26. November 2015

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„Neue Heimat Siebenbürgen“: Zurück in der Zeit – nach Reichesdorf

Gerrit und Tony Timmermann aus den Niederlanden wagten kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mit drei Kindern – damals elf, neun und sieben Jahre alt – eine Abenteuerreise nach Rumänien. Was zuerst nur als Besuch aus Neugier geplant war, hat die Familie schnell nachhaltig in den Bann gezogen: das Leben in einer Landschaft wie aus dem Bilderbuch mit einem Dorfalltag wie zu Großvaters Zeiten. Heute, 25 Jahre später, leben der pensionierte Krankenpfleger und die ehemalige Krankenhaus-Verwaltungsangestellte dauerhaft in Reichesdorf, wo sie ein Gästehaus, einen Campingplatz und einen Dorfladen betreiben und sich zugunsten der Dorfgemeinschaft ehrenamtlich engagieren. Das Interview mit dem glücklichen Aussteiger-Ehepaar führte unsere Korrespondentin Nina May.
Wie hat es euch zuerst nach Rumänien und speziell nach Reichesdorf verschlagen?
Gleich nach der Revolution haben wir ein Hilfspaket nach Rumänien geschickt und haben dann eine Einladung von den Empfängern aus Mediasch bekommen. Im Sommer 1990 sind wir mit ihnen erstmals in Reichesdorf gewesen.

Dort habt ihr damals die Auswanderung der Siebenbürger Sachsen hautnah mitbekommen. Wie war das für euch?
Wir konnten das erst nicht verstehen, es war doch nun Demokratie! Aber jetzt, nach vielen Jahren, fühlen wir in unserem Inneren mit, wie das wirklich war und was dieser Exodus bedeutete – für diejenigen, die zurückblieben, aber auch für diejenigen, die gegangen sind.

Wann kam euch der Gedanke, für immer in Reichesdorf zu bleiben - und was war der Auslöser dafür?
Eigentlich ist alles langsam entstanden. 1991 haben wir unser jetziges Haus als Feriendomizil gekauft und sind jedes Jahr drei Mal hingefahren, in Frühjahr und Herbst zu zweit und im Sommer mit unseren Kindern. Im Jahr 2001 haben die Leute im Dorf uns gefragt, ob wir nicht den Laden und die Bar kaufen wollen, weil sie sonst geschlossen würden. 2002 haben wir das dann zwar getan, arbeiteten aber weiter in Holland und unser Freund in Mediasch war Geschäftsführer unser Firma. Wir haben viel investiert, es gab ja nicht mal Toiletten oder Wasser, die Elektrik musste ganz neu gemacht werden, Möbel mussten her. Danach haben wir im Innenhof dieses Gebäudes einen kleinen Campingplatz aufgemacht. Wir dachten, schön, dann haben wir etwas zu tun, wenn wir in Rente sind!
2009 war es dann so weit. Unterdessen hatten wir auch das Pfarrhaus gemietet, renoviert und Gästezimmer eingerichtet (www.lacurtearichis.ro). Da sagten wir uns: In Holland sind wir in Rente, aber hier bestimmt nicht! Und wenn man sich so verbunden fühlt mit allem hier, war es für uns eigentlich ein logischer Schritt, hier zu bleiben.

Was macht Siebenbürgen für euch so attraktiv? Was habt ihr hier gefunden, was euch in Holland gefehlt hat?
Hier hat man das Gefühl, man lebt! Man kann das nicht so genau beschreiben – es ist die unberührte Natur, die Ruhe, das einfache Leben auf dem Dorf, die Freundlichkeit der Menschen, das Zurückgehen in der Zeit und auch das Klima! Dieses Jahr hat ein Rumäne mich gefragt: Wann seid ihr zurückgekommen? Ich war sehr stolz, sagen zu können: Wir sind nicht zurück-, sondern hergekommen! Dass es Menschen gibt wie uns, die hier leben wollen, ist für manch einen hier etwas Unglaubliches. Doch auch nach 25 Jahren ist unsere Bilanz noch positiv.Tony und Gerrit Timmermann im Pfarrgarten in ...Tony und Gerrit Timmermann im Pfarrgarten in Reichesdorf. Foto: George Dumitriu Und was ist eher schwierig?
Schwierig waren und sind nur die Korruption, die Bürokratie und immer wieder gesetzliche Änderungen.

Was macht Reichesdorf für Touristen attraktiv?
Für Touristen ist die Natur einzigartig, Man liebt es, hier zu wandern und das Dorfleben zu beobachten. Und unsere Kirche ist sehr beliebt: Der Kurator, Johann Schaas, ist inzwischen weltberühmt mit seinen besonderen Führungen und Erzählungen – und den Geschichten über seine „grünen Männer“ in der Kirche, die in Siebenbürgen eine Seltenheit sind. Nächstes Jahr wird ein besonderes Jahr für Reichesdorf: Wir feiern 500 Jahre Reichesdorfer Wappen!

Gibt es eine Art Dorfgemeinschaft zwischen den verbliebenen Sachsen, den Sommersachsen, den Ausländern, den Rumänen und Roma?
Dieses bleibt eine der schwierigsten Aufgaben. Natürlich gibt es gute Kontakte, aber noch immer spielt auch die Vergangenheit eine Rolle. Das Elementarste, was fehlt, ist das Vertrauen zueinander. Wir haben hier im Dorf auch viele Ausländer: Deutsche, Engländer, Amerikaner, Schweizer, Holländer, Litauer – und Bukarester, für uns auch eine Art „Ausländer“... Unser Hoffnung ist, das sie sich einbringen werden ins Dorfleben: Noblesse oblige.

In welcher Form bringt ihr euch ein?
Zusammen mit einigen Freunden haben wir einen Verein für Reichesdorf gegründet, die Asociaţia Pro Richiș Transilvania (www.prorichis.ro). Ziel ist es, das kulturelle Erbe von Reichesdorf und Siebenbürgen zu schützen, die Dorfgemeinschaft aufbauen zu helfen und Reichesdorf für Touristen attraktiv zu machen. Wir unterstützen mit Hilfe von Sponsoren den Fußballverein und Schulfeste, zeigen einmal im Monat Filme für Kinder und Erwachsene oder fördern die Dorfbewohner mit Initiativen, etwa der Gründung eines Milchvereins, damit die Leute auch in Zukunft ein Einkommen haben. Im Zentrum haben wir eine Touristeninfo in einem von uns renovierten Gebäude eingerichtet, wo auch Bücher und Handgemachtes verkauft werden. Der Erlös kommt der Dorfgemeinschaft zugute.

Und die berühmte Biodiversität der siebenbürgischen Natur – ist sie für euch ein Thema?
Natürlich. Jedes Jahr kommen Studentengruppen der Vereine Adept und Wallacea mit etwa 40 Teilnehmern zu uns, um die Natur und ihre Veränderungen zu studieren. Es ist ein langfristiges, auf sieben Jahre angelegtes Projekt. Sie bleiben eine Woche auf dem Campingplatz und sind den ganzen Tag auf dem Feld, beobachten Tiere, untersuchen Pflanzen, oder zählen nachts die Fledermäuse auf dem Kirchturm. Dann geht es weiter in ein anderes Gebiet. Jedes Jahr kommen um die Hunderte Studenten aus aller Welt nach Siebenbürgen – das ist auch Werbung!

Wie gestaltet sich euer persönlicher Alltag in Reichesdorf – im Sommer und im Winter?
Von April bis November sind wir beschäftigt mit unseren Gästen. Es ist schön, so vielen verschiedenen Leuten zu begegnen, das bringt Zufriedenheit, Freude und Energie. Im Winter laden wir dann unsere Batterien auf und machen Pläne für das kommende Jahr. Dann fahren wir für einen Monat – und auch sonst zwischendurch mal kurz – zu unseren Kindern, unserer Enkeltochter und Freunden nach Holland. Das ist dann unser Urlaub!

Schlagwörter: Interview, Reichesdorf, Aussteiger

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