24. März 2015

Eine Größe in Kronstadts Wirtschaftsleben: 1. Todestag von Dipl.-Ing. Stefan Wolf

Am 24. März 2014 hing über dem Eingangstor des Gebäudes des Regionalen Elektrizitätsunternehmens Kronstadt in der Petersberger Straße die schwarze Fahne. Es war der Tag des Begräbnisses von Dipl.-Ing. Stefan Wolf, des Direktors des Unternehmens, der in schwierigen Zeiten für die Stromversorgung zweier Landeskreise verantwortlich gewesen war. Am 12. März jährte sich der Todestag dieses vielen Kronstädtern bekannten Banater Schwaben, der im Wirtschaftsleben Kronstadts eine wichtige Rolle gespielt hat.
Stefan Wolf wurde am 19. Mai 1926 in Pâncota bei Arad geboren. Nach dem Besuch des Industrielyzeums in Arad studierte er am Polytechnikum Temeswar Elektrotechnik. 1951 wurde er vom Ministerium dem Regionalen Elektrizitätsunternehmen (IRE) Kronstadt zugeteilt, dem er bis zu seiner Pensionierung 1986 treu blieb. Seine Laufbahn begann er als Dispatcher (Leitwart), eine höchst verantwortliche Tätigkeit, bei der er sein gediegenes Fachwissen und sein Organisationstalent unter Beweis stellen konnte. 1956 heiratete er die Latein- und Deutschlehrerin Marianne Rudolf. Der Ehe entstammen drei Kinder, eine Tochter und zwei Söhne.

Dipl.-Ing. Stefan Wolf (1926-2014). Foto: aus ...
Dipl.-Ing. Stefan Wolf (1926-2014). Foto: aus Familienbesitz
Relativ jung stieg Stefan Wolf zum Direktor des Unternehmens auf. Die Elektrifizierung des Landes, eines der Hauptziele des sozialistischen Aufbaus, kam seinen beruflichen Interessen und seinen Neigungen entgegen. Unter seiner Leitung wurde die Hochspannungslinie durch das Szeklerland über die Ostkarpaten gelegt, Trafostationen und Umspannwerke gebaut. Da die Arbeit eines Elektrikers nicht selten gefährlich ist, bestand Direktor Wolf auf höchste Disziplin bei der Einhaltung der Verhaltensregeln und Sicherheitsvorschriften. Durch meine früheren beruflichen Tätigkeiten kam ich oft in Kontakt mit Mitarbeitern des Unternehmens, die immer voller Respekt vom „Direktor Wolf“ sprachen. So durfte ich erfahren, dass wenn ein Techniker oder Ingenieur mehr Lohn wollte, dieser vom Chef persönlich einem Eignungstest unterzogen wurde. Das führte dazu, dass der Drang nach mehr Lohn sich in Grenzen hielt. Erstaunlich viele Mitarbeiter kannte Stefan Wolf persönlich und beim Namen. Nach dem Anschluss des Kreises Covasna an die Kronstädter Zentrale zählte die IRE immerhin mehr als 2000 Mitarbeiter. Verhältnismäßig viele von ihnen gehörten der ungarischen oder deutschen Minderheit an. Dass sich Direktor Wolf mit jedem Gesprächspartner in dessen Muttersprache unterhalten konnte, stärkte das Vertrauen der Belegschaft. Er kümmerte sich nicht nur um ein gutes Arbeitsklima in den verschiedenen Abteilungen, er fühlte sich bei akuter Wohnungsnot für die gerechte Zuteilung der Betriebswohnungen verantwortlich. Manchmal wurden auch Familienprobleme an ihn herangetragen. Die fachliche Fortbildung seiner Angestellten lag ihm ebenfalls am Herzen. An der Berufsschule und an der Meisterschule, die dem Werk angegliedert waren, unterrichtete er gerne selber, so lange seine Aufgaben als Direktor dies zuließen. Seinen Bemühungen ist es zu verdanken, dass am später gegründeten Lyzeum für Elektrotechnik eine Klasse mit deutscher Unterrichtssprache eingerichtet wurde.

Ende der 1970er Jahre galt es, ein Krisenmanagement zu organisieren, um die Produktion der Kronstädter Industriebetriebe zu sichern. Da kam Wolf sein diplomatisches Geschick zugute, das ihn befähigte, sowohl mit Vorgesetzten als auch mit Untergebenen umgehen zu können. Nach den Einschränkungen des Stromverbrauchs der großen Industriebetriebe in den Spitzenlastzeiten ließ er die Partei entscheiden, welcher Betrieb vorrangig den Verbrauch wieder hochfahren konnte, wodurch ihm viel Ärger erspart geblieben ist.

1986 ging er nach 35 Dienstjahren in Rente. Viele Jahre später erzählte er mir hier in Deutschland, dass er sich seinerzeit über seinen Eintritt in den Ruhestand regelrecht gefreut habe: Personalabbau stand an, die Entlassung langjähriger treuer Mitarbeiter blieb ihm erspart. 1988 entschloss sich die Familie Wolf, nach Deutschland auszuwandern. In Korntal-Münchingen bei Stuttgart fand das Ehepaar Wolf ein neues Zuhause, unternahm einige Auslandsreisen und freute sich am Heranwachsen der fünf Enkelkinder. So lange es die Gesundheit zuließ, besuchte das Rentnerpaar seine Herkunftsorte. In Kronstadt wurden nicht nur die dort lebenden Verwandten besucht. Stefan Wolf zog es jedes Mal auch in „seinen“ Betrieb. Wer ihn kannte, erinnert sich respektvoll an den Mann, der seinen Beruf mit Leib und Seele ausgeübt hat.

Karl-Heinz Brenndörfer

Schlagwörter: Porträt, Todestag, Wirtschaft, Kronstadt

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Neueste Kommentare

  • 26.03.2015, 11:40 Uhr von getkiss: "...ließ er die Partei entscheiden...wodurch ihm viel Ärger erspart geblieben ist". Wer in diesen ... [weiter]
  • 25.03.2015, 18:19 Uhr von orbo: Nein. Fachliche Größe bleibt eine Größe, auch wenn die Frage sozialer Integrität/Größe fragwürdig ... [weiter]
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