27. Februar 2018

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Temperament. Sensibilität. Gründlichkeit – Hannes Schuster zum Achtzigsten

Ein prominenter Literaturwissenschaftler siebenbürgischer Herkunft liebt es zu witzeln: Hannes Schuster schreibt über Michael Markel, Markel schreibt über Horst Schuller und dieser über die beiden anderen. Ich gebe dem Spötter gerne neues Futter und bekenne freimütig, über Hannes Schuster als Freund zu schreiben. Er wird am heutigen 27. Februar 80 Jahre alt. Nicht nur mit den beiden, auch mit einigen anderen Studienkolleginnen und -kollegen verbindet mich eine lebenslange Freundschaft, ohne die ich nicht der wäre, der ich in aller Bescheidenheit geworden bin.
Den Schäßburger Hannes Schuster lernte ich vor dem Physiksaal der Bergschule kennen. Mit einem Kollegengrüppchen auf den Einlass wartend, trat Hannes hinzu und spielte uns aus dem Stegreif aus Schillers „Räubern“, wo er als Franz wahre Triumphe feierte, eine Szene vor, bis der gestrenge Physiklehrer mit einer seiner zwar gutmütigen, aber gefürchteten ironischen Spitzen dem Vorfall ein Ende setzte. Wenn schon Anekdötchen, dann gleich noch ein zweites: Während des Klausenburger Studiums stürmte Hannes Schuster nachts um zwei in den Schlafraum und weckte alle, um ihnen „das schönste Gedicht der Weltliteratur“ vorzulesen, das er gerade gefunden habe. Es handelte sich um den altägyptischen „Sonnengesang“ Echnatons.

Klausenburg

Was am jungen Hannes Schuster spontan faszinierte, war nicht nur dieses unbändige Temperament. Es waren seine weitgestreuten geistigen und künstlerischen Interessen, und es war seine Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, die nicht für jeden auf der Hand lagen. Man konnte nur staunen, wenn er Rilke rezitierte, sich erörternd auf Clawdia Chauchat und den Röntgenbefund Hans Castorps aus Thomas Manns „Zauberberg“ einließ oder wenn er lebhaft für Bertolt Brecht stritt. Kriegte er sich gar im Seminar mit unserer ebenso belesenen und ähnlich temperamentvollen Banater Kollegin Dorothea Götz wahlweise in die Wolle oder warfen sie sich abwechselnd Einfälle und Ansichten wie Spielbälle zu, dann waren das jenseits des Schulwissens Glanzmomente spontaner akademischer Bildung.

Gehst du unter im westlichen Lichtland,
ist die Erde in Finsternis,
in der Verfassung des Todes.
Die Schläfer sind in der Kammer,
verhüllten Hauptes, kein Auge sieht das andere […]
Jedes Raubtier ist aus seiner Höhle gekommen,
und alle Schlangen beißen.


Begnadeter Redner: Hannes Schuster hielt einen ...Begnadeter Redner: Hannes Schuster hielt einen brillanten Vortrag über Ernst Irtel in Gundelsheim, siehe SbZ Online vom 17. Januar 2005. Foto: Petra ReinerWenn ich diese Zeilen in besagtem Sonnengesang heute nachlese, wirken sie wie die Ankündigung jener Verdüsterung der Verhältnisse, deren Tragweite uns nicht unberührt gelassen hat. Diverse Maßregelungen und Drangsalierungen, spätestens die Verhaftungen zwischen Herbst 1957 und Herbst 1959 setzten der anfänglich beschwingten akademischen Unbeschwertheit ein Ende. Offene Worte wurden zurückgehalten, Ansichten vorsichtig gewogen und nur noch im vertrautesten Zirkel geäußert, von freien Gedankenspielen war bald keine Rede mehr. Diese Klausenburger Finsternisse der „uns angebotenen Welt“ (Joachim Wittstock) sind zur lebenslangen Bürde unserer Generation geworden und haben gewiss auch Hannes Schusters unbeschwerten Elan beschädigt und ihn zu allzu früher Reife gezwungen. Gleichwohl blieb er nicht nur fachlich vorzüglich, sondern pflegte weiterhin fachübergreifende Kontakte und nutzte umfassend die Bildungsmöglichkeiten der Universitas. Er hatte sich dadurch eigentlich für eine akademische Laufbahn qualifiziert, doch sein Verbleib am germanistischen Lehrstuhl ist in der herrschenden Eiszeit zwar weniger dramatisch, doch ähnlich erfolgreich hintertrieben worden wie Horst Schullers Übernahme an den Lehrstuhl für Weltliteratur.

Kronstadt

Drei Jahre lang hat Hannes Schuster dann in Kleinschelken, nach dem Studienabschluss seiner Frau Gudrun, geb. Farsch, in Hetzeldorf Schuldienst getan, bis er 1965 als Feuilletonchef zur Kronstädter Volkszeitung ging und mit deren Wandlung (1. März 1968) vom Lokalblatt zur überregionalen Karpatenrundschau. Wochenschrift für Gesellschaft, Kultur, Politik erst deren Ressortchef für Kultur, 1970 dann ihr stellvertretender Chefredakteur wurde. In dem knappen Jahrhundertviertel bis zu seiner Ausreise hat er sich als Journalist hervorragend profiliert.

Journalist in der Diktatur war gewiss ein politisch und parteiideologisch belasteter prekärer Beruf. Hannes Schuster hat das gewusst, und wenn er das Risiko dennoch eingegangen ist, so will das erklärt sein. Schon angesichts des im „kleinen ideologischen Tauwetter“ nach Stalins Tod ­erwachenden kulturellen Selbstbewusstsein der darnieder gehaltenen deutschen Minderheit Rumäniens entspann sich im Herbst 1957 unter Klausenburger Studenten eine lebhafte Kontroverse zu dem Dilemma Mitmachen im Rahmen parteiideologischer Gängelungen oder aber Beiseite-Stehen in Totalverweigerung. Letzteres bot den Vorteil eines subjektiv guten Gewissens, allerdings um den Preis brachliegender eigener Kreativität und des Verzichts auf öffentliche Einflussnahme. Wenn nun Leute, die sich selber ganz gerne in der Karpatenrundschau gedruckt gesehen haben, Hannes Schuster unter Hinweis darauf, dass er doch auch Leitartikel geschrieben habe, moralisch am Zeug zu flicken suchen, so fällt mir dazu nur das Gleichnis von Pharisäer und dem Zöllner ein. Eine ungerechte Gesellschaft duldet keine Gerechte, aber gerne Selbstgerechte. Und es ist durchaus nicht allein der Zwiespalt der Journalisten gewesen: Jeder, der im Totalitarismus öffentlich gewirkt, geschrieben, gelehrt, gepredigt hat, hat die ihm gesetzten Grenzen erfahren und – hochgestochen formuliert – das Grundmotiv aller großen Tragödien, schuldlos schuldig zu werden, als unausweichliche Last versuchter Lebensleistung begriffen oder begreifen können. Hannes Schuster bei einer Podiumsdiskussion zum ...Hannes Schuster bei einer Podiumsdiskussion zum 60-jährigen Bestehen der Siebenbürgischen Zeitung, Pfingsten 2010 in Dinkelbühl. Im Hintergrund Ehefrau Gudrun. Foto: Konrad Klein Soweit zur Last. Fragen wir nach der Leistung. Dass diese Zeitschrift das Niveau erreicht hat, für das die Leser sie geschätzt haben, hatte Schusters Umsicht zur Voraussetzung, mit der er als ihr stellvertretender Leiter fähige und vertrauenswürdige Mitarbeiter heranzuziehen wusste. Die Doppelseite „Kunst und Literatur“ hat für beide Bereiche richtungweisend gewirkt, die „Beiträge zur Geschichte der Heimat“, die heimatkundlichen Reihen „Taten und Gestalten“, „Zeugen der Zeit“ haben wesentlich zur kollektiven Selbstvergewisserung der nationalistisch wieder angefochtenen und verunsicherten Minderheit beigetragen. Ähnlich die Öffentlichkeitsarbeit durch die „Kulturabende der KR“ oder Veranstaltungen wie die Mundartautorentreffen u.a. Als dann mit der „Kleinen Kulturrevolution“ 1971 die Dunkelmänner des rumäniendeutschen Kulturbetriebs, wieder ihre Stunde witternd, die deutsche Buchproduktion des Klausenburger Dacia Verlags anfochten und die Messer für den Verlagslektor Franz Hodjak und die Buchautoren schon gewetzt waren, war es Hannes Schuster, der es vermocht hat, die Anschuldigungen in einem runden Tisch vor die Öffentlichkeit zu bringen und Folgen zu vereiteln. Ähnlich unentbehrliche Schützenhilfe hat die Zeitschrift beim Zustandekommen neuer gymnasialer Lehrbücher geleistet. Mit solchen Erfolgen hat sich Hannes Schuster nie gebrüstet, sondern die Pressearbeit in einem bemerkenswerten, nur teilweise in der Siebenbürgischen Zeitung (siehe SbZ Online vom 28. Mai 2007) veröffentlichten Vortrag ohne jede Emphase als Sache beständiger „Winkelzüge“ zwischen „kompromisslerischer Standhaftigkeit und standhaftem Kompromisslertum“ im Sagen unbequemer Wahrheiten dargestellt. „Die Zungen sind verschieden im Reden“, wusste schon Echnaton.

Als in den Achtzigern die Lebensbedingungen schwieriger, die Feierlaunen der Maßgeblichen schriller, die Grenzen des Sagbaren enger und die Atemluft dünner wurden, reagierte die Redaktion mit Frotzeleien: Sie übersetzte den verordneten „conducător“ unanfechtbar mit „unser Führer“, gab dem Blatt zweideutige Wochensprüche und anspielendes Bildmaterial bei, während Hannes Schuster sein wöchentliches „Sportecho“ schrieb und aus dieser redaktionellen Nische heraus mittels unverdächtiger Zitate oder Redensarten Schlaglichter wie etwa dieses verbreitete: „Die Siege der Fußballmannschaft sind so rar geworden wie die Butter auf dem Brot.“ Natürlich waren das bloße Sticheleien, doch in sprachloser Zeit haben sie Leser und Zeitungsmacher in einer Allianz nichtkonformer Solidarität verbunden.

München

Schusters Wirkungsoptimismus war 1987 aufgebraucht, aber es hat zwei lange Jahre gedauert, bis er sich für weitere dreizehn Jahre als Chefredakteur der Siebenbürgischen Zeitung in München etablieren konnte. Der Arbeitsaufwand war erheblich intensiver als bei der personell gut bestückten Kronstädter Zeitschrift, doch die Arbeit hatte den Vorteil selbstverantwortlicher Gestaltung. Als er die ­Redaktion am 1. Dezember 1989 übernahm, schien keine größere Veränderung geboten, bestenfalls lässt sich eine deutlichere Spartengliederung der Zeitung erkennen. Bemerkenswert scheint mir wieder Schusters Sorge um Mitarbeiter und um deren Schulung in gleicherweise ansprechend wie anspruchsvoll gestalteten jährlichen Presseseminaren für Kulturreferenten und freiwillige Korrespondenten. Der Scheint trügt: Als diese Aufnahme entstand, ...Der Scheint trügt: Als diese Aufnahme entstand, gab es von Hannes Schuster längst keine Fingerzeige mehr für seinen auch von ihm persönlich sehr geschätzten Nachfolger Siegbert Bruss (Foto vom Heimattag in Dinkelsbühl 2010). Foto: Konrad Klein Mit der rumänischen Wende, dem Aussiedlerzustrom und den vielfältigen Fragen ihrer Integration, aber auch mit jenen des unsicheren Heimatverbleibs taten sich neue Aufgabenfelder der Redaktion auf. Die Probleme landsmannschaftlicher Interessenvertretung in Deutschland (Kriegsfolgenbereinigungsgesetz, Zuzugsbeschränkungen, Rentensatzkürzungen) und nicht weniger die in Siebenbürgen (Hilfskonzepte, Eigentumsrückgabe, Entschädigungsleistungen) wurden fühlbar heikler, und der Schwerpunkt der Redaktionsarbeit kam auf aktuelle sozialpolitische Fragestellungen zu liegen. Schuster hat sie mit wägender Umsicht angefasst, so dass Missstimmungen und vereinzelte Anfeindungen zwar nicht ganz ausgeblieben sind, der schwierige Aufgabenkreis jedoch mit bemerkenswerter Kompetenz behandelt wurde. Erst im Zeitverlauf wurde es möglich, feuilletonistischen Beiträgen oder germanistischen Recherche-Arbeiten aus eigener Feder wieder etwas mehr Gewicht zu geben. Aufsätze wie der über Entstehungs-, Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte des „Siebenbürger Volksliedes“ von Leopold Maximilian Moltke (SbZ 8/1996) oder jener über die Motivgeschichte der „Braut von Urwegen“ in der siebenbürgischen Literatur (SbZ 3/1999) sind mir neben bemerkenswerten Atelier- oder Ausstellungsberichten, Rezensionen oder Nachrufen lebendig im Gedächtnis geblieben. Sie erinnern an das hinter journalistischen Pflichtarbeiten zurückgetretene literaturkritische Potenzial Schusters, wie es sich in den siebziger und achtziger Jahren produktiv geäußert hat: in den Beiträgen zu den von Brigitte Tontsch herausgegebenen „Interpretationen zur deutschen und rumäniendeutschen Lyrik“ (1971), im wissenschaftlichen Begleitapparat seiner Bukarester Thomas-Mann-Ausgabe („Die Buddenbrooks“, 1973), der zweibändigen Brecht-Auswahl („Der verwundete Sokrates“ und „Stücke“, 1986) oder in den einschlägigen Aufsätzen zu diesen beiden Autoren, die Schuster zwischen 1973 und 1978 in der Neuen Literatur veröffentlicht hat. An diesen Fachpublikationen fallen neben der beachtenswerten Konstanz seiner literarischen Bezugspräferenzen seine Qualitätsansprüche und die Blickweite seiner Betrachtungen ins Auge. Eine Promotion über Brecht war auf gutem Weg, wäre nicht die Betreuerin weggeblieben.

Meine Bitte um eine Liste seiner Publikationen ließ Hannes Schuster unerfüllt, dafür schrieb er mir, er sei Journalist gewesen, „meine Arbeit war, wie das ihre Art ist, eine für den Tag, und nichts ist älter und uninteressanter als die Zeitung von gestern“. Wohl wahr, doch Journalismus lebt nicht nur auf dem Papier von gestern, sondern durch die lebendige kommunikative Kommunion mit den Lesern. Hannes Schuster hat diese über 35 Jahre lang in zwei Publikationen umsichtig gepflegt. Dafür möge ihm jetzt, wo mit achtzig der Zenit des Wirkens überschritten ist, weiterhin Echnatons göttliche Sonne leuchten: „Fern bist du, doch deine Strahlen sind auf Erden;/ du bist in ihrem Angesicht, doch unerforschlich ist dein Lauf.“

Michael Markel

Schlagwörter: Medien, Siebenbürgische Zeitung, Verband

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