25. Januar 2026
80 Jahre Vertreibung der Ungarndeutschen: "Verzeihen, Versöhnung und ein neues Aufeinanderzugehen"
„Verzeihen, Versöhnung und ein neues Aufeinanderzugehen“ waren eindringliche Worte des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede am 19. Januar 2026 in München zum Gedenken an die Vertreibung der Ungarndeutschen, die sich zum 80. Mal jährt. Aus diesem Anlass fand ein Festakt in der Allerheiligen-Hofkirche der Residenz München statt. Als erstes Land hatte Ungarn 2012 einen eigenen Gedenktag für die vertriebenen Ungarndeutschen eingeführt, die nach den Beschlüssen der Potsdamer Konferenz beginnend mit dem 19. Januar 1946 ihre Heimat verlassen mussten.

Deutschland und Ungarn setzten in München ein starkes gemeinsames Zeichen: Am 19. Januar 2026 anlässlich des Ungarischen Gedenktages für die Deportation und Vertreibung der Ungarndeutschen nahmen Dr. Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, und Dr. Tamás Sulyok, Präsident der Republik Ungarn, gemeinsam an einer Gedenkveranstaltung teil. „Das gemeinsame Gedenken der beiden Staatsoberhäupter ist ein eindrucksvolles Signal dafür, wie eng verwoben der europäische Kultur- und Geschichtsraum war und bis heute ist“, heißt es in einer Pressemitteilung des Bundes der Vertriebenen.
Ungarn übernimmt seit vielen Jahren Verantwortung für das an den Ungarndeutschen verübte Unrecht der Vertreibung: 1990 – unmittelbar nach dem Fall des Eisernen Vorhangs – distanzierte sich das ungarische Parlament von den Vertreibungen und das Verfassungsgericht annullierte die sogenannten Kollektivschuldgesetze der Nachkriegszeit.
Bayerns Sozialministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin Ulrike Scharf dankte in ihrem Grußwort den vertriebenen Ungarndeutschen, die nach ihrer Ankunft in Deutschland tatkräftig am Wiederaufbau des Landes mitgewirkt hatten und bis heute Leistungsträgerinnen und Leistungsträger unserer Heimat sind. Außerdem ging die Ministerin auf die Verantwortung Bayerns ein, die Erinnerung an die Vertreibung weiter wachzuhalten: „Was damals war, ist nicht Vergangenheit. Es ist ein Vermächtnis. Wer Frieden will, muss erinnern. Wer Verständigung will, muss zuhören.“
Der seit November 2015 außerordentliche und bevollmächtigte Botschafter von Ungarn in Deutschland, Dr. Péter Györkös, begrüßte in fließendem Deutsch die Anwesenden und fügte in seiner Rede private und familiäre Gegebenheiten mit ein. Eine Einbindung Ungarns in die europäische Gemeinschaft sei ihm wichtig. Dank Deutschland können mehrere Einrichtungen in Ungarn im Bildungsbereich, aber auch kulturell, erfolgreich agieren.
Die beiden Staatsoberhäupter betonten in ihren Ansprachen die bemerkenswerte Friedensleistung sowohl der deutschen Minderheit in Ungarn als auch der heimatvertriebenen Deutschen, die heute in Deutschland ein neues Zuhause gefunden haben.
In seiner Festrede betonte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: „Es gehört wohl zu den bemerkenswertesten und wohl außerordentlichen Versöhnungsschritten, dass ein Parlament ein schweres Unrecht, nicht nur beim Namen nennt, sondern einen eigenen nationalen Gedenktag dazu einrichtet.“ Er erinnerte an die Verbrechen und Leiden, die dieser versöhnenden Geste vorausgegangen waren: der Vernichtungskrieg, mit dem die Nationalsozialisten und ihre Helfer Europa überzogen hatten, sowie das Leid, „das Millionen Menschen am Ende des Krieges und danach bei Flucht und Vertreibung erleben mussten“. Wichtig sei, „dass sich alle an diesem Tag bewusst sind, dass Verzeihen, Versöhnung und ein neues Auseinanderzugehen die Wege zu einem neuen Miteinander in Deutschland und in Ungarn eröffnet haben“. Er mahnte aber auch: „Nur wenn wir geeint handeln, wird es auch ein starkes Europa sein, das sich behaupten kann in einer Welt, in der Regellosigkeit zur Regel zu werden scheint.“ Steinmeier würdigte zugleich die Integrationsleistung der Vertriebenen und ihren Beitrag zum Wiederaufbau Deutschlands. Heute seien Ungarndeutsche vielfach kulturelle und politische Brückenbauer zwischen Ungarn und Deutschland und damit auch Träger europäischer Verständigung.
Für den ungarischen Staatspräsidenten Dr. Tamás Sulyok war es der erste offizielle Besuch in Deutschland seit seinem Amtsantritt im März 2024. Seine Ansprache war eine bedeutende Geste der Versöhnung und Erinnerung an die schmerzlichen Ereignisse nach dem Zweiten Weltkrieg. Er betonte die Wichtigkeit eines Gedenkens, um Hass zu erkennen und auch gleichzeitig zu bekämpfen. Der Präsident entschuldigte sich höchstpersönlich für die damalige Vertreibung der Ungarndeutschen aus seinem Land. Es sei wichtig, dass das ungarische Parlament 2012 dafür einen nationalen Gedenktag eingeführt habe.

Bewegender Abschluss der Gedenkstunde war ein Zeitzeugengespräch, in welchem die 92-jährige Anna Hahn schilderte, wie sie die Vertreibung, die Neuankunft und Wiederbeheimatung erlebt hat. In ihrem Heimatort Pusztavám wurde bis zur dritten Klasse nur Deutsch gesprochen. Dann kam jedoch die Madjarisierung, deren Zielsetzung die legislativ geförderte Assimilation der nichtmagyarischen Bevölkerung war. 1946 war sie getrennt von ihren Eltern auf der Flucht, die sie in Bayern wieder fand. Als junges Mädchen hatte sie sich dann schnell in der neuen Umgebung akklimatisiert. Als sie im Jahr 1975 zum ersten Mal wieder in der alten Heimat war, traf sie dort viele Bekannte. Später fuhr sie mit Kindern und Enkeln nochmals nach Pusztavám. Sie hätte sogar ihr Haus kaufen können, doch sie wollte von der ehemaligen Heimat unbedingt wieder „ham fahrn“ nach Geretsried – nach Bayern.
Moderiert wurde der Festakt von Prof. Dr. Andreas Otto Weber, Direktor des Hauses des Deutschen Ostens (HDO) mit Sitz in München. An dem Gedenken, das vom HDO, dem ungarischen Generalkonsulat und der Botschaft Ungarns veranstaltet wurde, nahmen zahlreiche Ehrengäste teil, darunter seine königliche Hoheit Ludwig Prinz von Bayern, Charlotte Knobloch, Vorsitzende der jüdischen Kultusgemeinde München, Dr. Bernd Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Stephan Mayer, MdB, Präsident des Bundes der Vertriebenen, Dr. Petra Loibl, MdL, Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene, Miheia-Mălina Diculescu-Blebea, Generalkonsulin Rumäniens in München, sowie zahlreiche Abordnungen landsmannschaftlicher Verbände.
Die Anteilnahme an dem Schicksal der Deutschen aus Ungarn brachte der Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland mit einer großen Teilnehmergruppe zum Ausdruck: Ehrenvorsitzende Herta Daniel, stellvertretender Bundesvorsitzender Werner Kloos, Landesvorsitzender Manfred Binder, Frauenreferentin a.D. Christa Wandschneider und Bundesgeschäftsführerin Ute Brenndörfer.
An die Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen vor 80 Jahren wurde am 19. Januar auch in einer zentralen Gedenkveranstaltung auf dem Alten Friedhof in Wudersch (Budaörs) bei Budapest erinnert. Am Nationalen Denkmal für die Vertreibung der Ungarndeutschen wurde unter militärischen Ehren ein Kranz niedergelegt. Der Ort hat eine hohe symbolische Bedeutung, denn aus Wudersch war am 19. Januar 1946 der erste Zug mit enteigneten, entrechteten und ihrer Staatsbürgerschaft beraubten Ungarndeutschen in Richtung Deutschland abgefahren.
Herta Daniel
Schlagwörter: Ungarndeutsche, Ungarn, Vertreibung, Gedenkfeier, Steinmeier, Ulrike Scharf
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