29. Juni 2020

Was Sie schon immer über das Kronenfest wissen wollten

Das Kronenfest ist eins der beliebtesten und bekanntesten Feste der Siebenbürger Sachsen in Deutschland. Es wurde erfolgreich in der neuen Heimat eingeführt, dabei aber auch abgewandelt und den neuen Gegebenheiten angepasst. Wie es früher in Siebenbürgen war und wie es heute ist Deutschland ist, hat Jana Wieschollek (geb. Burkart) im Jahr 2009 in ihrer Magisterarbeit „Heute wie damals? Das Kronenfest der Siebenbürger Sachsen in Herzogenaurach“ im Fach Europäische Ethnologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg untersucht. Auf ihre Arbeit stützen sich die folgenden Ausführungen.

Seit wann gibt es das Fest?

Im Jahr 1764 erwähnte Pfarrer Martin Felmer das Kronenfest als „Baumbesteigen am Johannes-Tag“ zum ersten Mal. Je nach Gemeinde fand das Fest am Johannistag (24. Juni), am Peter- und Paulstag (29. Juni) oder an einem Tag dazwischen statt, wobei oft der Sonntag als Festtag genannt wird. Am Johannistag wurden die Wiesen zum Mähen freigegeben und am Peter- und Paulstag hörte das Korn einer Bauernregel nach auf zu wachsen. Das Kronenfest war also ein Erntebittfest und gleichzeitig das letzte Fest vor der schweren Feldarbeit. In der geschmückten Blumenkrone schlägt sich zudem die Sommersonnenwende nieder, sie repräsentiert die Sonne in ihrem höchsten Jahresstand.

Verbreitet war das Fest in zahlreichen Dörfern Mittel- und Südsiebenbürgens, doch auch in einzelnen Orten Nordsiebenbürgens wurde es begangen. In den meisten Fällen wurde das Fest auf dem Platz vor der Kirche gefeiert.
Das Kronenfest auf der Bundesgartenschau 2019 in ...
Das Kronenfest auf der Bundesgartenschau 2019 in Heilbronn war ein großer Erfolg. Foto: Hannah Schuster

Wie lief das Kronenfest in Siebenbürgen ab?

Das Kronenfest war das Sommerfest der bäuerlichen Jugend und wurde von ihr bzw. den Burschen- und Schwesterschaften organisiert. In der Regel nahm die Dorfgemeinschaft geschlossen am Fest teil und blieb dabei unter sich. Zu den Grundelementen eines jeden Kronenfestes gehörten das Einholen und Aufstellen des Kronenbaumes, das Binden der Krone, die Heischegänge, der Gottesdienst, die Kronenbesteigung samt Kronenpredigt, das Herabwerfen der Gaben sowie Musik und Tanz. Diese Elemente variierten jedoch von Dorf zu Dorf, in einigen Dörfern kamen auch noch zusätzliche Elemente hinzu.

Der Kronenbaum wurde in den meisten Dörfern jedes Jahr frisch aus dem Wald geschlagen, geschält, geglättet und am Vorabend oder am Morgen des Festes aufgestellt. Dafür wurden Tannen-, Fichten-, Kiefer-, Eichen-, Buchen- oder Lindenstämme von vier bis zwanzig Metern Länge benutzt. Die Krone selbst existierte in zahlreichen Varianten: Es gab Baumkronen, Hängekronen und Tragekronen, doppelt oder einfach, mit oder ohne Rad. Auch beim Kronenschmuck gab es eine große Vielfalt: Neben Eichenlaub und Wintergrün, die als Füllmaterial dienten, wurden die unterschiedlichsten Garten- und Feldblumen eingebunden. Für das Binden der Krone waren die Mädchen zuständig, für das Einholen und Aufstellen des Baumes die Jungen.

Zu den Aufgaben der Mädchen gehörte es auch, Hutsträuße für die Jungen zu binden. Am Vorabend oder am Morgen des Festes zogen die Mädchen dann in einem Festzug (genannt „Heischegang“) durchs Dorf und überbrachten den Jungen die Sträuße. Im Gegenzug erhielten sie, zumeist von den Müttern der Jungen, Kuchen und etwas zu trinken. In Probstdorf trugen die Mädchen gar die Kugelkrone von Haus zu Haus und baten um Süßwaren.

Fester Bestandteil des Kronenfestes war stets ein Gottesdienst, der zumeist vor dem Fest stattfand und an dem die ganze Gemeinde teilnahm. Wie an Festtagen üblich wurde auch bei dieser Gelegenheit Tracht getragen, welche Tracht genau, geht aus den Quellen jedoch nicht hervor. Den Höhepunkt des Festes stellte bereits in Siebenbürgen das Besteigen der Krone dar. Wer auf die Krone hinaufkletterte und wie das Ritual in der Krone ablief, war in jedem Dorf unterschiedlich geregelt. Hier war es der Altknecht, dort der Jungaltknecht, anderswo ein ausgewählter Konfirmand oder ein Vertreter der Burschenschaft. In der Krone angekommen, fand der Kletterer eine hölzerne Flasche mit Wein vor, aus der er sich „stärken“ konnte. Sodann hielt er (zumeist in Mundart) seine Kronenpredigt, in der er die Anwesenden begrüßte und Glückwünsche auf Pfarrer, Prediger, Lehrer, Ortsamt und das Herrscherhaus aussprach. Hernach warf er oft Backwaren oder andere Gaben für die Kinder hinunter.

Spätestens wenn der Kletterer wieder von der Krone heruntergestiegen war, begann der gemeinsame Tanz unter der Krone. Auch Lieder wurden gesunden, z.B. „Af deser Ierd“, „Mer wälle bleïwen, watt mer senj“ oder „Siebenbürgen, Land des Segens“.

Zu den besonderen Kronenfestbräuchen, die man nur in wenigen Dörfern praktizierte, gehörten die Umzüge und der Flurumritt. Einen Umzug machte man etwa in Tarteln: Hier forderten die Jungen bei den Mädchen die Krone ein, welche daraufhin in einem Umzug zum Hof eines der Jungen gebracht und dort übergeben wurde. Anschließend ging es mit der Krone voran wieder in Zugformation zum Festplatz zurück. Einen Flurumritt gab es beispielsweise in Leblang: Die geschmückte Krone wurde in einem Kornfeld versteckt und die Jungen mussten sie suchen. War sie gefunden, wurde im geschlossenen Zug zum Dorfeingang zurückgeritten.

Was ist heute anders?

Mit der massenhaften Aussiedlung der Siebenbürger Sachsen nach 1989 kam der Brauch des Kronenfestes in Siebenbürgen zeitweise zum Erliegen. Im Jahr 2000 entschloss sich die Kirchengemeinde in Kerz dazu, das Kronenfest wieder aufleben zu lassen. Einige andere Gemeinden folgten dem Beispiel, sodass es in neuerer Zeit wieder Feste in Batiz, Frauendorf, Malmkrog, Neppendorf und Scholten gab oder gibt.

In Österreich und Deutschland haben die ausgesiedelten Sachsen ab Ende der 1980er nach und nach den Kronenfestbrauch in ihren neuen Heimatgemeinden eingeführt. Dabei mussten freilich einige Anpassungen vorgenommen werden. Der wesentliche Unterschied ist, dass das Kronenfest als bäuerlicher Brauch nicht mehr Teil der Lebensrealität der Organisatoren ist. Kaum ein Sachse bestellt heute noch ein Feld, aus einem gelebten Brauch ist somit ein vorgeführter Brauch geworden. In der Regel organisieren heute nicht nur die Jugendlichen das Fest, sondern überwiegend Erwachsene, die den Brauch aus ihrer eigenen Jugend in Siebenbürgen kennen. Selbst am Datum Ende Juni kann nicht immer festgehalten werden, da die Organisatoren sich nach dem Festkalender ihrer Gemeinde und der Verfügbarkeit des Festplatzes richten müssen.

Was den Ablauf betrifft, sind die meisten typischen Elemente beibehalten worden: Baum aufstellen, Krone binden, Baum besteigen, Kronenpredigt halten, Gaben hinunterwerfen, tanzen. Hinzugekommen sind häufig Reden von Politikern sowie gastronomische Angebote für die Besucher. Der Gottesdienst hingegen ist zumeist – wenn überhaupt – durch eine kurze Andacht ersetzt worden. Tracht tragen fast nur noch die auftretenden Tanz- und Musikgruppen.

Anders als früher ist das Fest heute auch nicht mehr auf die Dorfgemeinschaft beschränkt: Kronenfeste sind in der Regel überregionale Ereignisse, bei denen mitunter Gastgruppen eingeladen werden, Sachsen aus vielen Kilometern Entfernung anreisen und auch nichtsiebenbürgische Besucher gerngesehene Gäste sind. Nicht zuletzt durch diese Öffnung bekommt das Fest weitere, neue Funktionen: Wie alle Feste bietet das Kronenfest Abwechslung vom Alltag. Zudem dient es dazu, Erinnerungen an die alte Heimat zu bewahren und Identität sowie Gemeinschaft zu stärken. Durch den erweiterten Besucherkreis ermöglicht es aber auch, Brauchtum zu präsentieren, Integration zu fördern und in entspannter Atmosphäre einen Kulturtransfer zu erleben. Es macht Mut und ist schön zu sehen, dass das Kronenfest an vielen Orten bereits ein fester Termin im städtischen Veranstaltungskalender geworden ist.

Dagmar Seck

Schlagwörter: Brauchtum, Kronenfest, Geschichte

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