14. Oktober 2015

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Leserecho: Menschen bauen Brücken

Ich bin gebürtige Rumänin und stamme aus einer Stadt in Siebenbürgen, in der viele Siebenbürger Sachsen gelebt haben. Bis zu meiner Ausreise nach Deutschland wusste ich nicht viel über sie und wer sie sind.
Als Kind ging ich sonntags hinter Leuten her, die in Richtung Zentrum gingen. Dort befand sich ihre Kirche, welche von uns „Die Kirche der Sachsen“ genannt wurde. Bereits damals faszinierte mich ihre Sprache, die ich nicht kannte, weil sie in meinen Ohren sehr schön klang.

Als ich dann nach Deutschland kam, kreuzte sich mein Lebensweg mit dem einer siebenbürgergisch-sächsischen Familie, aus der mein heutiger Mann stammt. Im Laufe der Jahre hörte ich viele Geschichten von den älteren Sachsen. Ich war traurig, als ich hörte, wie herzlos viele Rumänen zu ihnen gewesen waren. Ich spürte, dass diese Leute, obwohl sie viel gelitten hatten, vieles vergeben haben und bis heute noch nostalgisch über die Orte sprechen, in denen sie geboren wurden und gelebt haben, welche sie aber verlassen mussten.

Viele Sachsen, die nach Deutschland kamen, hinterließen dort ihr Hab und Gut im Glauben, hier ein besseres Leben führen zu können. Viele schafften es, sich hier eine neue Existenz aufzubauen, weil sie alle sehr fleißig sind. Aber die kleine Holzbank vor dem Haus in Rumänien haben sie nicht vergessen, dort, wo sie sich nach einem arbeitsreichen Tag mit dem Nachbarn bis spät in die Nacht unterhalten hatten.

Die Sehnsucht, ein Gefühl, das sehr an einem nagt, hat sie hier weiter verfolgt, auch wenn sie hier vieles erreicht haben, vielleicht noch mehr als sie in Rumänien hatten. Sie konnten diese Sehnsucht in ihrer Seele nicht stillen.

Viele sind hier mit der Hoffnung gestorben, noch einmal nach Rumänien zu kommen, und viele andere warten, dass ihre Kinder sich Zeit nehmen, sie ein letztes Mal dorthin zurück zu bringen, wo sie immerhin glücklich waren. Die Tatsache, dass sie nach so langer Zeit noch sehr gut rumänisch sprechen und die rumänische Sprache nicht vergessen haben, zeigt, dass sie damals wie heute Siebenbürger Sachsen (Deutsche) aus Rumänien sind.

Rumänien wird immer das Zuhause von allen Sachsen, welche Rumänien verlassen haben und weltweit verstreut sind, bleiben. Sie weinen dann vor Freude, wenn sie es schaffen, ihre Geburtsstätte zu besuchen, und bei vielen scheint es, als würden sie dort bleiben wollen, weil es für sie bis heute noch die Heimat ist.

Ihr seid eine wundervolle Nation mit einem großartigen Charakter. Das habt ihr auch dadurch bewiesen, dass Ihr, als die Rumänen Hilfe brauchten, das erlittene Leid vergessen habt und für viele Rumänen Hilfskonvois organisiert habt. Ich bedanke mich im Namen aller Rumänen, nicht nur für diese Sache, sondern auch für alles, was Ihr vor Hunderten von Jahren in unser Land gebracht habt. Bis heute sieht man die vielen Burgen und Häuser, welche ihr gebaut habt, und die Art der Bildung, welche ihr mitgebracht habt. Meine Großeltern sagten damals nicht umsonst: „Wenn du etwas machst, mach es wie die Sachsen“ oder „Wenn du ein schönes Haus und einen schönen Garten haben möchtest, schau dir den Hof der Sachsen an“. Dies sind nur einige Beispiele, welche meine Kindheit geprägt haben, in der ich nicht viel verstand, außer dass alles, was die Sachsen getan hatten, eine gute und standhafte Arbeit war.

Das, was Euch und Euren Vorfahren angetan wurde, ist unverzeihlich. Daher bitte ich Euch aus tiefstem Herzen, mit Tränen in den Augen verzeiht uns Rumänen, auch wenn Ihr es nicht vergessen könnt. Ohne Euch ist mein Siebenbürgen trostlos.

Camelia Martini, Grünwald

Schlagwörter: Leserecho, Siebenbürger Sachsen, deutsch-rumänische Beziehungen

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