15. März 2022

Väterlicher Freund und Anreger. Erinnerungen an Hans Bergel

Ich erinnere mich noch gut an jenen Tag im Mai 1981, als ich zum ersten Mal die Redaktion der Siebenbürgischen Zeitung beim Sitz der siebenbürgischen Landsmannschaft in der Münchner Sendlingerstraße betrat. Inmitten von Zeitungsstößen, Büchern und Neuerscheinungen saß er da an seiner Olivetti-Schreibmaschine, alles andere als unnahbar: Chefredakteur Hans Bergel, ein Zeitungsmacher zum Anfassen. Von meinem Vorschlag, eine Besprechung von Juliana Fabritius-Dancus eben erschienener Kunstdruckmappe „Sächsische Kirchenburgen aus (sic!) Siebenbürgen“ abzudrucken, zeigte er sich sofort angetan: „Mach ich gerne, Susi kenne ich seit meinen Hermannstädter Jahren.“
Hans Bergel mit seinem Uher Report-Tonbandgerät ...
Hans Bergel mit seinem Uher Report-Tonbandgerät in Dinkelsbühl, von wo er jahrelang für den Bayerischen Rundfunk berichtete (1981). Foto: Konrad Klein
In Erinnerung blieb mir auch ein schwarz gerahmtes Zitat in kalligraphischer Schrift, das rechts an der Wand hing: „Es wanderte aus, wer das Recht liebte. Aufrechte Menschen ziehen die Freiheit dem Vaterland vor.“ Wenn nicht darunter der Name von Georg Daniel Teutsch gestanden hätte, hätte ich es schon von der Wortwahl her für einen echten Bergel gehalten.

Hans Bergel druckte dann meinen Text ohne redaktionelle Eingriffe ab, bezog aber bald darauf Prügel von Juliana „Susi“ Dancu in Bukarest, einige Passagen hatte sie als zu kritisch empfunden. Doch Bergel hatte einen breiten Rücken und ermunterte mich, ihm auch weiterhin Texte und Fotos vorbeizubringen. Es war der Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit so manchem anregenden Gedankenaustausch in Bergels vollgestopftem Redaktionsbüro und bei gelegentlichen Besuchen in seiner oder auch in meiner Wohnung, 1988 auch mal mit Anneli Ute Gabanyi und der damals ausgewanderten Fotoreporterlegende Edmund Höfer vom Neuen Weg.

Wie Hans Bergel das seit Ende 1969 zwanzig Jahre lang alles in einer Ein-Mann-Redaktion mit seiner mechanischen Schreibmaschine bewältigte, ist mir bis heute ein Rätsel, zumal er in jenen Jahren auch zahlreiche Beiträge für den Bayerischen Rundfunk verfasste und überdies freier Mitarbeiter bei Radio Free Europe war. War er in Dinkelsbühl, hatte er neben seinem Reporter-Tonbandgerät auch seine Reiseschreibmaschine dabei, in die er dann nachts noch die Texte für die Siebenbürgische Zeitung (SbZ) tippte. Bei mechanischen Schreibmaschinen sollte es im Übrigen auch lange bleiben, wie sich Brigitte Wolff, 74, von der SbZ-Anzeigenabteilung – 1974 von Bergel ins Leben gerufen – erinnert (Wolff verfügte damals als erste im Haus über eine IBM-Kugelkopf-Schreibmaschine; von den damals fax- und kopiererlosen Jahren ganz zu schweigen, in denen die Zusammenarbeit mit der Druckerei Josef Jägerhuber in Starnberg um einiges schwerer war und letzte Druckunterlagen und Seitenspiegel noch per Eilpost in die Druckerei geschickt wurden).
Ein Haus der offenen Tür: Hans Bergel und Ehefrau ...
Ein Haus der offenen Tür: Hans Bergel und Ehefrau Elke, geb. Raschdorf, 82, in Gröbenzell (2018) – ein Foto mit Seltenheitswert, weil Bergels grimmiger Blick, quasi sein Markenzeichen, fehlt. Foto: Konrad Klein
Zeitsprung ins Jahr 2001, 14. September, drei Tage nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center, Buchhandlung Kirchheim in Gauting, meinem Heimatort. Fast auf den Tag genau sahen sich hier Hans Bergel und Eginald Schlattner nach 42 Jahren zum ersten Mal wieder bei einer Lesung des Letzteren aus seinem Roman „Rote Handschuhe“. Ich schnitt den Abend mit einem Diktiergerät mit und berichtete ausführlich davon (vgl. „Zu spät, Herr Schlattner, zu spät“, in SbZ vom 15. Oktober 2001, S. 7). Hier nun lernte ich Bergel von einer anderen Seite kennen: angriffslustig, kompromisslos, unversöhnt. Fast wäre der Abend geplatzt, hätte nicht der Gast die Lesung vorzeitig verlassen.

Als ob der schon stark von seiner Krankheit ...
Als ob der schon stark von seiner Krankheit gezeichnete Mahner und Zeitgeistkritiker Hans Bergel ahnte, dass uns noch dunkle Zeiten bevorstehen würden: Hier auf einem seiner letzten Fotos, das ihn am Terrasseneingang seines Bungalows in Gröbenzell am 7. Dezember 2021 zeigt. Foto: Konrad Klein
Warum ich das erwähne? Weil mir Hans Bergel den um Objektivität bemühten Bericht nicht übelnahm, im Unterschied zu seinem Kontrahenten. Vor allem aber auch, um zu zeigen, dass er letztlich ein großes Herz hatte, das auch hätte verzeihen können, wenn man ihn darum gebeten hätte. Was ich bei meinem letzten Besuch bei ihm im Dezember vergangenen Jahres erfahren konnte, wo er mir von seinem langjährigen Freund und Protegé, dem ehemaligen Bundeskulturreferenten Peter Marikucza/Maricuza, erzählte, dessen Informantentätigkeit als IM „Popescu“ ihn nachhaltig erschüttert hatte. Gleichwohl war er gewillt, ihm die Hand zu reichen und hatte ihm einen entsprechenden Brief geschrieben. Erst als dieser alles rundweg abstritt, wendete er sich enttäuscht von ihm ab. Wahrhaftigkeit und das Eingeständnis eigener Fehlbarkeit gingen ihm über alles. Man mag sich lieber nicht vorstellen, wie er mit dem von ihm so geschätzten Fritz Cloos und dessen gut bezahlten IM-Aufträgen für die Securitate umgegangen wäre – er schwankte noch lange zwischen Ungläubigkeit und Fassungslosigkeit; vielleicht das Beste für beide, dass Cloos noch vor seiner Enttarnung gestorben war.

Mit Hans Bergel verliere ich einen väterlichen Freund und Anreger, von dessen großem Wissen und dessen unbedingter Hilfsbereitschaft ich viel profitiert habe. Eigenartigerweise blieben wir stets beim Hamburger Sie („Lieber Konrad, haben Sie…?“), aber die herzliche Verbundenheit war über all die Jahre immer spürbar. Seine Briefe und Karten mit dem charaktervollen Namenszug „Herzlich, Ihr HB“ werden mir sehr fehlen.

Konrad Klein

Sich nicht verbiegen lassen

Der erst 1976 der Securitate in die Hände gefallene Agronomieingenieur Ion Gavrilă Ogoranu (1923-2006) zählte zu den am längsten vom Geheimdienst gejagten Partisanen und war bereits zu Lebzeiten eine legendäre Gestalt des bewaffneten antikommunistischen Widerstandes in Rumänien, ähnlich den „Waldbrüdern“ in den baltischen Staaten. (Dass er nach seiner Festnahme nicht hingerichtet wurde, verdankte er einer persönlichen Intervention des amerikanischen Präsidenten Nixon.)

Hans Bergel mit dem wohl bekanntesten ...
Hans Bergel mit dem wohl bekanntesten antikommunistischen Partisanenführer Ion Gavrilă Ogoranu (r.) in Galtiu bei Sântimbru, Kreis Mühlbach (2001). Foto: Ana Blandiana
Als Hans Bergel, der 1945 bis 1947 als Kurier für die „Gruppe Gavrilă“ tätig war, diesen 2001 in Galtiu besuchte, unterhielt er sich die ganze Nacht mit seinem einstigen Weggefährten. Ehe er am nächsten Morgen zum Flughafen aufbrach, hatte er noch eine Frage. „Welches war die Hauptmotivation, die dich das Ganze hat jahrzehntelang aushalten lassen?“ Worauf ihn Gavrilă mit seinen blauen Augen angesehen und nur diesen einen Satz gesagt habe: „Cred in Dumnezeu“ („Weil ich an Gott glaube“). Gavrilăs dreibändige Erinnerungen „Brazii se frâng, dar nu se îndoiesc“ („Die Tannen brechen, doch sie biegen sich nicht“, 1993-1999) sind längst ein Standardwerk der rumänischen Partisanenliteratur (nach einem Gespräch mit Hans Bergel am 10. Oktober 2018; vgl. hierzu auch Renate Windisch-Middendorf, Der Mann ohne Vaterland. Hans Bergel - Leben und Werk, Berlin 2010, S. 29ff.).

In den letzten Jahren fiel Bergels Blick auf die bundesrepublikanische Wirklichkeit zunehmend illusionslos aus. Dies zeigt seine Zeitdiagnose in einer als rechtsintellektuell bekannten Zeitschrift, die durch die aktuell von uns erlebten Umbrüche auf erschreckende Weise an Relevanz gewinnt. „Gelegentlich drängt sich mir ohne Dazutun auf, ob die über sieben Jahre Gefängnis, dazu die Partisanenjahre und der pausenlose verdeckte Widerstand gegen die Diktatur sinnvoll, d.h. der richtige Weg waren. Ich ging – wie viele andere! – diesen Weg in der Vorstellung, ihn meinem Bild von einer freien Welt, die wir im Westen realisiert sahen, schuldig zu sein. Nun, die ‚freie Welt‘ der Deutschen machte mir den Irrtum sofort bewusst.“ (Sezession, Heft 56, 2013)

Ja, Hans Bergel war ohne Frage ein Konservativer - aber eben durchaus auch open-minded. Selbst auf Günter Grass, der 1968 mithalf, ihn aus Rumänien herauszuholen, war er schlecht zu sprechen. Als er ihn 1996 im ORF sah, notierte er empört in seinem Tagebuch vom 23. Januar: „Anstatt seiner Nation (…) zum Zueinanderfinden zu helfen, betont er das Trennende. Als wäre 1989/90 nichts geschehen, bedient er sich ungeniert des marxistischen Vokabulars. So, wenn er sagt, dass die Welt auch nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme ‚des sozialistischen Gedankens‘ bedürfe. Sie bedarf weiterhin des sozialen, nicht aber des sozialistischen Gedankens. Die ehemaligen Stasi-Informanten will Grass unbehelligt wissen: ‚Sie haben selber schwer genug zu tragen.‘ Gilt die Milde auch ehemaligen Gestapo-Informanten?“

Die Spruchkarte, mit der sich Hans Bergel für meine Geburtstagswünsche zum 90. bedankte, hängt immer noch über meinem Schreibtisch. Und gerade in diesen Tagen scheint sie mir noch wahrer zu sein als sonst: „Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die menschliche Dummheit. Aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ (Albert Einstein)

Konrad Klein

Schlagwörter: Kultur, Hans Bergel, Schriftsteller, Publizist, Kommunismus, Widerstand, Siebenbürgische Zeitung

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