8. August 2006

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Hirnforscherin Hannah Monyer im Gespräch

„Die Wissenschaft von heute bestimmt unsere Lebensqualität von morgen.“ Mit diesem Zitat des deutschen Nobelpreisträgers für Physik 2005, Prof. Theodor W. Hänsch, eröffnete der Festakt der Verleihung des diesjährigen Forschungspreises der Philip Morris Stiftung am 26. Juli in München-Riem. Festredner war Theodor W. Hänsch, Direktor des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik, der diese mit insgesamt 100 000 Euro dotierte Auszeichnung bereits zwei Mal entgegengenommen hat. Mit dem Forschungspreis 2006 wurde eine Siebenbürgerin ausgezeichnet: die Neurobiologin Prof. Dr. Hannah Monyer.
Hannah Monyer ist seit 1999 Direktorin der Abteilung Klinische Neurobiologie der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg. Die 1957 in Großlasseln geborene Wissenschaftlerin erforscht die molekularen Grundlagen der Gehirnaktivitäten. 2004 erhielt sie den mit 1,55 Millionen Euro höchst dotierten deutschen Forschungspreis, den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis. Die vielsprachige, hochmusikalische (Klavier) Elitewissenschaftlerin äußert sich in dem folgenden Gespräch, das Christian Schoger führte, nicht nur über ihre Forschungsarbeit (siehe Information unten), sie bezieht darüber hinaus auch (selbst)kritisch Position in gesellschaftspolitischen Fragen und hinterfragt ihre siebenbürgische Identität.

Frau Prof. Monyer, herzlichen Glückwunsch zum Forschungspreis der Philip Morris Stiftung. Mit dieser Auszeichnung wächst nicht nur Ihr wissenschaftliches Renommee, sondern auch der öffentliche Erwartungsdruck. Trübt das Ihre Freude ein wenig?
Prof. Hannah Monyer: Die Freude dominiert schon. Gerade in Zeiten, wo Forschungsgelder knapp werden, das Einwerben von Drittmitteln immer schwieriger wird, ist es schön, von außen diese Anerkennung zu erfahren. Es ist aber auch gesellschaftlich wichtig, dass nicht nur Profifußballern, sondern auch Wissenschaftlern solche öffentliche Anerkennung zuteil wird. Die Publicity hilft, Nachwuchswissenschaftler zu rekrutieren. Die Konkurrenz auf dem Gebiet der Neurowissenschaften ist groß. Was den Erwartungsdruck anbelangt: Selbst auferlegter Leistungsdruck ist eigentlich der größte Druck. Diese Arbeit ist der Inhalt meines Lebens.

Wie haben Sie die Protestaktion gegen den Stiftungsträger, das amerikanische Tabakunternehmen Philip Morris, erlebt? Beim Gang über den roten Teppich kam jeder Veranstaltungsteilnehmer an der Banderole mit der Aufschrift „Massenmörder“ vorbei.
Prof. Monyer: Ich habe den Protest natürlich wahrgenommen, habe aber aus folgenden Gründen kein Problem damit. Die Stiftung, die diesen Preis verleiht, wird zweifellos aus einem Tabakunternehmen finanziert. Sicher ist es wichtig, dass es in unserer Gesellschaft eine fundierte Aufklärung gibt, um zu verhindern, dass Jugendliche in Abhängigkeit verfallen. Es ist aber sehr schwierig, in unserer Gesellschaft Forschung zu betreiben und nur mit Geld zu arbeiten, bei dem man bis ins kleinste Detail davon überzeugt ist, dass die Mittel aus einer Quelle kommen, wo man mit allem einverstanden ist. Ich arbeite mit Drittmitteln von großen Pharmaunternehmen. Und die größten Drittmittel kommen von der Bundesrepublik selbst. Ich bin auch nicht mit allen Entscheidungen, die in diesem Land getroffen werden, einverstanden. Die Jury hat im Übrigen mit dem Konzern selbst gar nichts zu tun. Es sind Forscher, die die Leistungen der Bewerbungen beurteilt haben, und ich habe diesen Preis für meine Forschungsarbeit bekommen. Schließlich glaube ich nicht, dass von Philip Morris Reklame damit gemacht wird für eine Zigarettenwerbung. Das würde ich nicht akzeptieren.

Festakt in der Wappenhalle am Alten Flughafen München-Riem: Prof. Hannah Monyer erläutert ihre Forschungsarbeit im Gespräch mit Moderator Dr. Norbert Lossau, Leiter des Ressorts Wissenschaft der Zeitung
Festakt in der Wappenhalle am Alten Flughafen München-Riem: Prof. Hannah Monyer erläutert ihre Forschungsarbeit im Gespräch mit Moderator Dr. Norbert Lossau, Leiter des Ressorts Wissenschaft der Zeitung "Die Welt". Foto: Christian Schoger

Den Leibniz-Preis erhielten Sie für Ihre grundlegenden Arbeiten über die Kommunikation von Gehirnzellen und wie dadurch unser Denken und Verhalten beeinflusst wird. Geraten Sie als Naturwissenschaftlerin da nicht immer wieder auf geisteswissenschaftliches Territorium?
Prof. Monyer: Natürlich. Die europäische Philosophie hat sich seit 2500 Jahren im Prinzip mit denselben Problemen beschäftigt, die auch uns Hirnforscher beschäftigen. Das hat alles mit unserer Identität zu tun und mit dem, was nach unserem Tod passieren wird. In den Naturwissenschaften nehmen wir darauf Bezug, und bei ganz modernen Fragestellungen müssen wir uns immer darüber im Klaren sein, dass zwar die Techniken, mit denen wir diese angehen, modern sind, nicht aber die Fragen. Als Naturwissenschaftler haben wir generell eine engere Sicht der Dinge.

Bei Ihnen scheint dieses geisteswissenschaftliche Interesse auffallend ausgeprägt zu sein.
Prof. Monyer: Das stimmt. Mich hat schon im Medizinstudium Literatur sehr interessiert, auch Philosophie. In meinen privaten Interessen führe ich Dialog auch mit Philosophen unserer Zeit. Ich unterrichte z. B. an der Universität von Padua, bin im Herbst von der Philosophischen Abteilung der Universität von Siena eingeladen. Ich partizipiere sehr häufig an interdisziplinären Symposien.

Inwiefern bereichert dieser Zugang Ihre Forschungsarbeit?
Prof. Monyer: Mich interessiert das Denken und Lernen, vor allem die Plastizität des jungen Gehirns, also seine Veränderungsfähigkeit. Wir erzeugen genetisch veränderte Mäuse und untersuchen dann die Lernfähigkeit dieser Tiere. Ich finde es aber genauso wichtig, sich diese Fragestellung in der Belletristik anzuschauen. So habe ich mich u. a. auch mit einer Erzählung von Borges beschäftigt, wo es um das Vergessen geht. Das gleiche Thema. Ich versuche als Naturwissenschaftlerin die Brücke zu schlagen von dem Molekül zu dem, was andere auch beschäftigt, die nur eine andere Vorgehensweise gewählt haben.

Machen Sie Ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse für Ihr Alltagsleben konkret nutzbar?
Prof. Monyer: Eigentlich nicht. Es gibt natürlich einige längst allgemein bekannte Fakten. Beispielsweise das Wissen darüber, dass das Gehirn an einem Tag so viel mehr leisten kann, wenn man sich nur eine gewisse Zeit mit einem Thema beschäftigt und dann zu etwas anderem übergeht und dann wieder zurückkommt. Auch das Wissen um sinnvolle Pausen beim Einüben von Musikstücken. Zur Einsicht, wie man ein gesundes Leben führt und leistungsfähig ist, benötigt man keine Molekularbiologie. In meiner Lebensführung sollte ich gelegentlich mehr beherzigen, wovon ich rational weiß, dass es gut ist.

Können Sie ein Beispiel geben?
Prof. Monyer: Mir ist bewusst, dass jetzt ein Urlaub überfällig wäre, und nichtsdestotrotz will ich dieses Projekt erst abschließen, bevor ich in den Urlaub fahre. Aber ich treibe viel Sport. Musik ist für mich ein Ausgleich. Ich mag es, mir ein Stück am Klavier konzentriert zu erarbeiten. Alles um sich herum zu vergessen, ist ein einzigartiges Glücksgefühl.

Sie sind in Siebenbürgen aufgewachsen, besuchten in Klausenburg das Lyzeum. Als 17-jährige Gymnasiastin flüchteten Sie allein nach Deutschland und machten in Heidelberg Abitur. Reichte das Niveau Ihrer Schulausbildung aus, um den Übergang zu schaffen?
Prof. Monyer: In Klausenburg besuchte ich das englische Gymnasium Ady-Sincai. Es war ein sehr intensiver Unterricht, eine exzellente Schule mit großartigen Lehrern. Das erworbene Wissen hat locker ausgereicht, um in Heidelberg ein gutes Abitur hinzulegen. Vieles von dem, was ich später erreicht habe, führe ich nicht nur darauf zurück, dass ich leicht gelernt habe, diszipliniert und fokussiert bin. Ich hatte auch wahnsinnig Glück mit meinen Lehrern und habe bis heute noch Kontakt zu ehemaligen Lehrern, auch aus Rumänien, ebenso zu einigen ehemaligen Mitschülern. Nächstes Jahr werde ich zum 30-jährigen Abiturtreffen nach Klausenburg fahren.

Was macht das Spezifische Ihrer sächsischen Identität aus?
Prof. Monyer: Ich bin eine Sächsin aus Rumänien. Sehr typisch und wichtig finde ich, in diesen zwei Kulturen groß geworden zu sein. Einerseits in der Familie das Sächsische: Wir sprechen bis heute Mundart. Es hat mich geprägt, in der deutschen Schule in Hunedoara (Eisenmarkt) gewesen zu sein und damit den ersten Zugang zu deutscher Kultur erhalten zu haben. Die Gründlichkeit, die Fokussiertheit bei meiner Arbeit schreibe ich der deutschen Kultur zu. Genauso wichtig ist mir, dass sich das alles in Rumänien abgespielt hat. Das Rumänische hat mich gerade in Klausenburg sehr geprägt. Damit verbinde ich das Extrovertierte, den Humor.

In einem Interview, das Sie letztes Jahr dem Südwestrundfunk gegeben haben, erklärten Sie den Hörern in Mundart die Herkunft der Siebenbürger Sachsen. Sie beherrschen neben Rumänisch und Englisch auch Italienisch und Französisch. Das hilft Ihnen sicher in Ihrem Labor in Heidelberg, wo Sie vierzig Mitarbeiter aus aller Herren Länder beschäftigen.
Prof. Monyer: Stimmt. Die Arbeitssprache im Labor ist freilich Englisch. Immer wieder haben wir Mitarbeiter, die aus den Staaten oder aus England kommen. Es sind aber auch Rumänen in meinem Team, Russen, Italiener, Franzosen. Mit Mitarbeitern, deren Sprache ich kenne, spreche ich schon auch in deren Muttersprache.

Stichwort Karrierechancen von Medizinerinnen in Deutschland: Wie erklären Sie sich den – trotz bestehender Förderinstrumente - nach wie vor eklatant niedrigen Frauenanteil an (C4-)Professuren?
Prof. Monyer: Die Förderinstrumente sind einfach nicht ausreichend gemessen an der Situation in anderen Ländern, in Schweden, Norwegen, aber auch in Italien und Frankreich, wo es bessere Rahmenbedingungen, mehr Tagesstätten gibt. Tendenzmäßig ist es in Deutschland zwar besser geworden, aber da ist noch viel zu tun. Während des Studiums ist die Frauenförderung meines Erachtens perfekt. Die meisten Medizinerinnen, die sich danach aber für Karriere und Beruf entscheiden, haben keine Kinder. Es geht jedoch im weiteren Sinne um Familienförderung und das Problem der zurückgehenden Geburtenrate.

Haben Sie sich auf Ihrem Weg zur Elitewissenschaftlerin persönlich gegenüber männlichen Kollegen gelegentlich benachteiligt gefühlt?
Prof. Monyer: Nie. Es war ein großer Verzicht im privaten Bereich, das ist wohl wahr. Aber ich habe nie die Erfahrung gemacht, als Frau benachteiligt gewesen zu sein, weder in den USA, noch in Deutschland.

Sie forschen an Mäusen und übertragen die Erkenntnisse aus Ihren Experimenten auf das menschliche Gehirn. Dient Ihre Arbeit vordringlich therapeutischen Zwecken?
Prof. Monyer: Die Frage, die uns beschäftigt, ist: Wie funktioniert das normale, das gesunde Gehirn im Zusammenhang mit Denken und Lernen. Das funktioniert beim Menschen nicht so viel anders als bei der Maus. Bestimmte Grundprinzipien und Vorgänge sind gleich. Man kann schon davon ausgehen, dass viele dieser Erkenntnisse eines Tages auch therapeutisch nutzbar sein werden. Es gibt viele neurologische Erkrankungen, bei denen diese Prozesse gestört sind, bei fortgeschrittenem Parkinson, bei Alzheimer-Erkrankung, aber auch bei einigen psychischen Erkrankungen, bei Autismus oder Schizophrenie. Diese Erkrankungen gehen einher mit gestörten Denkprozessen. Wir erhoffen uns natürlich, dass eines Tages diese Grundlagenerkenntnisse auch zur Entwicklung von innovativen Therapien führen werden, aber das ist nicht das primäre Ziel.

Sie arbeiten an vielen verschiedenen Forschungsprojekten. Gesetzt denn Fall, Sie hätten einen Wunsch frei: Welche spannende Frage würden Sie dann gerne beantworten können?
Prof. Monyer: Keine andere als die, an der ich gerade arbeite. Ich wüsste gerne, wie neu Gelerntes irgendwo abgespeichert wird. Also: Ich lerne ein neues Gedicht. Wie genau wird es abgespeichert und wie genau hole ich es wieder hervor, wenn ich mich daran erinnern möchte.

Verraten Sie uns zu gegebener Zeit bitte des Rätsels Lösung. Vielen Dank für das Gespräch.



Ausgezeichnete Forschungsleistung: Denken durch Dirigentenzellen

Was geht in unserem Gehirn vor sich, wenn wir sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken, wenn wir denken, lernen, uns erinnern oder vergessen? Die Leistungen des Großhirns gehen einher mit der gleichzeitigen Aktivität von Hunderten und Tausenden von Nervenzellen. Damit aber solche, zum Teil weit voneinander entfernte Zellen im Millisekundenbereich synchron aktiv sein können, gibt es Dirigentenzellen, die GABAergen Interneuronen. Diese Interneuronen, die im Großhirn etwa zehn Prozent der Gesamtpopulation ausmachen, sind in der Lage, ganze Netzwerkverbände anderer Zellen zu synchronisieren. „In meinem Labor“, erläutert dazu Hannah Monyer, Direktorin der Abteilung Klinische Neurobiologie der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg, „arbeiten wir an den GABAergen Interneuronen. Wird so eine Nervenzelle aktiv, schüttet sie an ihren bis zu 10 000 Synapsen den Botenstoff GABA (gamma-Aminobuttersäure) aus und kann damit Tausende von Zellen steuern. Die Aktivität der nachgeschalteten Neuronen wird entsprechend verändert. Diese Nervenzellen fungieren gleichsam als eine Art Taktangeber.“

Monyers Forscherteam sucht diese Zellpopulation auf molekularer Ebene zu charakterisieren: „In meinem Labor beschäftigen uns die Fragestellungen: Was ist das Besondere an diesen Zellen? Wieso können sie etwas, was andere Zellen nicht können und welche Gene sind dafür verantwortlich? Uns interessiert das genetische ‚Make up’. Welche Proteine generiert eine solche Zelle.“ An für diese Forschungszwecke getöteten Mäusen werden Hirnschnitte durchgeführt. „Wir erzeugen genetisch veränderte Mäuse, in denen wir konkret und selektiv nur diese Dirigentenzellen so verändern, dass sie bestimmte Leistungen nicht mehr vollbringen können. Wir untersuchen dann in dem Tier viele kognitive Leistungen, um zu sehen, welche sich verändert haben. Es geht um räumliches Denken, Lernen, Kurz- und Langzeitgedächtnis. Wir schauen uns das von der molekularen bis zur Verhaltensebene an.“

Die Information über diese Zellpopulation sei noch relativ gering, so Monyer. GABAerge Interneurone seien in einem Hirnschnitt nicht leicht zu entdecken: „Einige Mäuse haben wir gentechnisch derart verändert, dass sie in den Interneuronen fluoreszierende Proteine bilden. Diese Hirnzellen lassen sich nun leichter finden. Die Untersuchungen gehen demzufolge rascher vonstatten.“ Monyer konnte durch den Einsatz elektrophysiologischer Techniken u. a. nachweisen, dass Interneurone nicht nur über Botenstoffe mit anderen Zellen kommunizieren, sondern auch mittels elektrischer Kontaktstellen.

Christian Schoger


Schlagwörter: Interview, Wissenschaft, Monyer, Großlasseln

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