7. Januar 2022

Die Musik war seine Berufung: Nachruf auf Karl Teutsch

Am 16. Dezember 2021 verstarb mein Freund Karl Teutsch, der sein Leben dem musikwissenschaftlichen Schaffen gewidmet hat. Teutsch stammte aus einer alten siebenbürgisch-sächsischen Familie, die in Schäßburg beheimatet war, wo er am 9. September 1934 geboren wurde. Er war einer der besten Kenner der siebenbürgischen Musikgeschichte und Musikpflege.
Karl Teutsch, aufgenommen im Juli 2021 von Doris ...
Karl Teutsch, aufgenommen im Juli 2021 von Doris-Schmidt-Welker.
Karl Teutsch lebte zuletzt seit 2000 in Weissach, ab 2016 wegen Demenzerkrankung im betreuten Wohnen. Von seiner Lebensgefährtin Doris Schmidt-Welker wurde er liebevoll und aufopfernd betreut. Auch seine geschiedene Frau Prisca Rozsa besuchte ihn gelegentlich und brachte ihm Siebenbürger Spezialitäten, so z. B. seinen geliebten Harlekinkuchen.

Wir lernten uns in der Bergschule, dem damaligen Bischof-Teutsch-Gymnasium, kennen, Damals schon im Alter von elf Jahren gründete Karl eine Gruppe, mit der er verschiedene Lieder einstudierte. So früh begann sein Interesse an der Musik. Als Musiklehrer hatten wir Ernst Irtel, der später im Leben von Karl Teutsch noch eine große Rolle spielte. Wir erlebten zusammen eine wunderbare Jugendzeit und lernten sehr früh unser Schäßburg lieben durch gemeinsame Unternehmungen auf der Burg und in der Stadt. Schon früh lernte ich seine kameradschaftliche, nette Art kennen. Nie brachte er sich mit all seinen Fähigkeiten in den Vordergrund, er war durch seine Art beeindruckend sympathisch. Karl Teutsch war schon als Jugendlicher an der Orgelmusik sehr interessiert. Um beim Orgelspiel dabei sein zu können, freundete er sich mit dem vier Jahre älterem Erich Bergel an. Der spätere weltberühmte Dirigent, der in Schäßburg das Gymnasium besuchte, übte zu der Zeit in der Kirche das Orgelspielen. Der junge Karl saß dann dabei und trat kräftig in die Pedalen, um die nötige Luft für das Orgelspiel zu erzeugen. So lernten sich zwei, die für die Musikgeschichte Bedeutsames vollbracht haben, schon früh kennen.

Unsere Freundschaft veranlasst mich, diesen Nachruf zu verfassen und seine hervorragende Tätigkeit zu würdigen. Ich bin froh, auf die von Dr. Franz Metz verfasste Würdigung seiner Leistungen anlässlich seines 80. Geburtstages zurückgreifen zu können (Siebenbürgische Zeitung Online vom 27. September 2014). Bei seinem letzten Besuch bei mir in Norderstedt sprachen wir von meinen vielen Besuchen in Siebenbürgen. Karl war seit seiner Aussiedlung im Jahr 1975 noch nicht wieder da gewesen, weil er Respekt und Bedenken hatte, wie er die ganzen Veränderungen und die vielen nun fehlenden Menschen verkraften würde. Jedenfalls äußerte er nach diesem Besuch immer wieder bei unseren Telefonaten den Wunsch, mit mir gemeinsam noch einmal die Heimat zu besuchen. Ich bedaure es sehr, dass wir seinen Wunsch aus verschiedenen Gründen immer vor uns herschoben und er dann schließlich wegen seiner Krankheit nicht mehr erfüllt werden konnte.

Karl Teutsch erwarb 1953 in der Pädagogischen Schule in Schäßburg das Lehrerdiplom und studierte danach in Klausenburg an der Staatlichen Hochschule Musik (Bratsche). Im Klausenburger Konservatorium lernte er Prisca Rozsa kennen. Sie mochte an Karl seine intellektuellen Gespräche, seine Gutmütigkeit und Ehrlichkeit. Sie heirateten. Der 1973 geborene Sohn Michael bereicherte das Paar.

Nach seinem Klausenburger Musikstudium begann Karls Tätigkeit am dortigen Gymnasium und der Klausenburger Staatsphilharmonie als zweiter Solo-Bratscher. 1962 ließ er sich mit seiner Frau in Bukarest nieder, wo er sowohl im Filmsinfonieorchester beim Bukarester Rundfunk (1968-1970) als auch in Musikschulen tätig war. Gleichzeitig gestaltete er 1970 bis 1974 einige Musiksendungen in deutscher Sprache beim Bukarester Rundfunk. 1968 gründete er einen Kreis von Musikern, dem siebenbürgisch-sächsische und magyarische Interpreten und Musiklehrer angehörten. Aus diesem Musikkreis ging dann das „Ensemble für Alte Musik beim Rumänischem Rundfunk“ hervor. Zwischen 1966 und 1974 war Karl Teutsch auch freier Mitarbeiter der Zeitung Neuer Weg, in der er Konzertbesprechungen, Rezensionen, Artikel über Komponisten und andere musikalische Themen veröffentlichte.

Nach seiner Aussiedlung 1975 in die Bundesrepublik konnte er seinen Beruf als Musikpädagoge in Stuttgart, Ludwigsburg, Tübingen und auch in Leonberg ausüben. Im selben Jahre 1975 übersiedelte die Familie nach Deutschland. 1979 wurde die Ehe geschieden, doch beide Partner blieben auch danach bis zuletzt immer freundschaftlich verbunden. In Leonberg lernte er in der Schule die Schulsekretärin Doris Schmid-Welker kennen, mit der er sich blendend verstand und auch bis zuletzt zusammenblieb.

Hier, in seiner neuen Heimat, begann Karl eine publizistische Tätigkeit, hielt Vorträge, veranstaltete Konzerte, bemühte sich um Notenveröffentlichungen, gründete einschlägige Vereinigungen, regte die hier lebenden siebenbürgischen und auch einheimischen Musiker an, siebenbürgische und südosteuropadeutsche Musik zu spielen und in die Öffentlichkeit vorzutragen. Erste Darbietungen mit Musik siebenbürgischer Komponisten organisierte er seit 1977 anlässlich von Jubiläen, Gedenkfeiern und Tagungen, darunter im Rahmen der Jahrestagungen des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde, unter dessen Dach Karl Teutsch 1981 die Sektion „Musik“ ins Leben rief. 1977 begann er mit der Einrichtung eines Siebenbürgischen Musikarchivs als Abteilung der Siebenbürgischen Bibliothek. Die Musiksammlung umfasst inzwischen über 3000 Titel an musikalischen Transylvanica: gedruckte und handschriftliche Musikalien, Bücher, Schriften und Aufsätze über siebenbürgische Musik u. a. m. 1984 bereitete Karl Teutsch die Konstituierung des „Arbeitskreises für südostdeutsche Musik“ vor, zu dessen erstem Vorsitzenden er gewählt wurde.

Ein Ziel seiner publizistischen, musikhistorischen und organisatorischen Tätigkeit war es, die Musikgeschichte, die musikalischen Entwicklungen, Leistungen, Traditionen und schöpferischen Hinterlassenschaften der Siebenbürger Sachsen und anderer Südostdeutschen zu dokumentieren, bekanntzumachen, für nachfolgende Zeiten zu bewahren und zugänglich zu machen. In unzähligen Büchern und Sammelbänden erschienen seine musikhistorischen Arbeiten zur siebenbürgischen Musikgeschichte. Darunter seien besonders drei hervorzuheben: die große allgemeine „Enzyklopädie der Musik”, „Die Musik in Geschichte und Gegenwart”, und die dreibändige Ausgabe „Beiträge zur Musikgeschichte der Siebenbürger Sachsen (1999-2002)”.

Für das praktische Musizieren hat Karl Teutsch eine Anzahl von Sammelpublikationen herausgebracht, wie „Motetten siebenbürgischer Komponisten” (1987), „Chormusik zeitgenössischer Komponisten aus dem Banat, der Batschka, Russland“ u. a. Es wäre mühsam, die über 1000 (!) Artikel und Aufsätze von Karl Teutsch aufzuzählen, die in Deutschland und Rumänien erschienen sind.

In Weissach verbrachte Karl noch eine schöne Zeit. Er liebte Bach und Orgelmusik. So war er glücklich, das Weihnachtsoratorium, die Johannespassion in der Thomaskirche in Leipzig mit seiner Doris erleben zu können. Sie hatten auch das Glück, Karten für das Jubiläum des Thomanerchores für die Auftritte der Thomaner, des Dresdener Kreuzchores, der Regensburger Domspatzen und des Knabenchores der Universität Cambridge zu bekommen. Gerne hat er auch die Angebote der Maulbronner Musiktage mit seiner Lebensgefährtin Doris Schmidt-Welker besucht.

Karl gab bis zum Einzug ins Heim noch Musikunterricht für Privatschüler. Durch die ständigen Besuche und liebevolle Betreuung im Heim lebte Karl Teutsch sich dort recht gut ein. Er war auch dankbar für die liebevolle Betreuung, die er durch Doris erfuhr.

Den immensen Umfang seines musikwissenschaftlichen Schaffens vollbrachte er in seiner typischen Bescheidenheit. Seine Arbeiten und Veröffentlichungen haben in Deutschland die Sichtweise auf das Musikschaffen der Siebenbürger Sachsen geprägt. Karl Teutsch verstarb am Morgen des 16. Dezember an Kreislaufversagen.

Otto Rodamer

Schlagwörter: Musik, Nachruf, Teutsch, Musikgeschichte, Schäßburg

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