13. August 2010

Dr. Horst Schuller zum Siebzigsten

Dr. Horst Schuller, emeritierter Professor der Hermannstädter Universität und langjähriger Kulturredakteur der Kronstädter „Karpatenrundschau“, begeht am 13. August in Heidelberg seinen siebzigsten Geburtstag.
Als Reisender im Rahmen akademischer Austauschprogramme lernte der noch in Siebenbürgen lehrende Horst Schuller die von Karl Konrad Polheim und Hans Rothe im Berliner Nicolai Verlag herausgegebene Buchreihe „Deutsche Bibliothek des Ostens“ kennen und brachte dort 1995 unter dem Titel Briefe eine Reisenden durch Siebenbürgen eine Auswahl kleiner Schriften zu Geschichte, Volks- und Heimatkunde von Johann Karl Schuller (1794 – 1865) heraus. Es ist nicht seine wichtigste, aber eine in mancherlei Hinsicht kennzeichnende Publikation. Sie belegt, dass der hier zu Würdigende über die beneidenswerte Gabe verfügt, sich bietende Gelegenheiten nicht nur clever zu erkennen, sondern auch angemessen und zielführend zu bedienen. Wie der Polyhistor des 19. Jahrhunderts gebietet sein heutiger, verwandtschaftlich nicht angebundener Namensvetter über ein umfassendes Wissen und geht in seinen Arbeiten breit gestreuten, die germanistischen Fachgleise überschreitenden Interessen nach; wie jener ist auch dieser wissenschaftlich unprovinziell auf die Provinz konzentriert, die er als Heimat empfindet, und versteht es, selbst wo er auf die Einzelheit, gelegentlich gar auf Marginales eingeht, darin Verbindlichkeiten zu entdecken, die diese ins öffentliche Interesse rücken; wie jener setzt er Gemeinnutz über Eigennutz und vor allem: Fern allem Dünkel, hinterfragt er wie Johann Karl Schuller mit wachem, gern selbstironischem Blick eigenes Tun.

Der Werdende

Offenbar um auf kurzem Weg ins eigene Brot zu kommen, begann das zweite unter vier Kindern einer finanziell nicht sonderlich üppig ausgestatteten Meschner Lehrerfamilie seine Ausbildung zum Grundschullehrer an der Pädagogischen Schule Schässburg, doch da griff das, was man leichthin „die Verhältnisse“ nennt, erstmals nachdrücklich auf seinen Lebensablauf zu, indem die Schule kurzerhand aufgelöst wurde. Also begann Horst Schuller nach dem Abitur 1957 mit dem Studium der Germanistik in Klausenburg, wo der Lehrbetrieb erst sein Profil suchte. Georg Scherg wurde zwar an die rumänische, Harald Krasser an die ungarische Universität berufen, doch beide bald verhaftet. Zurück blieben Öde und Furchtstarre.
„Wissenschaftlich unprovinziell auf die Provinz ...
„Wissenschaftlich unprovinziell auf die Provinz konzentriert“: Horst Schuller im vergangenen November in der Siebenbürgischen Bibliothek in Gundelsheim. Foto: Konrad Klein
Allerdings war da noch Edmund Pollak, für die Meinungskonformen ein stetes Ärgernis, für die Studenten mehr als eine fachwissenschaftliche Autorität. Die Vorlesungen dieses nordsiebenbürgischen Juden, der in Mauthausen die existentiellen Grenzen des Menschlichen erfahren hatte, und ebenso seine außerschulischen musischen Zuwendungen vermittelten eine Ahnung geistiger Freiheiten sowie ein Ethos gestaltender Arbeit und selbstverantwortlicher Moralität, wie sie in der Atemnot politischer Eiszeit prägender nicht hätte sein können. Horst Schuller schrieb unter seiner Anleitung eine fächerübergreifend gewählte, anspruchsvolle Diplomarbeit über die Beziehungen zwischen Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauß.

Und da war noch Ilse Löw, auch sie vom Zeitgeschehen vielfach gebeutelt und gedemütigt, deren ihr noch verbliebene Wände voller Prinzepsausgaben von Kafka und Kierkegaard oder von ihren ehemaligen Berliner Bekannten August Stramm, Gottfried Benn, Else Lasker-Schüler etc. literarische Aussichten erschlossen, die im öffentlichen akademischen Betrieb sekretiert waren. Ohne diese geistigen Erfahrungsräume, die der Gesinnung Maß und Ziel setzten und durch die man lernte, sich in einer eigenen, selbstbestimmten Neben- oder Gegen-Öffentlichkeit einzurichten, kann ich Horst Schuller nicht denken, auch nicht den späteren Feuilletonchef.

Vorerst aber schlugen die allgegenwärtigen Geheimen zu und unterstellten ausgerechnet diesem liebenswürdigen Kollegen ohne Arg frei erfundene nationalistische und staatsfeindliche Umtriebe. Das erwies sich 1962 zwar als nicht mehr opportun, aber die mehr als angemessene akademische Karriere am Lehrstuhl für Weltliteratur war dahin, Horst Schuller wurde, sicher nicht zum Schaden der Schüler, für sechs Jahre Deutschlehrer in Marienburg und kam erst 1968 als Kulturredakteur zur Kronstädter Wochenschrift „Karpatenrundschau“, wo er als Horst Schuller Anger zeichnete.

Der Journalist

Horst Schuller konnte abschätzen, worauf er sich als Journalist im abhängigen Verhältnis einließ. Die „Volkszeitung“ als Vorgängerin der „Karpatenrundschau“ hatte im Kulturressort bemerkenswert begonnen und Stimmen wieder Gehör gegeben, die verstummt schienen, doch als die Macht in den Endfünfzigern ein freieres Wort über alles fürchtete, schloss sie dessen Sprecher entweder weg oder brach anderen heimlich das Genick.

Es waren die Aussichten, in der seit Mitte der sechziger Jahre entspannteren Atmosphäre etwas bewegen und bewirken zu können, die Horst Schuller zur Zeitschrift führten. Gewiss war da auch vieles zu tun und zu schreiben, was auch ungetan und ungeschrieben hätte bleiben können. Er hat nichts unterzeichnet, wofür er sich zu schämen brauchte, aber um jeden Handbreit – manchmal auch nur Fingerbreit – einer freieren Äußerung mit Klugheit und bisweilen mit Schläue gerungen. Das alles taugt nicht zum Heldenepos, auch zu keinem Panoramabild in prächtigen Farben, es ist eher eine Sache der Grautöne, die es erst noch zu sortieren und auf die Zwischentöne abzuhorchen gilt, aber ohne die oft am Rand des Risikos agierenden Journalisten und Verleger wäre manch mutige junge Stimme nicht vernehmbar geworden, auch nicht die Stimme jener, die heute gelegentlich gar zum Schaden anderer an ihrem Selbstbild polieren. Ich selber habe privat allen Grund, Horst Schuller und Hannes Schuster dankbar zu sein, dass sich die Schlinge nicht zuziehen konnte, die Anfang der siebziger Jahre von den gleichen Dunkelmännern gelegt worden war, die der Intelligenz Ende der fünfziger die Drangsal beschert hatten.

Die Redaktion habe versucht, „Nischen der Freiheit“ zu nutzen und sich mit dem Leser „zwischen den Zeilen ins Einvernehmen zu setzen“, hat Horst Schuller vor zehn Jahren gesagt. Ich darf korrigieren: Sie hat nicht wenige dieser Nischen selber gebaut; und ich darf ergänzen, dass diese Redaktion nicht unwesentlichen Anteil sowohl an der Begründung undogmatischer Betrachtungsweisen der Literatur als auch an der Förderung einer anspruchsvollen, bemerkenswert weltoffenen neuen Literatur gehabt hat.

Der Literaturwissenschaftler

Ein Veröffentlichungsverzeichnis Horst Schullers umfasst in den Hermannstädter Germanistischen Beiträgen Nr. 13/14 (2001) achtzig Seiten und dürfte mittlerweile erheblich umfangreicher sein. Manches ist dem laufenden Redaktionsbedarf geschuldet, vieles bleibt über den Tag hinaus gültig, weil etwa in seinen Artikeln über lebende Autoren oder über die „Klassiker“ rumäniendeutscher Literatur Neudeutung meist mit Neuinformation einhergeht. Überhaupt hat Schuller mit seltenem archivarischem Spürsinn für die Presse mehrere dokumentarisch wichtige Briefwechsel aufgetan, und seine Autoreneditionen stellen nicht einfache Leseausgaben dar, sondern geben Ungedrucktes an die Öffentlichkeit: unter anderem zwei Dramen in Michael Königes: Prosa. Dramen (1972), einen verschollen geglaubten Lebenslauf in Friedrich Wilhelm Schuster: Aus meinem Leben (1981).

Mehreren fremden Buchprojekten hat Horst Schuller als selbstloser Geburtshelfer beigestanden, und es mögen ihn auch eher aufgetragene Pflichten als ursprüngliches Interesse zur Mundartdichtung geführt haben, aber wiederum ist zu erkennen, dass er zielführend zu gutem Ende bringt, was er anpackt. Die beiläufig entstandene Anthologie Vill Sprochen än der Wält (1988), gefolgt 1996 von einer weiteren, hat heute schon Bezugscharakter.

Eine Konstante in Horst Schullers Interessenfeld waren seit je interkulturelle Aspekte der Literatur, Übersetzer und Übersetzungen ebenso wie Fährtenforschungen an Schnittstellen von Sprachen und/oder Regionen, vorzüglich deutsch-rumänische, gelegentlich auch deutsch-ungarische Interaktions- und Rezeptionsforschungen. Sie finden sich in zahlreichen Einzelabhandlungen niedergelegt, gegenwärtig widmet er sich diesen Fragen mit Akribie und Detailversessenheit zusammenfassend in einem in Gemeinschaftsarbeit schon weit gediehenen Lexikon deutschsprachiger Übersetzer aus dem Rumänischen. Interkulturelles – keine Selbstverständlichkeit in zunehmend machtinstrumentalisierter nationalistischer Atmosphäre – kommt beispielhaft auch in seiner Dissertation Kontakt und Wirkung (1994) zum Ausdruck, in der er innerliterarischen Entwicklungen und interliterarischen Zusammenflüssen in der Zeitschrift „Klingsor“ nachspürt und den teilweise heiklen Stoff sensibel und umsichtig wertet. Dass sie als Buch erst zehn Jahre nach der Promotion gedruckt werden konnte, spricht eher für als gegen die Dissertation.

Der Professor

1990 ging Horst Schuller an den wiedergegründeten Germanistischen Lehrstuhl Hermannstadt, wo er 1994 zum ordentlichen Professor und im Jahr 2000 zum Lehrstuhlleiter ernannt wurde. Nach fast dreißig Jahren – an sich ein rundes Wissenschaftsleben – war er dort angekommen, wo er nach dem Maß seiner Gaben und seines Fleißes ohne sozialistisch zielführende Umwege von Anfang an hätte sein müssen. Seit seiner Emeritierung 2002 lebt er wissenschaftlich umfassend tätig in Heidelberg. Trotz aller Umbrüche vor der Jahrtausendschwelle blieb für Horst Schuller eines im Wesentlichen gleich: Am neuen Arbeitsplatz standen unumgängliche planerische und unterrichtsorganisatorische Aufgaben fachwissenschaftlicher Konzentration im Wege; in der Region, wo immer weniger Leute immer mehr öffentliche Aufgaben zu übernehmen hatten, um den rumäniendeutschen Mikrokosmos am Funktionieren zu halten, war mit Laudationes, Reden u. Ä. diversen Veranstaltungsbedürfnissen zu entsprechen; im lange entbehrten internationalen akademischen Verkehr wurden auf Vortragsreisen quer durch Europa Auskünfte über Studien- und Unterrichtsbedingungen, über Befindlichkeiten deutscher Sprache und Literatur im südöstlichen europäischen Raum erwartet, so dass alle Bedingungen und Verführungen einer Kräfteverzettelung zusammenkamen.

Gewiss ist die Betreuung von 27 Promovenden nicht gering zu achten, auch nicht die Redaktionsarbeit an den Hermannstädter Germanistischen Beiträgen oder die Mitarbeit in den verschiedensten rumänischen oder internationalen Gremien und Kommissionen, zumal auch sie unzweifelhaft zu Maß und Zielen dieses Mannes mit Gemeingeist passen, der zur Arbeit für Gotteslohn eher als zur Selbstbezogenheit gemacht scheint, der verbindlich, freundlich und weise gewähren lässt, wo andere sich erregen. Als gelebtes Fazit siebzigjähriger Selbsterfindung unter überwiegender Fremdbestimmung vielleicht dieses Hölderlin-Wort: „Fest bleibt eins; es sei um Mittag oder es gehe / Bis in die Mitternacht, immer bestehet ein Maß, / Allen gemein, doch jeglichem auch ist eignes beschieden, / Darum gehet und kommt jeder, wohin er es kann.“

Michael Markel

Schlagwörter: Kultur, Literaturhistoriker, Germanistik, Journalismus, Horst Schuller

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