18. Oktober 2014

Siebenbürgerin und Veganerin – geht das?

Der Vegetarierbund Deutschland e.V. (VEBU) ist die größte Interessenvertretung vegetarisch und vegan lebender Menschen in Deutschland. Laut VEBU-Zahlen von Mai 2014 gibt es in der Bundesrepublik rund 7 Millionen Vegetarier (8-9% der Bevölkerung) und 1,2 Millionen Veganer (1,5%). Eine von ihnen ist Inge Greger aus Holzwickede, eine gebürtige Urwegerin, die kurz nach dem diesjährigen Heimattag der Siebenbürgischen Zeitung schrieb: „Ich war dieses Jahr wieder in Dinkelsbühl, habe auch am Trachtenumzug teilgenommen und es war ein wunderbares, unvergessliches Wochenende … bis auf eine Ausnahme: die Ernährung meiner Landsleute. Ich habe nur Fleisch, weißes Mehl und Zucker gesehen – und die Folgen dieses Konsums an denen, die das essen, auch.“ Eine provokante These und Grund genug nachzuhaken.
1970 in Urwegen geboren, kam Inge Greger 1981 nach Deutschland, genauer nach Holzwickede bei Dortmund, wo sie heute noch mit ihrem Mann Mathias und den Töchtern Tamina (15) und Jessica (18) lebt. Sie machte Ausbildungen zur Friseurin, Kosmetikerin und Kauffrau für Bürokommunikation und arbeitet in allen drei Berufen: halbtags in der Zentrale eines örtlichen Betriebes, zu Hause in ihrem kleinen Kosmetikstudio und mobil als Friseurin.

Seit zehn Jahren ernährt sie sich vegetarisch, seit anderthalb Jahren zu ca. 95% vegan, also ausschließlich pflanzlich. „Anstoß war eine Zahn-OP meiner Tochter Tamina im Alter von ca. fünf Jahren“, erzählt Inge Greger. „Wir mussten unseren Kroatien-Urlaub abbrechen, weil sie so starke Zahnschmerzen hatte. Der Backenzahn musste mit Vollnarkose herausgeholt werden. Diesen Zahn hat sie heute noch, er ist total durchgefressen und ich war schockiert, dass ein so kleines Kind schon so einen total kaputten Zahn haben kann. Ich bin sofort in die Bücherei gegangen und habe nach Literatur über Zucker gesucht. Das war der Anfang.“ Inge Greger begann sich mit dem Thema Ernährung und deren Auswirkung auf den Körper intensiv auseinanderzusetzen, besorgte sich weitere Bücher – die Umstellung der Essgewohnheiten erfolgte dann fast automatisch. „Für mich ist das wichtigste Kriterium die Gesundheit. Ich war vorher nie ernsthaft krank, hatte aber regelmäßig Blasenentzündungen, ab und an mal Verstopfung, Erkältungen und Pilzentzündungen. Das alles gehört der Vergangenheit an, ich kenne nichts mehr davon, selbst im Winter huste ich nicht einmal mehr. Meine Blutwerte lasse ich alle zwei Jahre testen, sie sind top, keine Mangelerscheinung.“

Inge Greger im Trachtenumzug des diesjährigen ...
Inge Greger im Trachtenumzug des diesjährigen Heimattages. Foto: Soxen-Fotograf
Sieben Jahre lang war Inge Greger die einzige Vegetarierin in der Familie und kochte doppelt, dann schwenkten die Töchter um und verzichteten ebenfalls auf Fleisch. Nach einer gemeinsam vereinbarten vegetarischen „Probezeit“ war auch Ehemann Mathias überzeugt. „Gekocht wird bei uns zu Hause fast vegan, Fleisch gibt es gar nicht mehr“, so Greger. „Mein Mann ist Flexitarier, er isst noch immer Wurst und Fleisch, aber nur noch außer Haus, wenn wir essen gehen oder eingeladen sind. Er merkt aber, dass ihm der Verzicht auf Fleisch gut tut, und kocht auch selbst Gerichte mit Sojafleisch.“ Tofu, Tempeh, Seitan, Quorn, Lopino – es gibt inzwischen zahlreiche Fleischalternativen für Vegetarier und Veganer, die man nicht mehr nur in speziellen Läden, sondern auch im Discounter kaufen kann. Dazu kommen diverse Varianten von Milch (Soja-, Reis-, Hafer-, Dinkel-, Mandelmilch), Ei-Ersatzpulver, veganer Käse, pflanzliche Brotaufstriche und viele andere Produkte, die nicht nur eine fleischlose, sondern sogar eine rein pflanzliche Ernährung relativ einfach erscheinen lassen – zumal wenn man selbst kocht. Zwar „besteht die traditionelle sächsische Küche hauptsächlich aus Fleisch, weißem Mehl und Zucker“, sagt Inge Greger, aber „es ist alles gar nicht so tragisch und verrückt, wie es sich zuerst anhört, bei mir gibt es auch noch Tokană (mit Sojafleisch) und leckeres Schmalz auf pflanzlicher Basis. Meine Schwägerin, deren Tochter auch Veganerin ist, hat mir sogar schon mal vegane Ischler gebacken – und keiner hat’s geschmeckt. Es geht, alles geht!“ Auch vegetarische Sarmale werden im Hause Greger gegessen – mit einer Füllung aus Grünkern. Einziges Zugeständnis ist der gelegentliche Verzehr von Butter und Sahne – das sind die fehlenden 5% –, aber langfristig sollen auch diese letzten tierischen Produkte vom Speiseplan gestrichen werden.

Schwierig wird es für Veganer bei Restaurantbesuchen oder Einladungen, denn vegane Restaurants sind selbst in Großstädten nicht an jeder Ecke zu finden, und das Verständnis eines Gastgebers für ein rein pflanzliches Menü muss man sich erst erarbeiten. Darum hat Inge Greger immer „einen Rucksack mit gesundem Essen“ dabei, so auch beim diesjährigen Heimattag. „Der Spitalhof (d.h. der Siebenbürger Markt, Anm. d. Red.) hat an mir nichts verdient.“ Sie besucht regelmäßig Veranstaltungen rund um das Thema Ernährung, so z.B. Deutschlands größtes veganes Straßenfest, den Vegan Street Day, in Dortmund, die Messe VeggieWorld in Düsseldorf sowie „das Highlight überhaupt: die Rohvolution“, ein Informationswochenende rund um das Thema Rohkost. „Dafür bin ich früher“, so Greger, „an einem Tag 600 Kilometer (hin und zurück) nach Speyer gefahren. Jetzt gibt es sie auch in Mülheim/Ruhr, das sind nur ca. 90 Kilometer. Ich besuche dort Workshops und Vorträge.“ Auch privat organisierte vegane Brunch-Treffen stehen auf ihrer Agenda, u.a. jeden zweiten Sonntag in Unna, „da bin ich immer dabei. Jeder bringt etwas mit – so entstehen die tollsten Büfetts!“ Eine Ausbildung zur roh-veganen Ernährungsberaterin würde Inge Greger gern absolvieren, aber da diesbezügliche Angebote noch rar und sehr kostspielig sind, beeilt sie sich mit diesem Projekt nicht. „Wenn die Kinder mal ihr eigenes Leben führen und ihre beruflichen Bahnen gehen, kann ich mir das sehr gut vorstellen.“

Siebenbürgisch und vegan – geht das also? Inge Greger ist davon überzeugt. „Die sächsische Tradition können wir in unseren wunderschönen Trachten, Tänzen, Liedern und Gedichten weiterleben lassen – aber was krank macht, darf nicht so weitergegeben werden. Wir müssen umdenken, um unseren Nachkommen eine gesunde Lebensweise zu schenken.“

Doris Roth



Fleischlos glücklich


Obwohl die siebenbürgische Küche oft mit Speck, Mici und Bratwurst assoziiert wird, kennt auch sie vegetarische Gerichte, und das nicht erst, seit der Vegetarismus zu einer weit verbreiteten, gesellschaftlich anerkannten Ernährungsform geworden ist. Die Hermannstädterin Hilda Pastior, geborene Wolf, (1907-1984) schenkte ihrer Tochter 1967 zur Hochzeit mit einem Vegetarier ein handgeschriebenes Kochbuch, das neben allgemeinen Anweisungen zum Kochen eine stattliche Anzahl von vegetarischen Rezepten enthält. Eines davon stellen wir hier vor (die Schreibweise des Originals wurde beibehalten).

Vegetarisches Pörkölt mit Nockerl

2 feingeschnittene Zwiebel in Öl oder Fett schön hell gebraten. Dazu Paprika, Pfeffer und Salz und mit soviel Wasser aufgegossen, daß eine gute Tunke entsteht. Kleine Nockerl gekocht, hineingegeben und eine Zeitlang am Herdrand durchziehen lassen. Zum Schluß die Tunke mit etwas angerührtem Mehl binden (ja nicht zu dick! höchstens ein Kaffeelöffel Mehl!), gehacktes Laub und Rahm hineingeben. Zu diesem Essen schmeckt Kartoffelsalat sehr gut und ist auch ausgiebig.


Anmerkung: Vegetarisch ist das Gericht natürlich nur, wenn man die Zwiebeln in Öl anbrät und nicht in Fett, d.h. Schweineschmalz. Vegan wird es, wenn man statt „echtem“ Rahm z.B. Sauerrahm aus Soja verwendet.

Schlagwörter: Ernährung, Kulinarik, Gesundheit, Porträt

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