6. Dezember 2009

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Erfolgreicher Frauenstreik: Bunter Nachmittag in der Nürnberger Gartenstadt

„Wenn wir wissen, dass es solche Nachmittage gibt, dann lassen wir alles liegen …“ Ja, es stimmt, solche Bunte Nachmittage wie derjenige am Samstag, 14. November, im neu und publikumsfreundlicher hergerichteten Gesellschaftshaus Gartenstadt, können ein wirklicher Genuss werden, da kann man wirklich vieles liegen lassen, denn auch diesmal trafen günstige Faktoren für einen Erfolg zusammen.
Inge Alzner, unsere charmante Kreisverbandsvorsitzende mit sonniger Ausstrahlung auch im grauen November, konnte schon zu Beginn verdeutlichen, dass neben dem neuen Saal, dem neuen Chor, dem neuen Theaterstück bewährte Gruppen einem treuen Publikum vielseitig Unterhaltendes anbieten. Los ging es mit der wohlklingenden Kokeltalhymne des Vocalis-Chors der HOG Nadesch unter der Leitung von Stefan Binder, akkurat und sicher dirigiert von Wilhelm Stirner. Weitere musikalische Leckerbissen - das Weinland, ein Tanzlied und, wohl auf das spätere Stück gemünzt, Die schöne Nachbarin - folgten im Wechsel mit tänzerischen Darbietungen der Kindertanzgruppe Nürnberg (sicher geleitet von Annette Folkendt) und der Jugendtanzgruppe Nürnberg, die sich in der Obhut von Brigitte Hahnfeld und Steffi Kepp allem Anschein nach wohlfühlt: zumindest wenn man ihre tänzerische Leistung als Maßstab nimmt. Den Abschluss des tänzerischen Vergnügens boten diesmal unsere Alzener Freunde – geleitet von Heidi Mehburger, musikalisch begleitet von Martin Mehburger – mit zwei imposanten, unsere geistige und seelische Aufmerksamkeit in Anspruch nehmenden (Reifen)tänzen.

Der zentrale Programmpunkt blieb an diesem Nachmittag eindeutig die Aufführung von Maria Haydls ,,Wo bleiwen de Männer?" durch die Theatertruhe Nürnberg-Nadesch im Beisein mehrerer Kinder der Autorin, aus deren Mitte Uwe Hatzack einige wohlüberlegte Aussagen zur Biografie und zum bedeutsamen Schaffen seiner Mutter vorweg lieferte und auf den in Hermannstadt erschienenen, von ihm und seinen Geschwistern Idmar Hatzack, Waltrun Maier und Heidemarie Zeck herausgegebenen Sammelband „Und wonn hie dennich kitt …“ (Und wenn er doch noch kommt) hinwies. Darin sind neben kommentierenden Texten auch die fünf bekanntesten Mundartstücke der Mundartschriftstellerin Maria Haydl (1910 - 1969) versammelt, darunter auch ,,Wo bleiwen de Männer?"(Frauenstreik). Die Laienspieler der Theatertruhe Nadesch mit ...Die Laienspieler der Theatertruhe Nadesch mit ihrer Leiterin Alida Henning (4. von rechts) und Souffleuse Helga Ludwig (1. von rechts). Foto: Sven Altstädter Worum geht es in diesem Stück? Am Beispiel von zwei Familien in einem siebenbürgischen Dorf etwa zwei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg wird aufgezeigt, welche Probleme im dörflichen Leben entstehen können, wenn die Männer – hier Fritz und Misch - in der Stadt arbeiten und ihre Frauen - Tilli und Kathi - im Dorf zurückbleiben. Um diesen Zustand zu ändern, streiken die Frauen, das heißt, sie bereiten ihren Männern z.B. das Jausenbrot und das Mittagsessen zur Mitnahme zur Arbeit in die Stadt nicht vor, lassen ihre Tagesarbeit ruhen und machen sich mehr oder weniger für ihre Männer unsichtbar. „Denen zeigen wir´s!“ Außerdem wird durch die Witwe Sus auch eine Intrige eingefädelt, damit sie sich den attraktiven „Inginir“ holen kann. In der Stadt würden Liebchen für die Männer existieren. Eifersucht ist vorprogrammiert. Am Ende siegt natürlich die Liebe und die Verantwortung vor der schwangeren Frau, vor der Arbeit im Dorf. Die Männer kündigen, das Ende des Frauenstreiks wird mit einem guten Wein und einem vom Vocalis-Chor angestimmten freudigen Lied zum Namenstag Tillis besiegelt. Und alles ist wieder im grünen Bereich. Auf der Bühne zumindest. z ... z ... Szenenfotos aus der Aufführung des Stückes von ...Szenenfotos aus der Aufführung des Stückes von Maria Haydls "Wo bleiwen de Männer?“. Foto: Sven Altstädter Astrid Wolf (Tilli), Horst Kloos (Fritz), Heidrun Kloos (Kathi), Heinrich Schorscher jun. (Misch), Renate Baier (Seiwertin), Heinrich Schorscher sen., (Bauer Seiwert), Reinhard Ludwig (als „Inginir“ Hartmann) und Anita Theiss, als Nachbarin „Sus“, haben erfrischend, schwungvoll, überzeugend ihre Rollen ausgefüllt. Man merkte richtig, diese Akteure haben eindeutig Lust am Lustspiel, sie sind begeistert dabei, sie spielen mit Herz und verwenden manche deftigen sächsischen Redensarten akkurat. Der warmherzige Applaus der Zuschauer – viele von ihnen haben sich in der siebenbürgischen Situation wiedererkannt – tat unseren Spielern auf der Bühne ebenso gut, wie auch deren resoluten Spielleiterin Alida Henning. Das ansprechende Bühnenbild sahen wir, die diskrete Souffleuse Helga Ludwig blieb uns bis zur Vorstellung der Theaterriege verborgen.

Maria Haydls Stück spiegelt einen zentralen Bereich der siebenbürgisch-sächsischen Lebenswelt nach dem Zweiten Weltkrieg wider. Ihr so sehr geliebtes Dorfleben mit Arbeiten, mit Festen und Bräu¬chen im Jahreslauf war durch die Veränderungen im kommunistischen Rumänien, das die Industrialisierung forcierte, aus den Fugen geraten. Die allgemein vertraute siebenbürgisch-sächsische dörfliche Lebensphilosophie war in Gefahr, denn was für ein traditionelles Dorfleben ist überhaupt noch möglich, wenn die Männer in der Stadt arbeiten und die Frauen im Dorf die Landwirtschaft fortführen müssen? Da muss eine Lösung her. Meint auch Maria Haydl. Auf der Bühne geht dies über eine Intrigenkomödie und der Aussage von Fritz, er würde zum Monatsende in der Stadt kündigen und zu seiner Frau in die Landwirtschaft und in das tägliche Miteinander zurückkehren. Damit erscheint alles in Butter. Die Männer sind wieder dort, wohin sie hingehören: bei ihren Frauen, bei ihrer bäuerlichen Lebensweise. Aber die Realität sieht ja ganz anders aus. Kann man sich den grundlegenden Veränderungen der gewollten und mit großem Nachdruck verfolgten sozialistischen Industrialisierung wirklich und dazu so einfach entziehen? Ganz sicher nicht. Maria Haydl spricht zwar der Masse der sächsischen Dorfbewohner aus dem Herzen, wenn sie die alte vertraute Zeit zurücksehnt, aber diese ist in der Realität nicht wieder zurückzuholen. Klar, diese Veränderungen haben vielen sehr weh getan, in der Rückschau waren sie jedoch eine sehr wertvolle Neuerung: Man kann sie auch als eine Art erster Etappe auf dem Weg des siebenbürgisch-sächsischen Bauern vom landwirtschaftlich geprägten siebenbürgischen Dorf in die industriell geprägte westliche Dienstleistungsgesellschaft sehen. Was unsere Landsleute nolens volens in den sechziger-siebziger Jahren in Rumänien tun mussten (sich beruflich aus der Landwirtschaft heraus umzuorientieren), das half ihnen hier in Deutschland nach der Aussiedlung bestens, denn hier ist wohl kaum ein Siebenbürger Sachse Landwirt geworden (wenn wir von deren Haus- oder den geliebten Schrebergärten absehen). Diese Umorientierung, diese Anpassungsfähigkeit an die neuen Verhältnisse in der Industrie, im Gewerbe, im Dienstleistungsbereich, ist ja schließlich auch eine Tugend siebenbürgisch-sächsischen jahrhundertealten Daseins. Unser aktueller materieller Wohlstand nach der Aussiedlung hat eine Menge auch mit unserer Fähigkeit zu tun, vor unerwarteten Veränderungen nicht die Flinte ins Korn zu werfen, sondern anzupacken, die neuen Möglichkeiten der neuen Situation entsprechend gewinnbringend zu nutzen.

Dass mit Hilfe der neuesten Technik nun alle Zuschauer im Saal – auch unser älteres Publikum insbesondere – akustisch all das, was auf der Bühne gesagt wurde, einwandfrei mit bekommen konnten, das soll hier extra gelobt werden. Ebenso sei hier auch eine generelle Anmerkung erlaubt: Zur Autorin, zur Entstehung des Stückes, zur Thematik, zur jeweiligen Inszenierung und zu den Schauspielern ist – auch als notwendiger Service gegenüber allen, die unsere siebenbürgisch-sächsische Mundart (oder die jeweilige lokale Mundart) nicht kennen – eine schriftliche Kurzinformation für das Publikum unerlässlich.

Der bunte Nürnberger Nachmittag – organisatorisch bestens vom Team Annemarie Wagner (sie hat uns auch mit kulinarischen Leckerbissen der Bäckerei Ludwig verwöhnt) und Brigitte Krempels in Szene gesetzt, endete mit beschwingten, wohlformulierten Dankesworten der Kreisverbandsvorsitzenden Inge Alzner an alle Akteure, Organisatoren und unser treues Publikum, deren Zusammenspiel uns wieder einen feinen gemeinschaftserhaltenden und gemeinschaftsfördernden Nachmittag bescherte.

Horst Göbbel

Schlagwörter: Nürnberg, Theater, Mundart, Nadesch

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