4. April 2009

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Interview mit Dr. Barbara Schöfnagel: Neues Leben in Probstdorf

Seit zwei Jahren engagiert sich Dr. Barbara Schöfnagel, Attachée für soziale Angelegenheiten der Österreichischen Botschaft in Bukarest, für die Entwicklung des kleinen Dorfes Probstdorf (Stejărişu) im oberen Harbachtal. Bereits seit 1970 ist Schöfnagel eng mit Rumänien verbunden, als sie infolge des damaligen Hochwassers als Helferin in das Land kam. Das Armutsbekämpfungsprojekt in Probstdorf führt die 60-jährige Wienerin seit 2006 neben ihren dienstlichen Verpflichtungen durch. Die Anerkennung ihres Dienstherren bleibt ihr dennoch nicht verwehrt. Zur Eröffnung der Werkstätten im Oktober 2008 besuchte auch der österreichische Botschafter Dr. Martin Eichtinger Probstdorf. Das folgende Interview führte Holger Wermke.
Warum fiel die Wahl für Ihr Projekt auf Probstdorf?

Für das Projekt habe ich einen Ort gesucht, wo einerseits ein Gebäude für die theoretischen Schulungen existiert und auf der anderen Seite auch Unterkünfte für die Projektbeteiligten vorhanden sind. In Probstdorf war Ing. Wolfgang Hosiner seit 1990 tätig. Wir schlossen uns zusammen, um das Projekt gemeinsam umzusetzen. Hinzu kam, dass mich Probstdorf durch das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Volksgruppen und dem noch nicht zerstörten Ortsbild faszinierte.

Wie war die Situation in Probstdorf im Jahr 2006?

Zu Beginn waren circa 80 Prozent der Bevölkerung arbeitslos. Die Schule, der Kindergarten und sämtliche anderen Gebäude waren in einem erbärmlichen Zustand. Das Pfarrhaus war dringend sanierungsbedürftig und hatte starke Wasserschäden. Die Nebengebäude drohten einzustürzen. Die Fassaden im Dorf waren zum Großteil in einem schlechten Zustand und Hoffnungslosigkeit hatte sich breit gemacht.

Dr. Barbara Schöfnagel, Attachée für soziale ...Dr. Barbara Schöfnagel, Attachée für soziale Angelegenheiten der Österreichischen Botschaft in Bukarest, engagiert sich sozial in Siebenbürgen.Welche Ziele wollen Sie mit dem Projekt erreichen?

Ich möchte einerseits dem gesamten Dorf helfen, aus der Armutsspirale heraus zu kommen, und zugleich beweisen, dass es möglich ist, mit den Zigeunern zusammen zu arbeiten und ihre Entwicklung zu fördern.

Hat die Tatsache, dass 85 Prozent der Einwohner Zigeuner sind, Einfluss auf die Umsetzung beziehungsweise den Erfolg Ihrer Arbeit?

Natürlich wirkt sich die Bevölkerungsstruktur auf die Art der Ausbildung aus. Aber wir sind ja dazu angetreten, auch diese Menschen zum Wohle des gesamten Dorfes weiter zu entwickeln.

Wie reagierten die Dorfbewohner: Mussten Sie viel Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit leisten, oder waren die Menschen von Beginn an offen für Ihr Projekt?

Wir begannen alle Arbeiten immer nur gemeinsam mit der Dorfbevölkerung. Auf Dorfversammlungen stellten wir unsere Ideen vor, erklärten den Menschen, dass wir kein persönliches wirtschaftliches Interesse haben, sondern nur die Gesamtentwicklung des Dorfes im Sinn haben. Und das hat funktioniert.

Waren die Entscheidungsprozesse, nach denen Gebäude für eine Sanierung ausgewählt wurden, für die Dorfbewohner nachvollziehbar und akzeptabel?

Ich denke ja. Wir haben eine komplette Dokumentation des Dorfes erstellt. Wer sein Haus ohne unsere Hilfe vernünftig sanierte, erhielt eine Prämie und wer Hilfe benötigte, erhielt sie auch.

Welche Maßnahmen wurden seit Herbst 2006 umgesetzt?

Am 23. Juni 2007 war der Startschuss für den eigentlichen Projektbeginn. In wenigen Wochen wurden die Schule und der Kindergarten komplett umgebaut und saniert. Die alte deutsche Schule wurde renoviert und sechs Werkstätten eingerichtet. Das ehemalige Pfarrhaus wurde saniert und in ein Bildungs- und Begegnungszentrum mit 24 Schlafplätzen umgewandelt. Einen Raum statteten wir als Gottesdienstraum für den Winter aus. Die Nebengebäude mussten abgetragen und neu aufgebaut werden. Eine ehemalige Schwimmbadabdeckung konnten wir in ein Gewächshaus verwandeln. Im Garten vergruben wir einen 9 000 Liter Nutzwasserbehälter, eine Kläranlage entstand und eine riesige Scheune wurde errichtet. Im Dorf wurden durch unsere Anregungen und mit unserer Hilfe über 60 Fassaden erneuert und einige Häuser mit Wasserzufuhr ausgestattet.

Haben Sie die Dorfbewohner in die Arbeiten eingebunden?

Während all dieser Arbeiten erhielten die bisher arbeitslosen Dorfbewohner eine handwerkliche Grundausbildung, die sie inzwischen befähigt, einen dauerhaften Arbeitsplatz anzuneh- men. 2008 hatten wir neben der Ausbildung der Maurer, Elektriker, Zimmerleute, Dachdecker und Fassadenrestaurateure als einen weiteren Schwerpunkt die Ausbildung von Frauen zu Blumenbinderinnen, Näherinnen und für die Käseproduktion.

Die Probstdorfer Auszubildenden sind sehr gefragt auf dem Arbeitsmarkt. Wo sind die Absolventen Ihrer Programme untergekommen?

Die meisten Ausgebildeten haben inzwischen in Mediasch und Agnetheln eine Arbeit gefunden. Einige sind weiterhin im Dorf tätig, zum Beispiel in der Schlosserei oder bei der Obstverwertung, und andere begleiten wir gerade auf dem Weg in die Selbständigkeit.

Mit welchen Experten arbeiten Sie zusammen?

Wir arbeiten ausschließlich mit ehrenamtlichen Helfern. Es sind meist Senior-Experten, das heißt pensionierte Personen mit besonderem beruflichem Wissen, sowie junge Freiwillige aus Österreich, Rumänien und Deutschland.

Wie bewerten Sie die bisherige Arbeit? Würden Sie das Projekt als Erfolg bezeichnen?

Es ist auch für uns noch kaum zu glauben, was in knapp zwei Jahren geschaffen wurde. Die erstaunlichsten Erfolge waren beispielsweise, wenn die Arbeiter ohne Aufforderung nach der Arbeit das Werkzeug in Reih und Glied ausgerichtet aufbewahren. Zum Teil versammelten sich die Arbeiter schon eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn beim Pfarrhaus, um nicht zu spät zu kommen. Beeindruckt war ich auch, dass viele Dorfbewohner zu mir kommen und eigene Ideen vorbringen, die wir dann gemeinsam umsetzen können. Ganz besonders stolz bin ich auf die Zusammenarbeit aller Volksgruppen und darauf, dass das Selbstwertgefühl vieler Menschen verbessert wurde.

Wie viel wurde bisher in das Projekt investiert? Wer finanziert die Arbeit?

Insgesamt wurde der Gegenwert von etwa 1,05 Millionen Euro investiert, wobei 290 000 Euro bar eingesetzt wurden. Der Rest setzt sich aus dem Wert der ehrenamtlichen Arbeit und Sachspenden von Firmen zusammen.

Das Projekt wird weitergeführt werden. Welche Maßnahmen und Veranstaltungen planen Sie in der Zukunft?

Jetzt müssen wir daran arbeiten, das Projekt nachhaltig zu gestalten, beispielsweise dort, wo es notwendig ist, die Leute auf dem Weg zur Selbständigkeit zu begleiten, die betriebswirtschaftlichen und kaufmännischen Notwendigkeiten zu übermitteln und Marketing zu betreiben. In der Schlosserei werden wir Gitter, Tore, Tischgarnituren und andere Dinge produzieren. Künftig soll sie sich mit zwei Angestellten selbst tragen. Die Zimmerleute arbeiten an den ersten Zimmermannsarbeiten und unterstützen Aktionen, wie zum Beispiel den Hermannstädter Weihnachtsmarkt und Kirchenburgenrenovierungen.

Gibt es Pläne, ähnliche Projekte auch in anderen Orten durchzuführen?

Wir sind dabei, diese Aktionen auszuweiten, wie weit hängt vor allem von unserer Arbeitskraft ab. Der Schwerpunkt bleibt dabei sicher das obere Harbachtal.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Schlagwörter: Soziales, Harbachtal, Österreich

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