8. Februar 2021

„Au murit şi 29 de saşi“ – Es starben auch 29 Sachsen: Ein Facebook-Posting auf siebenbuerger.de geht viral

Kürzlich wurde auf der Facebookseite von siebenbuerger.de über die Aufstellung eines Denkmals zur Erinnerung an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Rode (rum. Zagăr) berichtet (siehe auch Links am Ende dieses Artikels). Auf dem Denkmal werden die 17 rumänischen Kriegsopfer aus Rode namentlich genannt, ganz unten steht noch der einzeilige, kursiv gesetzte Vermerk, dass „auch“ 29 Sachsen gefallen sind.
Auf einem Denkmal neben der Grundschule in Rode ...
Auf einem Denkmal neben der Grundschule in Rode (Zagăr) gedenkt die politische Gemeinde namentlich der 17 im Ersten Weltkrieg gefallenen Rumänen und erwähnt in einer Fußnote „auch“ die 29 sächsischen Opfer. Das auf Siebenbuerger.de gepostete Bild löste eine heftige Kontroverse aus. Foto: Loránd Kiss
Das Posting fand auf bislang nie dagewesene Weise Verbreitung, 154.586 Leserinnen und Lesern, 6.391 Reaktionen, Kommentare und geteilte Inhalte. Der Originalbeitrag auf siebenbuerger.de wurde 342 Mal geteilt (Stand 7. Februar 2021). Der Eintrag auf der Facebookseite einer Bukarester Universitätsprofessorin für Politikwissenschaften beispielsweise, die den Siebenbuerger.de-Eintrag geteilt hatte, wurde seinerseits 56 Mal kommentiert und 14 Mal geteilt. Rumänische Onlinezeitungen wie ziare.com, HotNews.ro, newsweek.ro oder manager.ro haben über den Post berichtet. Beschwerden wurden sogar an das rumänische Kulturministerium gerichtet, die Schreiben wurden den siebenbuerger.de-Webmastern als Nachweis zugesandt. Inzwischen hat auch der jetzige, an dem ganzen Schlammassel unschuldige Bürgermeister von Rode eindeutig gegen dieses „nicht normale“ Denkmal Stellung bezogen, worauf ausführlicher weiter unten eingegangen wird.

Auf der Website der „Primăria Zagăr“ (primariazagar.ro) wird das Denkmal auch gezeigt, flankiert von zwei (übrigens arg zerzausten und ramponierten) Flaggen Rumäniens – auf einer Streetview von Google-Maps sind an dieser Stelle noch die Flaggen Europas und Rumäniens zu sehen … Unter den Sehenswürdigkeiten des Ortes wird es – neben der evangelischen und orthodoxen Kirche, einem „Haus der Freundschaft“ und dem Kulturhaus – als „Denkmal für die rumänischen Gefallenen der beiden (!) Weltkriege“ kommentarlos aufgeführt, ohne Nennung einer Begründung, des Entstehungsjahrs, der Auftraggeber oder des „Künstlers“. Die Inschrift bezieht sich eindeutig nur auf die „Helden die, ihre Pflicht erfüllend, für die Wiedervereinigung des Volkes gefallen sind 1914-1918“ („Eroii căzuţi la datorie pentru întregirea neamului 1914-1918“), also auf die Opfer des Ersten Weltkrieges.

Über die Aufstellung dieses Denkmals im öffentlichen Raum kann man sich nur wundern. Denn in den Jahren des Ersten Weltkriegs (1914-1918) mussten auch die Rumänen Siebenbürgens im österreichisch-ungarischen Heer dienen und, wie Hunderttausende Soldaten des Habsburgerreichs, an dessen Fronten in Galizien, in den Dolomiten, am Isonzo, an den Karpaten und an vielen anderen Orten kämpfen, unsägliches Leid ertragen, sich verwunden und töten lassen. Für die 1918/1920 erfolgte Vereinigung Siebenbürgens mit Großrumänien konnten sie nicht kämpfen. Sie durften es ja auch nicht. Das Dilemma und die seelische Not der rumänischen Soldaten aus Siebenbürgen, die nach dem Eintritt des Königreichs Rumänien in den Krieg an der Seite der Entente (1916) im österreichischen Heer dienen und gegen Angehörige ihres eigenen Volkes kämpfen mussten, schildert Liviu Rebreanu eindrücklich im Roman „Der Wald der Gehenkten“ („Pădurea Spânzuraţilor“, ausgezeichnet verfilmt vom rumänischen Starregisseur Liviu Ciulei). Der Schriftsteller setzt darin seinem Bruder ein literarisches Denkmal, der desertierte, als er an die österreichisch-rumänische Front geschickt wurde, und zum Tode verurteilt wurde.

Man kann demnach die Inschrift nur als Geschichtsklitterung bezeichnen. Abgesehen davon stellt sich die Frage, ob es heutzutage überhaupt gerechtfertigt ist, der mörderischen Kriege als Heldentaten zu gedenken, und das ausgerechnet vor einer Schule. Und wundern muss man sich auch darüber, dass die 29 siebenbürgisch-sächsischen Gefallenen keiner namentlichen Nennung für würdig befunden worden sind, obwohl sie zusammen mit ihren Nachbarn aus Rode im gleichen Heer gedient, gelitten und den Tod gefunden haben.

Man muss allerdings auch darauf hinweisen, dass der ehemals sächsischen Bewohner von Rode ebenfalls auf der offiziellen Website des Bürgermeisteramtes mit sehr warmen Worten gedacht wird: „Die Nostalgie des Bedauerns, dass uns eine fleißige, disziplinierte und beharrliche Bevölkerung verlassen hat, die einen kraftvollen Gemeinschaftssinn gepflegt hat, besteht heute noch fort und wird verbunden mit dem Verschwinden der berühmten Weinberge, der schönen örtlichen Sitten und Gebräuche, zumal sich andere unter den heutigen Bewohnern nicht verfestigen konnten.“ Gewürdigt wird auch die Tatsache, dass die Sachsen den Ort gegründet und jahrhundertelang geprägt, zu seiner wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung beigetragen haben.

Um so mehr verwundern dieses Denkmal und der diskriminierende Eintrag über die „ferner“ gefallenen Sachsen, die keiner persönlichen Nennung für würdig befunden wurden. In Rode lebten übrigens gemäß der Volkszählung von 1930 neben 1.164 Deutschen und 209 Rumänen auch 102 Roma und 24 Magyaren. Ist kein Roma oder Magyare während des Weltkriegs einberufen worden und gefallen?

Die Reaktionen der rumänischen Leserinnen und Leser auf das Denkmal sind – von ganz wenigen dummdreist-nationalistischen Kommentaren abgesehen – fast durchgehend negativ und reichen von „respektlos“, „peinlich“, „unverschämt“, „geschmacklos“, „boshaft“ oder „schändlich“ bis hin zu nicht zitierbaren Äußerungen der Empörung und Abneigung. „Das ist kein Heldendenkmal, sondern ein Monument der Dummheit, der Bosheit und der Anmaßung, in einem perfekten Rahmen, mit einem Klo [im Hintergrund,] am Ende des Hofes“ („Nu e un monument al eroilor, ci al prostiei, răutăţii şi fuduliei, într-un cadru perfect, cu buda în fundul curţii“), schimpfte ein Leser. Eine Kommentatorin hielt fest, es handle sich um eine „inhumane Erinnerung“, da man „nur Ziffern, keine Namen, wie im Lager“ nenne. Der von E-Juridic. Manager.ro befragte Historiker Radu Oltean meinte am 29. Januar 2021, das Denkmal sei chauvinistisch und respektlos gegenüber den Söhnen der Gemeinde deutscher Nationalität („monumentul este șovin cu fiii satului de nationalitate germană, tratându-i fără respect“); er wies auch auf die weiter oben angesprochene Geschichtsklitterung hin, von der dieses Denkmal zeuge. Ein Leser schrieb, dieses Denkmal betreibe eine „damnatio memoriae“ der Gründer von Rode, ein anderer sprach von „Geschichtsfälschung“ („trucarea istoriei“). Eine Siebenbürger Sächsin schließlich vermerkte bitter: „Und irgendwann sind wir nicht mal mehr eine Randnotiz wert.“
Während ihres Heimattreffens 2002 gedachten die ...
Während ihres Heimattreffens 2002 gedachten die Sachsen in Rode der Opfer des Ersten Weltkriegs, links im Bild der entsprechende Gedenkstein auf dem evangelischen Friedhof. Foto: Hans Karl Bell
Möglich, dass die Reaktionen nicht so heftig ausgefallen wären, hätten die Leser gewusst, dass in der evangelischen Kirche die Namen der sächsischen Gefallenen und Vermissten des Zweiten Weltkriegs auf einer Gedenktafel vermerkt sind. Außerdem haben, wie Hans Karl Bell, der Vorsitzende der HOG Rode, mitteilt, sowohl die Sachsen als auch die Rumänen von Rode nach dem Ersten Weltkrieg ihr eigenes Denkmal für ihre jeweiligen Gefallenen mit namentlicher Erwähnung aufgestellt, die Sachsen auf dem evangelisch-sächsischen Friedhof, die Rumänen ein Holzkreuz neben der damaligen rumänischen Schule. Das hier zur Debatte stehende Denkmal ersetze nur das alte Holzkreuz. Bell fügt hinzu: „Die Roder Sachsen und Rumänen haben ein Jahrhundert lang zufrieden und in gegenseitigem Einverständnis mit den beiden getrennten Denkmälern gelebt und sollten sich auch jetzt nicht von irgendwelchen Social-Media-Einträgen dazu hinreißen lassen, sich zu überwerfen und zu verfeinden!“ Dazu will dieser Aufsatz in keiner Weise beitragen, im Gegenteil! Er will nur auf eine rege bis erregte Diskussion hinweisen, die heute geführt wird und die erforderlichen Erläuterungen geben.

Denn der Unterschied zwischen einer Kirche oder einem konfessionellen Friedhof, wo nachvollziehbarer Weise der eigenen Gläubigen gedacht wird, deren sinnloses Sterben zu beklagen ist, und einem im öffentlichen Raum der Gemeinde neu errichteten Denkmal ist doch mehr als bedenkenswert und diskussionswürdig.

In einem am 7. Februar 2021 auf Newsweek România veröffentlichten Kurzinterview nimmt der heutige Bürgermeister von Rode, Claudiu Pătrușel, zu dem Wirbel in den Social Media Stellung: Auch ihm erscheine es als nicht normal, dass die Namen der sächsischen Gefallenen nicht genannt würden, er werde beim „Konsistorium der Sachsen“ („Consistoriul Sașilor“) die Namen erkunden und sie anbringen lassen, sobald er sie erfahre, denn die „Gemeinde ist doch sächsisch“ („pentru că comuna e săsească“). Das Denkmal sei vor ca. 15 Jahren aufgestellt worden, unter Bürgermeister Alin Stoica (2008-2012), der damals der Liberal-Demokratischen Partei/PDL angehört habe, und heute Chef der örtlichen Organisation der vom früheren PSD-Ministerpräsidenten Victor Ponta gegründeten Partei „Pro România“ sei.

In einem Interview zum damals aktuellen Thema „Denkmalsturz“ (Siebenbürgische Zeitung, Folge 15 vom 30. September 2020, S. 4 und 5, siehe auch SbZ Online) sagte ich, dass ich nie selbst Hand anlegen würde, um ein Denkmal zu zerstören, wohl aber, dass ich zumindest eines gern wegbeamen würde, wenn das denn möglich wäre. Im Fall des Denkmals in Rode kann ich die Verantwortlichen nur aufrufen, der Empfehlung eines englischsprachigen Kommentators folgend, das Ganze zu überdenken und neu zu gestalten: „They should reconceive and redesign the whole thing“. Auf Kriegerdenkmälern, die z.B. im öffentlichen Raum von Baaßen, Bulkesch oder Schönbirk stehen, deren Bilder im eingangs zitierten siebenbuerger-Posting hochgeladen wurden, wird aller Gefallenen der Weltkriege gedacht, die aus diesem Ort in den Krieg ziehen mussten und ihr Leben gelassen haben. Hoffen wir zusammen, dass das die Regel wird – überall in Siebenbürgen! Vorausgesetzt, man hält Kriegerdenkmäler heute überhaupt noch für eine angemessene Form des Gedenkens.

Konrad Gündisch


Veröffentlichungen und Reaktionen zum Denkmal in Rode

Post auf der Facebookseite von Siebenbuerger.de über das Denkmal in Rode, das die 29 sächsischen Opfer nur in einer Fußnote erwähnt

E-Juridic. Manager.ro: Der Historiker Radu Oltean kritisiert das Denkmal in Rode als chauvinistisch und respektlos gegenüber den Sachsen

Newsweek.ro: Stellungnahme des seit wenigen Monaten amtierenden Bürgermeisters von Rode, Claudiu Pătrușel

Ziare.com

Hotnews.ro

Diskussion auf der Facebookseite einer Universitätsprofessorin der Politikwissenschaften, die den Sebenbuerger.de-Beitrag geteilt hat

Foto des Denkmals auf der Webseite des Bürgermeisteramtes von Rode

Roder Denkmal auf der Streetview von Google-Maps

Schlagwörter: Denkmal, Erster Weltkrieg, Rode, Gedenken, deutsche Minderheit, Siebenbuerger.de, Facebook, Medien, Diskussion, Konrad Gündisch

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