2. Juni 2020

Nachbarschaft Lohhof trauert um Michael Wellmann

Am 26. April verstarb der Mitbegründer und langjährige Vorsitzende sowie Ehrenvorsitzende der Nachbarschaft der Siebenbürger Sachsen Lohhof e.V. Michael Wellmann im Alter von 89 Jahren. Die Nachricht von seinem plötzlichen Tod hat alle Mitglieder unerwartet getroffen.
Michael Wellmann (1931-2020) ...
Michael Wellmann (1931-2020)
Michael („Misch“) Wellmann wurde am 10. März 1931 in Agnetheln als ältestes von sieben Kindern geboren. Die deutsche Schule besuchte er in Elisabethstadt, wohin die Eltern aus familiären Gründen kurz nach Mischs ­Geburt übersiedelten. Nach dem Schulabschluss begann er eine Zimmermannslehre in Mediasch. Als für Rumänien der Zweite Weltkrieg zu Ende war, erfolgte die Deportation der deutschen Männer (ab 17 Jahren) und Frauen (ab 18 Jahren) in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit. Mischs Vater musste von einem Tag auf den anderen fort ins Ungewisse. Seinem ältesten Sohn, dem damals 14-jährigen Misch, übertrug der Vater die Verantwortung für die Familie. Neben der Lehre in Mediasch half Misch seiner Mutter und den Geschwistern. 1952 musste er seine dreijährige Militärpflicht beim rumänischen Heer ableisten. Mit seinem Sold und kleinen Nebentätigkeiten unterstützte er seine Familie. Es war für den jungen Mann eine schwere Zeit, denn die Mutter war, bedingt durch die gegebene Situation, depressiv geworden.

1956 kehrte der Vater auf Umwegen aus Russland zurück. Fortan arbeiteten Vater und Sohn gemeinsam als Zimmerleute in einem staatlichen Betrieb, bis sie sich 1957 selbstständig machen konnten. 1959 lernte Misch seine Gerda kennen. 1960 wurde Hochzeit gefeiert und im Oktober desselben Jahres gelang die Ausreise in die Bundesrepublik.

Gerdas Mutter, seinerzeit ebenfalls in die Sowjetunion deportiert, war in den Westen entlassen worden und hatte sich in Lohhof eine Existenz aufgebaut. Daher musste die junge Familie nur fünf Tage im Durchgangslager verbringen und konnte am 15. Dezember 1960 Einzug im neuen Heimatort Lohhof halten. Misch fand schnell Arbeit im Baugewerbe. Bald erkannte er, wollte er weiterkommen, musste er sich weiterbilden. Er belegte Fernkurse und arbeitete somit auf mehreren Ebenen, denn eine eigene Bleibe, festen Boden unter den Füßen, Familie mit Kindern waren sein Ziel. Als Zimmermann arbeitete er sich zum Polier hoch, durch die Fernkurse zum Hochbaupolier. 1962 wurde Sohn Dietmar geboren, 1965 Tochter Heike. Nun war es Zeit, an das Eigenheim zu denken, das 1970 in Eigenregie in Angriff genommen werden konnte. Am 15. August 1972 bezog die Familie ihr Haus am Margarethenanger.

Mittlerweile hatten sich 70 Siebenbürger in Unterschleißheim/Lohhof angesiedelt, die sich hier jedoch verloren fühlten. Zusammen mit dem Landsmann Johann Zultner holten sie sich beim ortsansässigen „Heimat- und Trachtenverein Würmbachtaler Lohhof“ Rat zum Thema Vereinsgründung. 1970 wurde die Nachbarschaft der Siebenbürger Sachsen Lohhof geboren und Michael Wellmann der erste Nachbarvater, Johann Zultner sein Stellvertreter. Nun hatte er sich noch eine Aufgabe aufgeladen, der er mit Gewissenhaftigkeit nachkam. Traditionelle Feste, Bräuche und Geselligkeiten wurden wieder lebendig. Der neue Verein fügte sich in die Vereinslandschaft, die Anerkennung im Ort wuchs langsam und die Siebenbürger begannen, sich immer mehr als Lohhofer zu fühlen.

Wer „den Wellmann Misch“ kannte, schätzte ihn als zuverlässigen Siebenbürger, als Menschen, dem das Wohl seiner Landsleute am Herzen lag. Schnell fand er heraus, ob einer von ihnen ein Problem nicht allein lösen konnte, ob er Rat, Hilfe, Zuspruch brauchte, oder aber er packte tatkräftig gleich selbst mit an. Auch bei finanziellen Nöten wusste er Rat.

Siebenbürger, die in vorkommunistischer Zeit in ihrer Heimat aufgewachsen sind, hatten eine enge Bindung zur evangelischen Kirche sowie zur Kirchengemeinde. Diese Bindung übertrug Misch selbstverständlich auf seine neue Heimatkirche, die Genezarethkirche in Lohhof. Ihr widmete er einen großen Teil seiner Zeit. 24 Jahre lang gehörte er dem Kirchenvorstand der Genezarethkirche an. Und wenn z.B. das Kirchlein ein „neues G’wand“ brauchte, rief Wellmann seine Getreuen zusammen, stellte mit ihnen ein Gerüst auf und sie pinselten, bis die Kirche wieder wie neu erstrahlte.

Zur Kreisgruppe München hielt Wellmann engen Kontakt. Viele Jahre gehörte er zu deren erweitertem Vorstand und bildete so das Bindeglied zwischen Nachbarschaft Lohhof und Kreisgruppe München. Als die Pflichten im Verein allmählich andere übernommen hatten, begann Misch, sich mit der Vergangenheit des Sachsenvolkes zu beschäftigen. Er gehörte zu der Generation Siebenbürger, die in der Schule nichts mehr über die Sachsengeschichte gelernt hatten. Jetzt holte er das nach. Gewissenhaft, wie er war, wurde ihm klar, auch die Geschichte der neuen Heimat sollte man kennen. Diese neue Heimat erkundete er mit gezielten Fahrten durch das Land und durch entsprechende Literatur.

Die Nachbarschaft sagt „Danke, Misch!“ und wird Michael Wellmann stets ein ehrendes Andenken bewahren.

Erika Mühlbacher

Schlagwörter: Nachbarschaft, Lohhof, Bayern, Porträt, Nachruf, Agnetheln

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