18. Juni 2020

Fabrikantentochter, Fotografin, Lehrerin, Dalai-Lama-Fan – die vier Leben der Inge-Maya Rieger

Es gibt wohl wenige Siebenbürgerinnen, die ein derart bewegtes Leben hatten – es steht beispielhaft für die Brüche des 20. Jahrhunderts. Nur ihr mitunter fast grimmiger Humor kam ihr nie abhanden. Selbst im Motto ihrer Trauerrede findet er sich wieder – als Wort des nie um einen Scherz verlegenen Dalai Lama: Wenn Leute lachen, sind sie fähig zu denken.
„Where do you come from?“ – Inge-Maya Rieger mit ...
„Where do you come from?“ – Inge-Maya Rieger mit dem Dalai Lama im nordindischen Dharamsala, dem Sitz der tibetischen Exilregierung (2008).
Inge-Maya (ursprünglich Inge Maja) Rieger wurde am 24. März 1924 in eine wohlhabende Fabrikantenfamilie hineingeboren, lange nach ihren Geschwistern Erika (1908-2009) und Hanspaul (1910-2002). Sowohl der Vater, Maschinenbauingenieur Richard Rieger, als auch die Mutter Luise, geb. Kessler, kamen aus erfolgreichen Unternehmerdynastien. Ihr Großvater Andreas Rieger entstammte einer Landlerfamilie aus Großpold und hatte nach Wanderjahren als Hufschmied 1868 den Grundstein für die nach ihm benannten Maschinenfabrik und Eisengießerei gelegt, der Großvater mütterlicherseits Johann Kessler sen., Spross einer im 18. Jahrhundert aus Meschendorf zugewanderten sächsischen Familie, hatte 1848 die erste Salami- und Selchwarenfabrik der Stadt errichtet in jener legendären Bachgasse in der Unterstadt, in der auch Otto Fritz Jickelis bekannte Familiensaga „Auf der Großen Bach“ spielt.

Noch während des Ersten Weltkriegs zog die Familie ins ursprünglich Kesslerische Haus am Erlenpark in der Hochmeistergasse. Hier verbrachte Inge-Maya eine unbeschwerte Kindheit. Das aufgeweckte Mädchen nutzte die Freiheiten als Nesthäkchen und baute sich schon mit 16 sein Zimmer im Dachgeschoss zur sturmfreien Bude aus.

Schwarze Tage

Nach dem Abitur und einem praktischen Jahr, in dem Inge-Maya erstmals ihre pädagogische Begabung an einer Dorfschulklasse testen konnte, schrieb sie sich 1946 für ein Philosophiestudium in Klausenburg ein. Es folgte jener dramatische 11. Juni 1948, an dem die väterliche Maschinenfabrik ohne jede Ankündigung buchstäblich über Nacht verstaatlicht wurde. Keine 48 Stunden zuvor hatte die ganze Belegschaft ahnungslos noch das 80-jährige Firmenjubiläum und den 70. Geburtstag von Richard Rieger mit der firmeneigenen Blaskapelle gefeiert und jetzt wurde dem Hausherrn der Zutritt von zwei Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett verwehrt: „Asta nu mai e fabrica ta!“ (Das ist nicht mehr deine Fabrik). Wenige Wochen später wurde das Unternehmen in Uzinele Independenţa umbenannt und auch Riegers kleine Tochterfirma „Ingrico“ (Kürzel für „Ing. Rieger & Co.“) der nationalisierten Firma einverleibt.

Im Herbst 1948 dann auch das jähe Aus der Studienkarriere von Inge-Maya. Bei einer Überprüfung der an der Universität Inskribierten hatte man die ehemalige Fabrikantentochter mit der aberwitzigen Studientaxe von 400000 Lei jährlich belegt und – zum Vergleich – von ihrem Kommilitonen, den späteren Mühlbacher bzw. Miesbacher Rechtsanwalt Dr. Karlheinz Forek, 200000 Lei gefordert, weil sie copii de exploatatori (Ausbeuterkinder) gewesen seien. Hervorgetan bei der Beschaffung der Informationen hatte sich „voll bewusst und ohne Not“, so Inge-Maya noch lange voller Groll, der gleichaltrige, damals ebenfalls in Klausenburg Geschichte und Philosophie studierende Hermann Schmidt, was erst Jahre später herauskam; kein Ruhmesblatt für den späteren Direktor der Brukenthalschule.

Der kurz zuvor entschädigungslos enteignete Vater musste passen, für die genannte Summe hätte man damals drei ansehnliche Häuser in Mühlbach kaufen können, so Dr. Forek, als ich ihn letztens dazu befragte (sein Vater konnte die geforderte Summe unter großen Schwierigkeiten auftreiben). Und als ob der Heimsuchungen nicht genug gewesen wären, wurde kurz darauf auch das Riegersche Haus am Erlenpark verstaatlicht und schultauglich gemacht (Allgemeinschule Nr. 7). Dem enteigneten Ehepaar wurde immerhin zugestanden, seinen Lebensabend in der Kellerwohnung zu verbringen (tragischer endete 1949 die Enteignung des stattlichen Hauses von Apotheker Guido Fabritius‘ in der Franz-Gebbel/Spartacus-Straße, wo die Allgemeinschule Nr. 4 Einzug hielt, woraufhin der Vater von sechs Kindern seinem Leben mit Gift ein Ende setzte).
Gästeprominenz beim 70. Firmenjubiläum der ...
Gästeprominenz beim 70. Firmenjubiläum der Maschinenfabrik Andreas Rieger A.G. vom 11.6.1938. Von links: Dipl. chem. Gustav Bechtholdt, Direktor der Solvay-Werke Turda-Uioara mit Schwägerin Wilhelmine Bechtholdt, geb. Graeser, technischer Direktor Rudolf Karoli, Fabrikantengattin Luise Rieger, Verkaufsdirektor Fritz Keul (?), Generaldirektor Richard Rieger, Ing. Sigmund Dachler, Generaldirektor des Hermann­städter Elektrizitätswerkes (mit Knebelbart), Stadtpfarrer D. Friedrich Müller mit Gattin Anna, geb. Albrich, Inge-Maya Rieger, Ing. Marcu Iancu, Direktor der Bukarester Rieger-Filiale. Auffallenderweise fehlt Dr. Gustav Kinn, Direktor der Maschinenfabrik von 1927 bis 1941. Foto: Emil Fischer/Bildarchiv Konrad Klein
Doch Inge-Maya verharrte nicht in der Opferrolle. Sie ging nach Bukarest, wo sie zunächst als Sekretärin an einer Hochschule arbeitete, um sich dann aber zur Fotografin ausbilden zu lassen. 1953 heiratete sie den Zahnarzt Dr. Erhardt Sitzler (1927-2000), einen Vetter des Hermannstädter Schuldirektors Heinrich Sitzler. Doch auch als Fotografin fand sie keine wirkliche Erfüllung. Zudem hatte sie bald das Gefühl, „für die Ehe ungeeignet“ zu sein, wie sie scherzte, ein selbstbestimmtes Leben sei ihr wichtiger gewesen. 1959 reichte sie die Scheidung ein. Das repressive politische Klima jener Jahre bestärkte sie zusätzlich darin, ihre Auswanderung nach Deutschland voranzutreiben. Am 17. Juli 1963 traf sie in Nürnberg ein, herausgekauft für 13000 DM.

Klassenkampfrhetorik anno 1960

Welchem Kesseltreiben „Ausbeuter“ bis in die 60er Jahre ausgesetzt waren, kann man sich heute nicht mehr vorstellen. So erschien beispielsweise im Neuen Weg vom 09.09.1960 eine Reportage von Rudolf Heltmann, wo sich ein gewisser Rudolf Birthälmer erinnert, wie sein Vater vom Fabrikbesitzer persönlich gezüchtigt worden sei. Da habe ihn „Rieger junior (gemeint ist Richard Rieger, Anm. KK), der mit der Reitgerte in der Hand und in Nazistiefeln durch die Gießerei zu stolzieren pflegte, über den schweißnassen Rücken geschlagen“ und dabei wütend geschrien „In den Arrest mit ihm!“ Komunistischer Greuel-Journalismus der untersten Schublade.
Die Aufnahmen von Zeichenlehrer Oskar Pastior, ...
Die Aufnahmen von Zeichenlehrer Oskar Pastior, dem Vater des gleichnamigen Dichters, zählen zu den besten Amateuraufnahmen der 1930er Jahre. Hier ein erstmals veröffentlichtes Stimmungsbild aus der Eisengießerei der Rieger’schen Maschinenfabrik. Foto: Familienbesitz (Nachlass Dr.-Ing. Hanspaul Rieger)
Dabei dürfte es wenige Unternehmen gegeben haben, die eine so vorbildliche Firmenkultur hatten wie die Rieger’sche Maschinenfabrik. Dazu gehörte auch die Gründung eines legendären Sportklubs, dem „jede moralische und geldliche Förderung“ zuteil wurde und bei dessen geselligen Veranstaltungen mit Einaktern in deutscher, rumänischer und ungarischer Sprache die gesamte Belegschaft mit Angehörigen eingeladen war: „Direktor und Arbeiterfrau, Ingenieursgattin und Chauffeur schwangen unermüdlich das Tanzbein bis zum grauenden Morgen.“ (Siebenbürgisch-Deutsches Tageblatt vom 28.01.1939).

Desto bitterer für Inge-Maya, dass auch ihr stets menschenfreundlicher Bruder Dr.-Ing. Hanspaul Rieger, verdienstvoller Juniorchef der Firma seit 1939, nach 1948 den „Hitleristen und Ausbeutern“ zugerechnet wurde, deren „Joch“ man am 23. August 1944 abgeschüttelt hatte. Ironie der Geschichte, dass gerade er als exzellenter Fachmann in den 1950er Jahren am Bukarester Institut für Metallurgie „Ipromet“ viel für die Planung und Betreuung der Gießereien im ganzen Land getan hatte. Im Mai 1959 wurde er freilich – es war die Zeit der großen politischen Schauprozesse – zusammen mit anderen Mitgliedern der Familien Rieger-Mesch wegen „illegalen Besitzes von Gold und Münzen“ verhaftet, verhört und gequält – bis tatsächlich einige cocoșei (Goldmünzen) gefunden wurden. Doch bereits im Juni 1960 kam er aufgrund einer Amnestie wieder frei und durfte, kaum zu Hause angelangt, mit dem Entwurf der landesgrößten Stahlwerksgießerei in Galatz beginnen. Überdies wurde er zum ständigen Berater im Metallurgischen Ministerium ernannt, ehe er 1971 mit seiner Familie auswanderte (SbZ vom 20.06.1995 und 15.05.2000).

In Deutschland machte Inge-Maya Mannheim zu ihrem neuen Lebensmittelpunkt. Nach einem bravourös bestandenen Eignungstest und einem Kurzstudium trat sie eine Stelle als Grundschullehrerin an. 26 Jahre lang, von 1964 bis 1989, unterrichtet die beliebte Lehrerin alle Kernfächer. Niedergelassen hatte sich „Mayatante“ im nahegelegenen Brühl, wo sie ein Reihenhaus mit einem kleinen Garten erworben hatte.

Es war auch die Zeit zahlreicher Reisen. Als begeisterte Autofahrerin fuhr sie mit ihrer Schwester Erika im roten Opel sogar bis nach Schottland und zu den Hebriden, beide ein bekanntermaßen lautstark-fröhliches Paar. „Ich denke, die beiden blieben nicht unbemerkt“, kommentierte die Trauerrednerin sichtlich amused mit britischem Understatement die Fahrt.
Gerahmte Leere, und das gleich dutzendfach: Inge ...
Gerahmte Leere, und das gleich dutzendfach: Inge-Maya Rieger in ihrem Zimmer im „Heimathaus Siebenbürgen“ auf Schloss Horneck (2009). Die damals schon weitgehend erblindete Lehrerin fand in den 1980er Jahren zum tibetischen Buddhismus, wofür auch die leeren Bilderrahmen stehen, wie sie lächelnd verrät. Foto: Konrad Klein
Ende der 1980er Jahre begann Inge-Maya sich nach der Lektüre von Heinrich Harrers berühmtem Reisebericht „Sieben Jahre in Tibet“ mit dem Dalai Lama und dem Buddhismus zu beschäftigen. Sie bereiste die Seidenstraße und Nepal, die wohl glücklichsten Augenblicke ihres Lebens wurden ihr aber auf einer Fahrt mit einer Freiburger Reisegruppe 2008 nach Dharamsala zuteil. Der Dalai Lama sollte gerade eine Pressekonferenz zum Jahrestag der Unruhen in Tibet abhalten, als er Inge-Maya inmitten der Pilger und Gäste erblickte (fast könnte man sagen: erkannte), auf sie zuging und völlig unerwartet in ein herzliches Gespräch verwickelte. Bei der Verabschiedung legte er ihr einen Seidenschal um und bat die herumstehenden Fotografen um ein Foto: „Take a picture with us“. Als die solchermaßen Geehrte völlig überwältigt zu weinen begann, trocknete ihr Seine Heiligkeit eigenhändig die Tränen. Wobei das Kurioseste erst noch folgte, denn nun fingen die tibetischen Pilger ohne jede Scheu an, über den Körper der „Erwählten“ zu streichen. Von da an berührte sie selbst liebevoll in ihrem Gundelsheimer Zimmer jedes Mal, wenn sie daran vorbeikam, das Bild des Dalai Lama: „Der Herzige“. Siebenbürgischer geht’s nimmer.

Dabei war ihre Makuladegeneration damals schon weit fortgeschritten und sie konnte Dinge nur noch am Rande des Gesichtsfeldes wahrnehmen. Aber bekanntlich ist ja das Wesentliche für das Auge unsichtbar. Am 14. Februar 2020 ist die fast bis zuletzt lebenslustige Inge-Maya in einer Münchner Seniorenresidenz friedlich eingeschlafen.

Konrad Klein

Schlagwörter: Porträt, Rieger, Inge-Maya Rieger, Fotografin, Lehrerin, Industrie, Fabrik, Hermannstadt. Gundelsheim, Dalai Lama

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