15. Juli 2002

Erich Türk

Erich Türk (30) unterrichtet gegenwärtig an der Klausenburger Musikakademie Orgel, Kammermusik, Cembalo und Generalbass. Er studierte Orgel in Klausenburg mit Ursula Philippi und in Wien mit Michael Radulescu, sowie Cembalo in Wien bei Gordon Murray. Türk besuchte zahlreiche Meisterkurse für Orgel, Cembalo und Generalbass in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Portugal und in Moskau. Als Solist sowie als Kammermusiker und Chordirigent bestreitet er eine rege Konzerttätigkeit im In- und Ausland. Im Jahre 2000 gewann er beim internationalen "J.S. Bach-Orgelwettbewerb" des Festival van Vlaanderen in Brügge den 2. Preis und den Publikumspreis. Seit 1996 ist Erich Türk Mitglied des bekannten Barockensembles "Transilvania". Die Fragen stellte Robert Sonnleitner.
Erich, wir kennen uns aus unserer Schulzeit am Brukenthal Lyzeum in Hermannstadt. Inzwischen bist du viel herumgekommen. Heute lebst du in Klausenburg. Fühlst du dich inzwischen noch als Hermannstädter?

Nicht so richtig, schließlich bin ich ja auch in Klausenburg geboren und bis zur 8. Klasse dort in die Schule gegangen. Meine vier Hermannstädter Jahre sind mir jedoch immer noch in angenehmster Erinnerung, und jedes Mal, wenn ich nach Hermannstadt komme, fühle ich mich mehr oder minder heimisch. Das hängt aber auch damit zusammen, dass ich noch immer Freunde in Hermannstadt habe.

Woher rührt deine Liebe zur Musik? Wie ging es bei dir nach dem "Bruk" weiter?

Meine Eltern sind beide Musiker. Um eine Zeit, und zwar in der 6. Klasse, ist meine Liebe zur Musik in Hass umgeschlagen, als das viele Üben und die vielen zusätzlichen Stunden aus der Musikschule mir zuviel wurden. Ab der 7.Klasse bin ich dann nicht mehr in die Musikschule gegangen. Später fand ich jedoch die Orgel interessant und in meinen Hermannstädter Jahren hatte ich dann auch Gelegenheit, bei Ursula Philippi Unterricht zu erhalten. Damals war das eine ziemlich aussichtslose Sache, denn vor 1990 gab es in Rumänien kein Orgelstudium und ins Ausland konnte man auch nicht. Vielleicht ergriff mich gerade deshalb wieder Liebe zur Musik, weil es dabei keinen Leistungsdruck gab (wie z.B. "das muss bis zur Aufnahmeprüfung klappen"). Zum Glück kam die Revolution für mich zur rechten Zeit. Denn als ich 1990 das "Bakk" hinter mich gebracht hatte, konnte man am Klausenburger Konservatorium wieder Orgel studieren. Das habe ich dann auch getan.

Wie kommt es, dass du heute noch in Siebenbürgen lebst und nicht wie alle anderen ausgereist bist?

Meine Eltern wollten nicht weg, daher haben sie auch keine RU-Nummer beantragt. Als wir es dann eines Tages doch taten, kam nach einigen Jahren die Antwort, wir wären wegen unseres Deutschtums nicht benachteiligt und überhaupt ginge es uns ja gut. Außerdem, Türk sei doch kein deutscher Name (gezeichnet Zarbo), und wir möchten doch bitte zu Hause bleiben. Mit oder ohne RU-Nummer, ich habe mir nie ernsthaft gewünscht, in Deutschland zu leben, und eigentlich geht es uns tatsächlich ganz gut hier. Ich habe während meines Studiums zwei Jahre in Wien gelebt und dabei das westliche Alltagsleben gekostet. Das reicht vorerst einmal. Wenn sich je die Gelegenheit ergeben sollte, würde ich nach Prag ziehen. Das ist ein Ort, an dem ich gerne heimisch werden würde.

Du warst einige Jahre Kirchenmusiker der ev. Kirche in Mediasch. Danach hast du den Jugendchor der Bistritzer ev. Kirche geleitet. Kannst du uns etwas über deine kirchenmusikalische Tätigkeit erzählen?

Nun, Orgel und Kirchenmusik gehören ja zusammen. Das hat sich wie von selbst ergeben, als mein Studium sich dem Ende zuneigte, wurde die Organistenstelle in Mediasch frei. Da ich die Orgel dort immer schon wunderbar fand und wir auch da gute Freunde hatten, habe ich die Stelle angestrebt und erhalten. Das Pendeln war mitunter mühsam, denn zeitweise war ich Student in Wien und Klausenburg, unterrichtete außerdem in Klausenburg und fuhr jeden Sonntag nach Mediasch zum Orgelspielen (und etwas später auch, um den Chor zu leiten). Die Zeit in Mediasch war eine sehr fruchtbare, es war mein erster Job, das erste Mal, dass ich meine erworbenen Kenntnisse einsetzen durfte, und ich habe dabei sehr viel praktische Erfahrung gesammelt. Spaß hat es auch gemacht. Ich musste die Stelle vor zwei Jahren leider aufgeben, weil sie einfach zu viel Aktivität und Fahrerei mit sich brachte und ich auch als Familienvater Verpflichtungen hatte. Trotzdem bin ich bald danach zu den Bistritzern gependelt, zunächst vertretungsweise. Anfangs bin ich eingesprungen, um eine schon geplante Konzertreise nach Österreich und Deutschland vorzubereiten und mitzuwirken. Dann aber wurde doch mehr daraus, da diese Zusammenarbeit sowohl mir als auch dem Chor sehr gut bekam.

An der Mediascher Barockorgel hast du im Sommer 2001 eine CD aufgenommen. Ist diese Audio-CD noch erhältlich?

Ja, sie wird vom Mediascher Pfarramt verkauft. (Pta Castelului 2, RO-3125 Medias)

Du bist Mitglieder des Barockensembles "Transilvania". Ihr tingelt seit einiger Zeit durch den Westen und macht von euch reden. Seit wann gibt es das Barockensemble "Transilvania"? Wie kommt es, dass ihr so erfolgreich seid?

Das Barockensemble "Transilvania" gibt es seit 1996. Zunächst hieß es "Trio Barock", später dann übernahmen wir unseren jetzigen Namen. Nicht nur, dass wir aus Siebenbürgen stammen, wir haben drei verschiedene Muttersprachen und vier Konfessionen und spielen auch einheimische Barockmusik. Da bietet sich dieser Name geradezu an, auch wenn im Westen manch einer unweigerlich zuerst an Dracula denkt. Wieso wir so erfolgreich sind? Das liegt gewiss auch teilweise an unserem Repertoire. Die siebenbürgischen Stücke, die wir spielen, finden großen Anklang. Außer uns spielt sie so gut wie niemand. Andererseits haben wir auch gelernt, immer abwechslungsreiche, farbige Programme zusammenzustellen. Schon des Öfteren kamen Stimmen aus dem Publikum, die 2 Konzertstunden würden im Nu vergehen. Auch was unser Spielen anbelangt, haben wir uns stetig bemüht, besser zu werden, der historischen Aufführungspraxis gerecht zu werden. In diesem Sinne sind wir auch auf historische Instrumente umgestiegen, vor allem für unseren Kollegen István Nagy war es eine große Herausforderung, auf der Traversflöte spielen zu lernen.

Welche Art von Musik spielt ihr? Was gehört zu eurem Repertoire?

Wir sehen es als unsere Aufgabe, die siebenbürgische Barockmusik zum Leben zu erwecken und im In- und Ausland zu Gehör zu bringen. Unser Kollege Zoltán Majó hat aus verschiedenen Manuskripten Tänze herausgesucht, für unsere Formation arrangiert und zu Suiten zusammengestellt. Aber auch das gängige Repertoire ist in unseren Programmen vertreten mit Komponisten wie Telemann, Händel, Boismortier, Couperin, Sammartini, Vivaldi, usw. Eine neue Perspektive hat sich ergeben, als wir 1999 ein erstes Stück bei meinem Vater, der Komponist ist, bestellten. Die Partita in stile antico, die er für uns geschrieben hat, hatte so großen Erfolg, dass wir ein Jahr später noch ein Stück bestellten für unseren Konzertauftritt in der Till Eulenspiegel-Stadt Schöppenstedt zu Tills 700. Geburtstag. Das Resultat, "Ein kurzweilig Schwank", gehört inzwischen auch zu unserem festen Repertoire. Inzwischen haben wir auch bei anderen Komponisten Stücke bestellt, vielleicht werden es ebensolche Publikumserfolge.

Interessant ist die ethnische Zusammensetzung des Ensembles. Kannst du uns deine Kollegen kurz vorstellen?

Wir sind zwei Ungaren, ein Rumäne und ein Siebenbürger Sachse. István Nagy, erster Flötist im Orchester der Rumänischen Oper aus Klausenburg, ist der Gründer des Ensembles. Als wir zu historischen Instrumenten überwechselten, lernte er mit 58 Jahren praktisch ein neues Instrument zu spielen. Die Traversflöte ist zwar auch eine Flöte, aber sie hat keine Klappen wie die moderne Flöte und ist auch sonst viel sensibler, hat ganz andere Griffe und teilweise auch eine andere Blastechnik. Zoltán Majó war auch Flötist in der Rumänischen Oper, hat aber durch seine Leidenschaft für alte Musik früh zur Blockflöte gefunden. Er hat zahlreiche Meisterkurse im Ausland besucht und mit vielen Ensembles zusammengearbeitet. Er unterrichtet nun auch an der Musikhochschule Blockflöte. Ciprian Câmpean spielt Cello im Orchester der Philharmonie, er ist erst seit drei Jahren in unserer Formation. Davor haben wir mit Florin Cârlejan (Fagott) gespielt. Wenn wir auf Tournee sind, sind wir über mehrere Wochen auf Gedeih und Verderb einander ausgesetzt, wir fahren im selben Auto, essen am selben Tisch, schlafen im selben Haus. Trotzdem kommen wir immer noch sehr gut miteinander aus, was durchaus nicht selbstverständlich ist. Nicht zuletzt deshalb haben wir den Namen "Transilvania" für unser Ensemble gewählt, weil wir durch unsere Arbeit ein Stück gelebte siebenbürgische Toleranz verkörpern.

Steht eure nächste Konzerttournee schon fest? Von wem werdet ihr normalerweise "gebucht"?

Wir planen und organisieren gerade unsere nächsten Konzertreisen für Herbst 2002 (28.9.-16.10) und Frühjahr 2003 (6.3.-16.3.). Wir sind noch nicht ausgebucht. Gewöhnlich kommen unsere Konzerte über Bekannte und auf Tourneen zustande, oft in Kirchen, manchmal auch in Konzertsälen und Museen. Die Zeidener HOG hat im April ein Konzert für uns organisiert, wir haben auch für Rotaryclubs gespielt, oder für das Europäische Patentamt, die rumänische und ungarische Botschaft in Den Haag.

Wo erhält man weitere Informationen über das Ensemble, Konzerttermine, CD Bestellung, usw.?

Leider ist die Homepage, die wir vor vier Jahren gemacht haben, vollkommen überholt. Vorübergehend gab es noch eine andere, aber die ist jetzt auch nicht mehr aktuell. Wir werden aber in naher Zukunft eine neue einrichten und regelmäßig aktualisieren. Alle Interessierten können mir einstweilen mailen (erich@internet.ro), ich schicke ihnen gerne Information über Konzerttermine, CDs usw. Ab September wird die erste von unseren CDs wahrscheinlich unter www.periodrecording.org via Internet angeboten.

Im Jahre 2000 hast du erfolgreich an einem internationalen Orgel-Wettbewerb teilgenommen. Kannst du uns darüber berichten? An welchen Wettbewerben willst du noch teilnehmen?

Ich war im Sommer 2000 beim Bach-Wettbewerb in Brügge. Da findet jedes Jahr eines der bedeutendsten Festivals für alte Musik statt. Im Bach-Jahr 2000 gab es einen Orgelwettbewerb mit Werken von Bach (in anderen Jahren wird der Wettbewerb auch für Cembalo oder Kammermusik veranstaltet). Der 2. Preis und der Publikumspreis gingen an mich, was mich außerordentlich freute. Bemerkenswert fand ich, dass die Jury Musikalität und Raffinesse stärker gewichtete als Fehlerlosigkeit und schnelles Spiel (bei vielen Wettbewerben wird leider anders verfahren). Im November möchte ich wieder zu einem Wettbewerb fahren, nach Kotka in Finnland. Auch dort geht es um Barockmusik. Es ist für mich ein wesentlicher Ansporn, für einen Wettbewerb zu üben und auch beim Anhören der anderen Kandidaten kann man sehr viel lernen. Das ist eigentlich noch wichtiger, als zu gewinnen.

Bleibt neben den vielen Auftritten im In- und Ausland eigentlich noch Zeit für ein Privatleben?

Das Privatleben kommt manchmal schon zu kurz, aber andererseits gibt es wieder Zeiten, wo ich mir relativ viel Zeit für meine Familie nehmen kann. Letztes Unterrichtsjahr habe ich pausiert und mir ein Jahr Vaterschaftsurlaub genommen. Das tat uns allen sehr gut. Meine Frau spielt Harfe in der Klausenburger Rumänischen Oper und studiert jetzt neuerdings auch Psychologie. Da sind wir beide oft etwas gestresst, aber dessen ungeachtet nehmen wir uns Zeit für unsere Kinder Philipp und Paul (5 bzw. 2 1/2 Jahre).

Danke für das Gespräch.

Schlagwörter: Interview, Musik

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