20. April 2014

Vom Segen tröstender Worte über die Karwoche hinaus

Die Karwoche umfasst die stillen Tage vor Ostern, Montag bis Mittwoch, gefolgt von den eigentlichen Kartagen Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag. Die Woche beginnt am Palmsonntag mit dem Gedächtnis des Einzugs Jesu in Jerusalem und erreicht ihren Höhepunkt am Gründonnerstag, an dem die Einsetzung des Abendmahls gefeiert wird. Am Karfreitag wird Jesu Sterben am Kreuz gedacht, und der Karsamstag mündet am Ende in die Feier der Osternacht.
Die Christenheit gedenkt in diesen Tagen des Leidens und Sterbens Jesu. Gleichzeitig wird das vielfache Leiden und unschuldige Sterben in dieser Welt ins Bewusstsein gerufen. Wir nehmen als Christen an den Leiden der Welt teil und werden davon auch nicht verschont. Jeder weiß um seine eigenen Leiden, Schmerzen, Verletzungen und Lasten, die zu tragen und zu ertragen sind. Jeder weiß auch um die Sprachlosigkeit des Trostamtes und die Not, nicht getröstet werden zu können.

Es ist ein Segen, dass wir uns tröstende Worte leihen können: „Sprich du das Wort, das tröstet und befreit und das mich führt in deinen großen Frieden. Schließ auf, das Land, das keine Grenzen kennt, und lass mich unter deinen Kindern leben. Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst. Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.“ (Text von Lothar Zenetti, 1974, nach dem niederländischen „Ik sta voor U“)

In den Kirchen werden in der Karwoche eine Vielfalt von Passionsmusik und Oratorien angeboten. Die Menschen aller Konfessionen strömen in die Gotteshäuser. Verstärkt werden auch die künstlerischen Darstellungen des Leidensweges Jesu, vor allem die der alten Meister, besichtigt und wahrgenommen.

Konrad Klein hat den unteren Teil – die Predella – des Tobsdorfer Altars (Kirchenbezirk Mediasch) fotografiert und uns für die ­„Osterausgabe“ der Siebenbürgischen Zeitung zugeschickt. Der Altar wird zurzeit aus Sicherheitsgründen in der evangelischen Stadtpfarrkirche in Mediasch aufbewahrt.
Beweinung Christi. Tafelmalerei von der Predella ...
Beweinung Christi. Tafelmalerei von der Predella vom Tobsdorfer Altar, heute in der evangelischen Stadtpfarrkirche in Mediasch (um 1530). Foto: Konrad Klein
Es lohnt sich, das Bild näher zu betrachten und nach dem Ausdruck der dargestellten Personen zu fragen. Es waren wenige fachkompetente Beschreibungen des Kunstwerkes zu finden. Im „Lexikon der Siebenbürger Sachsen“ (Wort und Welt Verlag, 1993, Seite 528) sind diese Angaben zu lesen: „Die Tafelmalerei der Predella vom Tobsdorfer spätgotischen Flügelaltar ist mit ‚Beweinung Christi‘ überschrieben. Das aussagestarke Bild wird mit dem Jahr 1522 datiert. Die (vier?) Maler kamen wahrscheinlich aus Böhmen über Süddeutschland (oder aus Süddeutschland über Böhmen) nach Siebenbürgen.“

Die Datierung des Bildes weist auf die vorreformatorische Zeit hin. Das Bild erhält über die ikonenhaften Gesichter einerseits und die dramatische Körperdarstellung des Gekreuzigten andrerseits eine besondere Spannung. Es sind Frauengestalten, die den Leichnam Jesu umgeben. Das entspricht allgemein den Überlieferungen der vier Evangelien. Die Jünger waren im Angesicht des Kreuzweges „mit Angst und Schrecken“ davongelaufen. Es blieben die Frauen, die den letzten Dienst leisteten bis zum Erleben der Auferstehung, die sie als erste Zeuginnen den Jüngern weitersagten.

Im Vordergrund der Dreiergruppe auf der rechten Seite ist, angesichts der vornehmen Bekleidung, Maria von Magdala zu identifizieren. Sie hält das Gefäß mit „wohlriechendem Öl“ – Salböl – in den Händen, das sie zusammen mit der (anderen) Maria, der Mutter des Jakobus und Salome, gekauft hatte (Markus 16,1). Während die beiden Frauen im Hintergrund sich in ihrer Trauer das Gesicht bedecken, die eine mit einem dunkeln Umhang, die andere mit der linken Hand, strahlt Maria Magdalena auch in dieser Grenzsituation des Todes Verantwortungsbewusstsein und damit auch Hoffnung aus.

In der Mitte des Bildes hält Maria, umhüllt mit einem weißen Gewand, den Oberkörper des Leichnams Jesu in den Armen. Bei diesem Anblick kommen Vergleiche zu den vielen und unterschiedlichen „Pietas“ großer Meister in den Sinn. Maria ist dem Gesicht Jesu ganz nahe, ihr Gesichtsausdruck ist angespannt, hörend.

Einzig der Lieblingsjünger und spätere Evangelist Johannes ist Jesus nicht von der Seite gewichen. Er streckt seine tröstenden und helfenden Hände aus und führt uns vor Augen, dass hier am Karfreitag nicht das Ende der Geschichte Gottes mit seinem Volk ist, sondern schon jetzt der Anfang eines neuen Lebens: Am Ostermorgen wird uns verkündigt : „Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“

Dieser Teil des Altarbildes, die Predella, ist auf Augenhöhe der Gemeinde, die sich am Gründonnerstag und Karfreitag um die Altarstufen zum Abendmahl versammelt. So versöhnt, hatten die gläubigen Frauen und Männer vor Augen, dass wir Menschen im Leiden und Sterben nicht verlassen sind, sondern getröstet der Auferstehung zum ewigen Leben entgegensehen dürfen.

Allen Leserinnen und Lesern unserer Zeitung wünsche ich ein frohes und gesegnetes Osterfest!

Hermann Schuller, Dekan i.R.

Schlagwörter: Ostern, Kirche, Malerei

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