29. März 2018

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Pfarrer und Schriftsteller Walther Gottfried Seidner ("Voltaire") wurde 80

Walther Gottfried Seidner, als gleicherweise seelsorgerischer wie seelensguter siebenbürgisch-sächsischer Pfarrer mehrerer Gemeinden, zuletzt seiner „Traumdestination“ Stolzenburg, ebenso bekannt wie unter dem in die Schulzeit zurückreichenden Spitznamen „Voltaire“ als reimender „Viel–o–Sophierer“ firmierend, wurde am 15. März 1938 als Sohn eines Tischlermeisters in Hermannstadt geboren und ist mit seinen drei Geschwistern hier, im „Konrad-Wiesenwinkel“ aufgewachsen.
Bevor das gestrenge Familienoberhaupt seinen Söhnen den Weg zum Studium freigab, hatten sie einen ordentlichen Brotberuf zu erlernen, das Tischlerhandwerk eben. Nach dem Besuch des Abendlyzeums und der letzten Klassen des Brukenthal-Gymnasiums folgte das Theologiestudium in Hermannstadt und Klausenburg, was dem aufgeweckten Jungspund ein polyglottes Dasein mit Kenntnissen, neben dem Deutsch-Sächsischen, auch der ungarischen Sprache, des Lateinischen und Griechischen, ja sogar der hebräischen Sprache einbrachte.

Noch als Theologiestudent schneite er eines Tages in unser Ziegler-Elternhaus an der Hermannstädter Kadettenschule herein, wo mein kunstsinniger, ebenfalls den humoristisch-dichterischen Pegasus reitender Vater „Voltaires“ dichterisches Talent (ein „Mittelding von Ringelnatz und Morgenstern auf transsilvanisch mit einer Prise Eugen Roth“ war sein Verdikt) alsbald entdeckte und fortan auch eifrig förderte. Seinen Feinschliff erhielt der Rohdiamant Walther Seidner durch die freundschaftlich-kritischen Lesungen im Hermannstädter Literaturkreis, dem unter der umsichtigen Leitung seines Spiritus Rector Georg Scherg Persönlichkeiten wie Joachim Wittstock, Hellmut Seiler , Udo Peter Wagner, Stefan Sienerth u. a. angehörten. Pfarrer und Mundartdichter dazu: Walther Seidner ...Pfarrer und Mundartdichter dazu: Walther Seidner am Eingang zu „seiner“ Kirche in Stolzenburg, aufgenommen im September 2015. Die Auffrischung der 1866 bemalten Holztür hatte auch „Voltaire“ veranlasst. Foto: Konrad Klein Zunächst widmete sich Seidner mit Gattin Margot und zunehmender Kinderschar (vier insgesamt) konzentriert seiner Pfarrkarriere, die nach sechs Jahren St. Georgen neben Lechnitz und 14 Jahren Seelensorge in Reußdörfchen ihn schließlich bis zu seiner Pensionierung 2008 ( und darüber hinaus als Pfarrvertreter bis 2016) in jene Großgemeinde Stolzenburg brachte, in der auch schon ein Vorgänger Seidners, der satirische Geschichten verfassende, wortsichere Pfarrer Johann Plattner sein Seldwyla zwecks dichterischer Verarbeitung vorfand. Neben seiner Pfarrtätigkeit verfasste Seidner im klassisch-realistischen Stil eines Storm und Keller (Anne Türk-König) Skizzen und Kurzerzählungen über Kriegserlebnisse im Kindesalter, über freundliche russische Besatzer und kameradschaftlich sich gebende rumänische Kriegsgegner, über zu rettende Juden und, wie durch ein Mirakel verhinderte Deportationen. Auch Beobachtungen und Vorkommnisse aus seinem Pfarralltag, gelegentlich fiktional angereichert, erblickten das Licht der Seidnerschen Schreibwelt. Vor allem aber entsprangen in all den Jahren leichtfüßig- lustige Verschen seiner Schreibfeder, „gereimte Tropfen“ und „Affo-Rismen eines Schimpf-Hansen“, wie z. B.:
Man weiß, die echte Liebe tarnt sich.
Und dennoch: Was sich gernt, das garnt sich.


Ebenso die Partnerballade „Eheliche Feuerwehr“, in der höchst ergötzlich das Heranziehen einer ehelichen Feuerwehr aus naheliegenden Gründen angeregt wird:
... dieweil der Nerv nicht aus Asbest
und keine Ehe feuerfest.
Ein Eheleben ohne Funken
das ist erlogen und erstunken.
Sind doch verschiedene Reibelaute
spezifisch nur für Angetraute.


Dass dadurch das eheliche Gemeinschaftsleben gelegentlich in hellen Flammen steht, ist nur folgerichtig, und deshalb der pfarrherrlich wohlmeinende Ratschlag:
Gemeinsam lösche man das Feuer
vorab im eigenen Gemäuer -
bevor, durch Trotz und Unverstand
von beiden einer - durchgebrannt.


Erbauliche Unterhaltung verschafft auch die vor Einfällen strotzende „Moritat vom verhaltensgestörten Gemüse“, wo im Gartengrün:
Ein Kürbis warb in wilder Brunst
um einer Gurke Herzensgunst
;
und: Auch eine schon betagte Rübe
erwartet, dass man nach ihr grübe.

Ein Knoblauch bemüht sich um die Zwiebel, eine Petersilie verlobt sich mit dem Zeller, während:
Auf ihrer Stange eine Bohne
verlangt, dass man sie ja verschone.

Dementsprechend, nach vielem Liebesglück und so mancher Enttäuschung, nachdem einiges hier zu- und dort daneben trifft, formt der brave Gartenzwerg das weise Schlusswort:
Des Lebens Sturm, des Lebens Drang,
ist letztlich Gottes Bumerang.


Neben derartigem dichterischen Ulk schaffte Seidner mit dem Gedicht „Wenn die Tiere schlafen“ aber auch die Aufnahme in die „Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen Gedichts“, eine ganz besondere Auszeichnung. Ein Gutteil dieser Schriften wurde – zum Bedauern vieler neugierig harrender Leser – erst 2007, als genügend „Euro-Dollars“ eintrudelten, in dem Sammelband „Auf Wolke Sieben / Bürgen “ zusammengefasst, laut dem Vorwortspender Prof. Gerhard Konnerth „ein Lesebuch, wie man es sich bunter, unterhaltsamer und lebensnäher nicht vorstellen kann“. Zwar waren, Jahrzehnte davor, schon sein Mundartstück „Sherlock Honnes“ und ähnliche Volkspiècen schenkelklopfender Lachgarant , doch erst dieser Band erschloss die ganze Palette dieses weise witzelnden Dorfpfarrers der, wie es Konrad Klein einst formulierte, „ein unbequemer Zeitgenosse immer schon war, der in seinem siebenbürgischen Schmollwinkel sprachgewitzt herumgrantelte“.

In seiner „Gastlichkeit der Welt“ heißt es:
Wenn einer ging und nicht mehr kam,
so war ihm selten einer gram.
Doch ist der Ärger nicht gering,
wenn einer kam und nicht mehr ging.


Nun wollen wir doch zu seinem runden Geburtstag hoffen, dass W. G. Seidner trotz ernsthaft-langwieriger Erkrankung uns mit noch weiteren „gute Nachtgeschichten“ beglücken möge, die mit dem „Blick für das Detail“ (Joachim Wittstock) und gut ausgebildetem Realitätssinn für die „Pufferzonen der Menschlichkeit“ ausgestattet, zum Teil in der sächsischen Mundart verfasst sein mögen, die Seidner als seine nuancenreichere „Herzenssprache“ versteht. Auch im Hinblick auf den fast fertigen Band „Tante Secu und die Hirschkäfer“ hoffen wir, dass W. G. Seidner, dieser spitzfindige, reimeschmiedende „Voltaire“ siebenbürgischer Herkunft, noch ein Weilchen bei uns bleiben möge, um das zu liefern, was sein Lebensmotto umreißt und gereimt folgendermaßen lautet: Der Witz, wie auch die heitre Skepsis
bewahren uns vor der Beträpsis.

Ad multos annos, lieber „Voltaire“!

Kurt Thomas Ziegler

Schlagwörter: Kultur, Seidner, Geburtstag, Jubilar, Pfarrer, Schriftsteller, Stolzenburg

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