1. November 2007

Erfolg und Tragik im Karakorum

Ziel der diesjährigen Expedition des siebenbürgischen Bergsteiger Erich Bonfert war vom 23. Mai bis 12. Juli der Broad Peak im wilden Karakorum. Der Karakorum, an der nördlichen Grenze Pakistans zu China gelegen, als westliche Fortsetzung des Himalaja, birgt fünf der vierzehn Achttausender der Erde, darunter den 8 045 m hohen Broad Peak. Bonfert berichtet.
Ich nahm teil an einer deutsch-österreichischen Expedition mit sechs Teilnehmern, organisiert von Amical Alpin. Expeditionsleiter war der Österreicher Andreas Bucher. Mit von der Partie waren der Bayer Ernst und Christian aus Norddeutschland sowie das Ehepaar Julia und Reini aus Österreich. 2004 hatte ich schon einmal an einer Expedition in den Karakorum zum Gasherbrum 2 teilgenommen und aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig die Expedition abgebrochen.

Erich Bonfert im wilden Karakorum, 2007. ...
Erich Bonfert im wilden Karakorum, 2007.
Der beschwerliche Weg von der Hauptstadt Islamabad mit Bus, Jeeps und zu Fuß über den Baltoro Gletscher bis in das Basislager des Broad Peak macht die Anreise schon zu einer kleinen Expedition. Die Normalroute des Broad Peak verläuft entlang des Westgrates auf einem Höhenunterschied von ca. 3 100 Höhenmetern bis zu seinem Gipfel. Christian, ein Mitglied unserer Expedition und erfahrener Bergsteiger, glitt beim Überspringen eines Baches aus und landete mit voller Bergausrüstung und Rucksack im reißenden Bach. Auch ich kehrte einmal um, aus Angst, den Bach nicht überspringen zu können. Doch zwei Tage später ereilte mich dennoch mein Schicksal: Es brach plötzlich die Schneedecke unter meinen Füßen und ich fiel in eine drei Meter tiefe Gletscherspalte. Ein serbischer Bergsteiger, der mir zu Hilfe eilte, brach auch ein und schubste mich noch zwei Meter tiefer hinunter. Zum Glück war sie nicht so tief und wir konnten aus ihr mit Hilfe seiner Kameraden schnell heraufsteigen.

Da wir in diesem Jahr die erste angereiste Expedition am Broad Peak waren, hatten wir den Vorteil, einen guten Platz für unser Basislager zu wählen, und den Nachteil, alleine Fixseile auf der Route zu den Hochlagern zu montieren. Eine länger anhaltende Gutwetter-Periode begünstigte unseren Aufbau der Lager L1 auf ca. 5 700 m und L2 auf ca. 6 400 m. Während die jüngeren Teilnehmer (im Alter von 35 bis 52 Jahren) bis 20 Kilo schleppten, schaffte ich mit meinen 66 Jahren höchstens 16 kg. Mit unserer Akklimatisation kamen wir zeitlich gut voran.

Am 18. Juni brach ich mit Proviant und Ausrüstung in Richtung L1 auf, um am nächsten Tag nach L2 aufzusteigen. Die ganze Mannschaft, die das schon absolviert hatte, ruhte sich indes im Basislager für den Gipfelgang aus. Am Morgen des 20. Juni: klarer Himmel, doch auch 40 cm Neuschnee. Ich schaufelte das Zelt frei. Der Aufstieg von L1 nach L2 nahm an Steilheit zu. Die Fixseile waren auf langen Strecken eingeschneit, so dass bei 50° Steigung frei geklettert werden musste. Die schwere Last des Gepäcks machte mir bei dieser Steigung schwer zu schaffen. Auf 6 300 m stieß ich auf das Zelt von Miro (der Tscheche Miroslav). Unsere Zelte waren noch 100 Höhenmeter weiter oben. Es dauerte noch eine weitere Stunde, bis ich unser Zelt erreichte. Dort genoss und fotografierte ich die überwältigende Aussicht auf den Godwin Austin Gletscher und den Konkordiaplatz, auf dem mehr als fünf Gletscher zusammentreffen. Ich war müde, zog mich in das Zelt zurück, kochte ein Fertiggericht und viel, viel Tee. Die Sonne geht hinter dem Skilbrum unter, doch der Gipfel des K2 wurde noch lange von ihr beschienen. Ich schlief sehr gut, hatte guten Appetit und keinerlei Kopfschmerzen. Die Akklimatisationsphase hatte ich also gut bewältigt. Große Sorge bereitete mir der kaffeebraune Urin in der Pinkelflasche. Es konnte Blut von einem Nierensteinabgang sein. Sollte jetzt, nach einem Jahr gewissenhaften, harten Trainings, alles vorbei sein? Andreas hatte per Telefon angekündigt, dass sie alle von L1 nach L2 hochsteigen würden.

Am nächsten Morgen stieg ich ab. Am Weg begegnete ich der ganzen Mannschaft. Sie waren auf der Gipfeletappe. Nach kurzer Rast in L1 stieg ich zum Basislager ab. Nach zwei Tagen Ruhe stabilisierte sich meine Gesundheit und ich beschloss, mit unserem Träger Gorban, der mir das gesamte Gepäck bis auf meine Kamera schleppen würde, wieder hochzusteigen. Unsere Mannschaft meldete, dass sie des Schnees wegen ein zweites Mal in L3 übernachten müsste. Der nächste Tag sollte der Gipfeltag werden. Um drei Uhr morgens brachen unsere Mannschaft, vier Russen und ein Tscheche gemeinsam in Richtung Sattel auf. Nach abwechselndem Spuren kamen sie erst 14 Uhr im Sattel an. Das war viel zu spät, um am selben Tag noch den Gipfel zu erreichen. Vom Sattel aus ist ein ca. 200 Höhenmeter steiler Anstieg, eine Felspassage 3. Grades bis zum Vorgipfel auf 8 030 m und noch ein Gratweg von ca. einer Stunde bis zum Hauptgipfel auf 8 047 m zu bewältigen. Diese sehr anspruchsvolle Etappe in der Todeszone des Gipfelbereiches diktiert ein rechtzeitiges Umkehren nach L3, will man dieses Lager beim Abstieg noch bei Tageslicht erreichen. Die Russen, der Tscheche und Christian aus unserer Mannschaft kehrten um, die anderen vier, darunter Julia, stiegen weiter auf. Nach fünf Stunden kamen sie um sieben Uhr abends, vor Sonnenuntergang, am Gipfel des Broad Peak an. Es folgte der harte Abstieg bei Lampenlicht. Drei Stunden nach Mitternacht mussten sie erschöpft, ohne Getränke, in einer Gletscherspalte unter freiem Himmel auf ca. 7 400 m den Morgen abwarten. Dabei zog sich Julia schwere Erfrierungen an Händen, Füßen und Nase zu. Es dauerte noch zwei volle Tage, bis sie mit Hilfe unseres Trägers im Basislager ankamen. Julia musste mit dem Hubschrauber abtransportiert und schleunigst behandelt werden. Christian, der vernünftigerweise abgestiegen war, und ich hätten nun die Möglichkeit für eine Besteigung mit Gorban gehabt. Das Wetter schlug jedoch um und als es nach drei Tagen wieder aufklarte, war die Zeit für eine erfolgreiche Besteigung nur sehr knapp bemessen. Der Weg zwischen L3 und Sattel hätte nach dem erneuten Schneefall wieder neu gespurt werden müssen. So beschlossen Christian und ich schweren Herzens, auf einen erneuten Aufstieg ganz zu verzichten. Ernst unternahm nach der Gipfelbesteigung eine Gasherbrum-Expedition. Julia und Reinhard waren mit dem Hubschrauber abtransportiert worden. So blieb ich mit Christian und Andreas, dem Expeditionsleiter, zurück.

Den sechs Tage dauernden Aufstieg von Askole zum Basislager des Broad Peak schafften wir beim Abstieg in drei Tagesmärschen. Die Jeepfahrt durch das wilde Industal glich einer Achterbahn. In Skardu bekamen wir die lang ersehnte Dusche und saubere Kleidung. Ein Flug nach Islamabad und drei Bummeltage trennten uns noch vom Heimflug. Daheim ereilte uns die Nachricht, dass unser Bergkamerad Ernst am Gasherbrum 2 nach einem Lawinenabgang in 6 400 m verschollen sei. Drei weitere Bergsteiger konnten geborgen werden, erlitten jedoch schwere Verletzungen, an denen einer von ihnen verstarb. Reinhard benachrichtigte mich, dass Julia keine bleibenden Schäden davongetragen habe. Ein Bericht und schöne Fotos sind auf der Webseite der Sektion Karpaten: www.sektion-karpaten.de, Gebietsgruppe Freiburg, erschienen.

Erich Bonfert

Schlagwörter: Sektion Karpaten des DAV

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Neueste Kommentare

  • 03.11.2007, 14:26 Uhr von Grete: Lieber Erich - wir sind sehr beeindruckt von Deinen Leistungen! Berg Heil - und wir wünschen Dir, ... [weiter]

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