanzieller Einsatz im Laufe seiner mehr als 40-jährigen Sammlertätigkeit gewesen beim Zusammentragen, Aufbau und bei der Herrichtung der von ihm beherbergten siebenbürgisch-sächsischen Kulturgüter.

Es war, als wären unsere Vorfahren im Geiste mit uns durch die Räume gegangen, und wir konnten erahnen, wie sie einst gelebt und gearbeitet haben. Die Gegenstände erzählen von ihrem schweren, arbeitsreichen, aber auch erfüllten Leben, von Herzeleid, aber auch von Lebensglück, Mut und frommem Sinn. Die Exponate sind das Bindeglied zwischen dem Einst und Jetzt, zwischen der Vergangenheit unserer Ahnen und unserer Gegenwart. Ihre Spuren und ihre Seele sind überall in den Ausstellungsstücken gegenwärtig. Sie sind ihr Vermächtnis an uns Nachkommen, das zu bewahren und für die Zukunft zu erhalten wir als Auftrag von ihnen haben.
Gerhard Rill inmitten seiner beeindruckenden ...
Gerhard Rill inmitten seiner beeindruckenden Sammlung. Foto: Inge Erika Roth
Der Übergang zwischen Wohnbereich und Ausstellungsräumen ist fließend. Gerhard Rill wohnt und lebt inmitten seiner gesammelten Schätze. Die siebenbürgische Vergangenheit ist allgegenwärtig in seinem Haus und Teil seines Lebens. Ein Leben, das er ganz und gar seiner Sammlerleidenschaft gewidmet hat. In über 40 Jahren, zu Zeiten des „Eisernen Vorhangs“ hat er unter schwierigen Umständen und unter größter Kraftanstrengung eine unglaubliche Anzahl an sie­-benbürgisch-sächsischen Kulturgütern nach Deutschland „in Sicherheit“ gebracht, wie er es nennt, denn er konnte nicht mit ansehen, wie unser altes Kulturgut nach der Aussiedlung vernichtet oder dem Verfall preisgegeben war. Mit einer Almerei aus dem Jahre 1831 aus Deutsch-Weißkirch fing 1969 seine Sammlerleidenschaft an, erzählte uns Rill mit Tränen in den Augen. Er hatte diese bei einem seiner ersten Besuche in Siebenbürgen einer Zigeunerin für wenig Geld abgekauft, die damals gerade dabei war, sie als Brennholz für das Anheizen ihres Ofens zu verwenden. Für das herrlich bemalte Türchen dieses Wandschrankes war es schon zu spät, es war bereits den Flammen zum Opfer gefallen. Doch Rill gelang es, die verbliebenen Teile der Almerei vor ihrer endgültigen Zerstörung zu bewahren.

Damit legte er den Grundstein für sein siebenbürgisch-sächsisches Heimatmuseum. Im Alleingang sanierte Rill über viele Jahre hinweg ein denkmalgeschütztes Bauernhaus in der Hammerschmiede, einem Stadtteil von Augsburg, wo seine Schätze im Laufe der Zeit einen würdigen Platz gefunden haben. Hierhin hatte das Schicksal den 1933 in Bistritz im Nösnerland geborenen Gerhard Rill verschlagen. Hinter ihm lagen die traumatischen Erlebnisse als Jugendlicher bei der Evakuierung aus Nordsiebenbürgen, als er mit seiner Mutter und zwei Geschwistern 1944 mit dem Treck seine Heimat in Richtung Oberösterreich verlassen musste. 1945 ging die ungewisse und unfreiwillige Reise weiter, nach Jahren fand er im schwäbischen Augsburg eine neue Heimat. Symbolisch für sein Schicksal steht auf dem ausgebauten Dachboden seines Bauernhauses das für ihn wohl wertvollste Stück, ein Treckwagen von 1944 aus Deutsch-Zepling.

Unzählige Exponate aus vielen siebenbürgisch-sächsischen Bauernwirtschaften sind ebenfalls dort ausgestellt: bemalte Bauernmöbel, Keramik, Haustextilien, Stickereien, Arbeits- und Festtrachten aus den verschiedenen Trachtenge­bieten Siebenbürgens, Wirtschaftsgeräte für Feldarbeit, Handwerkszeug für Viehzucht, Vereinsfahnen, Musikinstrumente, alte Bücher, Bibeln und Gesangbücher. Es würde zu weit führen, hier alles aufzählen zu wollen. Der Zahn der Zeit nagt jedoch unerbittlich an den meisten Gegenständen. Viele Exponate bedürfen einer fachgerechten und sachverständigen Konservierung und Aufbewahrung, damit die Stoffe der schönen Festtrachten, die wertvollen Leinenstickereien der verschiedenen Haustextilien nicht dem Mottenfraß anheim fallen und das Holz der unzähligen Wirtschaftsgeräte aus Haus, Hof und Feld nicht vollends vom Holzwurm durchlöchert werden.

Am Abend seines rührigen Lebens angelangt, ist es für den 78-jährigen Gerhard Rill enorm wichtig, sein Lebenswerk für die Nachwelt gesichert zu wissen. Es ist ihm ein großes Anliegen, anhand der gesammelten Exponate das Gestern dem Morgen weiter zu vermitteln. Allerdings sieht es derzeit so aus, als sei die Zukunft und der Weiterbestand seiner Sammlung mehr als ungewiss.

Ein Besuch alleine reicht nicht aus, um all diese Schätze zu erfassen, in Ruhe zu betrachten und genügend würdigen zu können. Sie sind ein wertvoller Teil der siebenbürgischen Seele und Vergangenheit, ein Teil unseres Seins und unserer Geschichte. Wir danken Herrn Gerhard Rill für die Zeit, die er sich genommen hat, uns durch sein siebenbürgisches Heimatmuseum zu führen, und wünschen ihm weiterhin Gesundheit und noch viel Schaffenskraft, um seiner Sammlerleidenschaft noch viele Jahre nachgehen zu können. Wer einmal dieses Kleinod in Augsburg besuchen möchte, ist hier gerne willkommen. Telefonische Anmeldung ist erforderlich bei Gerhard Rill, Neuburger Straße 238 B (Feuerdornweg), 86169 Augsburg, Telefon: (08 21) 70 78 78.

Inge Erika Roth

Schlagwörter: Augsburg, Museum, Brauchtum

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Neueste Kommentare

  • 18.03.2011, 13:15 Uhr von Schreiber: Wenn Herr Rill Kulturschutz als vorrangiges Ziel hat, dann kann er seine Sammlung sicher dem ... [weiter]
  • 17.03.2011, 15:31 Uhr von Ongerth: Lieber Herr Rill, wie Sie ja bereits wissen, wird das Heimatmuseum Geretsried in neue Räume ... [weiter]
  • 27.02.2011, 19:28 Uhr von mutapitz: Auch Rill ist ja optimistisch. Er hat das Janze zum Kauf angeboten, SbZ vom 25.02.2009: ... [weiter]

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