29. April 2022

Wie der Kommunismus das Leben zur Hölle machte: Karl Dendorfer zum Neunzigsten

Als ehemaliger Angeklagter im „Schwarze-Kirche-Prozess“ ist Karl Dendorfer einer der wenigen, die das 90. Lebensjahr erreicht haben, trotz dramatischer Einschnitte in seinem Leben. Karl, genannt unter Freunden Charly, gehört zu denjenigen Kronstädtern, die das Pech hatten, in die Fänge der Securitate zu gelangen, obwohl kein triftiger Grund dazu bestand. Er wurde gemeinsam mit weiteren 19 Kronstädtern im sogenannten „Schwarze-Kirche-Prozess“ im Alter von 25 Jahren verhaftet. Im Prozess beantragte der Richter für vier Angeklagte die Todesstrafe, für andere fünf lebenslängliche Haft.
Karl Dendorfer im Oktober letzten Jahres. Im ...
Karl Dendorfer im Oktober letzten Jahres. Im Hintergrund seine Frau Irmgard (Irmi), eine gebürtige Danzigerin. Wegen eines in der Haft zugezogenen Augenleidens kann „Charly“ nur noch mit Mühe lesen. Foto: Konrad Klein
Geboren am 29. April 1932 in Kronstadt, blieb Karl im Alter von 16 Jahren ohne Vater. So entschloss er sich, die Mutter zu unterstützen, und fing nach dem Abitur an, Geld zu verdienen. In der Freizeit besuchte er gemeinsam mit Jugendlichen Vortragsabende bei Stadtpfarrer Konrad Möckel, der versuchte, der jungen Generation die Werte der sächsischen Gemeinschaft zu vermitteln. Diese Treffen wurden argwöhnisch von der Securitate bespitzelt und ab da nahm das Unheil seinen Lauf. Am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1957 wurde Charly verhaftet, zum Prozess kam es erst im November 1958, eine lange, ungewisse Zeit, die er in Untersuchungshaft verbringen musste.

Das Militärgericht erhob am 22. Dezember 1958 fadenscheinige und absolut unreelle Anschuldigungen gegen Karl Dendorfer und andere Angeklagte. Das Strafmaß wurde vom Staatsanwalt wie folgt verkündet: Todesstrafe für Karl Dendorfer, Horst Depner, Konrad Möckel und Günther Volkmer. Die anderen Beschuldigten wurden zu vielen Jahren bis lebenslang verurteilt. Im Laufe der Haftzeit wurde die Todesstrafe in lebenslänglich in schwerem Kerker umgewandelt. Für Charly folgten viele Jahre der Haft in den Gefängnissen von Zeiden, Piteşti, Gherla, Dej und Jilava unter teils unmenschlichen Bedingungen. 1964 wurden alle politischen Häftlinge begnadigt, so war auch Charly wieder ein freier Mensch, allerdings halb blind und TBC-krank. Seine neue Lebensphase begann im „Spitalul Mărsescu“ in Kronstadt, wo er monatelang behandelt wurde. Dann wurde er als gesund entlassen, und konnte sich, dank der Hilfe vieler Freunde, monatelang über Wasser halten, bis ihn sein Freund aus der Kindheit, Paul Hamsea, bei sich aufnahm. Eine Wohnung hatte er keine, nachdem die Mutter während seiner Haftzeit gestorben war. Dank verschiedener Fürsprachen gelang ihm 1966 die Ausreise nach Deutschland.
50 Jahre danach bei einer Tagung 2008 in Bad ...
50 Jahre danach bei einer Tagung 2008 in Bad Kissingen: Andreas Möckel (Erster von links), Sohn von Pfarrer Konrad Möckel, zusammen mit sieben Opfern des Schwarze-Kirche-Prozesses und des Prejba-Prozesses, von links: Teodor Moldovan-Sponer, Werner Knall, Emil Krafft (Popescu), Karl Dendorfer, Peter Hönig, Gerhard Gross und Hans Bordon. Foto: Gerald Volkmer
Seinen ganzen beruflichen und sozialen Werdegang wollen wir hier nicht auflisten, er bekleidete auch hier den Beruf des Bankkaufmanns. Da er sich in Geldangelegenheiten gut auskannte, stellte er sich ehrenamtlich als Rechnungsprüfer der Landesgruppe Baden-Württemberg des Verbandes der Siebenbürger Sachsen zur Verfügung, ein Amt, das er dreißig Jahre lang ausübte. Im Jahre 2010 verlieh ihm die Landesgruppe das Silberne Ehrenwappen. Auch im Vorstand der Heimatgemeinschaft der Kronstädter war Karl Dendorfer aktiv. Als sich der Stammtisch der Kronstädter in Stuttgart gründete, war er natürlich auch dabei. Bis im vergangenen Jahr besuchte er ihn monatlich, aber jetzt schafft er es nicht mehr, da seine Motorik nachließ. Wir sind aber froh, dass uns Charly ein guter Freund wurde. Aus vielen Erzählungen von ihm, aber auch vom Mithäftling Peter Hönig, erfuhren wir über das perfide, kriminelle Vorgehen der Kommunisten.

Einen bemerkenswerten Vortrag hielt Karl Dendorfer im November 2009 im Rathaus Mannheim-Neckarau, wo die Zuhörer erfuhren, wie den Angeklagten das Leben zur Hölle gemacht wurde. Es ist mehr als tragisch, dass einige wenige Unschuldige für ein ganzes Völkchen büßen mussten, ohne auch nur im geringsten Maße schuldig gewesen zu sein. Sein Wissen als Zeitzeuge hat Karl Dendorfer in zahlreichen Vorträgen, in Aufsätzen in den Büchern „Der Schwarze-Kirche-Prozess. Erlebnisberichte und Dokumentation“ (Kronstadt, 2011) und „Aus dem Schweigen der Vergangenheit“, Band II (Hermannstadt, 2017), sowie in der Siebenbürgischen Zeitung und anderen Publikationen als Mahnung für eine bessere Welt weitergegeben.

Lieber Charly, herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag, alle Gute für die weiteren Jahre, danke, dass du durchgehalten hast.

Ortwin Götz

Schlagwörter: Kultur, Schwarze-Kirche-Prozess, Kronstadt, Kommunismus

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