28. Mai 2007

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Ein Ort kollektiver Selbstvergewisserung

Vor 50 Jahren, am 30. Mai 1957, erschien in Kronstadt die erste Ausgabe der deutschsprachigen „Volkszeitung“, die sich elf Jahre später, am 1. März 1968, in „Karpatenrundschau“ umbenannte und ab dann als überregionale „Wochenschrift für Gesellschaft, Politik und Kultur“ in allen Landesteilen Rumäniens mit deutschem Bevölkerungsanteil vertrieben wurde. Heute wird die Publikation als vierseitige Wochenbeilage der Bukarester „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“ gedruckt.
Gegründet wurde die „Volkszeitung“ als „Organ“ des regionalen Parteikomitees und verstand sich zunächst auch weitgehend als pressepolitisches Sprachrohr der Machthaber im totalitären Staat, überbot sich in Erfolgsmeldungen von der „sozialistischen Aufbaufront“ und wiederkäute in klassenkämpferischem Ton die Vorgaben und Losungen der Regierungspartei. Doch schon nach wenigen Ausgaben wurde der parteipolitische Pflichtteil des Blatts zunehmend mit Eigenbeiträgen ergänzt, die mehr und mehr auf die spezifischen Anliegen der deutschen Minderheit eingingen und sich, soweit es die Zensur zuließ, der besonderen Probleme und Nöte der deutschen Leserschaft annahmen, vornehmlich aber in Fragen ihrer kulturellen Betätigung Impulsgeber waren, so etwa im Zusammenhang mit dem Wirken der für kurze Zeit bestehenden Kronstädter Deutschen Spielgruppe für Lieder und Tänze.

Die erste Ausgabe der Volkszeitung erschien am 30. Mai 1957 in Kronstadt.
Die erste Ausgabe der Volkszeitung erschien am 30. Mai 1957 in Kronstadt.


Nicht zufällig widmete zudem die Zeitung schon während der frühen Jahre ihres Erscheinens der Behandlung geschichtlicher Themen besondere Aufmerksamkeit. Das sollte später noch zunehmen und hatte seinen guten Grund: In den offiziellen Verlautbarungen zur „vaterländischen Geschichte“ klammerte das national-kommunistische Rumänien die historische Existenz seiner Minderheiten entweder völlig aus oder spielte sie bis zur Bedeutungslosigkeit herunter. Als Reaktion darauf wurde die aufwertende Beschäftigung mit der eigenen Minderheitengeschichte zu einem wichtigen Faktor gruppenspezifischer Identitätsbewahrung. Dass die Machthaber nicht immer freundlich darauf reagierten, mag folgendes Beispiel aus der Frühzeit der Publikation belegen:

Im Jahre 1958 veröffentlichte Michael Kroner, damals junger Geschichtslehrer an der deutschen Abteilung des Bistritzer Gymnasiums, in der „Volkszeitung“, deren Feuilletonchef zu jener Zeit der Schriftsteller Hans Bergel war, eine Artikelreihe über Werk und Wirken des sächsischen Reformers Stephan Ludwig Roth. Darauf zeichnete der Literaturhistoriker Heinz Stănescu in der Bukarester Tageszeitung „Neuer Weg“, dem zentralen Parteiblatt der Deutschen in Rumänien, eine Philippika, in der er die Veröffentlichung Kroners „unmarxistischer Betrachtungsweise“ bezichtigte. Nach der damals in Rumänien anhaltend stalinistisch geprägten Lehrmeinung in Fragen der Geschichte nämlich war der sächsische Volksheld Roth als eingefleischter Gegner der ungarischen Revolutionäre von 1848/49 anzusehen, sei von diesen nicht zu Unrecht hingerichtet worden, und der Versuch seiner „Rehabilitation“ in der „Volkszeitung“ sei als nationalistische und reaktionäre Unternehmung aufs Schärfste abzulehnen. Verrisse dieser Art waren im kommunistisch totalitären Staat Methode: Man pflegte Leute, für deren Mundtotmachung oder gar Verhaftung und Aburteilung die Unterlagen beim rumänischen Sicherheitsdienst schon bereitlagen, in der Presse politisch zu verunglimpfen, bevor sie in den Kellern der Securitate verschwanden. In willfährigen „Amtsgeschäften“ dieser Art hat gerade der genannte Literaturhistoriker Stănescu in jenen Jahren des Terrors wiederholt eine unheilvolle Rolle gespielt, nicht zuletzt als Zuträger der Anklage beim berühmt-berüchtigten Kronstädter Schriftstellerprozess von 1959, bei dem der für jene politische „Entgleisung“ im Kulturteil der „Volkszeitung“ verantwortliche Bergel zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde.

Allerdings hat sich die Redaktion des Blattes nur für kurze Zeit bis zum Gehtnichtmehr einschüchtern lassen, sondern ist den einmal eingeschlagenen Weg behutsam weitergegangen, mit erhöhter Konsequenz nach dem 1. März 1968, als sich die Zeitung in „Karpatenrundschau“ umbenannte und zur überregionalen „Wochenschrift für Gesellschaft, Politik und Kultur“ wurde. Schon die Namengebung war Programm: Man knüpfte ausdrücklich an Kronstadts deutsche Pressetradition und an Adolf Meschendörfers kulturpolitische Halbmonatsschrift „Die Karpathen“ an.

Damit war der Rahmen abgesteckt, in dem man publizistisch tätig sein wollte, und darin bildete die Geschichte der deutschen Minderheit nach wie vor einen Schwerpunkt. Die Wochenzeitung legte sich dafür eine ständige Sonderseite unter dem Titel „Heimatkunde“ zu, die sie beibehielt, auch als 1974 die Papierzuteilung seitens der Obrigkeit um die Hälfte und damit die Seitenzahl des Blattes von 16 auf acht reduziert wurde. Auf dieser Seite erschienen Artikelserien wie „Beiträge zur Geschichte der Heimat“, „Taten und Gestalten“, „Zeugen der Zeit“ oder Rubrikreihen wie „Heimatkunde in Daten“, in denen an die historischen Leistungen der Minderheit erinnert wurde und die den Lehrern an deutschen Schulklassen im ganzen Land, über die staatlichen Lehrbücher hinaus und im Gegensatz zu deren Postulaten, als „Materialsammlungen“ für den Unterricht oder für Vorträge an den sogenannten „Volksuniversitäten“ dienten. In gleichem Maße identitätsstiftend waren die Mundartautorentreffen sowie die „Kulturabende“ der „Karpatenrundschau“, die in nahezu allen siebenbürgischen Ortschaften mit deutscher Bevölkerung veranstaltet wurden und dafür sorgten, dass volkstümliche Überlieferung nicht abgewürgt und endgültig in die Versenkung gedrängt wurde.

Wie sich die Arbeit der Redaktion zudem auch auf die anspruchsvoll wissenschaftliche Geschichtsforschung im Lande ausgewirkt hat, verdeutlichen ein Rundtischgespräch von Januar 1973 mit Historikern und die sich daran anschließende öffentliche Diskussion in den Spalten der Wochenzeitung zum Thema „Für eine Synthese der rumäniendeutschen Geschichte“, die zur Folge hatten, dass sechs Jahre später das Hermannstädter Forschungszentrum im Bukarester Kriterion Verlag seine umfängliche „Geschichte der Deutschen auf dem Gebiete Rumäniens“ herausbringen durfte.

Die erste Ausgabe der Karpatenrundschau erschien am 1. März 1968.
Die erste Ausgabe der Karpatenrundschau erschien am 1. März 1968.

Nicht weniger aktiv war die „Karpatenrundschau“ in Hinsicht auf das deutschsprachige Schulwesen. Sie richtete Sonderseiten für die deutschen Gymnasien und Gymnasialabteilungen des Landes ein, auf denen sich Schüler und Lehrer zu Wort melden konnten, und wirkte konkret auf die Erarbeitung von Unterrichtsprogrammen und Lehrbücher ein. Auch hier mag ein Beispiel für viele stehen: Anfang der 1970er Jahre sollte der Unterricht im Fach „Deutsche Literatur“ an den muttersprachlichen Gymnasialklassen des Landes neu orientiert werden, der Klausenburger Hochschullehrer und Literaturhistoriker Michael Markel sollte die Abfassung der neuen Lehrbücher koordinieren. Als dieser jedoch mit seinem Konzept zu deren inhaltlicher Gestaltung beim Unterrichtsministerium in Bukarest auf Widerstand stieß, veröffentlichte die „Karpatenrundschau“ Vorabdrucke sowie daran anschließende Debatten mit Autoren, Lehrern und wohlgesinnten Fachleuten, deren Wortmeldungen in der Wochenzeitung mehrfach erschienen und schließlich mit zu Lehrbüchern führten, die an den deutschen Schulen Rumäniens auch nach der Wende von 1989 noch anstandslos Verwendung finden konnten. In einem Aufsatz hat ihr Koordinator und Mitautor Markel 1993 in der „Hermannstädter Zeitung“ erklärt: „Ohne die Schützenhilfe der Presse und ohne die Schulbuchkonferenzen der ‚Karpatenrundschau’, die das Vorgehen der Autoren legitimierten, hätten sie (die Lehrbücher) so nicht durchgesetzt werden können.“

In dem gleichen Aufsatz hat Markel, ein weiteres Beispiel „nichtkonformer Solidarität“, so seine Formulierung, in Erinnerung gerufen, dieses Mal mit Bezug zum rumäniendeutschen Literaturbetrieb. Ende der 1960er und Anfang der siebziger Jahre hatte der deutsche Lektor des Klausenburger Dacia Verlages, Franz Hodjak, mehrere Bücher herausgebracht, in denen „abweichlerische“ Autoren mit aufmüpfigen Äußerungen zu Wort gekommen waren. Dagegen hatten irgendwelche drittrangige, dafür aber regimetreue Schreiberlinge bei der Parteiführung in Bukarest protestiert, gar förmlich Anzeige erstattet. Es bestand die Gefahr, dass man mit dem Verlagslektor hart ins Gericht gehen würde. Von dem Kasus jedoch hatte die „Karpatenrundschau“ Wind bekommen, und zwar durch ihren Chefredakteur Eduard Eisenburger, der ehrenamtlich im Zentralkomitee der Staatspartei saß und über gute Beziehungen zu einigen ihrer Spitzenfunktionäre verfügte. Sofort brachte die Wochenzeitung unter dem Vorwand, im Verlagswesen für politische Korrektheit wirken zu wollen, den Fall am 16. Juni 1972 an die Öffentlichkeit, ließ unter dem Titel „Das beste Buch – noch nicht erschienen“ Kritiker und Literaturfachleute über die inkriminierten Bücher diskutieren, sie in Aussage und Machart rechtfertigen und konnte auf diese Weise, wie Markel im Rückblick festhält, „jedes geheime Vorgehen gegen die Autoren und den Verlagslektor vereiteln“.

Freilich waren das alles keine Heldentaten. Und wer heute die gut über 1100 Ausgaben der „Karpatenrundschau“ durchblättert, die zwischen 1968 und 1989, dem Jahr der Wende in Rumänien, erschienen sind, stößt auf unzählige Artikel, deren Regimenähe sich nicht verleugnen lässt. Was an ihnen allerdings auffällt, ist die Tatsache, dass sie fast ausnahmslos nicht namentlich gezeichnet sind, sondern als redaktionelle Pflichttexte daherkommen, die sich auf offizielle Verlautbarungen berufen oder diese zitieren, ohne dass sich die namenlosen Autoren, die sie nach Absprachen im Redaktionsteam reihum zu liefern hatten, mit den Lobhudeleien und Argumentationen zu den politischen Entscheidungen der Staatspartei persönlich identifizieren mussten. Dass die Leserschaft solchen Kompromiss in stummem Einvernehmen akzeptierte und ganz einfach über diese Texte hinweg las, sie als wertloses Beiwerk zu den eigentlichen, den sie interessierenden Blattinhalten übersah, hat sich gesprächsweise immer wieder in den vielfältigen Kontakten bestätigt, die zwischen Redakteuren und Zeitungsbeziehern gepflegt wurden und bei denen nicht selten hemmungslose Offenheit herrschte.

Doch auch vielen der „mutigeren“ Texte jener Jahre haftet aus heutiger Sicht, wir wollen es nicht verschweigen, die zeitbedingte ideologische Schlagseite an. Wahrheiten ließen sich zumeist nur unter dem Deckmantel der Konformität an den Mann bringen, missliebige Fakten wurden oft verschwiegen, gegenwartsbezogene Umdeutungen von Ereignissen und Entwicklungen wurden, wenn auch widerwillig, akzeptiert. Nach Jahren eiserner Kontrolle der Machthaber über das Pressewesen war die Fremdzensur inzwischen als Selbstzensur internalisiert worden: Die „Schere im Kopf“ funktionierte zumeist anstandslos. Schon Heinrich Heine hatte gut anderthalb Jahrhunderte vorher im Deutschland der Metternichschen Restauration die gleiche Erfahrung gemacht und diese später in seinem Pariser Exil auch verbalisiert: „Zensur von der schlimmsten Art war die Angst vor dem eigenen Wort.“ Dass unter solchen Voraussetzungen die Grenzen zwischen erzwungener Linientreue und vorauseilendem Gehorsam fließend, in vielen Fällen gar nicht mehr wahrnehmbar waren, ist eine Last, die alle, die damals in Kronstadt und Rumänien publizistisch tätig waren, zu tragen hatten und die sie in ehrlich selbstwertendem Rückblick heute noch tragen müssen.

Dessen ungeachtet war das Blatt für seine Leser – ähnlich wie die übrigen deutschen Publikationen in Rumänien – mit seinen vielfältigen Bemühungen um die Bewahrung des historischen Erbes der Minderheit, um die Belebung ihres Literaturbetriebs sowie dessen Bewahrung vor Antiquiertheit und politisch aufgezwungener Verödung, um die Aufrechterhaltung ihres Schulwesens und ihrer kulturellen Betätigung ein Ort kollektiver Selbstvergewisserung. Einen solchen versucht die „Karpatenrundschau“ auch heute abzugeben, jetzt nicht mehr unter dem Druck totalitärer Bevormundung, sondern unter immer noch schwierigen Bedingungen verlegerisch-finanzieller Beschränkung, mit denen ihre Mitarbeiter fertigzuwerden haben nach dem Schwund ihrer Zielgruppe durch die massenweise Aussiedlung der Rumäniendeutschen. Dass die Wochenzeitung trotzdem die Traditionslinie fortführt, die in entscheidenden Punkten ihren Lesern dienlich und förderlich war, verdient vorbehaltlose Anerkennung.

Hannes Schuster

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 8 vom 25. Mai 2007, Seite 9)

Schlagwörter: Medien, Journalismus, Kronstadt, Vergangenheitsbewältigung

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