20. Juni 2012

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Gestaltungskraft der Siebenbürger Sachsen

Den Dauerkritikern und Pessimisten, die behaupten, der Untergang der Siebenbürger Sachsen sei schon Realität, hat Horst Göbbel eine klare Abfuhr erteilt. In seinem Vortrag „Gestaltungskraft der Siebenbürger Sachsen heute“ belegte der 67-jährige Historiker und Pädagoge anhand zahlreicher Beispiele, dass „unser kreatives Reservoir“ keinesfalls erschöpft sei. Der am Pfingstsonntag, dem 27. Mai, in Dinkelsbühl gehaltene Vortrag wird im Folgenden gekürzt wiedergegeben.
In einer Zeit der sich rasch fragmentierenden Interessen, Bedürfnisse und Wünsche, in einer Welt, wo „Neuigkeiten im Sekundentakt veralten“ (Florian Geyer), in einer Welt, „wo nichts mehr von Dauer ist, jedes Wissen sofort von anderem dementiert wird und jedes Ereignis, kaum hat es stattgefunden, schon wieder vergessen ist, wendet sich die verunsicherte Mehrzahl instinktiv dem Bewährten zu.“ (Dieter Bartetzko)

Zählt das Siebenbürgisch-Sächsische zum Bewährten? Wenn ja, für wen? Wie ist es um unsere Gestaltungskraft heute bestellt?

Gestaltungskraft hat mit Lebenskraft, mit Tatkraft, mit Energie zu tun – und natürlich mit aktivem Tun, um etwas zu schaffen, etwas zu verändern, etwas zu bewahren […] Was ist typisch siebenbürgisch-sächsisch? Woran machen wir unsere Eigenart fest? Wodurch unterscheiden wir uns von anderen Deutschen? […] Zählen wir Siebenbürger Sachsen in gewissem Sinne zum europäischen Urgestein oder sind wir schon ein europäisches Fossil?

Dauerkritiker, Nörgler vom Dienst, ewige Pessimisten, selbsternannte Niedergangspropheten aus unseren Reihen behaupten gebetsmühlenartig, die Endzeit der Siebenbürger Sachsen sei schon längst Realität. Nur wer mit Scheuklappen durch die Welt gehe, habe dies noch nicht bemerkt. Wenn man sich hierzulande – siehe Sarrazin – schon die Frage stellt, ob es uns Deutsche in absehbarer Zeit noch gibt, wie sieht es dann mit uns Siebenbürger Sachsen wohl aus? Wird es uns bald nur noch im Internet und in Büchern geben?

Manche meinen, der Glaube an die Gestaltungskraft der Siebenbürger Sachsen sei erlahmt … Schon in der „Siebenbürgischen Elegie“ schreibt 1927 Adolf Meschendörfer u.a. „Völker kamen und gingen, selbst ihr Name entschwand.“

Horst Göbbel während seines Bildvortrags in ...Horst Göbbel während seines Bildvortrags in Dinkelsbühl. Foto: Siegbert Bruss Ich weiß, wir müssen uns unseren Niedergang nur intensiv genug einreden (bzw. einreden lassen), dann glauben wir auch sicher daran. Jedoch gilt klar: Allein unser Tun und Lassen von heute entscheidet über unsere Zukunft. Dabei dürfen wir uns keinesfalls überschätzen, jedoch unbedingt auch nicht vernachlässigen. Kürzlich las ich: Die Kraft Europas liegt in seiner Vielfalt, in seinen Völkern, in seinen Nationen. Siebenbürger Sachsen sind Teil dieser Vielfalt.

Was tun wir heute, um für das Morgen gewappnet zu sein? Was haben wir gewinnbringend in die Waagschale zu werfen? Woher schöpfen wir die Hoffnung, die Gewissheit, wir seien keinesfalls am Ende? Haben wir Erhaltungswertes zu bieten? Sind wir noch produktiv genug? Sind wir im elektronischen Zeitalter noch zukunftsfähig? Wo liegt unser Kraftfeld? Was von uns ist attraktiv und sollte so gehegt und gepflegt werden, um attraktiv zu bleiben, um Lebensinhalt vieler Menschen zu sein?

Gestaltungskraft der Siebenbürger Sachsen heute hat zwei deutliche Seiten: Einerseits: Siebenbürger Sachsen gestalten Zukunft im Hinblick darauf, Siebenbürgisch-Sächsisches auch für die Zukunft zu bewahren, zu stärken, als wertvolles Lebenselement für künftige Generationen zu sichern. Andererseits: Siebenbürger Sachsen gestalten Zukunft in verschiedensten Bereichen der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Kunst und Kultur Seite an Seite mit unseren neuen Nachbarn in ihrer Heimat Deutschland, Österreich, USA, Kanada und Siebenbürgen.

Die existenziellen Prüfungen des 20. Jahrhunderts haben unsere siebenbürgisch-sächsischen Lebenskreise grundlegend verändert. Wir bodenständigen, in besonderem Maße traditionsbewussten Siebenbürger Sachsen sind notgedrungen oder auch aus freiem Entschluss mobil geworden: geografisch, beruflich, geistig, kulturell. Wir Siebenbürger Sachsen sind längst aus dem Schatten unserer Kirchenburgen herausgetreten und gestalten Seite an Seite mit unseren neuen Nachbarn unsere Zukunft hoffnungsvoll.

Wenn ich z.B. lediglich an Hasso Plattner (SAP-Mitgründer, Mäzen) oder an Hannah Monyer (Medizinerin und Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preisträgerin) denke, oder an Klaus ­Johannis (eben mit knapp 80% zum Hermannstädter Bürgermeister wiedergewählt) bzw. an Hans Peter Türk (Komponist und Kulturpreisträger 2012) und Peter Maffay, da fällt mir viel ein bezüglich dessen, was diese Persönlichkeiten Zukunftsträchtiges getan haben und weiterhin tun. Genau so, wie zahlreiche andere siebenbürgisch-sächsische Literaten, Künstler, Wissenschaftler, Unternehmer, Politiker, Pädagogen, ­Ingenieure, Vereinsaktive, die heutzutage Wertvolles leisten.

In einer Welt, in der uns die mediale Reizüberflutung tagtäglich zu schaffen macht, ist es natürlich schwieriger geworden, siebenbürgisch-sächsische Identität zu bewahren und weiter zu beleben, ihr Zukunft zu ermöglichen. […] Unsere Gestaltungskraft ist nicht versiegt, wir sind zukunftsfähig, weil die althergebrachten Werte, die Tugenden, das Völkerverbindende, der Glauben, das Friedensstiftende aus Siebenbürgen – trotz Krise und mancher Verzweiflung – zukunftsfähig sind und bleiben. Zäh, beharrlich, emsig, ehrgeizig waren wir, mögen wir bleiben. Unser kulturstiftendes Potenzial ist keineswegs versiegt. In einem zusammenwachsenden Europa – Siebenbürgen gehört seit 2007 auch völkerrechtlich dazu – vergrößern sich unsere Chancen. […] Unser Selbstwertgefühl beruht auf unserer historischen Leistung in Siebenbürgen und wir begreifen uns hier als leistungsstarke, kulturbereichernde Neubürger dieses Landes. Ob wir auch unsere Nachkommen, die hier Geborenen in dieses Boot hereinnehmen können? Oder ist das eine Illusion?

Ich vermute, wir Siebenbürger Sachsen haben noch eine Zukunft. Diese hängt in besonderem Maße von unserer derzeitigen Gestaltungskraft ab. Auch wenn wir und unsere Nachkommen manchen Wandel erleben werden, Siebenbürgisch-Sächsisches wird sich in zentralen Lebensbereichen halten können: als Lebensart, als Lebenshaltung. Das ist keine Illusion. Die materiellen Zeugnisse unserer Existenz, einige repräsentative Kirchenburgen, in Museen in Siebenbürgen oder außerhalb Siebenbürgens – besonders im Kulturzentrum Gundelsheim – versammelte hochwertige Zeugnisse siebenbürgisch-sächsischer Zivilisation – sie sind nicht nur da, sie werden weiter existieren. Sogar die rumänische Geschichtsschreibung oder der rumänische Tourismus wird in zunehmendem Maße die Hinweise auf Siebenbürger Sachsen nicht außer Acht lassen können. Ein zusammenwachsendes Europa lässt dies nicht zu. Wir haben heute jedoch die Pflicht, an den Grundlagen der Zukunft in diesem Sinne sowohl in Siebenbürgen als auch in Deutschland oder Österreich auch heute mitzubauen, aktiv mitzugestalten.

Wenn ich feststelle, wie sehr unsere siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft Wert darauf legt, ihre Kinder ganz früh in das Gemeinschaftsleben zu integrieren – dann sehe ich hier hoffnungsvolle Ansätze. Der gesamte Heimattag in Dinkelsbühl ist eine gewaltige Demonstration siebenbürgisch-sächsischer Vitalität. Das stimmt hoffnungsvoll. Wenn es uns heutzutage gelingt, eine vor 60 Jahren begonnene Tradition des Heimattages der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl ohne irgendwelche Ermüdungserscheinungen weiter zu führen, dann liegt dies auch an unserer Gestaltungskraft. Dieser Heimattag ist ja nicht irgendein großes Volkstreffen mit Bier und Bratwürsten. Seine politische, seine geistig-kulturelle, seine auf Jugend, auf Zukunft ausgerichtete Dimension ist bemerkenswert und zugleich identitätserhaltend.

Wer tausende Jugendliche, die Masse von ihnen in Tracht – Tracht als sichtbares Bekenntnis zu einer lebendigen Gemeinschaft – motivieren kann, wer einen Peter Maffay, den über Jahrzehnte erfolgreichsten deutschen Musiker, zurück zu seinen Ursprüngen führen und mit seinem riesigen auf Zukunft gerichteten Potenzial nach Dinkelsbühl bringen kann, wer ein mehrtägiges mit großer Vielfalt und mit viel Spannkraft ausgestattetes, attraktives Großereignis jährlich mit politischen Größen, mit bedenkenswertem Nachhall stemmen kann, der hat von seiner Gestaltungskraft nichts verloren. Wir sind definitiv nicht kraftlos. Unser kreatives Reservoir ist heute keineswegs erschöpft.

Die Siebenbürgisch-Sächsische Jugend in Deutschland (SJD), die Siebenbürgische Zeitung, zusammen mit unserer modernen Internetpräsenz, weltweites Flaggschiff siebenbürgisch-sächsischer Kommunikation, die grenzüberschreitend agierende Föderation der Siebenbürger Sachsen, der lebendige, zusammen mit dem HOG-Verband emotionale Heimat aufbauende Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, die gleichgesinnten Verbände in Österreich, in Kanada, in den USA verbinden uns vielfältig. Das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien, die neu strukturierte und mit ihrem tatkräftigen jungen Bischof Reinhart Guib und ihrem Strategiepapier Zukunft Kirche (Leitsatz: „Aus Glauben Leben in Gemeinschaft gestalten“) nach vorn agierende Evangelische Kirche A.B. in Rumänien, mit ihrem Theologischen Institut, mit der Leitstelle Kirchenburgen oder mit dem Kultur- und Begegnungszentrum „Friedrich Teutsch“, die Sachsentreffen und die steigende Anzahl von Heimatortstreffen in Siebenbürgen entwickeln eine besondere Kraft: ­Viele junge Menschen sind dabei wesentliche Akteure. […] Dadurch werden neue kräftige Beziehungen zwischen der nachfolgenden Generation und Siebenbürgen aufgebaut, die auch langfristig wirksam sein können.

Während Dinkelsbühl alljährlich zu Pfingsten die Hauptstadt der Siebenbürger Sachsen ist, ist Schloss Horneck, das Kulturzentrum Gundelsheim (mit dem Siebenbürgen-Institut, mit der Siebenbürgischen Bibliothek, dem Siebenbürgischen Archiv, dem Siebenbürgischen Museum, dem Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde) 365 Tage im Jahr Hauptstadt der Siebenbürger Sachsen außerhalb Siebenbürgens. Ebenso ist der sinnvolle Wirkungsgrad der Siebenbürgisch-Sächsischen Stiftung, der Stiftung Siebenbürgische Bibliothek, des Sozialwerks der Siebenbürger Sachsen, des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e. V. in München, von Studium Transylvanicum oder der Gemeinschaft Evangelischer Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben im Diakonischen Werk der EKD keineswegs zu unterschätzen.

Hier mein Fazit:

• Die Gestaltungskraft der Siebenbürger Sachsen ist heutzutage ungebrochen.
• Sie äußert sich auf allen Gebieten menschlichen Wirkens: im wirtschaftlichen, im gesellschaftlichen, im politischen, im wissenschaftlich-technischen, im kulturell-künstlerischen Bereich.
• Die Gestaltungskraft der Siebenbürger Sachsen hat sich stark verlagert: Sie ist geografisch nur noch zum Teil auf Siebenbürgen bezogen, da die überwiegende Mehrheit der Siebenbürger Sachsen heute nicht mehr in Siebenbürgen und zugleich nicht mehr in geschlossenen siebenbürgisch-sächsischen Siedlungsräumen lebt.
• Die Gestaltungskraft der Siebenbürger Sachsen ist mehr und mehr den Gesetzen der Globalisierung unterworfen: Wir treten mehr und mehr in unseren Betätigungsfeldern nicht primär als Siebenbürger Sachsen auf.
• Die Gestaltungskraft der Siebenbürger Sachsen heute verlagert sich auch durch die Situation des Lebens in der Diaspora mehr und mehr vom siebenbürgisch-sächsischen Individuum bzw. von der siebenbürgisch-sächsischen Familie auf siebenbürgisch-sächsische Institutionen und Veranstaltungen (auf lokaler, regionaler, grenzüberschreitender Ebene).

Schlagwörter: Vortrag, Heimattag 2012, Siebenbürger Sachsen, Identität

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